"Wir sind noch nicht unbequem genug!"

"Wir sind noch nicht unbequem genug!"

Gespräch

Luisa Neubauer, 22 Jahre alt, Stipendiatin der Heinrich-Böll-Stiftung, ist Mitorganisatorin der Fridays-for-Future-Bewegung in Deutschland. Im Gespräch mit Barbara Unmüßig erzählt sie, wie sie mit dem Leben auf der öffentlichen Bühne klarkommt, wie die Bewegung bundesweit organisiert ist und warum sie glaubt, dass die Forderungen von Fridays-for-Future noch viel mehr Druck erzeugen müssen.


Barbara Unmüßig: Ich würde gerne, wenn das für dich okay ist, mit etwas Persönlichem anfangen. Du erlebst ja im Moment unglaubliche Veränderungen in deinem Leben. Du sitzt mit 22 Jahren bei „Hart aber fair“, Du kriegst eine öffentliche Bühne, Du triffst viele tolle neue Leute, Du bist international oder europäisch unterwegs. Gleichzeitig wirst du aber auch verleumdet, diffamiert, angegriffen. Der Spiegel titelte: Kreuzzug. Als wärt ihr fanatisch mit Gewalt unterwegs. Wie kommst Du damit klar?

Luisa Neubauer: Ich schlafe manchmal schlecht.

Barbara Unmüßg: Das ist ein hoher Preis.

Luisa Neubauer: Ja, aber ich habe aber in den letzten Monaten auch viel gelernt, unter anderem, dass es immer Menschen gibt, die einen blöd finden - egal, was man macht. Die sind einfach da und die finden einen richtig nervig. Sie kritisieren, egal, was da ist. Die kann ich nicht für mich gewinnen, die kann ich auch nicht für die Bewegung gewinnen. Diese Feststellung hat mich irgendwann tatsächlich beruhigt. Ich dachte: Okay, die kann ich da so stehen lassen. Und mich auf den Rest konzentrieren.

Barbara Unmüßig: Du sagst also: Das ist so durchsichtig, was ihr da an Verleumdung versucht, dass mich das unberührt lässt?

Luisa Neubauer: Was mich tatsächlich noch belastet, ist, dass Leute bei mir zu Hause anrufen, dass jemand meine Handynummer twittert, dass ich mittlerweile vier E-Mail-Konten habe, weil immer irgendwelche Leute mein E-Mail-Konten irgendwohin posten. Ich habe nie gelernt, wie man mit Hate-Posts umgeht, das wird einem ja nicht beigebracht. Mir haben am Anfang viele gesagt, vor allem Männer: Das muss man einfach aushalten. Nee, muss man nicht. Da kann man sich auch wehren. Mittlerweile gibt es eine NGO, die alle Hate-Posts registriert und dann Klage einreicht gegen die Menschen.

Barbara Unmüßig: Du bist ja als Mitorganisatorin auch ein Gesicht dieser Bewegung und ganz anders involviert als die, die am Freitag auf die Straße gehen.

Luisa Neubauer: Ich finde es schon verrückt, dass man zufälligerweise gerade mir dabei zuhört, wo ich doch so viele andere kenne, die so wichtige und tolle und inspirierende Sachen machen. Ich probiere, verantwortungsbewusst mit dieser Situation umzugehen und auf dem Weg dahin ganz viele Mitstreitende zu finden…

Barbara Unmüßig: Mitstreitende - das führt mich zu einem Punkt, der mich persönlich sehr beschäftigt. Als 1992 die Klima-Rahmenkonvention verabschiedet wurde, haben Hunderte von Menschen dafür gekämpft, dass diese Rahmenkonvention radikale Ziele enthält. Vieles ist damals errungen worden. Auf Druck der USA wurden aber allzu viele Kompromisse gemacht. Und dann haben die USA die Klimakonvention gar nicht unterschrieben. Und jetzt erlebe ich, dass Ihr auf die Straße geht und sagt: Es wurde im Klimaschutz einiges erreicht, aber es reicht ganz offensichtlich nicht... Und Ihr habt Recht: Seit 1992 haben sich die Emission noch einmal verdoppelt.

