10. Europäisches Geschichtsforum: Denkmäler in Ost-und Südosteuropa - Vergessen, verfremdet, neu gedacht

Konferenzbericht

Denkmäler sind mehr als nur in Basalt und Beton gegossene Erinnerung, sie sind Bezugspunkte für Verehrung und Verachtung, Spielball politischer Interessen und gezielter Manipulationen. Und immer wieder bringen sich Bürger*innen kreativ ein und machen deutlich, wie sie selbst erinnern wollen – mit Fotos, Kreuzen oder auch mal mit der Spraydose.

Eine Stalin-Statue liegt mit dem Gesicht nach unten auf einer Wiese

Da steht er, überlebensgroß mit einem Schwert, wie man ihn kennt, martialisch, den Blick in die Ferne gerichtet. 35 Meter ist das Bismarck-Denkmal nahe des Hamburger Hafens hoch. Das Standbild des einstigen deutschen Reichskanzlers ist eines der größten weltweit, errichtet zwischen 1901-1906, doch seit einiger Zeit ist ein Streit darüber entbrannt, was mit dem maroden Denkmal geschehen soll. Kritiker*innen wenden ein, dass Otto von Bismarck mit seiner anti-demokratischen Politik und den kolonialen Bestrebungen heute keine akzeptable Figur mehr für den öffentlichen Raum sei, man müsse ihn gänzlich aus der Öffentlichkeit entfernen, andere wollen ihn erhalten, aber seine heroische Pose brechen.

Bismarck ist freilich kein Einzelfall, überall in Europa stehen Monumente im Fokus kontroverser Debatten darüber, wie man mit den Relikten von einst umgehen soll. Angesichts der Vielzahl der Diskurse rückte die Heinrich-Böll-Stiftung den komplexen Umgang mit Denkmälern in den Fokus des Europäischen Geschichtsforums, das in diesem Jahr zum 10. Mal – aufgrund der anhaltenden Pandemie neuerlich online - veranstaltet wurde.

Monumente sind mehr als nur Beton oder Sandstein, an ihnen lässt sich ablesen wie wir, wie Gesellschaften mit Geschichte umgehen, wie Politik mitunter versucht, Geschichte zu deuten oder auch umzudeuten, zu erfinden, nicht zuletzt, um mit Erinnerungskultur (neue) politische Realitäten zu schaffen.

Ziel des Europäischen Geschichtsforums der Heinrich-Böll-Stiftung, an dem in diesem Jahr 200 Historiker*innen, Museumsmitarbeiter*innen, Forscher*innen und Journalist*innen aus 13 Ländern teilnahmen, sei es, eine unabhängige, inklusive und grenzüberschreitende Forschung und Erinnerungskultur zu befördern, wie es Walter Kaufmann, Leiter der Abteilung Ost- und Südosteuropa der Heinrich-Böll-Stiftung, in seinem Begrüßungsstatement betonte: Es gehe darum, neugierig zuzuhören und Nuancen als Reichtum zu begreifen. Und es gehe darum, die Mythen der Mächtigen zu hinterfragen und den Opfern von Gewaltherrschaft Respekt zu verschaffen.

Irina Scherbakowa, Vorstandsmitglied und Vorsitzende des historisch-wissenschaftlichen Aufklärungszentrums der Internationalen Gesellschaft Memorial und Mitveranstalterin des Geschichtsforums, erinnerte daran, wie vor zehn Jahren erstmalig ein Aufruf zu einem Dialog zum Thema Gedenkkultur formuliert wurde. Dies sei der Anstoß für das heutige Geschichtsforum gewesen. Damals, so Scherbakowa, habe man darauf reagiert, dass Geschichte immer mehr zum „Knüppel“ von politischen Interessen gemacht wurde, zum Schaden der eigenen und anderen Gesellschaften. Bis heute seien diese Themen von großer Relevanz. „Rechte, Freiheit und Demokratie sind eng verbunden mit dem Kampf ums Denkmal“, unterstrich Irina Scherbakowa.

