Der Traum von einer nachhaltigen Landwirtschaft nach dem Brexit

Der Traum von einer nachhaltigen Landwirtschaft nach dem Brexit

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Der Brexit hätte starke Auswirkungen auf die Lebensmittelversorgung der Brit/innen. Doch nicht nur der Export wäre von dem Austritt Großbritanniens betroffen: Die britischen Landwirtschaft würde sowohl vor Chancen als auch Gefahren stehen. Unsere Autorin stellt sich die Frage: Könnte sich der Brexit positiv auf eine nachhaltige Landwirtschaft auswirken?

Am 23. Mai 2019 wird im Vereinigten Königreich das Europäische Parlament gewählt. Zwar haben sich die Brit/innen mit dem Aufschub des geplanten Brexit bis zum 31. Oktober 2019 etwas Zeit verschafft – doch mit der Blockade im Parlament bedeutet der Austritt aktuell noch immer ein harter Brexit ohne Abkommen. In der Zwischenzeit haben viele Britinnen und Briten mit den Vorbereitungen begonnen. Und zwar damit, konservierte Dosen, Einmachgläser und Nudeln vom europäischen Kontinent zu lagern – um im Falle eines harten Brexit mit Lebensmittelvorräten gewappnet zu sein.

Der Landwirtschafts- und Lebensmittelsektor wird von allen Sektoren die größten Auswirkungen des Brexit erfahren. Ganze 60 Milliarden Euro werden jährlich im Rahmen der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) der Europäischen Union an europäische Bäuerinnen und Bauern verteilt – inklusive der britischen Bäuerinnen und Bauern, welche mehr als 50% ihrer Einkünfte aus der GAP schöpfen. Die Existenz vieler britischer Betriebe ist von den europäischen Subventionen abhängig. Trotzdem stimmten im Brexit-Referendum am 23. Juni 2016 etwa 54% der britischen Bäuerinnen und Bauern für den Brexit – mit dem Wunsch nach mehr Souveränität Großbritanniens oder aus Frust an der europäischen Agrarpolitik.

Unabhängig von all den möglichen Gründen für die Ablehnung der EU-Mitgliedschaft wird der Brexit eine Neuorientierung der britischen Landwirtschaft erfordern, die umweltpolitisch genutzt werden könnte.

Brexit als Chance für eine umweltfreundliche Landwirtschaft

Ich spreche mit Paul McNamee, Leiter der Politikabteilung von Green Alliance, einem umweltpolitischen Think Tank, der Mitglied des Dachverbands Greener UK ist. Greener UK wurde nach dem Brexit-Referendum 2016 gegründet und setzt sich für mehr Umweltschutz im Austrittsabkommen ein.

Tatsächlich trägt die Gemeinsame Agrarpolitik der EU in ihrem derzeitigen Modell dazu bei, die Pariser Klimaziele zu verfehlen. Sie sieht vor, dass ein großer Teil der Subventionen als Direktzahlungen an Agrarbetriebe pro Hektar Land vergeben werden – dies sind 72% der Subventionen. Nur ein kleiner Teil des Subventionsprogramms wird für die nachhaltige Entwicklung der Landwirtschaft im ländlichen Raum genutzt. Ein Ausstieg aus der GAP aufgrund des Brexit könnte für das Vereinigte Königreich eine grundlegende Transformation zugunsten einer nachhaltigen Agrarpolitik bedeuten, sagt McNamee. „Umweltaktivist/innen erkennen die Agrarpolitik als den einen Sektor an, welcher sogar am meisten vom Brexit profitieren könnte. Dies war für viele einer der Gründe, für Leave zu stimmen“, bekräftigt er.

McNamee sieht eine Chance in dem geplanten Landwirtschaftsgesetz der britischen Regierung, in welchem zukünftig Agrarsubventionen an das Prinzip „öffentliches Geld für öffentliche Güter“ geknüpft werden sollen. Unterstützt werden sollen dabei diejenigen Bäuerinnen und Bauern, die mit ihrer Landwirtschaft zum Schutz und zur Verbesserung der Umwelt als öffentliches Gut beitragen: Dies bedeutet beispielsweise die Bewahrung von Biodiversität, eine verbesserte Gesundheit der Böden, ein verminderter Ausstoß von Treibhausgasemissionen, sowie die Verbesserung der Luft- und Wasserqualität.

Gewinner dieser Politik wären demnach nicht – wie bei den Agrarsubventionen der EU -  die größten Betriebe, sondern diejenigen, die für den Schutz der Umwelt und der Lebewesen arbeiten: kleine Agrarhöfe, Kollektive und lokale Produktionen.

Gefahren des Brexit für die britische Landwirtschaft

Gleichzeitig hat der Brexit jetzt, bereits vor seinem geplanten Inkrafttreten, gravierende Auswirkungen auf die britischen Landwirtschaftsbetriebe. Insbesondere Betriebe des Ackerbaus sind für ihre Erntezeit maßgeblich von europäischen Saisonarbeiter/innen abhängig. Doch mit dem Ende der Freizügigkeit wird das Land als Arbeitsmarkt unattraktiv. Allein im Quartal nach dem Brexit-Referendum 2016 spürte der britische Ackerbau einen Rückgang von saisonalen Arbeiter/innen aus anderen EU-Ländern um 30%.

Mit dem EU-Austritt wird auch der Binnenmarkt, und damit der zollfreie Handel, zwischen Großbritannien und der EU enden. Lebensmittelpreise werden steigen, Export und Import erschwert. Dabei ist die britische Insel zu 30% von Lebensmittelimporten aus der EU abhängig; die inländische Agrarwirtschaft produziert lediglich die Hälfte des nachgefragten Verzehrs. Hier seien enge Handelsbeziehungen zwischen der EU und dem Vereinigten Königreich entscheidend für eine nachhaltige Agrarwirtschaft nach dem Brexit, so McNamee.

Während viele Brexiters von der Souveränität ihres Vereinigten Königreichs träumen, so muss diese im Falle des Brexit durch neue bilaterale Handelsabkommen realisiert werden – Handelsabkommen etwa mit den USA. Die USA sind bereit für Gespräche mit dem Vereinigten Königreich, sofern es die deutlich laxeren Richtlinien der US-amerikanischen Lebensmittelproduktion akzeptiert. Die britische Berichterstattung über Chlorhühnchen stellt hier nur ein Beispiel dar. So würde ein Handelsabkommen mit den USA geringere Lebensmittelsicherheit und den Einsatz von Pestiziden, Wachstumshormonen, Antibiotika, Chlor und Gentechnik bedeuten – Gifte und Umweltgefahren, durch welche das Vereinigte Königreich bis heute durch die Europäische Union geschützt war. 

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