Luisa Neubauer: Das beschäftigt mich auch und ich frage mich: Was hat denn verhindert, dass das durchgesetzt wurde, was Ihr gefordert habt? Was die Vereinten Nationen verabschiedet haben? Gleichzeitig: Wenn ich mir anschaue, wie der Klimaschutz die vergangenen Jahre kommuniziert wurde, dann finde ich es eigentlich auch wieder nicht überraschend. Die Politik hat eine Verzichtsdebatte geführt. Und Klimaschutz hatte keine oberste Priorität. Klimaschutz schien irgendwie was für Ökos zu sein, Klimaschutz schien den Menschen was wegzunehmen, Klimaschutz schien eine Sache, um die man sich kümmern kann, wenn Zeit und ein bisschen Geld übrig ist.

Barbara Unmüßig: Genau diese Haltung wollt Ihr verändern, das finde ich super. Wie lange denkst du denn, dass Eure Mobilisierung anhält? Es wird kaum möglich sein, über Jahre hinweg jeden Freitag einen Schulstreik zu organisieren. Wie wollt Ihr es schaffen, dass Ihr weiter gehört werdet?

Luisa Neubauer: Auf diesen Demos waren schon über 300.000 Leute in Deutschland dabei, das ist großartig! Das spricht ganz viel für eine sehr politische junge Generation. Und gleichzeitig – und das ist in der Tat beunruhigend – scheint da irgendwie die Kommunikation oder die Übersetzung hin zur politischen Ebene überhaupt nicht zu funktionieren. Ich glaube, dass wir für die politischen Entscheidungsträger/innen noch nicht unbequem genug sind. Unsere Forderungen werden irgendwie wie ein Jugendthema abgehandelt: Die jungen Menschen fordern, die jungen Menschen wollen...

Barbara Unmüßig: Was glaubst Du, was braucht Ihr, damit sich das verändert? Damit die Politiker/innen Euch wirklich zuhören?

Luisa Neubauer: Ich glaube, was wir tatsächlich brauchen, sind Menschen älterer Generationen, die zu uns kommen, die mit uns auf der Straße stehen. Die uns helfen, als Wählerinnen und Wähler, bei der Politik genau diese Angst auszulösen, die wir vor der Klimakrise haben.

Barbara Unmüßig: In Irland gab es ja eine ganz breite Bewegung, mehrheitlich auch von jungen Frauen, um die Kriminalisierung von Abtreibung abzuschaffen. Eines der Erfolgsrezepte der Bewegung war genau dieser Brückenschlag von der jungen zur älteren Generation, die gesagt hat: Wir unterstützen euch. Habt ihr da Ideen, wie ihr das organisieren wollt?

Luisa Neubauer: Wir haben „Parents for Future“, die gerade ganz enorm wachsen in ganz vielen Ortsgruppen. Mittlerweile gibt es z.B. auch „Grandparents for Future“. Und wir laden ganz bewusst alle Generationen ein, machen auch ganz viel mit Lehrern, die mit dem Kollegium kommen und das Thema mit auf die Straße tragen. Und wir suchen Kontakte zu NGOs und anderen Institutionen.

Barbara Unmüßig: Diskutiert Ihr unter Euch auch die Frage, was Ihr tut, wenn die Mobilisierung nachlässt und die ersten Enttäuschungen und das Abbröckeln stattfindet?

Luisa Neubauer: Klar, das sind die Debatten, die wir intensiv führen, wir werden ja auch immer wieder darauf angesprochen. Wenn mich Medienvertreter/innen fragen: Wie lange streikt ihr noch, dann sage ich immer: Leute, geht und fragt die Politik, wie lange sie noch untätig bleiben will. Dann gehen wir wieder an die Uni.

Barbara Unmüßig: Ihr werdet also durchhalten...?

Luisa Neubauer: Ich denke, dass wir ein Bewusstsein dafür geschaffen haben, dass Dinge nicht so sein müssen, wie sie sind, und dass man manchmal unbequem sein muss, laut und vehement. Und dass sich dann viel Kraft entfalten kann, wenn man nicht nachlässt. Das bleibt. Das Thema Klimakrise wird in den nächsten zehn Jahren absolut dominierend sein. Ob das nun in den Freitagsprotesten geschieht oder nicht: Meine Generation wird das massiv betreffen und zu spüren bekommen, und das wird sie weiter sehr deutlich machen.

