Eröffnungsrede: Verleihung des Friedensfilmpreises 2019

Rede

Bildung ist elementare Voraussetzung, die eigene Welt zu gestalten, sagt Ellen Ueberschär in ihrer Eröffnungsrede zur Verleihung des Friedensfilmpreises 2019.

Eröffnungsrede: Verleihung des Friedensfilmpreises 2019 - Ellen Ueberschär eröffnet die Preisverleihung
Teaser Image Caption
Ellen Ueberschär überreicht den Friedensfilmpreis 2019 an Eliza Capai.

Herzlich willkommen zur 34. Friedensfilmpreisverleihung!

Sie wissen es schon: Der Preis geht an Eliza Capai und ihren Film: Espero tua (re)volta.

Herzlich begrüße ich die Preisträgerin Eliza Capai und natürlich die Jury! Helgard Gammert, Andreas Höfer, Jean Peters, Lena Müller, Nora Al-Badri, Borbála Nagy, Peter Steudtner.

Der Friedensfilmpreis ist eine Institution, die selbst eine Friedensgeschichte hat. Mit jedem ausgezeichneten Film wird die Geschichte vom Frieden weitererzählt und die Reichweite des Friedens auf der Landkarte des Globalen vermessen. Filme ziehen uns in aktuelle Konflikte, machen die universellen Dimensionen offensichtlich. Der Kampf für die eigene Würde bleibt so kein isolierter, sondern wird verstanden auf anderen Kontinenten, in anderen sozialen und politischen Kontexten aufgegriffen.

Das macht den Friedensfilmpreis so besonders, dass er diese Suche nach Friedens-Filmen so kontinuierlich fortschreibt und auf diese Weise Menschen hervorhebt, bei denen drei Dimensionen plötzlich nicht mehr isoliert erscheinen, sondern miteinander in ein aktives Verhältnis treten können: der in seiner Ästhetik überzeugende Film; die engagierten Filmemacherinnen und Akteure und das Publikum, das aber kein Publikum bleibt, sondern selbst Teil einer weltweiten Bewegung für Würde und Menschlichkeit, mit einem Wort – einer Friedensbewegung – wird. 

Erzählen können nur die, die lesen und schreiben können, die gelernt haben, ihre Gedanken und Gefühle zu artikulieren und mit anderen zu kommunizieren, die gelernt haben, das Wissen, das Erkennen, das Gelernte auf ihr Leben anzuwenden, ihre Rechte zu kennen und für ihre Würde selbst einzutreten. Bildung ist elementare Voraussetzung, die eigene Welt zu gestalten. Deshalb ist Bildung ein Menschenrecht! Artikel 26 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte sagt das sehr präzise:

Die Bildung muss auf die volle Entfaltung der menschlichen Persönlichkeit und auf die Stärkung der Achtung vor den Menschenrechten und Grundfreiheiten gerichtet sein. Sie muss zu Verständnis, Toleranz und Freundschaft zwischen allen Nationen (…) beitragen und (…) für die Wahrung des Friedens förderlich sein.

In kaum einem anderen Land ist Bildung so ungleich verteilt und kein entwickeltes Land auf der Welt gibt so wenig Geld für Bildung aus wie Brasilien. Im Jahr 2007 waren trotz mehrerer Alphabetisierungskampagnen 32% der Brasilianerinnen und Brasilianer funktionale Analphabeten. Die durchschnittliche Schülerin besuchte sieben Jahre die Schule. Und für acht Jahre Grundschulausbildung benötigten die Schülerinnen im Durchschnitt elf Jahre. Das brasilianische Schul- und Bildungssystem ist nicht nur ungerecht, sondern auch unterfinanziert, qualitativ in einem unhaltbaren Zustand. Das bedeutet, dass die Lebenschancen von Millionen junger Brasilianerinnen und Brasilianer verbrannt werden – dass ihre Chancen auf Teilhabe, auf Gestaltung ihres Landes, ihrer Welt sehr, sehr gering sind. Genau das, was die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte sagt, wird ihnen genommen: die volle Entfaltung der menschlichen Persönlichkeit.

