„Die Einschränkung des digitalen Raumes von Frauen ist eine Verletzung ihrer Rechte“

„Die Einschränkung des digitalen Raumes von Frauen ist eine Verletzung ihrer Rechte“

Interview

Frauen in Pakistan sind im öffentlichen sowie im digitalen Raum häufig sexueller Belästigung ausgesetzt. Pakistanische Aktivistinnen wie Nighat Dad, Gründerin der Digital Rights Foundation, wollen das Internet für Frauen sicherer machen. Im Interview schildert sie Online-Erfahrungen von Frauen und was gegen digitale Belästigung zu tun ist.

Einblick in die geschlechtersensitiven Trainings von Nighat Dad – Urheber/in: Nighat Dad. All rights reserved.

Im vergangenen Jahr wurde der erste Social-Media-Star Pakistans, Qandeel Baloch, brutal von ihrem Bruder ermordet, weil sie die Ehre der Familie „befleckt“ habe. Qandeel hatte sich unmissverständlich zu Frauenrechten geäußert und mutig ihre Sexualität im Internet gezeigt. Warum musste sie sterben?

Qandeel Baloch wurde 2013 zum Star, als sie bei Pakistan Idol mitmachte. Ihr Auftritt wurde schnell ein Internet-Hit und sie wurde eine der am häufigsten im Internet gesuchten Personen in Pakistan. Sie nutzte ihre Medienpräsenz, um die Normen einer typischen patriarchalischen Gesellschaft infrage zu stellen: Sie beanspruchte Online-Raum für sich und äußerte sich zur Position von Frauen in Pakistan.

Obwohl sie Tausende von Followern im Internet hatte, wurde sie immer noch belästigt – etwas, gegen das sie machtlos war. Sie wurde getötet, weil eine von Männern dominierte Gesellschaft eine Frau, die sagt, was sie denkt, nicht ertragen kann ­- eine Frau, die die Glasdecke des Patriarchats zerschmettert.

Nighat Dad ist Leiterin der Digital Rights Foundation in Pakistan. Sie ist eine ausgebildete Rechtsanwältin, Menschenrechtsaktivistin und setzt sich für ein offenes und freies Internet in Pakistan ein. 2017 war sie ein TED Global Fellow und erhielt 2016 den Atlantic Council Freedom Award sowie den Human Rights Tulip Award. Das TIME magazine zählte sie 2015 zu den Next Generation Leaders.

Qandeel Baloch ist kein Einzelfall. Sie haben in Ihrer Studie herausgefunden, dass 40 Prozent der Frauen online belästigt werden.

In Pakistan wird den Frauen gesagt, dass sie nicht über die Belästigungen, die sie erleben, sprechen sollen, denn: „Was sollen denn die Leute denken?“ Das öffentliche Bild der Frau als der Teil der Familie, auf dem allein die Ehre lastet, macht sie noch verletzlicher für Online-Belästigung. Heute nutzen 136 Millionen Menschen in Pakistan ein Handy und 34 Millionen das Internet. Der digitale Raum ist zum Prüfstand für die Sicherheit der Frauen geworden.

Die Angst, nur noch übler beschimpft zu werden, wenn sie über einen beleidigenden Online-Kommentar sprechen, ist eine zentrale Erfahrung von Frauen im Internet. Qandeels Ermordung ist dafür ein Beispiel und zeigt, dass Online-Beschimpfungen sehr wohl zu Offline-Taten führen können. Genau deshalb brauchen Frauen besonderen Schutz im Internet. Seit Jahrzehnten, Jahrhunderten, kämpfen Frauen darum, offen ihre Meinung sagen zu dürfen, ohne dafür von völlig Fremden mit Hassreden überschüttet zu werden.

75 bis 80 Prozent der Internetnutzer sind Männer. Das Internet in Pakistan ist männlich. Wie wirkt sich das auf die Nutzung des Internets durch Frauen aus?

Frauen wird konsequent der Zugang zum öffentlichen Raum verwehrt, weil die Männer ihre „Männlichkeit“ in der Öffentlichkeit nicht unter Kontrolle halten können. Mit der Verbreitung des Internets besetzten die Männer diesen virtuellen Raum, bevor die Frauen Zugang zu ihm bekamen. Ein Grund, warum Frauen kontinuierlich das Ziel von Online-Beleidigungen sind, ist genau die Tatsache, dass sie eine Minderheit darstellen.

Die flächendeckende Beschimpfung im Internet zerstört den Willen der Frauen, ihre Meinungen im virtuellen Raum offen auszusprechen. Ich kenne eine junge Frau, die lediglich erwähnt hat, ihr Hijab schütze sie nicht vor Online-Beleidigungen und schon wurde sie von Männern attackiert.

Es wurde so schlimm, dass sie letztendlich Hilfe suchte. Solche Beispiele gibt es im realen und im digitalen Raum. Meine Daten zeigen, dass es mehr als ein Drittel der Frauen nicht wagt, Bilder ins Netz zu stellen. Das heißt, viele Frauen haben die Schere im Kopf, auch Frauen, die das Potenzial haben, die Gesellschaft zu verändern.

Perspectives Asia: DigitalAsia

Over the last years, Asia has undergone an impressive digital transformation. Large parts of the continent have turned from the world’s factory into a creative industry. Digitalization has therefore become a driving force of social change much more than in the Western hemisphere. This certainly means more opportunities for innovation and growth for many countries.

However, on the flipside, if new technologies are in the wrong hands they can also be used as a mean to secure or abuse power. Our latest Perspectives Asia edition as well es our Dossier Digital Asia will shed light on these developments. The different contributions across the continent highlight both the opportunities and risks of digitalization in Asia.