Denkmäler als Spiegelbilder

Denkmäler seien Spiegel der Gesellschaften, betonte die Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann, Trägerin des Friedenspreises des Dt. Buchhandels, Spiegel, in denen sich eine Gesellschaft betrachten könne. Die Debatten zu Denkmälern wie Bismarck und ihrer Bedeutung hätten nicht zuletzt auch mit demographischen Veränderungen der deutschen Gesellschaft zu tun. Lange hätten die Denkmäler in einer Art Dornröschenschlaf geschlummert, unbemerkt von der Öffentlichkeit, nun würden sie kritisch analysiert, auch das damit verbundene Thema Kolonialismus.

Assmann wies darauf hin, dass die kritische Auseinandersetzung mit Figuren wie Bismarck eine hohe politische Relevanz haben, nicht zuletzt, um gesellschaftliche und diskursive Gegenmodelle zu entwickeln, wenn etwa Vertreter*innen der rechtsradikalen AfD bemüht seien, verharmlosende und manipulative deutsche Narrative zu erschaffen. Assmann sprach sich dafür aus, Themen wie das des imperialen Deutschlands verstärkt öffentlich zu hinterfragen und auch an Schulen neu zu diskutieren. Der bloße Wiederaufbau von Denkmälern sei dagegen wenig sinnvoll – dies habe der Wiederaufbau des Preußischen Schlosses in Berlin vor Augen geführt, hier habe man mit dem prestigeträchtigen Bauprojekt eine dynastische Tradition gestärkt, die der Tradition der Bürgergesellschaft entgegenstand, ohne die kritischen Facetten des Preußentums aufzuzeigen, kritisierte Assmann. Streit und Auseinandersetzungen zu Denkmälern und Monumenten sollten sich daher im besten Falle auch in irgendeiner Form materialisieren, so Assmann. Auf diese Weise werde Geschichtskultur sinnhaft angereichert.

Kurapaty und seine Kreuze

Wie komplex die Erinnerung und Auseinandersetzung mit Denkmälern insbesondere in Ost- und Südosteuropa ist, zeigte sich in den zahlreichen Debatten des Geschichtsforums mit Blick auf jene Monumente und Erinnerungsorte, die im Kontext des Zerfalls der Sowjetunion einerseits und Jugoslawiens andererseits entstanden – oder mitunter auch nicht entstanden.

Holzkreuze auf beiden Seiten eines Waldweges
Holzkreuze in Kurapaty, Belarus

In Kurapaty, in Belarus etwa, wurde in den letzten Jahren angesichts nicht existenter staatlicher Erinnerung ein neuer Gedenkort erschaffen: Dutzende von Kreuzen wurden an Stellen aufgestellt, wo man menschliche Überreste gefunden hatte, um an die Opfer der stalinistischen Repressionen zu erinnern - ein Protest gegen den Staat und seine Politik des Verschleierns. So entstand mit dem Engagement von Hinterbliebenen und Aktivist*innen ein Ort des Erinnerns und der Anklage, ein Golgatha-Weg, erläuterte Iryna Kashtalian von der Geschichtswerkstatt in Minsk. Oftmals seien die Personen und ihr Schicksal unbekannt, Archive seien in Belarus nicht öffentlich. Zwar errichteten staatliche Stellen als Reaktion auf die Kreuze in der Zwischenzeit ebenfalls ein Denkmal, ohne jedoch die Bevölkerung einzubeziehen. Die mehr als 100 Erinnerungskreuze wurden entfernt, ein Beispiel dafür, wie der Staat versucht, Gedenken zu kontrollieren und zu monopolisieren.

