Energie prägt Klimapolitik, Demokratie und geopolitische Machtverhältnisse mittlerweile gleichermaßen. Gabriel Boric argumentiert, dass die grüne Wende nur dann gelingen wird, wenn Europa und der Globale Süden faire technologische Partnerschaften aufbauen.
Die Energie, die die Welt bewegt
Guten Morgen an alle. Ich schließe mich den Begrüßungen an und danke für die Einladung, Teil dieses Forums zu sein, um ein Thema von größter Bedeutung zu diskutieren: Energie.
Jahrzehnte wissenschaftlicher Erkenntnisse belegen mit hoher Sicherheit, dass die Verbrennung fossiler Brennstoffe die Hauptursache für die globale Erwärmung ist. Zwar gibt es weiterhin technische Debatten über das genaue Ausmaß, die Geschwindigkeit und die regionalen Auswirkungen dieses Phänomens, doch besteht in der Wissenschaft ein breiter Konsens über den kausalen Zusammenhang zwischen fossilen Brennstoffen und dem Klimawandel.
Es besteht auch Einigkeit darüber, dass der Klimawandel hohe wirtschaftliche und soziale Kosten verursacht: Naturkatastrophen, Verlust landwirtschaftlicher und arbeitsbezogener Produktivität, Druck auf Gesundheitssysteme und staatliche Finanzen, wachsende Ungleichheit sowie Risiken für das globale Finanzsystem. Verschiedene Studien kommen zu dem Schluss, dass die wirtschaftlichen Kosten des Nicht-Handelns die Kosten für Anpassung und Energiewende bei Weitem übersteigen werden.
Diese Krise verschärfte sich im Winter 2022, als Millionen europäischer Familien einer Realität gegenüberstanden, die im 21. Jahrhundert nicht existieren sollte: ohne Heizung auskommen zu müssen. Gleichzeitig sahen in Lateinamerika Familien der Mittelschicht, wie ihre Stromrechnungen einen immer größeren Teil ihrer Gehälter verschlangen – bedingt durch die steigenden internationalen Ölpreise. In Afrika hatten immer noch 600 Millionen Menschen keinen Zugang zu zuverlässiger Elektrizität und litten unter ähnlichen Folgen.
Heute wiederholt sich diese Krise mit anderen Akteuren, die sich – unabhängig von den Konsequenzen – dafür entschieden haben, das Leben der Menschen weltweit zu erschweren.
Eine globale Krise, zwei Kriege auf drei Kontinenten, eine gemeinsame Wurzel: Energie ist nicht nur ein produktiver Input. Sie ist der Kern des Haushaltslebens, das Rückgrat staatlicher Souveränität und heute die tiefste Bruchlinie der globalen Geopolitik.
Aus dieser Überzeugung heraus möchte ich heute zu Ihnen sprechen.
Die neue Energieordnung: Eine globale tektonische Bruchlinie
Jahrzehntelang hatte die Weltordnung eine Hauptachse: die transatlantische Beziehung zwischen Europa und den Vereinigten Staaten. Es war eine unvollkommene Achse, geprägt von Asymmetrien, aber sie war berechenbar. Sie hatte stillschweigende Regeln der Unterstützung und schriftlich festgelegte, im Grunde abschreckende. Einige dieser Regeln sind nicht mehr akzeptabel, wie etwa die bedingungslose Unterstützung Israels. Doch auf dieser Achse wurde ein Großteil der multilateralen Architektur geschaffen, die wir heute kennen: das System der Vereinten Nationen, Handelsabkommen, internationale Finanzinstitutionen und das Pariser Abkommen selbst.
Diese Achse bricht auseinander. Und Energie ist das Epizentrum der Spaltung.
Die Trump-Administration hat ihre Agenda nicht verborgen: „American Energy Dominance“. Es ist eine brutale, ehrliche Strategie. Die Vereinigten Staaten wandelten sich von einem großen Nettoimporteur zu einem Nettoexporteur von Energie im Jahr 2019, vor allem aufgrund des Booms bei Schieferöl und Schiefergas durch Fracking. Infolgedessen verfügt das Land über enorme Öl- und Gasreserven, zu denen es das Öl Venezuelas hinzufügen will – des Landes mit den größten Reserven der Welt.