Barbara Unmüßig: Die Böll-Stiftung hat die Umfrage des Instituts für Protest- und Bewegungsforschung unterstützt, um herauszufinden: Was sind eigentlich Eure Motive? Wo kommt ihr her? Wie alt seid ihr? Dabei kam heraus: Weit über 50 Prozent der Bewegung „Fridays for future“ sind zwischen 14 und 19 Jahre alt, es ist also eine sehr junge Bewegung. Und es sind mehr Frauen und junge Mädchen als jemals zuvor in einer Bewegung. Hast du eine Erklärung dafür? Das Protestforschungsinstitut hat ja auch andere Protestwellen untersucht, wie diejenige gegen den Irak-Krieg – diese Bewegung war viel männlicher.

Luisa Neubauer: Ich glaube, zum einen, dass diese Proteste von einer sehr bewussten, sehr emanzipierten Generation getragen werden. Ein Beispiel: Wenn es bei uns darum geht, wen man vor der Kamera zeigt, sind wir wahnsinnig darauf bedacht, dass da Frauen sitzen. Ich sage Veranstaltungen ab, wenn da nur Männer im Podium sitzen. Das mache nicht nur ich so.

Barbara Unmüßig: Ihr macht also deutlich: Wenn wir die Mehrheit stellen, dann lassen wir nicht die Männer vor, wenn es um die Repräsentation der Bewegung geht?

Luisa Neubauer: Absolut. Was vielleicht auch noch eine Rolle spielt, ist: In der Presse wird ja viel mit Menschen gesprochen, die für diese Bewegung stehen, und das sind eben überwiegend Frauen! In Belgien, in England, in Amerika, gar nicht zu sprechen natürlich von Greta. Wenn ich mich erinnere, was mich als junge Frau oder als Mädchen inspiriert hat, dann waren es auch Frauen, mit denen ich mich identifiziert habe. Ich glaube, das hat auch dazu geführt, dass jetzt so viele Mädchen und junge Frauen mitkommen.

Barbara Unmüßig: Über 30 Prozent der Befragten gaben an, zum ersten Mal auf die Straße zu gehen...das ist beeindruckend.

Luisa Neubauer: Total. Klassischerweise würde man ja denken: Leute gehen zuallererst mal auf die Straße für Sachen, die vor der eigenen Haustür passieren. Aber die Menschen protestieren wegen der Klimakrise, die ja doch irgendwie immer noch abstrakt ist! Für die man nur einen Blick entwickeln kann, wenn man Zusammenhänge verstehen will. Das ist cool! Das ist wirklich sehr beeindruckend.

Barbara Unmüßig: Es wurde auch gefragt: Trauen die Fridays for future-Teilnehmenden Politik und Wirtschaft überhaupt noch etwas zu? Ihr sagt alle: Nein, von denen sind wir enttäuscht. Politik handelt nicht. Klarer Befund, klare Aussage: keine Handlungskompetenz. Als dann gefragt wurde: Wer soll denn das Problem lösen? kam eindeutig: die Politik. Das hat mich gefreut. Weil es nicht einfach so ein Frust ist nach dem Motto: Die können das alles nicht. Die Botschaft, die Ihr transportiert, ist: Ihr müsst euch ändern und umsteuern, damit wir eine Zukunft vor uns haben.

Luisa Neubauer: In Berlin stehen wir ja zwischen dem Wirtschafts- und dem Verkehrsministerium und das ist ja kein Zufall. Da sitzen die Leute, die ihre Hausaufgaben machen müssen. Nach wie vor wird ja in der großen Koalition ganz viel darüber gesprochen: Wir machen ja schon… Wir geben uns ja Mühe… Wir probieren ja… Da lassen sich aber auch die ganz Jungen nicht beirren. Sie sagen: Nein, Leute, es läuft schlecht. So viel läuft schief und so viel müsste anders laufen. Das finde ich auch sehr beeindruckend.

Barbara Unmüßig: Wir als internationale Stiftung stellen fest: Es werden überall noch Kohlekraftwerke, Gaskraftwerke gebaut. Welche Rolle spielt die globale Vernetzung für euch? Ist sie wichtig? Gibt es zusätzlich Zunder, Mut, Kraft und Energie?

Luisa Neubauer: Als wir die Bewegung hier gestartet haben, und es ging ja dann auch relativ kurz danach in England oder Belgien los und etwas später noch in Frankreich und in den Niederlanden: Das ist ein unglaublicher Akt, so eine Bewegung zu starten. Es gibt ja kein Handbuch dafür. Da kann man probieren und gucken, dass man etwas richtig macht. Wir sind sehr partizipativ in unseren Strukturen. Das heißt, wir koordinieren uns ununterbrochen in Telefonkonferenzen mit 80 Leuten.