Der kroatische Historiker Ivo Goldstein schilderte, wie manipulative Erinnerungskultur am Beispiel des ehemaligen faschistischen Konzentrationslagers Jasenovac zu Konflikten zwischen unterschiedlichen Akteuren führt. In dem Konzentrationslager südöstlich der Hauptstadt Zagreb wurden im 2. Weltkrieg unter der faschistischen Ustascha-Regierung rund 80.000 Menschen umgebracht, meist Serb*innen, jüdische Menschen und Rom*nja, zudem Widerständler*innen verschiedener Herkunft. Heute ist die Erinnerung an das, was hier geschah, Streitobjekt unterschiedlichster politischer Interessen. Während Serbien die Opferzahl auf bis zu 700.000 nach oben deutet, gibt es in Kroatien Tendenzen, die Bedeutung des Lagers zu minimieren. Von Arbeitslager ist relativierend die Rede, die Rolle des damaligen faschistischen Unabhängigen Kroatischen Staates (NDH) wird kaum öffentlich hinterfragt. Goldstein wies darauf hin, dass die Opfergruppen von Serb*innen, jüdischen Menschen und Rom*nja aus Protest nicht an den offiziellen Gedenkfeiern der kroatischen Regierung teilnehmen. Es werde mehr politisiert als gedacht, konstatierte Goldstein auf dem Geschichtsforum. Historiker*innen wie er und all jene, die die offiziellen Geschichtsmythen hinterfragen, stehen ebenfalls im Fokus politischer Angriffe. Der Report des Holocaust-Erinnerungsprojekts 2018 (in Kooperation mit der Universität Yale) erwähnt Kroatien als Land, das ein tiefgreifendes Problem mit Holocaustrevisionismus habe. Eine aktuelle Studie der Universität Graz belegt zudem, dass die Rolle des faschistischen Kroatiens im Kontext des Zweiten Weltkriegs kroatischen Schüler*innen kaum bekannt ist.

Zerstörung antifaschistischer Denkmäler

Jasenovac Schienen

Heute steht auf dem Gelände des ehemaligen KZ Jasenovac eine imposante Skulptur in Form einer steinernen Blume des bekannten jugoslawischen Architekten Bogdan Bogdanovic, ein Meisterwerk monumentaler Kunst. Die überdimensionale Blumenskulptur erinnert an die Opfer des Faschismus. Während das Mahnmal eindrucksvoll die Landschaft dominiert, wird das ideologische Erbe dieser Bauwerke heute oft negiert, standen doch die Partisanen unter dem späteren jugoslawischen Präsidenten Josip Broz Tito und ihre Erfolge gegen den Faschismus samt ihrer Losung von Brüderlichkeit und Einheit im Gegensatz zu den Ideologien derer, die auf dem Gebiet des zerfallenen Jugoslawiens in den 90er Jahren nationale Staaten aus der Taufe hoben, unterstrich Olga Manojlovic-Pintar, Historikerin aus Belgrad. Mit weitreichenden Folgen: So wurden allein in Kroatien in den letzten 30 Jahren mehr als 3000 antifaschistische Denkmäler zerstört, mit der Ablehnung des Kommunismus wird der Antifaschismus gleich mit entsorgt.

Eine Initiative, die sich um die Bewahrung der Monumente vor Zerstörung und Gleichgültigkeit in Südosteuropa bemüht, ist die Gruppe der Architekt*innen (grupa arhitektura). Sie kartieren Denkmäler und organisieren grenzüberschreitend deren Schutz und Erhalt. Jelica Jovanovic, Architektin aus Belgrad, beobachtet, dass es vor allem lokale Gemeinschaften sind, die in der Region die Erinnerung und damit die Denkmäler aufrechterhalten. Insgesamt gebe es jedoch kaum Dialog zwischen staatlichen Stellen und der Bevölkerung. Nach wie vor werde auf dem Gebiet des ehemaligen Jugoslawien „Geschichte als Waffe“ eingesetzt, konstatierte Jovanovic. 

In Serbien beispielsweise, erläuterte Milovan Pisarri vom Zentrum für Öffentliche Geschichte, dominiere eine Erinnerungspolitik, in der nur die eigenen, serbischen Opfer zählten. Andere würden ausgeblendet.

Mahnungen an Krieg und Vergewaltigungen

Immer wieder spielt Erinnerungskultur und der Umgang mit Monumenten im Kontext nationaler Narrative eine bedeutende Rolle. Im Kosovo etwa sind Denkmäler wie das 2008 entstandene „Newborn“ aus sieben Betonbuchstaben zu sehen, das auf die Staatswerdung des jungen Landes anspielt und diese im öffentlichen Raum der Hauptstadt Pristina feiert, mit wechselnden Farben und immer neuen Gestaltungelementen.

