Polnische Anti-Atomkraft-Bewegung: Die Erinnerung an Tschernobyl verblasst

Analyse

Vierzig Jahre nach Tschernobyl, das in Polen eine starke Anti-Atomkraft-Bewegung auslöste, plant das Land eine historische Kehrtwende: Neue Kernkraftwerke sollen entstehen, während die Erinnerung an die radioaktive Wolke über Warschau verblasst.

Luftansicht: stillgelegte AKW-Baustelle mit rechteckigen Wasserbecken, Gebäuderuinen und Wegen, umgeben von Bäumen und Grünflächen.
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Infolge der Tschernobyl-Katastrophe stillgelegte AKW-Baustelle von Żarnowiec, Polen.

Am 1. Mai 1986 fand in Warschau die jährliche Maikundgebung statt. Die Warschauer*innen jubelten auf den Straßen, während sich über ihnen eine radioaktive Wolke von der Ostgrenze über Polen ausbreitete.

Seit der Nuklearkatastrophe von Tschernobyl am 26. April 1986 sind 40 Jahre vergangen. Dieses Ereignis hat tiefe Spuren in der polnischen Mentalität hinterlassen. Mit der Zeit verblasst aber diese Erinnerung  – wie das gesamte Erbe des Kommunismus – und hat offenbar mit jedem Jahr weniger Bedeutung für die Debatte um die aktuelle Energiepolitik.

Im Jahr 1986 erkannten führende polnische Funktionäre schnell das hohe Risiko einer Strahlenbelastung und leiteten eine bemerkenswerte Präventionsmaßnahme gegen Schilddrüsenkrebs ein. Innerhalb von nur drei Tagen erhielten 18,5 Millionen Menschen eine Jodlösung. Gleichzeitig versuchte die polnische Regierung, die Explosion im Kernkraftwerk Tschernobyl herunterzuspielen, um die Feierlichkeiten zum 1..Mai, dem Tag der Arbeit, nicht zu stören. Die Katastrophe wurde erst am Abend des 28. April 1986, zwei Tage nach dem Unglück, in den Fernsehnachrichten kurz erwähnt. Dieser offensichtliche Versuch der Verharmlosung erschütterte Vertrauen in die Behörden und schuf einen fruchtbaren Boden für Anti-Atomkraft-Proteste und Demonstrationen.

Polens erster Forschungsreaktor "Ewa" geht 1958 an den Start

Die Geschichte der Kernenergie in Polen reicht bis in die 1950er Jahre zurück. Die ersten Pläne zum Bau von Kernkraftwerken in Polen entstanden 1956. Ursprünglich war der Bau eines Versuchskraftwerks mit einer Leistung von 200–300 MW an den Flüssen Narew und Bug vorgesehen. Im Jahr 1956 wurde das Amt des Regierungsbevollmächtigten für die Nutzung der Kernenergie (1973 in Amt für Atomenergie umbenannt) gegründet, das bis 1980 bestand. Polens erster Forschungsreaktor „Ewa“ wurde 1958 im Zentrum Otwock-Świerk in Betrieb genommen. Dies führte zum Aufblühen der Kernphysik als Wissenschaft, zur Etablierung dieses Fachgebiets an der Technischen Universität Warschau, zur Veröffentlichung wissenschaftlicher Artikel und zur Ausbildung von Fachkräften für die Nuklearindustrie. 1970 wurde der zweite polnische Forschungsreaktor „Maria“ gebaut. 1971 beschloss die polnische Regierung, mit dem Bau des ersten polnischen Kernkraftwerks zu beginnen, das mit sowjetischen WWER-440-Reaktoren ausgestattet sein sollte, und ein Jahr später, es in Żarnowiec in Pommern anzusiedeln, doch der Bau begann erst 1982. 

Der Bau des Kraftwerks in Żarnowiec dauerte bis 1989, wurde jedoch wegen der Katastrophe von Tschernobyl und der wachsenden Anti-Atomkraft-Proteste nie vollendet.

