Gender in Israel: So komplex wie das Land selbst

Gender in Israel: So komplex wie das Land selbst

Wie steht es um die Gleichberechtigung in Israel? Eine Bestandsaufnahme der israelischen Autorin Sarit Yishai-Levi, die zu Gast bei den deutsch-israelischen Literaturtagen vom 11. bis zum 15. April 2018 in Berlin ist.

Pride Parade in Tel Aviv – Urheber/in: Niv Singer. Creative Commons License LogoDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

Das Thema Gender in Israel ist nicht weniger komplex als der Staat Israel. Schließlich handelt es sich um ein Land, in dem nebeneinander und nicht immer friedlich Juden und Araber, Drusen, Beduinen, Tscherkessen und Angehörige anderer Nationen mit ihren Bräuchen, Sitten und ihrer Kultur leben. Ganz zu schweigen von der Tatsache, dass auch zwischen diesen in Israel lebenden Nationen Trennung herrscht.

So gibt es bei den Juden die aus Europa stammenden Aschkenasim und die aus den afrikanischen Ländern und der arabischen Welt stammenden Misrachim, während die Araber sich in muslimische und christliche Araber untergliedern.

Seit der Staatsgründung 1948 ist es im Großen und Ganzen gelungen, die aus allen Enden der Welt nach Israel Eingewanderten miteinander zu verschmelzen, wobei die ihnen innewohnenden Bräuche, ihre Kultur, ihr Glaube und der allgemeine Umgang mit Problemstellungen erhalten geblieben sind.

Nahezu allgemeingültig ist, dass jedes Gender-Thema in Israel ein schmerzhaftes Thema ist und mit Sicherheit nicht von Gleichberechtigung zeugt: Hervorstechend ist, dass Frauen generell unterrepräsentiert sind, aber Männer und Frauen seit den achtziger Jahren mehr oder weniger das gleiche Ausbildungsniveau besitzen.

In höheren Positionen sind Frauen unterrepräsentiert

Von der Staatsgründung bis heute übten nur wenige Frauen in israelischen Regierungen ein Amt aus und nie waren zur selben Zeit mehr als vier Frauen an der Regierung beteiligt. Zum Vergleich: In den skandinavischen Ländern sind die Frauen mit 40 bis 50 Prozent in der Regierung vertreten, in Nordamerika und Westeuropa hingegen mit 20 Prozent. Dennoch ist Israel weltweit unter den wenigen Staaten, die mit Golda Meir eine Frau zur Premierministerin ernannten.

Auch in der Kommunalpolitik und höheren Positionen des Geschäftslebens sind Frauen bedauerlicherweise unterrepräsentiert. Bis heute hatten insgesamt nur wenige Frauen den Parteivorsitz inne. Von 120 Knesseth-Abgeordneten sind lediglich 22,5 Prozent weiblich und derzeit amtiert nur eine Bürgermeisterin, aber 50 Bürgermeister.

Auffällig ist auch die geringe Frauenzahl in der sonst erfolgreichen Hightech- Industrie, die Israel in eine regelrechte Start-up-Nation verwandelte. Demgegenüber werden die israelischen Büros von Facebook von einer Frau geleitet, ebenso Justizministerium und Oberster Gerichtshof. Auch den vier israelischen Banken stehen Frauen vor. Und im Justizsystem sind 51 Prozent Richterinnen.

Die Deutschen waren unsere Lebensversicherung

Das Thema Gender ist in Israel so komplex wie das gesamte Land. Ich lebe als Journalistin und Schriftstellerin in Tel Aviv, einer Stadt, die aufgrund der Offenheit und des Pluralismus ihrer Bewohner als Staat im Staat gilt. Hier wurde ich persönlich nie als Frau diskriminiert.

Von Beginn meiner Karriere arbeitete ich mich nach oben, ohne dass mir Hindernisse in den Weg gelegt wurden. Und in bestimmten Phasen erstattete ich aus sogenannten „Männerdomänen“ Bericht, beispielsweise aus Kriegsgebieten .