Blick auf den Schriftzug "NEWBORN" in Pristina, Kosovo
"NEWBORN" in Pristina, Kosovo

Diese neu entstandenen Monumente stehen im ästhetischen Widerspruch zu jenen, die die Vergangenheit wiederspiegeln, etwa Denkmäler des ehemaligen Präsidenten Ibrahim Rugova. Und auch in anderer Hinsicht werden neue Reflektionen durch Denkmäler befördert, so etwa durch das Heroinat Memorial, eine typografische Skulptur im Zentrum Pristinas. Es ist das erste Denkmal, das vergewaltigten Frauen im Kosovokrieg 1998-99 gewidmet ist, erklärte die kosovarische Soziologin Jeta Rexha. Auch regional ist die Skulptur eine Seltenheit – und das, obwohl Vergewaltigungen in den Balkankriegen systematisch als Kriegswaffe eingesetzt wurden und Zehntausende Frauen betroffen waren.

Heroinat Memorial in Pristina
Heroinat Memorial in Pristina, Kosovo

Während in den meisten Ländern Ost- und Südosteuropas – Spiegelbild der politischen und historischen Realitäten – männliche Figuren die Monumente und Denkmäler dominieren, sind Frauendenkmäler auffällig unterrepräsentiert. Eine Ausnahme bildet im Kosovo ebenfalls die Mutter-Teresa-Statue, eine Hommage an die in Indien tätige Ordensfrau. OP-Masken, die an der Statue angebracht wurden, erweiterten die Aussage des Denkmals mit Blick auf drängende Umweltprobleme, ein öffentlichkeitswirksamer Protest insbesondere gegen die starke Luftverschmutzung im Lande.

In diesem Sinne werden Denkmäler immer wieder auch Objekte ästhetischer und inhaltlicher Erweiterungen und unerwarteter Konnotationen – ein Beweis dafür, dass diese Gedenkorte weitaus mehr sind als in Stein gemeißelter Status Quo. Kritische Auseinandersetzungen im Rahmen von Erinnerungskultur ermöglichen somit inhaltliche Dynamiken und die Schaffung neuer Blickwinkel und Botschaften.

Sowjetische Soldat*innen - Namenstafeln für den Einzelnen

Namensschilder Treptower Park Ehrenmal
Namensschilder am Ehrenmal im Treptower Park, Berlin

Ebendies ist auch der Ansatz des "Obelisk International e.V." der in Berlins Treptower Park aktiv ist: Hier befindet sich ein Sowjetisches Ehrenmal, es ist zugleich ein anonymes Sammelgrab ehemaliger Rotarmist*innen aus dem Zweiten Weltkrieg. Mit mehr als 7000 gefallenen Soldat*innen ist es das größte außerhalb der Sowjetunion. In den vergangenen Jahren wurden auf dem namenlosen Grab unzählige Namenstafeln der Toten angebracht, so dass auf diese Weise eine „Transformation des Gedenkraumes“ stattfand, so der Historiker Mischa Gabowitsch vom Einstein Forum Potsdam.

Denkmal eines Mannes mit Schwert in der Hand und Kind auf dem Arm, auf einem kaputten Hakenkreuz stehend
Sowjetisches Ehrenmal Treptower Park, Berlin

Ziel der Initiative sei es, die einzelnen Soldat*innen zu würdigen, die Namen der gefallenen Soldat*innen der Roten Armee sollen als dauerhafte Elemente des Denkmals etabliert werden. In diesem Sinne stellen die Aktivitäten ein eindrucksvolles Beispiel für eine bottom-up-gesteuerte Erinnerung dar - ein hybrides Netzwerk aus Historiker*innen, Angehörigen und Aktivst*innen sei entstanden, erläutert Gabowitsch. Diese Akteure unterstreichen nachhaltig, wie prägend die Partizipation von Bürger*innen im Bereich von Erinnerungskultur sein kann.