Dieses Bildungssystem stärkt nicht die Achtung vor ihren Menschenrechten und Grundfreiheiten, sondern tritt sie mit Füßen – und hier wird es hochpolitisch, hier wird es ein Kampf, den diese Generation für sich aufgenommen hat mit Protesten, mit anarchischen Mitteln, mit Phantasie, Dynamik und pulsierendem Leben. Und sie hat verstanden, dass die Schließung von Schulen nicht nur Bildung behindert, sondern auch Rassismus fördert, Frauenverachtung, Hass gegen LGBT-Menschen.

Es geht nicht um das Bildungswesen an sich – es geht um das Leben, das Glück, die Gesundheit und die Teilhabe einer ganzen Generation. Nicht nur in Brasilien! Seit mehr als 200 Jahren – unter welcher politischen Konstellation auch immer – ist der Zugang zu Bildung durch Diskriminierung geprägt. Der Sieg des Rechtsextremisten Bolsonaro bei der Präsidentschaftswahl 2018 und die von ihm bereits eingeleiteten Schritte verschärfen diese Diskriminierung – mehr als das: Sie kriminalisieren jede Form von geschlechtergerechter Bildung, sie kriminalisieren den Kampf um die basalen Menschenrechte.

Für mich war es bewegend, die Worte von Eliza Capai bei der Premiere zu hören:

„Wir fühlen uns wie Menschen, die einen Kampf verloren haben. Aber wir machen weiter.“

Das Leben und die Sicherheit der Menschen, die in diesem Film agieren, sind bedroht. Und dennoch haben sie gesagt: wann, wenn nicht jetzt, ist dieser Film so wichtig. Und das ist eine Klugheit, die keine Schule vermitteln kann, die keine Lehrerin ihren Schülerinnen beibringen kann – die Klugheit, das eigene Leben in die Hand zu nehmen und für die eigenen Rechte zu streiten. Der Sieg Bolsonaros ist auch ein Ergebnis der unterfinanzierten, schlechten Bildungspolitik, die gerade nicht die Toleranz, die Humanität und die Empathie für andere Menschen und Völker gefördert hat.

Bildung schützt nicht vor Rechtsextremismus – viele Rechtsextreme und Rechtspopulisten sind hochgebildet. Aber: Bildung ist die Voraussetzung, sich entscheiden zu können – für die Humanität, für multilaterale Zusammenarbeit und für eine Welt, in der junge Menschen – unabhängig von Hautfarbe, Herkunft und sozialem Status – ohne Angst ihre Persönlichkeit entfalten können.

Brasilien verfügt nicht nur über große Ressourcen der Natur – um die wir uns Sorgen machen müssen, wenn sie in die Hand kleptokratischer und chauvinistischer Spieler gelangen. Brasilien verfügt auch über große kulturelle Ressourcen und eine davon ist Paolo Freire, einer der klügsten und wirkungsvollsten Pädagogen des 20. Jahrhunderts. Sein Konzept einer „Bildung der Unterdrückten“ (Deutsch: Stuttgart/Berlin, 1971) lebt von einem Dialog zwischen Schülerinnen und Lehrenden auf Augenhöhe.

Aber, so Freire, Dialog kann „nicht existieren, wo es an der tiefen Liebe für Welt und Menschen fehlt“; wo es an „einem intensiven Glauben an den Menschen, einem Glauben an seine Macht, zu schaffen und neu zu schaffen, zu machen und neu zu machen, Glauben an seine Berufung, voller Mensch zu sein" fehlt; Dialog ist nicht möglich, "ohne dass sich die Dialogpartner auf kritisches Denken einlassen.“

Genau das tut dieser Film von Eliza Capai. Er strahlt eine tiefe Liebe für die Welt und die Menschen aus, lebt von einem intensiven Glauben an den Menschen, an seine Macht, Neues zu schaffen und vom Glauben an die Würde des Menschen. Die Aktivisten im Film wie Marcella würden das sicher anders ausdrücken, aber sie sagen dasselbe – mit ihren gewaltfreien Aktionen, mit ihrer Gegenwehr, mit ihrer politischen Kreativität, die ansteckend ist und uns zeigt: Bildung ist Menschenrecht und der Kampf um seine Durchsetzung ist ein globaler!

Noch einmal herzlichen Glückwunsch!


Bildgalerie der Preisverleihung:

Preisträger des Friedensfilmpreis 2019: "Espero tua (re)volta"