Auch Sie als Online-Aktivistin für Frauenrechte hatten solche Erfahrungen und sind täglich Online-Beschimpfungen ausgesetzt.

Ja, auch ich bin eine der Frauen, denen zuerst der Zugang zum Internet verwehrt wurde. Als ich begann, Opfern von Cyber-Belästigung zu helfen, erhielt ich zahlreiche Morddrohungen. Als ich dann beschloss, dem Netz eine Weile fernzubleiben und meine Social-Media-Konten löschte, warfen mir völlig unbekannte Männer online vor, ich wollte nur Aufmerksamkeit erregen. Sie begannen, mein Aussehen zu beleidigen. In gewissem Maße fürchte ich mich bis heute vor den Online-Drohungen, die ich erhalte.

In Pakistan gibt es Gesetze gegen digitale Gewalt gegen Frauen. Männer können strafrechtlich verfolgt werden, wenn sie Frauen online belästigen. Warum tragen diese rechtlichen Maßnahmen nicht dazu bei, die Sicherheit der Frauen online zu erhöhen?

Die große Mehrheit der Frauen weiß nicht, dass es diese Gesetze gibt! Unsere Umfragen haben ergeben, dass unglaubliche 72 Prozent der Frauen noch nie etwas von diesen Gesetzen gehört haben. 70 Prozent der Befragten gaben an, noch nie Online-Belästigungen angezeigt zu haben, und 47 Prozent berichteten, die Polizei habe ihre Anzeige nicht ernst genommen.

Diese Zahlen weisen auf das Stigma hin, das mit Anzeigen von Online-Belästigung verbunden ist. Junge Frauen haben berichtet, dass die Mitarbeiter der Bundesermittlungsbehörde, die für Cyber-Kriminalität zuständig ist, ihnen vorgeworfen haben, sie seien selbst an der Belästigung schuld und sie sollten aufhören, soziale Medien zu nutzen.

Ihre Erkenntnisse scheinen das ursprüngliche Versprechen des Internets zu widerlegen: die Zerstörung alter Machtstrukturen und mehr individuelle Freiheit. Welche Rolle spielen neue Technologien bei der Überwindung alter patriarchalischer Strukturen in Gesellschaften wie Pakistan?

Auch wenn es Rückschläge in Bezug auf die digitalen Rechte von Frauen gab, so hat sich das Internet doch als extrem nützliche Plattform für Menschen, unabhängig von Geschlecht und sexueller Orientierung, erwiesen. Einem Großteil der Bevölkerung den Zugang dazu zu beschränken, ist eine Verletzung von deren Rechte. Ich bin im Zuge meiner Arbeit vielen Frauen begegnet, die erfolgreiche Online-Unternehmen führen.

Das Internet öffnet ihnen ein Tor zu Informationen. Das sind Beispiele, wie die Frauen sich innerhalb patriarchalischer Strukturen selbst ermächtigen. In einer Gesellschaft wie Pakistan, in der Frauen nicht dazu ermutigt werden, Geld zu verdienen und wo sie lange daran gehindert wurden, eine höhere Bildung, ganz gleich welcher Art zu erwerben, tun Frauen heute genau das Gegenteil von dem, was von ihnen erwartet wird. Sie antworten mit Logik auf die unlogischen Beleidigungen der Männer. Die landesweite und kontrovers geführte Diskussion um den Tod von Qandeel Bolach zeigt, dass sich die Dinge langsam ändern.

Die Ermordung von Qandeel Bolach wurde weltweit verurteilt. Hat dies die Debatte in Pakistan über die Nutzung des Internets durch Frauen verändert?

Es ist traurig, dass eine Frau sterben musste, um eine Debatte in Pakistan zur Sicherheit von Frauen im Internet auszulösen. Qandeels Tod hat den Menschen gezeigt, dass Online-Belästigung zu Offline-Taten führen kann. Während die Menschen um Qandeel trauerten, hat das Parlament Gesetze verbschiedet, die Online-Belästigung eindämmen und Ehrenmorde kriminalisieren sollen, etwa das Gesetz zur Verhinderung digitaler Verbrechen vom August 2016, das Hate Speech und Online-Belästigung kriminalisiert.

Mich persönlich hat Qandeels Tod sehr betroffen gemacht und daher hat die Digital Rights Foundation Pakistans mit den wenigen Ressourcen, die uns zur Verfügung standen, die erste Hotline für Opfer von Cyber-Belästigung eingerichtet. Ich möchte denjenigen, die Hilfe brauchen, Unterstützung bieten. Ich frage mich oft, ob Qandeel bei uns angerufen hätte, wenn ich die Hotline früher eingerichtet hätte. Diese Hotline ist meine Art, Qandeel zu würdigen und auch das Erbe, das sie hinterlassen hat – eine freie Frau.

Was muss geschehen, um das Internet in Pakistan sicherer für Frauen zu machen?

Meines Erachtens müssen die Cyber-Crime-Gesetze im Land konsequent umgesetzt werden. Dazu gehört auch, dass die Personen, die Beschwerden über Online-Belästigung aufnehmen, geschlechtersensitiv geschult werden. Wichtiger noch ist jedoch der Aufbau eines Unterstützungssystems für Überlebende und Opfer von Online-Belästigung, denn ohne ein solches Netzwerk können die Betroffenen kein normales Leben führen. Ich denke, dass sich Frauen gegenseitig stärken müssen, um sich dem Missbrauch, den sie offline und online erleben, entgegenstellen zu können.

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