Doch eben diese Partizipation fehle häufig, so die Beobachtung der Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Forums. Die Pläne des "Obelisk International e.V." etwa stehen im klaren Widerspruch zu den Vorstellungen der Russischen Botschaft. Und auch in anderen Kontexten kollidieren die unterschiedlichen Ansätze zwischen staatlichen Stellen und engagierten Bürger*innen, wenn es um die Deutung der Vergangenheit geht – nicht selten werden kreative oder alternative Formen des Gedenkens als „Vandalismus“ oder als „illegal“ deklariert, zum Teil mit juristischen Konsequenzen.

Skopje 2014 – Geschichtsklitterung und Korruption

Wie sehr Gedenkkultur seitens politischer Kräfte gezielt missbraucht wird, zeigt auch das Beispiel von Skopje 2014. Dieses architektonische Mega-Projekt in der Innenstadt der nordmazedonischen Hauptstadt wurde von der ehemaligen nationalistischen Regierung lanciert, ein intransparentes Verfahren ohne Einbindung der Bevölkerung, urteilt die Aktivistin und Expertin für Stadtplanung, Ivana Dragsic. Mit der Errichtung unzähliger Monumente im Zentrum Skopjes seien nationalistische Narrative zementiert, mitunter auch falsche historische Bezüge verbreitet worden. Ziel war es, im öffentlichen Raum das Konstrukt eines wahren Mazedoniertums zu verbreiten, dabei wurde die albanische Minderheit im Lande gezielt ignoriert.

Reiterdenkmal auf einem Platz in Skopje
Skopje 2014

Analysen belegen, dass das Projekt, mit dem die Innenstadt Skopjes auf groteske Weise umgestaltet wurde, stark mit Korruption verbunden ist - in einem der ärmsten Länder Europas wurden Pappmaschee-Denkmäler für mehr als 700 Millionen Euro aufgestellt, unbekannte Künstler mit Kontakten zur damaligen Regierungspartei erhielten horrende Honorare. Die nationalistisch-populistische Ausrichtung dieses Denkmal-Tsunamis wird zusätzlich durch die fragwürdige Darstellung von Frauenfiguren untermauert, die einseitig in ihrer Mutterrolle in Erscheinung treten und damit einseitig traditionelle Gender-Stereotype propagieren. Das kostspielige Kitsch-Projekt löste freilich in Nord-Mazedonien eine wichtige kritische Debatte über die Fehltritte der damaligen Regierung aus, unter reger Beteiligung ziviler Akteure, was neuerlich die Bedeutung von Denkmälern für politische Diskurse unterstreicht.

Revival des Monumentalismus

Facettenreich sind die Erinnerungskulturen auch im post-sowjetischen Raum. In Moskau erinnert der Dmitlag-Stein an die sowjetische Repression, 1994 wurde er auf Initiative der Organisation Memorial errichtet, die Organisation ist seit Jahren Mitausrichterin des Europäischen Geschichtsforums. Der Stein steht sinnbildlich für all jene Moskowiter*innen, die im Gulag starben, im Dmitrov-Lager außerhalb Moskaus wurden in den 30er Jahren Tausende von Insass*innen getötet. Die Setzung des Gedenksteines war eine Initiative, die von unten kam. Während sich ab den neunziger Jahren eine offene Bewegung mit den Opfern des sowjetischen Terrors befasste, so Irina Scherbakowa von Memorial, werde seit der Jahrtausendwende neuerlich ein mythologisches Bild der Vergangenheit kreiert. Erfolge, Siege, Errungenschaften der UdSSR erlebten ein Revival, eine Rückkehr zum Monumentalismus sei zu beobachten.

So wird in der russischen Hauptstadt derzeit über die Neugestaltung des prominenten Ljubljanka-Platzes diskutiert. Felix Dserschinski, der die Vorreiterorganisation des heutigen KGB und Konzentrationslager erschuf – könnte neuerlich auf seinen einstigen prominenten Platz zurückkehren – 1991 war der erste sowjetische Geheimdienstchef von seinem Sockel gestoßen worden und befand sich seither in einem Depot für Skulpturen. Neben Dserschinski stehen auch Juri Andropow und zwei Zaren in der engeren Auswahl, den Platz vor dem KGB zu zieren. Der Vorschlag, vor der Geheimdienstzentrale Ljubljanka ein Mahnmal für die Opfer der Repressionen zu setzen, die vor allem in den 30er-Jahren, während des Großen Terrors, aus der Geheimdienstzentrale zu den Erschießungen gebracht wurden, stieß hingegen auf wenig Interesse der Stadtoberen.

