Zusammen stark: LGBTI* Rechte in Asien

Zusammen stark: LGBTI* Rechte in Asien

Im März 2018 organisierte die Heinrich-Böll-Stiftung ein Treffen von Partnerorganisationen, die in Asien zu LGBTI*-Rechten arbeiten. Obwohl sich lokale Kontexte in Asien stark voneinander unterscheiden, stimmten die Teilnehmer*innen überein, dass LGBTI*-Rechte nur erfolgreich gemeinsam mit anderen Bewegungen erkämpft und verteidigt werden können.

Im März 2018 organisierte die Heinrich-Böll-Stiftung ein Treffen von Partnerorganisationen, die in Asien zu LGBTI*-Rechten arbeiten. Urheber/in: Sam Jam. All rights reserved.

Die transsexuellen Jogappas in Indien sind als Mann geborene Menschen, die von der Göttin Yelema besessen sind und deswegen als Frauen leben. In dieser Gestalt bringen sie Glück und segnen neues Leben. Dieser Glaube schützt die Trans-Frauen weitgehend vor gewalttätigen Übergriffen, wie sie für CIS-Frauen[1] in Indien weiter eine große Gefahr sind. Vom alltäglichen gesellschaftlichen Leben sind sie trotzdem weitestgehend ausgeschlossen. Eine Jogappa, die einen Beruf außerhalb dieser heiligen Funktion oder der Sexarbeit ergreift, ist undenkbar.

In Kambodscha leben in ruralen Gemeinden Ehepaare von CIS-Frau und Trans-Mann oder zwei Frauen in Nachbarschaft mit heterosexuellen Eheleuten. Zwar ohne staatliche Heiratsurkunde, doch dank traditioneller Zeremonien gesellschaftlich anerkannt – so lang die Rollenverteilung von männlichen und weiblichen Stereotypen in jedem Haus bestehen bleibt.

Bei einer Konferenz zu Frauenrechten in Pakistan wurden explizit Trans-Frauen und lesbische Frauen sowie deren Anliegen auf sexuelle Selbstbestimmung ausgeschlossen. Man wolle religiöse Gruppen nicht zu sehr gegen sich aufbringen.

Es wird deutlich, dass etwas fehlt, wenn jede*r für sich alleine kämpft. Rechtlicher und gesellschaftlicher Diskriminierung von sexuellen und geschlechtlichen Minderheiten kann nur in Kooperation erfolgreich entgegengetreten werden. Wo Schwierigkeiten gerade jetzt in Zeiten von schwindenden Handlungsspielräumen liegen und wie Hürden zwischen Bewegungen überwunden werden könnten, zeigen Beispiele aus Indien und Südostasien.

Shubha Chacko von der Organisation Sangama hat in Indien verschiedene Gruppen und Bewegungen über einen Stadtpark in Bangalore zusammengebracht, der von allen angesprochenen Gruppen genutzt wird. Der Park sollte von der Stadt neugestaltet werden. Aber wie? Diese Frage bot Raum für Diskussion und Austausch abseits der Frage, ob Frauenrechte zuerst erkämpft werden müssen, bevor LGBTI* Gruppen Gehör finden können. An einen Tisch setzten sich Frauenrechtsorganisationen, Sexarbeiter*innen und LGBTI* Gruppen und brachten ihre Perspektive ein, um ein gemeinsames Konzept für den Park zu entwickeln. Bäume solle es geben, so die Sexarbeiter*innen, damit sie dahinter auf Kunden warten könnten. Aber der Park sollte für die Sicherheit von Frauen auch beleuchtet sein. Über dieses Thema gab es eine Annäherung, die in der konkreten Arbeit der einzelnen Gruppen auch in anderen Themenfeldern fortgesetzt wurde und gegenseitige Solidarität schaffte.

Am geografisch anderen Ende Asiens, auf den Philippinen, bildete sich 2014 eine Bewegung für ein feministisches Internet, ins Leben gerufen von weiblichen Techies, die die Notwendigkeit sahen, die Spielregeln im Netz um feministische Prinzipien zu erweitern. Die offene Plattform verbindet seither Aktivist*innen und Nerds unter 17 Zielen. Zu diesen Zielen gehört die Gewährleistung von Grundrechten wie das Recht auf Zugang zu Internet oder das Recht auf Anonymität, aber auch konkrete Forderungen an Hosts im Netz, Inhalte zu Gewalt gegen Frauen zu verfolgen oder Raum für feministische Pornografie zu schaffen. Die Bewegung entwickelt sich stetig weiter, so versucht sie auch, konkret LGBTI* Gruppen zu gewinnen und die Ziele zu erweitern. Hier geht es z.B. um Sicherheit und Privatsphäre bei der Nutzung von Dating-Apps für Homosexuelle oder um Strategien, sich gegen online Belästigung zu wehren. Das Internet bringt neue Freiheiten, die durch Regeln und Handlungsstrategien für marginalisierte Gruppen sicherer werden soll. Auch das geht am besten gemeinsam, wieder bei einem Thema, das nicht per se an erster Stelle der Agenda der verschiedenen Bewegungen steht.

Positive Entwicklungen von Kooperationen geraten durch politischen Druck und schwindende Handlungsspielräume für die Zivilgesellschaft jedoch in Schwierigkeiten. In Kambodscha arbeitet das Cambodia Center for Human Rights (CCHR) zielgruppenübergreifend für Menschenrechte im Land. Mit den neusten gesetzlichen Einschränkungen und Verboten der Hun Sen Regierung gegen NGOs wird die Arbeit der Zivilgesellschaft behindert, da sie bestehende Machtstrukturen in Frage stellt. Auch gender-spezifische Machtstrukturen spielen in der patriarchalen Gesellschaft eine Rolle.

Wie gehen (noch) nicht betroffene Gruppen mit Organisationen um, deren Arbeit angegriffen oder sogar verboten wird? Entweder weiter für sich kämpfen, um die letzten Handlungsspielräume zumindest für eine sexuelle Minderheit offen zu halten? Oder sich zusammenschließen und sich mit bedrohten Gruppen solidarisch zeigen, weil eine breite Öffentlichkeit und Unterstützung die politische Opposition stärkt? In Kambodscha bröckelt die Solidarität. Gerade auch, da LGBTI* Personen, die sich in ihrem gewählten Geschlecht gender-konform verhalten, ein toleriertes Leben führen können. Wird jedoch von der Frau-Mann-Rollenverteilung abgewichen, gibt es Probleme. Der Schritt zwischen Toleranz und Diskriminierung ist in diesem Fall ein kleiner. Gerade deswegen ist es laut dem CCHR wichtig, breite Solidaritätsnetzwerke aufrechtzuerhalten und sich nicht spalten zu lassen.

Dies gilt nicht nur in Asien. Auch Rollbacks in Deutschland und Europa muss gemeinsam begegnet werden. Das gilt in Europa vor allem auch in Zusammenhang von Sexismus und Rassismus. Bewegungen wie #notyourasianfetish benötigen Plattformen in den etablierten feministischen Kreisen, um breite öffentliche Debatten anstoßen zu können. Kontexte in Europa und Asien unterscheiden sich so sehr wie die Kontexte in einzelnen asiatischen Ländern. Doch verbunden sind sie miteinander. Deswegen braucht es auch mehr verbundene Bewegungen.

 

[1] Als Cis-Mann/Cis-Frau werden diejenigen bezeichnet, deren Geschlechtsidentität dem Geschlecht entspricht, das ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde.

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