Nur weg mit den Sauertöpfen!

Hintergrund

Benjamin Netanjahus Rhetorik setzt auf die Ausschließung der Anderen, sagt die israelische Autorin Maayan Ben Hagai. Impressionen aus Jerusalem, im Rahmen der Deutsch-Israelischen Literaturtage und im Vorfeld der Wahlen.

Jerusalem
Teaser Image Caption
Jerusalem, Israel

Der stylische Junkie, dem man noch immer ansieht, dass er mal blendend ausgesehen haben muss, und der spitz zulaufende Schuhe trägt, läuft wieder durch den Waggon der Straßenbahn in Jerusalem. „Eine wohltätige Spende“, verlangt er von einer strenggläubigen Frau, „etwas Geld, um Essen für die Kinder zu kaufen.“ Einem Jugendlichen mit gehäkelter Kippa vertraut er an, „Ein Araber hat mir mein Geld gestohlen.“ Der Junge, offenbar unterwegs zur Schule, schaut ihn verlegen an, und der durch die eigenen Worte in Rage versetzte Junkie ruft erbittert: „Guck dir das an, nur weil ich Jude bin, hat er mich beklaut.“ Und ehe die Bahn die nächste Haltestelle erreicht und er mit leeren Taschen wieder aussteigt, blafft er uns alle vorwurfsvoll an: „Behandelt man so einen ehemaligen Offizier?“

Der bettelnde Junkie muss, genau wie ein Werbetexter oder ein um seine Zukunft – und nicht nur seine politische – kämpfender Ministerpräsident (hinter Gefängnismauern oder außerhalb davon), mit scharfen Sinnen und einer gehörigen Portion Wagemut den Schwachpunkt derjenigen freilegen, von denen sein Leben abhängt. Muss die Stellen orten, unter denen, wenn er darauf drückt, sich eine Schicht aus Mitgefühl, Schmerz oder Angst offenbart. Dabei schreckt er nicht davor zurück, sich zum Gespött zu machen, unaufrichtig und derb zu wirken. Wesentlich ist die „Motivierung zum Handeln“, denn er hat nur einen Sekundenbruchteil lang Gelegenheit, uns dazu zu bringen, die Hand in die Hosentasche zu stecken, nach der entsprechenden Auslage im Supermarkt oder dem richtigen Wahlzettel hinter dem Sichtschutz der Wahlkabine zu greifen.

Es fällt nicht schwer, sich vorzustellen, wie der Junkie als junger Mann ausgesehen haben mag, seiner Kleidung und dem Touch seiner Frisur nach. Sein Körper ist jugendlich hager geblieben und hat etwas Kindliches und Verwöhntes, als er zunehmend aufgebracht durch den Straßenbahnwaggon streicht und nachdrücklich ein Almosen verlangt von dem, was wir im Portemonnaie haben. Ich habe kein Mitleid mit dir, halte ich ihm insgeheim vor, wer bist du, dass du glaubst, mir etwas befehlen zu können? Warum denkst du, sollen wir dir glauben? Dann fällt mir ein, dass meine neunjährige Tochter mir einmal, beim Anblick eines anderen Bettlers, zugeflüstert hatte: „Mama, warum geht er nicht arbeiten?“ Und wie peinlich berührt ich war. Du erziehst sie zu streng, zu moralisierend, sagte ich mir, was weißt du denn schon von seinem Leben?

Auf jeden Erfolg kommt eine Bedrohung

Nur rund einen Kilometer von der Straßenbahnhaltestelle entfernt hielt Benjamin Netanjahu im Oktober 2017 zur Eröffnung der Wintersitzungsperiode der Knesseth seine berühmte „Sauertopfrede“. Ein erstes Feuerwerk anlässlich der Festivitäten zum siebzigjährigen Bestehen des Staates Israel, gewissermaßen. Wie üblich begann er mit der Aufzählung einer Reihe historischer Ereignisse in der Geschichte des jüdischen Volkes und stellte sich selbst als letzten einer Reihe großer Staatsmänner dar, die die Rückkehr des jüdischen Volkes in sein Land vorangetrieben hatten. Danach rühmte er sich israelischer Erfolge und Errungenschaften: Cyber und Hightech, eine nie dagewesene Entwicklung im Bereich des Verkehrswesens, welche „den Begriff der Peripherie vergessen macht“, militärische Stärke und florierende außenpolitische Beziehungen, ein Rückgang der Arbeitslosigkeit, eine stetige Zunahme der Touristenzahlen und die Entsendung von Satelliten ins All.