Und immer wieder Stalin – mal weg, mal golden, mal pink

In Georgien wurden 2010 in einer Nacht-und Nebelaktion in der Geburtsstadt des Sowjetführers Josef Stalins, in Gori, eine Bronzestatue abmontiert, das Ende des Stalin-Kultes wurde eingeleitet – im Volk stieß diese Form der klandestinen Vergangenheitsbeseitigung freilich auf wenig Gegenliebe. Bis heute verläuft die Auseinandersetzung mit Stalin in dem Land kontrovers. Als 2012 im Land neuerlich Stalinfiguren aufgestellt wurden, wurden diese nicht zerstört, wohl aber von Aktivist*innen aus Protest gegen das als kolonial empfundene sowjetische Erbe verfremdet und in pinker Farbe angesprüht.

Eine Stalin-Statue liegt auf einer Wiese (Blick auf den Kopf)
Gestürzte Stalin-Statue

Diese Aktionen rückten im Kern eine eher antisowjetische Kritik in den Mittelpunkt, resümierte die Historikerin Elene Keklia ihre Forschungsergebnisse zu diesem Thema. Farbaktionen mit goldener Farbe dagegen bringen eher einen ikonographischen Kult gegenüber dem verehrten Volkshelden und Nazi-Bezwinger Stalin zum Ausdruck. Zwischen beiden Gruppen – den eher betagteren Stalin-Verehrer*innen (gold) und den Kritiker*innen (pink) - gebe es keinerlei Austausch, betonte Kekeli. Es existierten zwei unterschiedliche Erinnerungskulturen, ohne jegliche Kommunikation untereinander.

Leugnungspropaganda des Genozids von Srebrenica

Auch im Kontext des Gedenkens an den im Juli 1995 in Bosnien und Herzegovina verübten Genozid an mehr als 8300 muslimischen Männern und Jungen stehen sich zwei unterschiedliche Deutungen unversöhnlich gegenüber. Während Opferverbände jedes Jahr auf dem Gelände der Gedenkstätte in Potocari-Srebrenica der Taten gedenken, leugnen zugleich maßgebliche Politiker*innen des serbisch dominierten Landesteils in Bosnien sowie in Serbien die tausendfachen Morde, und das, obwohl etliche maßgebliche Täter und Hintermänner vor dem internationalen Kriegsverbrecher-Tribunal in den Haag verurteilt wurden.

Gedenktafel in Srebrenica
Gedenktafel in Srebrenica

Milica Pralica, eine Menschenrechtsaktivistin und Mitarbeiterin einer bosnischen Nicht-Regierungs-Organisation betont, dass alle jene, die Vergangenheit kritisch hinterfragen, automatisch zu Verräter*innen der serbisch dominierten Entität, der Republika Srpska, erklärt werden – es ist ein weit verbreitetes Leitmotiv, all jene zu Feind*innen zu stilisieren, die eine kritische Aufarbeitung der eigenen Geschichte einfordern.

Die Leugnungsmaschinerie rund um den Völkermord von Srebrenica hat in jüngster Zeit mit der Auszeichnung des österreichischen Autors Peter Handke eine internationale Dimension erlangt: Das Nobelkomitee in Stockholm hatte dem Literaten trotz seiner evidenten Probleme mit historischen Fakten rund um die Gewalttaten im Bosnienkrieg 2019 den Preis für Literatur verliehen. Die Aussage, man müsse den Schriftsteller Handke von seiner politischen Ausrichtung trennen, wurde jedoch dieser Tage neuerlich ad absurdum geführt: Handke wurde von serbischen Politiker*innen mit Auszeichnungen geehrt, die bereits Kriegsverbrecher wie Radovan Karadzić und Ratko Mladić erhielten. Das neu entstandene Handke-Denkmal, das Anfang Mai in Banja Luka eingeweiht wurde, steht daher vor allem für eines: Das Ignorieren historischer Fakten und die unverhohlene Leugnung des Massenmordes an bosnischen Muslimen.