Nun sehen wir, wie die USA diese als geopolitisches Instrument einsetzen: durch Maximierung der Förderung und des Exports fossiler Brennstoffe, um Verbündete und Rivalen in eine Energieabhängigkeit amerikanischen Ursprungs zu zwingen: durch Druck auf Europa, amerikanisches Flüssigerdgas (LNG) zu kaufen, durch das Angebot von Kohle und LNG an Afrika und Asien als Lösung für Energiearmut und durch den Abbau aller inländischen Förderung für erneuerbare Energien.
Das ist keine Unwissenheit. Es ist eine bewusste Wette darauf, eine Weltordnung aufrechtzuerhalten, in der die Macht in den Händen derer konzentriert ist, die fossile Brennstoffe kontrollieren. Der Austritt aus dem Pariser Abkommen ist kein Zufall – er ist die logische Konsequenz dieser Vision.
Hinzu kommt, dass China zu einem zentralen Akteur im globalen Energiewandel geworden ist, weil es gleichzeitig die Herstellung von Technologien für erneuerbare Energien sowie die Verarbeitung kritischer Mineralien beherrscht, die für saubere Energie unverzichtbar sind. China ist weltweit führend in der Produktion von Solarmodulen, Batterien, Elektrofahrzeugen und Windkraftkomponenten und kontrolliert zudem einen Großteil der Raffination von Kupfer, Lithium, Kobalt, Graphit und Seltenen Erden, die in der Energiespeicherung, der Elektromobilität und Stromnetzen verwendet werden. Infolgedessen hängt ein großer Teil des globalen Ausbaus erneuerbarer Energien derzeit von industriellen und technologischen Fähigkeiten ab, die von China entwickelt wurden.
Es gibt einen zusätzlichen Faktor, der in Diskussionen über Energiegeopolitik selten vorkommt, der meiner Meinung nach aber in den kommenden Jahren dominieren wird: künstliche Intelligenz (KI).
Der Hauptengpass für die Entwicklung von KI ist nicht menschliches Talent oder Kapital – es ist Energie. Die Rechenzentren, die große Sprachmodelle, Cloud-Computing, Bildverarbeitungssysteme und die Massenverarbeitung von Informationen betreiben, verbrauchen Strommengen, die sich alle paar Jahre verdoppeln oder verdreifachen. Selbst die konservativsten Prognosen gehen davon aus, dass der Energiebedarf von KI innerhalb des nächsten Jahrzehnts den ganzer Länder übersteigen wird.
Daraus ergeben sich zwei direkte Konsequenzen für diese Debatte. Erstens: Wer die Energie kontrolliert, kontrolliert die KI. Nicht nur als Metapher, sondern als wirtschaftliche Realität. Trumps „Dominanz fossiler Energie“ ist nicht nur eine rückwärtsgewandte Klimapolitik – sie ist auch eine Strategie für technologische Vorherrschaft. Die globale Energieabhängigkeit von amerikanischen fossilen Brennstoffen zu verankern bedeutet auch, die globale technologische Abhängigkeit von amerikanischen Unternehmen zu verankern, die von dieser Energie profitieren. Zweitens: KI ist gleichzeitig eine geopolitische Waffe und ein wirtschaftlicher Multiplikator. Länder, die zuerst Zugang dazu erhalten, werden Wettbewerbsvorteile in Bereichen von der Medizin bis zur Landwirtschaft, von der Industrie bis zur Finanzwirtschaft haben. Diejenigen, die keinen Zugang dazu erhalten – oder nur unter Abhängigkeitsbedingungen – werden zu Konsumenten ausländischer Technologie, nicht zu Produzenten eigener.
Das alte Muster, von dem wir in Lateinamerika sprechen – wir liefern die Rohstoffe, Sie liefern die Wertschöpfung – wird nun im digitalen Bereich reproduziert.
Der Energiestreit, den dieses Forum diskutiert, betrifft nicht nur das Klima. Es geht darum, wer das 21. Jahrhundert definieren wird.
Europas Rolle: Eine neue Geschichte
Angesichts dessen muss sich Europa als Alternative positionieren: nachhaltige Energiezusammenarbeit, der Europäische Green Deal, die Global Gateway. Die Frage, die sich dieses Forum stellen muss – und die ich mir selbst als Vertreter des Globalen Südens stelle – ist nicht, ob Europa mit seiner Diagnose recht hat. Das tut es. Die Frage ist, ob Europa seinem eigenen Versprechen gerecht werden wird.