Den Regeln des Genres getreu folgten auf die Erfolge sogleich die ewig gleichen Gefahren und Bedrohungen: Kriege, Arbeitsmigranten und illegale Einwanderer, die Israels Grenzen belagern, Iran und sein Kernwaffenprogramm, radikaler Islam und Antisemitismus. Die Aufkündigung des Atomabkommens mit dem Iran durch den amerikanischen Präsidenten Donald Trump wurde als Kirsche auf dem Sahnehäubchen der Torte präsentiert, mit einem vor Glück strahlenden Gesichtsausdruck, in den sich Schadenfreude mischte. Bitte schön, Netanjahu hatte seinen Wählern bewiesen, er war ein Staatenlenker, der den Großmächten ihre Tagesordnung diktierte.

„Israels Bürger wissen, Israel ist ein wunderbares Land“, frohlockte der Premier. Wenn sie aus dem Ausland zurückkehrten, würden alle sagen, „Nichts geht über unser Land!“, stellte Netanjahu fest und schien die Heimatliebe der Bürger zu ihrem Land zu seinem ganz persönlichen Verdienst machen zu wollen. „Doch all dies“, fuhr er fort, „vermag nicht die heimische Depressionsindustrie zu beeindrucken.“ Und ging dann zum Angriff über: die Sauertöpfe im Lande hätten immer zu mäkeln, alles gehe vor die Hunde – und das zwischen ihrem nächsten Flug nach Berlin und der Rückkehr von einem Wochenende in London. „Die Sauertöpfe bleiben auf ewig sauertöpfisch, nur weil wir keine Siedlungen geräumt haben“, verspottete er all jene, die einen territorialen Kompromiss zur Beendigung des Konflikts fordern, und stellte sie als die undankbare Verwandtschaft dar, der es schlicht an Lebensfreude fehlt, also ein Fall für den Psychologen und nicht Widersacher im Dissens um die richtige Ideologie. Wie im Fall des Bettlers, der den Fahrgästen in der Straßenbahn kein Geld für den nächsten Schuss abgeschwatzt bekommt, ist jeder, der Netanjahu nicht unterstützt, automatisch verächtlich. Und wie das gesamte jüdische Volk ist auch der Regierungschef permanenter Verfolgung ausgesetzt, von außen und innen gleichermaßen.

Auch Netanjahu zitiert gerne Taxifahrer

Klischees sind der Energydrink jeden Politikers. Als Kontrast zu den sauertöpfischen Miesmachern schilderte Netanjahu das bewegende Gespräch mit einem Taxifahrer, da zu den berühmten Binsenweisheiten ja zählt, dass Taxifahrer (überall auf der Welt, nicht nur in Israel) die authentischsten Repräsentanten ihres Volkes überhaupt sind. „Wir sind vollkommen mittellos ins Land gekommen“, habe der Taxifahrer erzählt, „selbst die Ringe haben sie uns von den Fingern gezogen, bevor wir aufgebrochen sind. Und hier sind wir erstmal in einem Durchgangslager gelandet, haben aber hart gearbeitet und sind vorangekommen, und heute ist mein Sohn Ingenieur und meine Tochter Ärztin. Israel ist unvergleichlich!“ Die Stimmen des Taxifahrers und Netanjahus verbanden sich zu einem eingängigen Refrain, zu einer Propagandarede, in der das Gute, einmalig Wunderbare sich mit dem väterlichen, auf seine Söhne stolzen Premier verband. Der dann mit viel Vibrato in der Stimme verkündete, auf der Zufriedenheitsskala aller Industriestaaten belegten junge Israelis den zweiten Platz! Denn für Netanjahu, den Garanten des nationalen Glückszustands, zählt nur das innere Gefühl. Objektive Parameter zur Bemessung des persönlichen Wohlergehens oder der tatsächlich gegebenen Lebensqualität sind irrelevant.