Ausgleich im Gedenken

Doch Konflikte in der Gedenkkultur müssen nicht zwangsläufig sein. Es existieren auch Beispiele für Erinnerungslinien, in denen beide Seiten ihre Berücksichtigung finden, etwa das internationale Gefallenenmahnmal Notre-Dame-de-Lorette in Ablain-Saint-Nazaire in Frankreich.

internationale Gefallenenmahnmal Notre-Dame-de-Lorette in Ablain-Saint-Nazaire in Frankreich
Internationales Gefallenenmahnmal Notre-Dame-de-Lorette in Ablain-Saint-Nazaire in Frankreich

Die Anlage, die 2014 eingeweiht wurde, ist eine der größten Gedenkstätten der Welt, mit fast 580.000 Namen in alphabetischer Reihenfolge. Hier gibt es keine Unterscheidung zwischen Nationalitäten, auch keine zwischen Freund*innen und Feind*innen. Das Konzept stellt einen neuen Ansatz der Gedenkkultur dar. „Es ist ein revolutionärer Ansatz“, betont Kulturforscherin Assmann, die Trennlinien zwischen Sieger*innen und Besiegten werden aufgehoben, im Zentrum steht das gemeinsame Leiden aller beteiligten Soldat*innen des Ersten Weltkrieges.

Assmann betonte zudem die Notwendigkeit, Geschichte zu erklären und zu berücksichtigen, wenn Denkmäler zugleich Bestattungsorte sind. Wo sterbliche Überreste lägen, gehe es in erster Linie um Pietät, betonte die Forscherin. Dies sei eine transkulturelle und nicht verhandelbare Universalie.

Umgang mit Rotarmist*innen – von Zerstörung bis künstlerischer Auseinandersetzung

Im ehemals sowjetischen Einflussbereich sind Kriegsdenkmäler für die ehemaligen Soldat*innen der Roten Armee der weit verbreitetste Denkmaltyp, oftmals handelt es sich um Bestattungsorte. Da es keine zentrale Stelle gibt, die sich um diese Erinnerungsorte kümmert, übernehmen unterschiedliche Akteur*innen in den jeweiligen Ländern die Kartierung und Inventarisierung. Zerstörungen wie etwa die des Ruhmesdenkmals in Kutaisi in Georgien 2009 sind eher selten zu beobachten, stattdessen entstehen immer wieder auch Neubauten wie etwa in Minsk im Jahr 2014 oder im israelischen Netanya.

Wo staatliche Anstrengungen der Erinnerung ausbleiben oder als einseitig oder nicht adäquat angesehen werden, werden immer wieder Bürger*innen aktiv, etwa wenn in der Ukraine ein Denkmal eines sowjetischen Kämpfers mit einem Kreuz versehen wird – anstelle eines roten Sterns. Oder wenn in Kirgisistan an zahlreichen Denkmälern für Rotarmist*innen Halbmonde die roten Sterne ersetzen. Insgesamt sei eine „Vielfalt des Umgangs“ mit diesen Kriegsdenkmälern zu beobachten, so der Historiker Mischa Gabowitsch vom Potsdamer Einstein-Forum in seinem Vortrag.

Und immer wieder zeigen die einzelnen Gedenkorte die Bedeutung aktiver Partizipation der Gesellschaft auf - auf diese Weise findet eine inhaltliche Transformation statt. Daraus resultieren mitunter auch Korrekturen an einer von oben oktroyierten Gedenkkultur. In diesem Sinne ist die Interaktion der Bürger*innen, ihr Umgang mit bestehenden Monumenten, nicht zuletzt als Akt demokratischer Prozesse zu verstehen.

