50 Jahre „68“: Neue Stimmen, neue Gesichter

50 Jahre „68“: Neue Stimmen, neue Gesichter

In unserem Themendossier kommen Stimmen jenseits der studentischen Proteste in Paris, Frankfurt und Berlin zu Wort, nehmen wir eine Inventur der Protestformen vor und sammeln Stellungnahmen und Einschätzungen zu „68“ aus dem Umfeld der Heinrich-Böll-Stiftung. Hier geht's zum Dossier.

Drei Daten stehen, zur erinnerungspolitischen Chiffre verdichtet, gemeinsam für das Gelingen der Bundesrepublik als liberaler Demokratie: 45, 68, 89/90. Befreiung und Stunde Null; Infragestellung und „Fundamentalliberalisierung“ (Jürgen Habermas); Mauerfall, Wiedervereinigung und Normalisierung im Kontext der europäischen Nationalstaaten. Die drei Zäsuren rhythmisieren die Grunderzählung der Republik, was ihre zentrale Rolle im Jubiläumskalender erklärt und unbeschadet der nachvollziehbaren Klagen professioneller Historikerinnen und Historiker bis auf Weiteres rechtfertigt. Ob es dabei bleiben soll, lässt sich nicht zuletzt anlässlich von Jahrestagen trefflich diskutieren, erlauben sie doch, kritische Fragen an das Ereignis zu stellen und sich über dessen Bedeutung für Geschichte und Gegenwart erneut zu verständigen.

In diesem Sinne widmet sich die Heinrich-Böll-Stiftung noch einmal „68“, dem als „Mythos, Chiffre und Zäsur“ (Wolfgang Kraushaar) weiterhin umstrittensten der drei Schlüsseldaten. Während sich in den vergangenen Jahren hinsichtlich der Bewertung jedenfalls der westdeutschen 68er-Generation ein Forschungs-Konsens abzeichnet – Tenor: In ihren eigenen Zielen politisch gescheitert, aber erfolgreich in ihrem Beitrag zu kultureller Liberalisierung und Wertewandel der Republik –, so sind die Deutungskämpfe um „68“ in der breiteren Öffentlichkeit damit keineswegs beendet. Das liegt einerseits einfach daran, dass sich eine aktive gesellschaftliche Minderheit von eben diesem Wertewandel bedroht sieht, ihn ablehnt und bekämpft („weg vom links-rot-grün verseuchten 68er-Deutschland, von dem wir die Nase voll haben“, forderte Jörg Meuthen 2016 auf dem AfD-Parteitag). Hier gilt es, die Verhältnisse im Jahr 2018 klar zu benennen: Die offene Gesellschaft ist bedroht in Europa, und die Angriffe auf sie kommen ganz überwiegend von rechts. Die bedeutenden Freiheitsgewinne der Sixties, von denen die große Mehrheit der Gesellschaft profitiert hat, müssen von einer ebenso breiten gesellschaftlichen Allianz verteidigt werden.

Andererseits dürfen die Invektiven gegen die „68er-Generation“ nicht zu einer Wagenburgmentalität führen, die sich auch gegenüber berechtigten Hinweisen auf Engführungen und Leerstellen in der dominanten Erzählung von „68“ verschließt. Allzu lange hatte sie sich auf die zentralen Orte und Momente des studentischen Protests in West-Deutschland und Frankreich (Nanterre, Berlin, Frankfurt…) und deren (zumeist männliche) Protagonisten fokussiert. Die Erkenntnisse und Forschungserträge des vergangenen Jahrzehnts, teils von Historikerinnen und Historikern erarbeitet, teils von Aktivistinnen und Aktivisten erkämpft, haben jedoch für Korrekturen gesorgt: „68“ wurde eingebettet in eine Geschichte der „langen sechziger Jahre“, die vom Ende der 1950er bis zur Ölkrise 1973/74 reicht und damit gesamteuropäische und globale Prozesse stärker in den Blick rückt.

Dessen unbeschadet haben wichtige Grundzüge der Erzählung von „68“ weiterhin Bestand: Etwa, dass die Bewegung von jungen Menschen ausging, die sich, obgleich sich die Anlässe und Motive des Protests unterschieden, oft bereits als Teil einer globalen Jugendkultur und -bewegung verstanden. In der BRD etwa war die Empörung über die personellen Kontinuitäten zwischen Nationalsozialismus und Adenauerzeit ein entscheidendes Motiv für den Protest der Jungen, selbst wenn neuere Arbeiten zeigen, dass die oft beschworene Konfrontation der „Nazi-Väter“ am Küchentisch „um 68“ wohl doch eher die Ausnahme blieb. Auch der legendäre Gestaltungsoptimismus gehört zu den charakteristischen und bleibenden Zügen der Sixties, wiewohl es einen bedeutenden Unterschied macht, ob die Generation diesen Moment als „den Anfang von etwas“ für sich bewahren konnte oder, wie in Prag, vor allem als das Ende einer Hoffnung verbuchen musste. Europäisch gesinnte Intellektuelle wie Heinrich Böll haben dies bereits früh erkannt. Eine gesamteuropäische Perspektive von „68“ kommt nicht umhin, sich mit den unterschiedlichen Emotionen zu befassen, die mit der gemeinsamen erinnerungspolitischen Chiffre „68“ weiterhin verbunden sind.

Vor allem jedoch verändert eine Perspektive, die sich von der Fixierung auf die Heroen der westeuropäischen Studentenproteste emanzipiert, das Gesicht der Bewegung. Heute wissen wir: Der Protestzyklus der Sixties war globaler, weiblicher, weniger studentisch und weniger weiß, als es die meisten Fotografien und Berichte zu „68“ suggerieren. Diesen weniger bekannten Stimmen, Orten und Aspekten der Revolte gilt ein Schwerpunkt des Dossiers.

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