Ich berichtete über die Räumung der israelischen Siedlungen auf dem Sinai. Und ich berichtete über die Kämpfe im Zweiten Libanonkrieg 2006. Als rundum die Kanonen donnerten, begleitete ich als Korrespondentin die Besetzung der Stadt Tyros, überquerte mit meinem Verleger Uri Avnery und der Fotografin Anat Saragusti unter Lebensgefahr die Frontlinie zu Westbeirut, das unter palästinensischer Kontrolle war. Wir begegneten Israels Feind Nummer eins, dem damaligen PLO-Vorsitzenden Yasser Arafat.

Wir waren die ersten Israelis, die sich mit ihm trafen und erstmals in der Geschichte übermittelte er der israelischen Öffentlichkeit seine Worte auf direktem Wege, ohne Vermittlung. Bei dieser Gelegenheit sahen wir den hochrangigsten israelischen Gefangenen, der im Krieg von 1982 in Kriegsgefangenschaft geraten war, lebend und am Ort seiner Gefangenschaft und nahmen von ihm Grüße an seine Familie entgegen. Unseren historischen Besuch dokumentierte ein deutsches Fernsehteam des ZDF. Die Deutschen waren meiner Meinung nach unsere Lebensversicherung.

Darüber hinaus muss ich anmerken, dass ich persönlich, was mein Honorar anging, nie benachteiligt wurde. Häufig fiel es sogar höher als das meiner männlichen Kollegen aus, die mit mir arbeiteten. Das war damals so und so ist es heute, so dass ich persönlich nicht behaupten kann, als Frau benachteiligt zu werden. Gleichzeitig darf man nicht die Studie ignorieren, die vor kurzem am Internationalen Frauentag veröffentlicht wurde und aufzeigt, dass in Israel Löhne von Frauen um 20 Prozent niedriger sind als die von Männern.

Nicht nur, dass Frauen beim Lohn diskriminiert werden, Männer werden bei der Stellenbesetzung gegenüber Frauen mit Kindern bevorzugt. Obwohl per Gesetz geschützt, werden Frauen häufig nicht eingestellt, da sie ihren Kindern gegenüber Verpflichtungen haben.

Auf dem Land herrscht Konservativismus

Obwohl in der jüdischen Umgebung von Tel Aviv, wo ich lebe, große Offenheit gegenüber allem herrscht, was Gender-Fragen betrifft, ist mir bewusst, dass in der jüdischen Gesellschaft die Dinge vielschichtig sind. Bei den Charedim, den Ultraorthodoxen, werden die Frauen in hohem Maße diskriminiert, denn der Psalm 45, Vers 14 „Ganz herrlich ist die Königstochter im Inneren“ mahnt die Frau zur Bescheidenheit, d.h., sich auf das Haus zu beschränken. (Gleichwohl gehen heute Frauen der Ultraorthodoxen arbeiten, um ihre Männer zu ernähren, die in der Jeschiwa studieren.)

Die Rabbiner der nationalreligiösen Gruppierung sprechen sich in letzter Zeit des Öfteren gegen die Rekrutierung von Frauen aus, wobei es ihnen hauptsächlich um Armee-Einheiten geht, in denen Soldatinnen neben Soldaten dienen. Die Meinungen, die diese Rabbiner kundtun, sind erschreckend und werfen uns im Zeittunnel um Jahre zurück.

Auch in der arabischen Gesellschaft gibt es Unterschiede: Die Angehörigen der christlichen Gemeinde gelten in den Fragen, die die Frauen betreffen, als offen und fortschrittlicher. Viele Frauen studieren an Universitäten und sonstigen höheren Bildungseinrichtungen und sind in freien Berufen tätig. Auf dem Land herrscht allerdings Konservativismus vor, Traditionen werden strikt bewahrt. Dennoch kenne ich Frauen, die in der arabisch-christlichen Gesellschaft eine Vorreiterrolle einnehmen.