Die Fahrgäste im Waggon der Jerusalemer Stadtbahn werden mehrheitlich für Netanjahus Koalition gestimmt haben, da die allermeisten Bewohner Jerusalems nationalreligiös oder orthodox bis ultraorthodox sind. Araber wiederum stellen etwa ein Drittel aller Einwohner von Jerusalem, und viele von ihnen nutzen auch die Stadtbahn, aber sie besitzen nicht die israelische Staatsbürgerschaft und damit auch kein Stimmrecht für die Knesseth. Der bettelnde Junkie vermag genau wie unser Premierminister die gemeinsamen Werte seines Zielpublikums zu treffen: Familie, Kinder, Solidarität unter Juden (das Volk Israel) und Furcht und Argwohn gegenüber den Arabern. Und die Armee als Krone der Schöpfung. Wie der Auftritt des Junkies ist auch Netanjahus Populismus immer ein Schauspiel, das sich genussvoll dem Trash hingibt, zugleich aber todernst, übertrieben und grotesk daherkommt. Denn anders als der bettelnde Junkie verfügt Netanjahu über Powerpoint-Präsentationen, über Fotos mit Soldaten und über Hubschrauber an der Nordgrenze. Doch beide haben – nach eigenen Worten – eine militärische Vergangenheit.

Schwer zu sagen, ob Netanjahus Motive tatsächlich rein instrumentell und frei von Ideologie sind und nur aus dem Bedürfnis rühren, sich die Droge der Macht zu sichern. Oder ob der Sohn eines Historikers, dessen Persönlichkeit in einem Schmelzofen persönlicher und nationaler Traumata geformt wurde, wirklich und wahrhaftig an die eigenen Losungen glaubt und seine populistische Rhetorik nur ein Mittel ist, hinter dem sich Überzeugung und das Gefühl einer Berufung verbergen. Möglich, dass die denkbar unbefriedigende, für unsere Zeit aber so charakteristische Antwort eines „Sowohl-als-auch“ tatsächlich die richtige ist. Neueinwanderer aus Äthiopien, Palästinenser, Linke, Flüchtlinge, Angehörige des Mittelstands, die sich Sorgen um den Zustand der staatlichen Organe machen, die eine funktionierende Verwaltung und ein von Korruption freies Klima fordern, werden derweil geächtet. Wie der verbitterte Bettler, der – wenn er nur könnte – die Fahrgäste erbost aus dem Stadtbahnwaggon scheuchen würde. Für Netanjahu sind all diese Menschen keine typischen Israelis, sie sprengen die Reihen und lassen die anderen Äpfel in der Kiste sauer werden.

Begeisterung für die neuen Straßen - auch ohne Führerschein

Kurz vor Netanjahus „Sauertopfrede“ habe ich meine Freundin mit dem Auto aus Jerusalem nach Beit Shemesh gefahren. Beit Shemesh wurde 1950 als Durchgangslager für Neueinwanderer gegründet und ist im Wesentlichen von Einwanderern aus Nordafrika und dem Irak bewohnt. Obwohl zwischen Jerusalem und Tel Aviv gelegen, gilt die Stadt nach sozioökonomischen Maßstäben als an der Peripherie angesiedelt. Die überwiegende Mehrheit der Einwohnerschaft hat bei den letzten Wahlen für Netanjahus Rechts-Koalition gestimmt. Und zurzeit erlebt die Stadt eine rasant zunehmende Strenggläubigkeit. Die fünf Kinder meiner Freundin quetschten sich auf der Rückbank und ich fühlte mich zunehmende gestresst, als die WAZE-App den Dienst versagte und neue Abfahrten und Fahrspuren in schwindelerregender Zahl auf einmal die alte, mir wohl vertraute Einfallstraße ersetzten. Meine Freundin, ganz aufgeregt über die neueröffnete, zuvor über Monate angelegte Straße, fing an, erst Gott, dann den Staat Israel und schließlich die an seiner Spitze Stehenden zu preisen. „Wie schön, neu und modern sie unser Beit Shemesh gemacht haben“, rief sie mit echtem Pathos.

„Du hast kein Geld, um einen Führerschein zu machen, hast kein Geld für ein Auto und hängst komplett vom maroden öffentlichen Nahverkehr ab. Worüber genau begeisterst du dich gerade?“

„Ich liebe dich“, lachte meine Freundin, und ich erwiderte, ich sie auch. Und dachte bei mir, dass ich sie im Leben nicht verstehen werde.


Übersetzt von Markus Lemke. Bereits erschienen in Der Tagesspiegel am Montag, den 02. September 2019.

Alle Informationen zu den Deutsch-Israelischen Literaturtagen.