Barbara Unmüßig: Und zwar bundesweit... kannst Du das kurz erklären? Du hast ja schon die Ortsgruppen erwähnt...

Luisa Neubauer: Ja, im Groben sind wir organisiert in Ortsgruppen. In den großen Städten, zum Beispiel in Berlin, haben wir mittlerweile auch Bezirksgruppen. Wir sind enorm schnell gewachsen. Nach einer Woche hatten wir 14 Ortsgruppen, heute sind wir 350. Bis ins letzte Kaff ist da etwas vertreten. Jede Ortsgruppe hat einen Delegierten in einer Delegiertengruppe. Davon haben wir mittlerweile drei. Wenn wir Abstimmungen haben wie: Wann ist der nächste große Streiktag?, dann wird es in der Delegiertenkonferenz jeden Sonntag beschlossen. Dann werden die Ergebnisse zurückgegeben an die Ortsgruppen und über Abstimmungs-Tools wird eine Entscheidung getroffen. Darüber hinaus gibt es auch Arbeitsgruppen, AGs, die sich um Website und Grafiken und Finanzen kümmern. Wir haben ein Legal-Team...

Barbara Unmüßig: Da habt Ihr Euch aber sehr schnell professionalisiert.

Luisa Neubauer: Ja. Ich meine: Mit wem nehmen wir es auf?! Mit der Regierung und der fossilen Energieindustrie! Und weil du nach der globalen Vernetzung gefragt hast: Als wir angefangen haben, das in Deutschland aufzubauen, ist natürlich unglaublich viel Energie in diese ganze Arbeit geflossen. Aber das ging den anderen Ländern so ähnlich. Man ist dann so eingebunden. Wenn der Freitag vorbei ist, fängt der nächste Freitag wieder an und das über Monate. Das ist natürlich enorm aufwändig.

Barbara Unmüßig: Mittlerweile ist es anders?

Luisa Neubauer: Mittlerweile ist es anders, weil wir uns tatsächlich besucht haben und weil wir persönliche Kontakte geschlossen haben. Ich war mit Freunden zusammen in Belgien, ich war in Paris. Leute von uns sind nach Amsterdam gefahren. Ich war dann in London, habe dort Menschen besucht...

Barbara Unmüßig: Was lernst Du bei diesem Austausch?

Luisa Neubauer: Total viel! Weil wir natürlich ganz verrückte Sachen machen, zum Beispiel in Belgien. Die streiken immer Donnerstags. Die kriegen unglaubliche Zahlen, in Brüssel waren es teilweise über 60.000 Leute - in einer Stadt! Wir haben uns immer gefragt, wie sie so viele Leute bekommen am Donnerstag. Dann war ich da und habe mit den Leuten gesprochen. Da gibt es keine Ortsgruppen oder keine partizipativen Strukturen, wie wir das haben. Sondern da entscheiden drei bis sieben Leute, was passiert.

Barbara Unmüßig: Also eine Art Zentralkomitee?

Luisa Neubauer: Genau, so ein Zentralkomitee, und die sagen: Das geht los. Die können aber so viele Massen mobilisieren, weil der Frustrationsgrad viel höher ist als bei uns. Da läuft wahnsinnig viel schief. Die Regierung ist in einem ganz anderen fragilen Zustand. Da sind anstehende Wahlen. Dann hatten die davor im Sommer rechte Populisten, die auf die Straße gegangen sind. Da waren ganz andere gesellschaftliche Dynamiken im Gange, die diese Mobilisierung ganz anders angeheizt hat. Deshalb können sie es sich leisten zu sagen: Leute, Ihr dürft nicht mitgestalten, aber lauft bitte mit.

Barbara Unmüßig: Das heißt, ihr könnt aus nächster Nähe studieren, unter welchen Bedingungen Leute bereit sind, für ihre Rechte einzutreten, zu protestieren, sich mobilisieren zu lassen?

Luisa Neubauer: Natürlich. Und es ist spannend, weil auch die großen kulturellen Unterschiede deutlich werden, nämlich die Art und Weise, wie da Streiks organisiert werden. Die Schweiz versucht basisdemokratisch zu sein, da gibt es keine Entscheidungsfindung auf nationaler Ebene, jede Gruppe macht es so ein bisschen vor sich hin. In England hat man sich zusammengesetzt und erst einmal zwei Monate lang über Ziele gesprochen: Was sind unsere Forderungen? Und das hat man in ganz vielen Townhalls und Assemblies entschieden und sich auf vier Ziele, vier Forderungen geeinigt. Erst dann hat man den ersten Streik organisiert, ist aber sofort auf die Straße gegangen und hat blockiert. Der erste Streik in London hat Piccadilly Circus lahmgelegt. Bei uns ist das Höchste, dass wir die Regeln brechen, also nicht zur Schule gehen.