In den 1980er Jahren verfügte Polen bereits über eine Nuklearindustrie: Polnische Werke produzierten bereits Wärmetauscher für sowjetische WWER-440-Reaktoren, und Bauunternehmen waren am Bau von Kernkraftwerken in der UdSSR, in Ungarn, in der DDR und in der Tschechoslowakei beteiligt. Interessanterweise wurde das erste Gesetz zur Kernenergie, das „Atomgesetz“, erst vier Jahre nach Baubeginn in Żarnowiec im Jahr 1986 verabschiedet. Die Pläne waren damals ehrgeizig, denn neben Żarnowiec sollten in Polen weitere Kraftwerke gebaut werden. Der Bau des Kraftwerks in Żarnowiec dauerte bis 1989, wurde jedoch wegen der Katastrophe von Tschernobyl und der wachsenden Anti-Atomkraft-Proteste nie vollendet.

Tschernobyl hat massiven Einfluss auf Polens Umweltbewegungen

In Polen entstanden Umweltbewegungen erst in den 1980er Jahren, sie waren verbunden mit der „Solidarność“-Bewegung. Anfänglich beschäftigten sie sich jedoch eher mit den klassischen Umweltthemen wie der Luft- und Bodenverschmutzung. Vor der Katastrophe von Tschernobyl, Anfang der 1980er Jahre, wurden in Polen neben der demokratischen Oppositionsbewegung „Solidarność“ mehrere unabhängige Umweltorganisationen gegründet (WiP – Freiheit und Frieden; Polnischer Ökologischer Club (PKE); die Ökologisch-Friedensbewegung „Wolę Być“ (polnisch für: "Ich möchte lieber sein")). Die Behörden der Volksrepublik Polen erlaubten die Gründung unabhängiger Umweltverbände, da sie diese als notwendiges Ventil für die polnische Gesellschaft betrachteten und im Vergleich zu politischen Bewegungen als weniger gefährlich einschätzten. 

Ein gutes Beispiel für einen Anti-Atom-Protest vor der Katastrophe von Tschernobyl ist Wojciech Jarnias künstlerischer Protest (Performance) am Strand von Mrzeżyno im Jahr 1985, der darauf abzielte, die Aufmerksamkeit der Polen auf den nahegelegenen sowjetischen Militärstützpunkt zu lenken, auf dem Atomraketen stationiert waren. Aktivisten aus Schlesien schufen Skulpturen, die vor einer Atomkatastrophe warnten und die Abrüstung der kommunistischen und westlichen Bündnisse forderten. Der eigentliche Boom der Umweltbewegungen in Polen setzte aber erst nach der Katastrophe von Tschernobyl (26. April 1986) ein. Die Vertuschung der Katastrophe schuf einen fruchtbaren Boden für Anti-Atomkraft-Proteste und Demonstrationen. Innerhalb weniger Tage nach der Katastrophe von Tschernobyl gingen die Menschen in Warschau, Wroclaw, Krakau und in Gdansk auf die Straßen, organisiert von verschiedenen unabhängigen Vereinigungen. Im Großraum Gdansk wurden die Proteste gegen den Bau eines Kernkraftwerks in Żarnowiec besonders lautstark. Die Bewohnerund Bewohnerinnen der Region begannen, Informationsveranstaltungen zu organisieren, unabhängige Flugblätter zu verteilen und verlässliche Daten zur Sicherheit des Vorhabens zu fordern. Fragen nach den tatsächlichen Gefahren, den Notfallmaßnahmen und dem Grund, warum die Öffentlichkeit nicht früher über die potenziellen Risiken informiert worden war, wurden immer häufiger. 

Die Vertuschung der Katastrophe schuf einen fruchtbaren Boden für Anti-Atomkraft-Proteste und Demonstrationen. Innerhalb weniger Tage nach der Katastrophe von Tschernobyl gingen die Menschen auf die Straßen, organisiert von verschiedenen unabhängigen Vereinigungen.