Eine dieser Pionierinnen stammt aus einem arabischen Dorf auf den Golan-Höhen. Nach dem Tod ihres Mannes beschloss sie, dessen Restaurant gegen den Widerstand der eigenen Familie und der ihres Mannes weiterzuführen. Die Familien behaupteten, dass eine verwitwete Frau sich an die Traditionen und Bräuche der Gemeinde halten müsse, daher innerhalb ihrer vier Wände zu bleiben habe, statt ein Unternehmen zu leiten. Die Frau gab nicht klein bei, kämpfte um ihre Unabhängigkeit und führt heute das Restaurant erfolgreich mit Hilfe ihrer Kinder.

In Israel finden jährlich Pride Parades statt

Die drusische Gesellschaft gilt, was den Status der Frau angeht, als die konservativste. Dennoch haben die drusischen Frauen den starken Willen, die gesellschaftlichen Konventionen zu durchbrechen, um wirtschaftliche und gesellschaftliche Unabhängigkeit zu erlangen, an höheren Bildungseinrichtungen zu studieren und angesehene Positionen einzunehmen. Nicht immer sind sie dabei erfolgreich.

Ich wurde einer beeindruckenden Drusin vorgestellt, die getan hat, was man nicht tun soll und sich von ihrem Mann scheiden ließ. Sie schrieb sich für ein Studium in Softwaretechnik ein, das sie mit Auszeichnung abschloss. Allerdings untersagte die Familie ihr, außerhalb des Dorfes in Gegenwart von Männern zu arbeiten. Daraufhin beschloss sie, in die Tourismus-Branche zu wechseln, eine eigene Firma zu gründen und in einem antiken Haus in ihrem Dorf Touristengruppen zu empfangen, denen sie die drusische Tradition näherbrachte, wobei sie Kräuter und Heilpflanzen erklärte.

Kurze Zeit danach verbot der Onkel ihr, im Rahmen der Touristengruppen Umgang mit Männern zu haben, sie sollte nur Frauen empfangen. Tieftraurig musste sie sich ihrer Familie unterordnen, woraufhin das Unternehmen natürlich zusammenbrach.

Das Thema Gender ist komplex wie der Staat Israel, wobei ich das Thema der LSBT (Lesbische, Schwule, Bisexuelle und Transgender) noch nicht behandelt habe. Vor nicht langer Zeit schnitt Israel im weltweiten Vergleich mit Rang vier ab, als es darum ging, welcher Ort für Angehörige von Gemeinden ein freundlicher Ort ist.

Jährlich finden in Israel Pride Parades statt, die größte davon in Tel Aviv, an der Hunderttausende teilnehmen. Tel Aviv gilt als offene Stadt, die jeden, gleich welcher Religion, Rasse oder welchen Geschlechts, aufnimmt, aber Tel Aviv ist nicht Israel, das wesentlich konservativer und deutlich weniger tolerant ist.

Sarit Yishai-Levi

Über die Autorin

Sarit Yishai-Levi, Tochter einer sephardischen Familie in Jerusalem, wurde 1947 geboren. Sie arbeitete als Schauspielerin, Journalistin, Korrespondentin und Moderatorin und war die erste Israelin, die Yasser Arafat interviewte. Nach vier Sachbüchern schrieb sie „Die Schönheitskönigin von Jerusalem“. Ihr erster Roman, der auch als sephardische Version von Amos Oz’ „Geschichte von Liebe und Finsternis“ bezeichnet wird, stand über 100 Wochen auf den israelischen Bestsellerlisten und wird derzeit verfilmt.

Übersetzung: Ulrike Harnisch. Zuerst erschienen am 10. April 2018 in der Berliner Zeitung.

Die deutsch-israelischen Literaturtage finden vom 11. bis 15. April in Berlin statt. Am Sonntag, den 15. April 2018, 12.00 Uhr  (Einlass ab 11 Uhr) liest und diskutiert die Autorin Sarit Yishai-Levi  in den Sophiensaelen mit der Autorin Fatma Aydemir. Ihr Thema ist "Zu viel des Guten?" und es geht dabei um Chancengleichheit, Geschlechter- und Generationengerechtigkeit.

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