Afrikas Wachstumsraten blenden unbezahlte Care-Arbeit von Frauen aus

Kommentar

Unbezahlte Care-Arbeit von Frauen stützt die Wirtschaft, bleibt im Bruttoinlandsprodukt (BIP) jedoch unsichtbar. Angesichts der sich verschärfenden Schuldenkrise auf dem afrikanischen Kontinent zeigt Felogene Anumo auf, wie Finanzsysteme Frauen als Stoßdämpfer ausnutzen. Sie spricht sich dafür aus, die wirtschaftlichen Regeln, wonach Care-Arbeit unterbewertet und Frauen überlastet werden, neu zu schreiben.

Two women silhouetted against the night sky walk up a hill with luggage, in front of a large full moon.
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Frauen sind das (unsichtbare) Fundament der afrikanischen Volkswirtschaften. Bild: Eli Grek

Im Dezember 2025 gab es gleich zwei historische Meilensteine von symbolischer Bedeutung. Die UN-Generalversammlung verabschiedete eine wegweisende Resolution, in der Care-Arbeit als unverzichtbar für alle anderen Arbeiten anerkannt wurde und höhere Investitionen in die Pflegeinfrastruktur gefordert wurden. Wenige Tage später verabschiedete das kenianische Kabinett die Nationale Care-Politik und war damit das erste der 54 Länder Afrikas, das offiziell ein koordiniertes Modell für die Care-Arbeit verabschiedete. Dennoch offenbaren diese Erfolge eine unangenehme Wahrheit: Auf dem gesamten Kontinent leisten Frauen weiterhin unsichtbare Arbeit, die ganze Volkswirtschaften stützt, während ihre Arbeit vom Steuersystem ausgebeutet und entwertet wird. 

Die Zahlen verdeutlichen das Ausmaß der Krise. Frauen leisten drei Viertel der unbezahlten Care-Arbeit weltweit und verbringen täglich 4 Stunden und 25 Minuten mit Care-Arbeit, während Männer nur 1 Stunde und 23 Minuten dafür aufwenden. Dadurch bleiben schätzungsweise 606 Millionen Frauen im erwerbsfähigen Alter dem formellen Arbeitsmarkt fern. Frauen, die einer bezahlten Arbeit nachgehen, sind vor allem im Niedriglohnsektor der Care-Arbeit tätig, ohne angemessene Schutzmaßnahmen und Löhne. Ein breiterer Zugang zu hochwertigen Dienstleistungen im Care-Bereich und bessere Bedingungen für Care-Arbeitende könnten die wirtschaftliche Teilhabe von Frauen fördern, Millionen menschenwürdiger Arbeitsplätze schaffen und die Wirtschaft transformieren. 

Frauen sind das (unsichtbare) Fundament der afrikanischen Volkswirtschaften

Das Wirtschaftsmodell Afrikas basiert auf unbezahlter Frauenarbeit, die in einigen afrikanischen Ländern bis zu 40 Prozent des BIP ausmacht. Diese Arbeit bleibt in den volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen unsichtbar, denn sie wird aus den öffentlichen und privaten Haushalten ausgeklammert und als außerhalb der „realen“ Wirtschaft liegend abgetan. Dies spiegelt sowohl die patriarchalische Basis kapitalistischer Systeme als auch die grundlegenden Grenzen des BIP als Maßstab für wirtschaftliches Wohlergehen.

Der Nobelpreisträger Simon Kuznets, der als Vater des BIP gilt, sagte 1934: „Das Wohlergehen einer Nation lässt sich kaum aus der Messung des Nationaleinkommens ableiten.“ Dennoch ist das BIP nach wie vor der weltweit einflussreichste Indikator für Fortschritt, obwohl es eher unser Verständnis vom Erfolg einer Nation verschleiert, anstatt es zu verbessern. Das BIP wurde entwickelt, um Markttransaktionen zu messen, nicht jedoch die überwiegend von Frauen geleistete soziale Reproduktionsarbeit. Dies hat tiefgreifende Folgen: Wenn Care-Arbeit in der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung unsichtbar ist, bleibt sie auch in den Haushalten unsichtbar; wenn sie in den Haushalten unsichtbar ist, bleibt die unbezahlte Arbeit von Frauen die letzte unhinterfragte Subvention für die Wirtschaft.

Wenn afrikanische Regierungen sagen, sie könnten sich keine Investitionen in die Care-Arbeit leisten, heißt das in Wirklichkeit, dass sie sich dagegen entschieden haben.

Wie die hochrangige Expertengruppe der Vereinten Nationen zum Thema „Beyond GDP“ („Jenseits des BIP“) feststellt, „können einige wichtige nicht marktbezogene Aktivitäten wie unbezahlte häusliche Care- und Pflegearbeit nicht im BIP erfasst werden“. Dies ist jedoch kein Zufall, sondern das Ergebnis jahrelanger struktureller Verfestigung. Trotz jahrzehntelanger Bemühungen um einen Übergang zu Alternativen mit einer ganzheitlicheren Messung des Fortschritts: Die institutionelle Verankerung des BIP in Politik, Gesetzgebung und Entwicklungsfinanzierung hat die wirtschaftliche Transformation blockiert, die erforderlich ist, um die Menschen und den Planeten an die erste Stelle zu setzen. 