Zwischen 1987 und 1989 gewannen die Proteste gegen Żarnowiec an Dynamik. In Gdansk und Gdynia wurden Demonstrationen organisiert, an der Baustelle fanden Mahnwachen statt, und in anderen polnischen Städten gab es Solidaritätsmärsche. Aktivist*innen der demokratischen Opposition, Intellektuelle, Künstler*innen und einige Geistliche schlossen sich den Protesten an. Es wurde immer deutlicher, dass der Widerstand gegen die Kernenergie mit einer breiteren Bewegung gegen die mangelnde Transparenz der Behörden der Volksrepublik Polen und gegen das politische System verbunden war. Eine wichtige Rolle spielte die Solidarność-Bewegung, die sich nach einer Phase des Kriegsrechts in der zweiten Hälfte der 1980er Jahre neu zu organisieren begann. Umweltfragen, darunter der Widerstand gegen die Kernenergie, wurden Teil eines breiteren Kampfes für Bürgerrechte und den Zugang zu Informationen. An vielen Arbeitsstätten und Universitäten wurden Versammlungen und Debatten über die Gefahren der Kernenergie organisiert. Es kam auch zu Hungerstreiks, unter anderem in Gdansk, mit der Forderung nach einem Baustopp in Żarnowiec und unabhängigen Expertengutachten.

Demonstration gegen den Bau des Kernkraftwerks in Żarnowiec, Danzig, 1989.
Demonstration der Bewegung „Freiheit und Frieden“ (WiP) gegen den Bau des Kernkraftwerks in Żarnowiec, Danzig, Długi Targ Straße, März 1989.

In den Jahren 1988 und 1989, in einer Zeit sich verschärfender Arbeiterstreiks und einer sich vertiefenden Wirtschaftskrise, wurde die Frage um Żarnowiec zum Symbol eines umfassenderen Konflikts zwischen der Gesellschaft und den Behörden. Die Anti-Atomkraft-Proteste waren Teil einer Welle sozialer Unruhen, die schließlich Anfang 1989 zu den Rundtischgesprächen führten. An diesen Gesprächen, an denen Vertreter der Behörden der Volksrepublik Polen und der von Lech Wałęsa angeführten Opposition teilnahmen, waren Umweltfragen zwar nicht das Hauptverhandlungsthema, aber die Mobilisierung rund um Żarnowiec wurde zum Teil eines umfassenderen Demokratisierungsprozesses im Land.

Nach den teilweise freien Wahlen vom 4. Juni 1989 und der Ernennung der Regierung unter Tadeusz Mazowiecki wurde die Frage des Baus eines Kernkraftwerks erneut geprüft. Angesichts einer schwierigen wirtschaftlichen Lage, steigender Investitionskosten und starker öffentlicher Opposition wurde 1990 beschlossen, den Bau des Kraftwerks in Żarnowiec auszusetzen. Letztendlich wurde das Projekt endgültig gestrichen, was viele Beobachter*innen als einen der größten Erfolge der Anti-Atomkraft-Bewegung in Mittel- und Osteuropa betrachteten. Im Jahr 1990 fand in der Woiwodschaft (Anm. d. Red.: polnische Verwaltungsbezirke) Gdansk zudem ein lokales Referendum über die Fortsetzung des Kraftwerksbaus statt. Die Mehrheit der Wähler und Wählerinnen sprach sich gegen das Projekt aus, was die politische Entscheidung zur Stilllegung weiter stärkte. Dies war eines der ersten Beispiele für den Einsatz von Mechanismen der direkten Demokratie in der Dritten Republik Polen in einer energiepolitischen Angelegenheit.

Kundgebung gegen den Bau des Kernkraftwerks in Żarnowiec, Danzig, April 1989.
Kundgebung gegen den Bau des Kernkraftwerks in Żarnowiec, Danzig, Platz der Volksversammlung (Plac Zebrań Ludowych), 22. April 1989.

Nach dem politischen Wandel verändert sich auch die Anti-Atomkraft-Bewegungen im Land

Nachdem der Bau von Żarnowiec in Polen für ausgesetzt worden war, war die Rückkehr zur Kernenergie praktisch kein Thema mehr. Das Thema tauchte sporadisch in strategischen Dokumenten auf, löste jedoch weder große öffentliche Aufregung noch Massenproteste aus. So benannte das Ministerium für Wirtschaft und Arbeit im Jahr 2005 die Kernenergie lediglich als eine der möglichen Optionen im künftigen Energiemix des Landes. Das Thema kehrte erst unter der Regierung von Donald Tusk in die öffentliche Debatte zurück. Im Jahr 2009 kündigte die Regierung ihre Absicht an, die Kernenergie im Land wieder zu entwickeln, und 2014 wurde das Polnische Kernenergieprogramm (PPEJ) verabschiedet. Dieses Dokument sah den Bau des ersten Kernkraftwerks in Polen sowie die Schaffung der gesamten institutionellen und rechtlichen Infrastruktur für die Entwicklung der Kernenergie vor. Zu den in Betracht gezogenen Standorten gehörte erneut Żarnowiec, ein Symbol für ein unvollendetes Investitionsvorhaben aus der kommunistischen Ära, sowie weitere Standorte in Pommern, darunter Lubiatowo-Kopalino und die Umgebung von Choczewo. 