Barbara Unmüßig: Wie läuft es hier in Deutschland mit den Forderungen? Ihr habt ja vor allem zwei oder drei? Feilt ihr weiter dran, sie zu präzisieren?

Luisa Neubauer: Wir sind in Deutschland sehr stark mit „Scientists for Future“ vernetzt, also 23.000 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern. Das heißt, wenn es jetzt darum geht, konkretere Forderungen aufzustellen, stehen wir praktisch auf der Matte des Potsdam-Instituts und sagen: Ihr Lieben, wie sieht es aus? Wir sind nicht diejenigen, die der Politik sagen: Das sind jetzt die Handlungsoptionen. Wir sagen, mit diesem Wissen im Rücken: Macht Euch endlich bewusst, dass es eine Krise gibt! Und dass Ihr etwas tun müsst.

Barbara Unmüßig: Diskutiert ihr auch darüber, was die Ursachen fürs Nichthandeln sind? Was die Ursachen für die ökologischen Krisen überhaupt sind? Habt ihr auch eine kapitalismuskritische Debatte oder spielt das gar keine Rolle?

Luisa Neubauer: Wir sagen nicht: Change the system und alles andere wird sich von alleine hinrückeln à la Naomi Klein. Ich bewundere die Frau sehr. Aber in dieser Hinsicht denke ich: Nein. Wir haben eine Klimakrise, und wir brauchen radikale Emissionsreduktionen. Wenn es der Kapitalismus nicht schafft, okay, dann müssen wir den Kapitalismus überwinden. Ich glaube, dass zum Beispiel Green Growth sehr schnell an Grenzen gelangen wird. Das ist nichts anderes als: Wir machen genauso weiter wie bisher, nur ein bisschen weniger schlimm.

Barbara Unmüßig: Das ist Business as usual nur grün angemalt?

Luisa Neubauer: So werden wir der Sache nicht entgegenwirken. Wir müssen 18 Prozent CO2-Reduktion pro Jahr hinkriegen. Das werden wir nicht mit einem VW-Konjunkturprogramm schaffen. Ich glaube, vielen ist überhaupt noch nicht klar, gerade in der Wirtschaft, was da eigentlich passieren muss.

Barbara Unmüßig: Die wollen nicht wissen, wie radikal die Antworten eigentlich ausfallen müssen. Auch die Verkehrskommission hat nicht geliefert. Und da hoffe ich wirklich ein bisschen auf Euch, dass wir die Zukunft der Mobilität nicht nur über Elektroautos diskutieren. Wir brauchen Radwege, anderen öffentlichen Nahverkehr, definitiv auch weniger Autos und nicht einfach gleich viel Autos mit einem anderen Motor.

Luisa Neubauer: Abschließend habe ich mal eine Frage an Dich: Wie schätzt du das ein: Wird das jetzt was werden mit der Politik und dem Klima und den Emissionen und Paris? Auch mit unserer Hilfe?

Barbara Unmüßig: Es ist immer schon meine Überzeugung gewesen, dass ohne politischen Druck von unten Mehrheitsverhältnisse sich nur langsam oder im Schneckentempo verschieben. Von daher hoffe ich einfach, dass wir sowohl in verschiedenen europäischen Ländern als auch in Deutschland unter anderem durch Wahlen, aber nicht nur, so schnell wie möglich den Handlungsdruck in die Richtung verschieben, den wir beide uns wünschen: dass radikal Emissionen zurückgehen, dass wir aufhören, weiterhin industrielle Landwirtschaft global zu fördern. Dafür müssen alle diese berühmten Wenden her: Verkehrswende, Agrarwende, Energiewende, Mobilitätswende usw. Ich bin angetan und begeistert davon, dass Ihr genau diese Ziele noch mal auf so eine andere Art sichtbar macht und eben nicht nur im Hinterzimmer und nicht nur über NGO-Politik, sondern über Eure Bewegung.

Luisa Neubauer: Das ist schön zu hören.


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