Traditionen werden oft als naturgegeben dargestellt. Aber sie sind gemacht. Und was gemacht ist, kann verändert werden. Sagt Aminata Touré über Awa Fall-Diop.
Liebe Freundinnen und Freunde,
sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Imme Scholz,
vor allem aber: liebe Awa Fall-Diop,
heute ehren wir Sie mit dem Anne Klein Frauenpreis. Ein Preis, der Frauen auszeichnet, die sich mit Klarheit, mit Mut und mit politischer Haltung für Gleichberechtigung einsetzen. Für starke Frauen, die Macht hinterfragen. Rechte erkämpfen und Räume öffnen. Für Frauen. Für Vielfalt. Für Demokratie. Und genau dafür stehen auch Sie.
Ich habe mich in Vorbereitung auf die Laudatio mit Ihrem Lebensweg beschäftigt. Mit Ihren politischen Kämpfen. Mit Ihren Erfolgen. Und auch mit den Widerständen, denen Sie begegnet sind. Sie sind Lehrerin. Gewerkschafterin. Gründerin zivilgesellschaftlicher Organisationen. Ehemalige Ministerin. Und heute Mentorin und Beraterin für unzählige Projekte und Initiativen.
Ihr Weg beeindruckt mich. Nicht, weil er geradlinig war. Sondern, weil er konsequent war. Sie sagen über sich selbst: „Ich bin als Feministin geboren.“ Das ist ein starker Satz. Er ist nicht theoretisch gemeint. Er meint die Erfahrungen, die Sie schon früh in Ihrem Leben gemacht haben.
„Ich bin als Feministin geboren."
Ihr Feminismus ist nicht erlernt. Er begann in Ihrer Familie. Bei Ihrer Mutter. Einer Frau, die nicht lesen und schreiben konnte. Die früh verwitwet war. Und die dennoch eine Entscheidung traf, die damals im Senegal alles andere als selbstverständlich war: Sie entschied sich für Unabhängigkeit. In einer Gesellschaft, in der von Witwen erwartet wurde, in die Familie zurückzukehren, führte sie eigenständig einen Haushalt. Sie traf eigene Entscheidungen.
Ich finde mich in Ihrer Geschichte wieder. Der Weg meiner Mutter war zwar ein anderer: aber dass sie zur Schule gehen und studieren konnte, war alles andere als selbstverständlich. Sie hat mir vorgelebt, was es bedeutet, stark und unabhängig zu sein. In einer Welt, die diesen Weg für einen selbst nicht vorgezeichnet hatte.
Würde beginnt dort, wo Frauen über sich selbst bestimmen.
Noch bevor Sie das Wort Feminismus kannten, wussten Sie, liebe Awa: Würde beginnt dort, wo Frauen über sich selbst bestimmen. Dieser Gedanke verbindet uns – über Kontinente hinweg. Feminismus beginnt im Alltag. Und genau dort haben Sie angesetzt. Sie haben 1977 als junge Französischlehrerin gearbeitet. Und Sie mussten feststellen: Männliche Kollegen erhalten Sozialleistungen für ihre Kinder.
Sie nicht. Nicht, weil Sie weniger leisten. Nicht, weil Sie weniger Verantwortung tragen. Sondern, weil Sie eine Frau sind.
Sie hätten sich damit abfinden können. Sie haben es nicht getan. Sie haben Mitstreiterinnen mobilisiert und Unterschriften gesammelt. Die Liste mit den Unterschriften wurde immer länger und der Druck wuchs. Die Gewerkschaften mussten sich positionieren und übernahmen letztendlich Ihre Forderung nach Gleichstellung. 1993 wurde das senegalesische Sozialversicherungssystem reformiert. Das war keine symbolische Geste. Das war strukturelle Veränderung.
In diesem Zusammenhang möchte ich eine Weggefährtin und Mitstreiterin von Ihnen zitieren – die feministische Soziologin Fatou Sow. Sie sagt:
„Les rapports de genre ne sont pas figés; ils se transforment dans les luttes sociales.“ Geschlechterverhältnisse sind nicht festgeschrieben. Sie verändern sich in sozialen Kämpfen.
Genau das zeigt Ihr Lebensweg. Sie haben nicht gewartet, bis sich Strukturen von selbst bewegen. Sie haben sie bewegt. Und darum geht es auch heute noch in unserer politischen Arbeit. Nicht Frauen sind das Problem. Nicht ihr Engagement, nicht ihre Lebensentscheidungen. Das Problem sind Strukturen, Männer, die Frauen systematisch benachteiligen.
Das Problem sind Strukturen, Männer, die Frauen systematisch benachteiligen.
Auch in Deutschland sehen wir: Gleichstellung braucht Gesetze. Sie braucht Durchhaltevermögen! Sie braucht politischen Willen. Das sehe ich in meiner täglichen Arbeit als Gleichstellungsministerin. Ihr politisches Wirken, liebe Awa, zeigt: Beharrlichkeit verändert Systeme.
Sie haben früh verstanden, dass gesellschaftliche Veränderung nicht erst im Parlament beginnt, sondern im Klassenzimmer. Sie haben Lehrpläne hinterfragt. Sie haben stereotype Darstellungen aufgebrochen. Sie haben sich dafür eingesetzt, dass Mädchen in Schulbüchern nicht nur als Köchinnen oder Tänzerinnen erscheinen, sondern als Ärztinnen, Ingenieurinnen, Ministerinnen.
Traditionen werden oft als naturgegeben dargestellt. Aber sie sind gemacht. Und was gemacht ist, kann verändert werden.