Denkmal für sowjetische Soldaten, dessen Soldatenfiguen als Comic-Helden angemalt wurden
Sowjetisches Ehrenmal, Sofia, Bulgarien

In der bulgarischen Hauptstadt Sofia etwa wird seit Jahren ein sowjetisches Soldaten-Relief übermalt und erlebt auf diese Weise immer wieder neue, erweiterte Interpretationen. Alternative Formen kritischer Gedenkkultur wie diese brechen sich nahezu überall in Ost- und Südosteuropa Bahn und belegen die Bedeutung von Denkmälern der postjugoslawischen und postsowjetischen Ära für anhaltende Diskurse und dynamische Auseinandersetzungen. Das bloße Abreißen von Monumenten, die blinde Zerstörung, da herrschte auf dem Geschichtsforum Einigkeit, sei kein adäquater Weg einer Erinnerungskultur und würde auch den Bedürfnissen der Menschen vor Ort nicht gerecht, die in ihrem Umfeld etwas suchten, womit sie sich identifizieren können.

Aufweichung und Lächerlichkeit des Monumentalen

Der Prager Künstler David Černy provozierte mit dem rosa-pinkfarbenen Anstrich eines sowjetischen Panzers 1991 in der Hauptstadt eine Diskussion über den andauernden Einfluss Moskaus in Tschechien – er wurde wegen zivilen Ungehorsams vorübergehend verhaftet. Der Panzer indes ist heute eine Attraktion, nicht nur für Tourist*innen, sondern auch für Historiker*innen und Forschende. Černys pinkfarbener Protestton kommt in der Gedenkkultur immer wieder vor, vor allem, wenn eine Lächerlichmachung autoritärer Symbole und Systeme intendiert ist.

Doch nicht immer geht es im Kontext von Erinnerung um Themen wie Demokratisierung oder Liberalisierung, auch die radikale Rechte, global bestens vernetzt, nutzt z.B. Denkmäler für die Verbreitung faschistischer und rassistischer Botschaften. So wird etwa in Mostar, der geteilten Stadt in Bosnien und Herzegowina, der kunstvoll angelegte Partisanenfriedhof, Symbol des Antifaschismus, regelmäßig mit Hakenkreuzen und Ustaša-Symbolen überschmiert; die Ustaša-Bewegung stand in treuer Gefolgschaft zum  Nationalsozialismus in Deutschland.

Eroberung des digitalen Raumes

Auch im Internet finden sich extremistische Formen des Gedenkens, radikale Rechte nutzen neue, digitale Plattformen, um antidemokratische Deutungen weltweit zu verbreiten. So wurde etwa das Attentat von Christchurch in Neuseeland 2019, bei dem ein junger Rechtsextremist 50 Menschen tötete, im Internet in die Breite getragen, samt des Songs, den der Attentäter während seiner Taten hörte - ein Tschetnik-Lied, eine Eloge auf den bosnisch-serbischen Kriegsverbrecher Radovan Karadzić.

Weltweit lassen sich derzeit Trends des Revisionismus, der Nationalisierung, jedoch auch der kreativen, progressiven Interventionen in der Gedenkkultur beobachten. Mangel an Interesse oder auch Expertise staatlicher Stellen, so das Fazit eines Workshops auf dem Geschichtsforum, lässt Raum für gesellschaftliche Interaktionen, persönliches Engagement und Grassroots-Initiativen – diese Nische bietet weite Gestaltungsmöglichkeiten, um auch korrigierende Elemente in die Öffentlichkeit zu tragen.

Was im Rahmen von Erinnerungskultur jedoch nahezu überall fehle, sei der Dialog mit den Bürger*innen, ein inklusiver Ansatz, so das Fazit der Teilnehmer*innern des 10. Geschichtsforums. Künftig sollten neue Wege und Ausdrucksformen entwickelt werden, um auch die Generation der Millenials anzusprechen. Zudem sollten verstärkt werteorientierte Betrachtungen in die Erinnerungsarbeit einfließen, so der Appell. Neue Sprache, Provokationen und sinnvolle Vernetzungen einzelner Akteur*innen seien sinnvoll, damit gefährlichen Mythen in der Gedenkkultur etwas entgegengesetzt werden könne. Unerlässlich sei es, den digitalen Raum zu erobern, um ihn nicht der extremen Rechten zu überlassen.

 


Onlinekonferenz: 10. Europäisches Geschichtsforum - Denkmäler in Ost- und Südosteuropa neu denken