Länder des Globalen Südens wie Chile erleiden die schmerzhaftesten Folgen des Klimawandels, während wir unseren Weg zur Entwicklung suchen. Ein Globaler Süden, der durch einen geografischen Zufall auch ein wichtiger Anbieter von nicht-konventioneller erneuerbarer Energie, grünen Kraftstoffen und den kritischen Mineralien ist, die für die Energiewende benötigt werden. Deshalb sind wir das Ziel von Investitionen aus allen Industrieländern, insbesondere aus China und den Vereinigten Staaten.
Unsere Absicht – und Notwendigkeit – ist es, aktive Subjekte und nicht passive Objekte dieser neuen Ordnung zu sein, die gerade entsteht. Wir sind das Schlachtfeld. Aber wir spielen auch mit.
Eine neue Geschichte mit Europa
Die Beziehung zwischen Lateinamerika und Europa hat zwei Geschichten: eine traurige und eine, die wir noch schreiben.
Die traurige Geschichte kennen wir gut: Jahrhundertelang exportierte Lateinamerika Silber, Guano, Salpeter, Kupfer und Öl. Wir exportierten Reichtum, erreichten aber keine Entwicklung. Jedes Mal, wenn die Welt einen neuen Rohstoff benötigte, wurden unsere Länder zu Lieferanten. Und fast immer war das Muster dasselbe: Wir stellten die natürlichen Ressourcen bereit, bauten aber nicht die Kapazitäten auf, um Wissen und Technologie zu generieren – die den Mehrwert schaffen, der die Gewinne aus natürlichen Ressourcen steigert und sichert.
Die gute Nachricht ist, dass es heute eine historische Chance gibt, eine andere Geschichte zu schreiben. Die schlechte Nachricht ist, dass diese Chance vertan werden kann, wenn die neue Energiezusammenarbeit das alte Muster mit einem anderen Rohstoff reproduziert: Wenn Öl durch saubere Energie und Elektromobilität ersetzt wird, sich aber an der Verteilung des Fortschritts nichts ändert.
Die neue Energiezusammenarbeit muss strukturell anders sein, nicht nur rhetorisch. Sie muss auf Gleichberechtigung und nicht auf Unterordnung basieren. Auf der Bewältigung gemeinsamer Herausforderungen, die der globalen Entwicklung – insbesondere in den am wenigsten entwickelten Ländern – Nachhaltigkeit verleihen. Dafür ist es notwendig, neue Technologien zu entwickeln und zu übertragen.
Ein gutes Beispiel sind die Elektrolyseure, die für die Produktion von grünem Wasserstoff und seinen Derivaten benötigt werden, die voraussichtlich zu einer primären Quelle für den Ersatz fossiler Brennstoffe werden. In diesem Bereich stehen Europa, Chile und andere Länder des Südens vor gemeinsamen Herausforderungen – wie etwa Elektrolyseure effizienter und günstiger zu produzieren. Aktuell hat China einen Vorteil, weil es Zugang zu günstigeren Elektrolyseuren hat, die anderswo auf der Welt nicht zum gleichen Preis erhältlich sind.
Hier würde eine technologische Zusammenarbeit zwischen der EU und Chile oder Lateinamerika enorme Vorteile für beide Seiten bringen und die geopolitische Sicherheit stärken.
Ein Voranschreiten in diese Richtung ist nicht nur für die Entwicklung beider Seiten entscheidend, sondern auch für die Demokratie. In meiner Regierung ließen wir uns von der Überzeugung leiten, dass es ohne Demokratie keine Entwicklung gibt und ohne Entwicklung keine stabile Demokratie. Der Zorn von Gesellschaften, die sich entrechtet fühlen, ist der Nährboden für Autoritarismus. Und Autoritarismus, wie wir gesehen haben, geht Hand in Hand mit Klimaleugnung.
Deshalb lautet die Frage nicht nur: Ist die Energie grün? Die Frage lautet: Wem gehört sie? Wer profitiert davon? Für wen und wofür wird sie aufgebaut?