Diese Überzeugung teile ich mit Ihnen. Rollenbilder prägen Lebenswege. Und Lebenswege prägen Machtverhältnisse. 2005 wurden Sie Ministerin für parlamentarische Beziehungen. Mir wurde gesagt, dass Sie bei der Bezeichnung als Ministerin immer ein wenig abwinken. Und dass Sie nicht gerne lange über diese Zeit sprechen. Zu starr war das Protokoll und zu streng die Etikette. Mit Ihrer Rolle als Ministerin begann ein neuer Abschnitt für Sie. Und mit ihm neue Erwartungen. Neue Regeln. Neue Zuschreibungen.
Ich habe erfahren, dass man Ihnen damals erklärte, wie sich eine Ministerin zu verhalten habe. Wie sie aufzutreten habe. Was sich gehört – und was nicht. Ich kenne das zu gut! Was mir nicht alles nachgesagt wurde! Aber ich habe oft mit meiner Mutter darüber gesprochen. Sie hat mich immer bestärkt und gesagt: Amina, du bist stark! Ich bin stolz auf dich. Sag einfach „Na und?“ und mach weiter! Und das tue ich!
Sie haben gezeigt: Weibliche Führung muss sich nicht an Männern orientieren. Wir sehen ja, was Männer anrichten!
Als dürften Professionalität und Lebensfreude nicht zusammengehören. Auch das ist politisch. Denn die Frage, wer Macht ausübt, ist untrennbar verbunden mit der Frage, wie Macht aussehen darf. Ich wünsche mir – auch für uns in Deutschland – eine politische Kultur, in der Frauen nicht permanent ihre Ernsthaftigkeit beweisen müssen. In der Kompetenz nicht an Zurückhaltung gemessen wird. Sie haben gezeigt: Weibliche Führung muss sich nicht an Männern orientieren. Wir sehen ja, was Männer anrichten!
Wir leben in einer Zeit, in der feministische Errungenschaften weltweit unter Druck geraten. Rechte werden infrage gestellt.
Gleichstellung wird als Ideologie diffamiert. Geschlechtergerechtigkeit wird religiös oder kulturell instrumentalisiert. Sie erleben diese Entwicklungen in Westafrika mit besonderer Intensität. Feministinnen werden öffentlich angefeindet. Sie werden bedroht. Sie riskieren ihre Sicherheit, wenn sie für sexuelle und reproduktive Rechte eintreten.
Und trotzdem sprechen Sie, liebe Awa, weiterhin unbequeme Themen an. Sie arbeiten mit Sexarbeiterinnen. Mit Frauen, die Drogen konsumieren. Mit Menschen, die stigmatisiert werden. Sie gehen dorthin, wo Armut, Diskriminierung und Ausgrenzung zusammentreffen.
Feminismus darf nicht selektiv sein. Er ist inklusiv – oder er ist keiner.
Sie erinnern uns daran: Der Kampf für Frauenrechte ist untrennbar verbunden mit dem Kampf gegen jede Form von Diskriminierung. Wenn wir Gleichstellungspolitik machen, dann müssen wir sie intersektional machen! Mit Blick auf Frauen mit Migrationsgeschichte. Auf Alleinerziehende. Auf queere Menschen. Auf Frauen mit Behinderung. Auf arme Frauen. Sexarbeiterinnen und so viele mehr. Feminismus darf nicht selektiv sein. Er ist inklusiv – oder er ist keiner.
Was mich besonders an Ihnen beeindruckt: Sie verstehen Feminismus nicht als etwas, das der älteren Generation allein gehört. Es ist ein gemeinsamer Auftrag über Generationen hinweg. Sie suchen den Dialog mit jungen Aktivistinnen. Sie hören zu. Sie teilen Wissen. In Dakar nennen junge Feministinnen Sie „Tata Awa“. Tante Awa. Das ist mehr als eine liebevolle Bezeichnung. Es ist Ausdruck von Vertrauen.
In einer Welt, in der Macht oft verteidigt wird, teilen Sie sie. Auch das ist politische Größe.
Feministische Kämpfe sind lokal verankert – und zugleich global verbunden.
Der Anne Klein Frauenpreis steht für internationalen feministischen Austausch. Er erinnert uns daran: Feministische Kämpfe sind lokal verankert – und zugleich global verbunden. Ihr Lebensweg macht deutlich: Feminismus ist kein westlicher Export. Er ist kein kultureller Fremdkörper. Er ist zutiefst afrikanisch. Er ist zutiefst europäisch. Er ist zutiefst menschlich.
Gerade in Zeiten globaler Krisen brauchen wir diese Solidarität. Nicht als Symbol. Sondern als politische Praxis.
Liebe Awa, Sie erhalten diesen Preis für Ihre Klarheit. Für Ihre Beharrlichkeit. Für Ihren Mut. Für Ihre strategische Weitsicht. Sie erhalten ihn für Ihren jahrzehntelangen Einsatz für Geschlechtergerechtigkeit. Und für Ihre Fähigkeit, Menschen mitzunehmen.
Das Ziel bleibt – hier wie dort – dasselbe: Eine Gesellschaft, in der Frauen selbst bestimmen. In der Macht geteilt wird. In der Würde nicht verhandelbar ist. Wir arbeiten daran. In Deutschland. Und gemeinsam mit Partnerinnen weltweit.
Ich freue mich sehr, dass wir uns heute begegnet sind – und dass dieser Abend nicht nur eine Preisverleihung ist, sondern auch ein Anfang für weiteren Austausch.
Herzlichen Glückwunsch zu dieser Auszeichnung und für Ihre wertvolle Arbeit weiterhin alles Gute und Beharrlichkeit.
Vielen Dank.