Neue Krise, altbekannte Belastungen: Frauen dienen als Stoßdämpfer

Die aktuellen Schuldenprobleme Afrikas spiegeln nicht nur die jüngsten Schocks wieder, sondern zeigen auch eine längere Geschichte extern bedingter politischer Entscheidungen, die durch ungleiche Machtverhältnisse im globalen Finanzsystem geprägt sind. Nachdem viele afrikanische Länder rohstoffabhängige, exportorientierte Volkswirtschaften vom Kolonialismus geerbt hatten, wurden sie durch eine sich wandelnde Mischung von Gläubigern (darunter private und kommerzielle Kreditgeber) dazu genötigt, Strukturanpassungsprogramme durchzuführen und später neue Kredite aufzunehmen, da die Gläubiger Haushaltskonsolidierung und marktorientierte Reformen gegenüber öffentlichen Investitionen priorisierten. 

Diese Dynamik, die durch die Covid-19-Krise, Klima- sowie geopolitische Krisen und starre Rahmenbedingungen für die Schuldenpolitik noch verstärkt wurde, hat den finanzpolitischen Spielraum der Regierungen eingeschränkt und zu einer chronischen Unterfinanzierung öffentlicher Dienstleistungen wie Bildung, Gesundheit und sozialer Absicherung beigetragen. 

Balkendiagramm zeigt, in Afrika steigen vor allem Zinsausgaben stark, andere Ausgaben nur wenig im Vergleich zu anderen Ländern.
United Nations Conference on Trade and Development (2023). A world of debt: Regional stories.

Das Ausmaß der Schuldenkrise ist mittlerweile erschütternd. Zwischen 2010 und 2025 stieg die Verschuldung Afrikas um 183 Prozent, wobei die Zinszahlungen um 132 Prozent in die Höhe schossen. Etwa 25 afrikanische Länder befinden sich in einer Schuldenkrise; rund 34 Länder geben mehr für Auslandsschulden aus als für Gesundheit und Bildung zusammen. Heute leben fast drei von fünf Menschen auf dem Kontinent in Ländern, die mehr für den Schuldendienst als für Bildung oder Gesundheitsversorgung ausgeben

Wenn Regierungen öffentliche Dienstleistungen kürzen, um ihre Schulden bedienen zu können, verschwinden damit jedoch nicht die Betreuungsaufgaben. Vielmehr verlagern sich diese auf die privaten Haushalte und lasten damit überwiegend auf den Schultern der Frauen. Feministische Ökonominnen bezeichnen dies als geschlechtsspezifische Sparpolitik: Frauen, Mädchen und nicht-binäre Personen werden unfreiwillig zu Stoßdämpfern der Gesellschaft, indem sie zusätzliche unbezahlte Care-Arbeit leisten und damit die Lücken füllen, die der Staat hinterlässt. 

Erschwerend kommt hinzu, dass die Steuerarchitektur bewusst regressiv gestaltet ist. Afrikanische Steuersysteme stützen sich stark auf Verbrauchssteuern wie die Mehrwertsteuer, wobei Haushalte mit weiblichem Haushaltsvorstand am stärksten belastet sind. Unterdessen umgehen Unternehmen und wohlhabende Privatpersonen systematisch die Steuerpflicht. So entsteht eine moralische Umkehrung: Die Ärmsten subventionieren die Reichsten, wobei diejenigen, die sich am meisten kümmern, am wenigsten versorgt werden.

So entsteht eine moralische Umkehrung: Die Ärmsten subventionieren die Reichsten, wobei diejenigen, die sich am meisten kümmern, am wenigsten versorgt werden.

Es ist Zeit, die wirtschaftlichen Regeln, nach denen wir leben, zu überdenken

Feministische Ökonominnen postulieren seit Langem, was von Mainstream-Ökonomen ignoriert wird: Finanzpolitik ist niemals geschlechtsneutral. Jeder Haushalt zeigt, wessen Arbeit geschätzt wird, wessen Bedürfnisse wichtig sind und wessen Arbeitskraft ohne Lohn ausgebeutet werden kann. Wenn afrikanische Regierungen sagen, sie könnten sich keine Investitionen in die Care-Arbeit leisten, heißt das in Wirklichkeit, dass sie sich dagegen entschieden haben. Diese Entscheidung hat ihren Preis – und Frauen zahlen ihn seit Jahrzehnten.  

Wie die Resolution der Vereinten Nationen und die nationale Care-Politik Kenias bestätigen, ist Care-Arbeit eine makroökonomisch wichtige Grundlage für das Wohlergehen der Menschen und eine nachhaltige Entwicklung; sie ist keine private Bürde für Familien oder ein zusätzliches Wohltätigkeitsprogramm. Um den Frauen gerecht zu werden, deren unbezahlte und unterbezahlte Arbeit seit Langem unterfinanzierte öffentliche Systeme subventioniert, müssen die Regierungen nun über symbolische Verpflichtungen hinausgehen und konkrete fiskalische und institutionelle Reformen durchführen: Sie müssen unbezahlte Care-Arbeit erfassen, in hochwertige öffentliche Dienstleistungen und Infrastruktur investieren und Steuer- und Ausgabensysteme so umgestalten, dass sie die Care-Belastung umverteilen, anstatt sie einseitig zu verstärken. 

Nur wenn Care-Arbeit in den Mittelpunkt von Haushaltsentscheidungen, Wirtschaftsplanung und sozialem Schutz gestellt wird, kann Afrika diese wegweisenden Entscheidungen in einen neuen Sozialvertrag überführen, in dem die Rechte, die Zeit und das Einkommen von Care-Arbeitenden sichtbar, wertgeschätzt und entschlossen unterstützt werden.


Hinweis: Bei diesem Text handelt es sich um die überarbeitete Fassung einer DeepL-Übersetzung.

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