Das Thema Atomkraft kehrte erst unter der Regierung von Donald Tusk in die öffentliche Debatte zurück.

Die Rückkehr des Themas Kernenergie löste auch die ersten lokalen öffentlichen Proteste seit Jahren aus. Das bekannteste Beispiel war der Protest der Einwohner*innen von Gąski in der Gemeinde Mielno, die als ein möglicher Standort für das Kraftwerk von der Regierung geprüft wurde. Im Jahr 2012 fand dort ein lokales Referendum statt, bei dem sich die überwiegende Mehrheit der Einwohner*innen gegen den Bau eines Kernkraftwerks aussprach. Auch in anderen Küstenstädten kam es zu Protesten, und einige Umweltorganisationen versuchten, die Anti-Atomkraft-Bewegung wiederzubeleben. Dennoch waren diese Proteste hauptsächlich lokaler Natur und entwickelten sich nicht zu einer landesweiten sozialen Bewegung im Ausmaß der 1980er Jahre. Die Situation änderte sich mit der Verabschiedung des Dokuments PEP2040 (Polnische Energiepolitik 2040) durch die PiS-Regierung und dem aktualisierten Kernenergieprogramm, das während der Amtszeit von Michał Kurtyka als Klimaminister ausgearbeitet wurde. Diese Dokumente enthielten einen ehrgeizigen Plan zum Bau mehrerer großer Kernkraftwerksblöcke, letztlich sechs Reaktoren mit einer Gesamtleistung von etwa 6–9 GW, die in zwei Kernkraftwerken errichtet werden sollten. Gleichzeitig war auch von der Entwicklung kleiner modularer Reaktoren (SMR) die Rede, die in großen Industrieanlagen gebaut werden und die Kohleverstromung in Industrieregionen ersetzen könnten.

Mehrere Personen stehen auf der beschädigten Schutzhülle des havarierten Tschernobyl-Reaktors; nahe der Mitte ist ein Loch. Weitere Personen sitzen am Rand.

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Nach dem Regierungswechsel im Jahr 2023 hielt die neue Regierung unter Donald Tusk an ihren Plänen zum Bau von Kernkraftwerken fest und beschloss, diese fortzusetzen. Der Bau des ersten Kraftwerks in Pommern, in der Gemeinde Choczewo am Standort Lubiatowo-Kopalino, in Zusammenarbeit mit dem amerikanischen Unternehmen Westinghouse wurde offiziell genehmigt. Das Projekt erhielt zudem die Genehmigung der Europäischen Kommission für staatliche Beihilfen, was den Weg für seine Umsetzung ebnete. Die aktuellen Pläne der Regierung sehen den Bau von zwei Kernkraftwerken in Polen vor, wobei bislang nur das erste formell genehmigt wurde.

Wie steht die polnische Gesellschaft heute zur Kernenergie?

Es ist bezeichnend, dass es in Polen heute keine breite öffentliche Debatte zum Thema Kernenergie gibt. Es gibt keine Massenproteste. Es gibt keine landesweite Anti-Atomkraft-Bewegung in der Form, wie sie in den 1980er Jahren existierte. Tatsächlich ist die Anti-Atomkraft-Bewegung schon lange keine bedeutende gesellschaftliche Kraft mehr. Sie konzentriert sich auf einzelne Personen, die Grüne Partei und eine lokale Initiative in Pommern namens Bałtyckie SOS (Baltic SOS). Zudem ist anzumerken, dass es in Polen mittlerweile mehr Bewegungen gibt, die die Kernenergie befürworten, als solche, die sie ablehnen. Unter Klimaaktivist*innen dominieren pro-nukleare Haltungen. Dies ist vor allem der linken Partei Razem zu verdanken, die offen ihre pro-nukleare Haltung vertritt und ihr Publikum hauptsächlich unter jungen und mittleren Altersgruppen findet. 

Das Hauptargument für Kernenergie ist die Energiesicherheit, insbesondere vor dem Hintergrund des Krieges in der Ukraine und geopolitischer Spannungen.

Die Unterstützung für die Kernenergie nimmt seit vielen Jahren stetig zu. Der Anteil der Befürworter*innen des Baus von Kernkraftwerken in Polen stieg von 39 Prozent im Mai 2021 auf 75 Prozent im Jahr 2022. 13 Prozent der Befragten lehnen den Bau ab, und 12 Prozent haben keine Meinung zu diesem Thema (CBOS, 2022). Die Umfrage ergab, dass unter den Befragten mit rechtsgerichteten (83 Prozent), linksgerichteten (75 Prozent) und zentristischen (76 Prozent) Ansichten eine positive Einstellung gegenüber der Entwicklung der Kernenergie vorherrscht. Die geäußerten Bedenken beziehen sich hauptsächlich auf die potenziellen Risiken, die mit dem Betrieb von Kernkraftwerken verbunden sind. Die meisten Menschen verweisen auf die Möglichkeit eines Ausfalls, einer Beschädigung, einer Explosion oder eines Unfalls in einem Kraftwerk. Die Umfrage wurde zwischen dem 7. und 17. November 2022 an einer Stichprobe von 1.038 Personen durchgeführt. Die jüngste ministerielle Meinungsumfrage vom 26. Januar 2026 zeigt eine noch höhere Zustimmung: 92 Prozent der Polen sprechen sich für den Bau eines Kernkraftwerks in Polen aus. Nach Angaben von Vertretern des Energieministeriums ist dies ein Rekordwert für die Zustimmung zur Kernenergie in der Geschichte der Meinungsumfragen.

Die Debatte über die Kernenergie wurde 2005 unter der PiS-Regierung wiederbelebt, ist jedoch derzeit weitgehend technokratischer Natur. Das Hauptargument für den Ausbau der Kernenergie ist die Energiesicherheit, insbesondere vor dem Hintergrund des Krieges in der Ukraine und geopolitischer Spannungen. Der Investitionsplanungsprozess ist jedoch alles andere als partizipativ. Es fehlt ein breiter Dialog mit der Zivilgesellschaft, und Entscheidungen werden zentral getroffen. Die Einwohner der Gemeinde Choczewo, wo Polens erstes Kernkraftwerk gebaut werden soll, sowie der Nachbargemeinden Gniewino und Krokowa unterstützen das Projekt mehrheitlich – Medienberichten zufolge liegt die Zustimmung dort bei rund 75 Prozent. Proteste der lokalen Organisation Bałtyckie SOS, die einen Rückgang des Tourismus und die Zerstörung der lokalen Natur befürchtet (in der Nähe befinden sich Natura-2000-Schutzgebiete), werden das Projekt wohl kaum aufhalten. Angesichts der Diskussionen über Energiesicherheit wird die Herkunft des Urans in Polen selten thematisiert. Es gibt keine größere öffentliche Debatte über dessen Abbau oder Importziele. In einer Situation geopolitischer Spannungen mag sich die Abhängigkeit von außereuropäischen Ländern als riskant erweisen, doch dieses Thema bleibt am Rande der Debatte.

Die Erinnerungen an Tschernobyl verblassen allmählich. Für die jüngere Generation ist es keine persönliche Erfahrung mehr, sondern Geschichte. Die Zeit wird zeigen, ob Choczewo zum Symbol für ein neues Kapitel in der polnischen Energiepolitik wird oder ob es das Schicksal von Żarnowiec als unvollendetes Projekt teilen wird.


Literaturverzeichnis: 

Borowicz, T., Szulecki, K., Waluszko, J. (2020). „Keine Atomkraft in unserem Haus.“ Anti-Atomkraft-Proteste in Polen nach 1985. Danzig: Europäisches Solidaritätszentrum.

Zentrales Amt für Meinungsforschung (CBOS). (2022). Meinungen zur Kernenergie in Polen. Warschau.

Ministerium für Klima und Umwelt. (2020). Polens Energiepolitik bis 2040 (PEP2040). Warschau.

Ministerium für Wirtschaft. (2014). Polnisches Kernenergieprogramm. Warschau.

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