Chile als Inspiration
Erlauben Sie mir, nun aus der konkreten Erfahrung des Regierens zu sprechen.
Chile besitzt 23 Prozent der weltweiten Lithiumreserven. Es beherbergt das größte Kupfer exportierende Unternehmen der Welt, die Atacama-Wüste – mit der höchsten Sonneneinstrahlung des Planeten – und Wind in Patagonien. In einer Welt, die für ihre Energiewende kritische Mineralien und erneuerbare Energien benötigt, hat Chile das, wonach die Welt sucht.
Während unserer Amtszeit haben wir verschiedene Maßnahmen gefördert, um der Welt das zu bieten, was sie braucht, und gleichzeitig die nachhaltige Entwicklung des Landes zu stärken. So sieht etwa die Nationale Lithiumstrategie den chilenischen Staat im Mittelpunkt, wobei CODELCO – das größte staatliche Kupferunternehmen der Welt – die Lithiumförderung anführt. Nicht, um uns von der Welt abzuschotten, sondern um aus einer anderen Position heraus zu verhandeln: Mit Souveränität über die Ressource investieren wir in Wertschöpfung, mit eigener Technologie und industrieller Entwicklung, um Kapazitäten aufzubauen.
Die Nationale Lithiumstrategie war weit mehr als eine Veränderung der Rolle des Staates. Es war eine Wette auf ein Entwicklungsmodell, das sich vom klassischen Extraktivismus unterscheidet. Ich fasse es hier in wenigen Worten zusammen, doch es umfasst eine grundlegende Diskussion darüber, was für ein Land wir sein wollen.
Chilenisches Lithium wird aus den Salzwüsten des Nordens gefördert, einzigartigen und unersetzlichen Ökosystemen, die eine außergewöhnliche Biodiversität beherbergen und indigene Gemeinschaften, die historische Rechte über diese Gebiete besitzen. Deshalb haben wir neben der Neudefinition, wer die Ressource kontrolliert, ein Netzwerk geschützter Salzwüsten eingerichtet: Gebiete, in denen der Abbau nicht deshalb verboten ist, weil es dort kein Lithium gibt, sondern weil es Dinge gibt, die wertvoller sind als Lithium. Diese Entscheidung stieß auf Widerstand. Aber sie war die richtige.
Wir haben auch festgelegt, dass der Staat nicht nur Anteilseigner sein würde – er sollte der Motor der Entwicklung sein. Die durch Lithium generierten Einnahmen müssen die Transformationen finanzieren, die Chile benötigt, um sich von seinen natürlichen Ressourcen unabhängig zu machen. Das Lithium von heute muss die Wissensindustrie von morgen finanzieren.
Aus diesem Grund haben wir das Nationale Institut für Lithium und Salzwüsten geschaffen, damit Chile eigenes wissenschaftliches Wissen über seine Ressourcen aufbauen kann: nicht nur, um sie abzubauen, sondern um sie zu verstehen, zu modellieren und zu schützen. Denn das Wissen über chilenisches Lithium darf nicht ausschließlich in den Händen der Unternehmen liegen, die es abbauen.
Wir haben auch eine Strategie für die Entwicklung von grünem Wasserstoff und seinen Derivaten definiert und den ersten Umsetzungsplan gestartet. Uns ist bewusst, dass sich die Nachfrage nach grünem Wasserstoff im Laufe der Zeit verändert hat, teilweise aufgrund von Entscheidungen der Trump-Administration, doch besteht Einigkeit darüber, dass die Nachfrage deutlich steigen wird, um zu einer der großen Lösungen im Kampf gegen den Klimawandel zu werden. In diesem Bereich haben wir ebenfalls investiert, um die Industrie lebensfähig zu machen und das Wissen zu schaffen, das notwendig ist, um ihre Wertschöpfungskette zu stärken.
Das ist der Unterschied zwischen einem Labor und einem Steinbruch: Nicht nur mehr für die Ressource zu verlangen, sondern die Fähigkeit aufzubauen, diese Ressourcen zu verstehen, ihnen Mehrwert zu geben und souverän über ihr Schicksal zu entscheiden.
Diese Logik hat noch eine weitere, möglicherweise überraschende Referenz: das CERN. Die Schweiz hat kein Lithium. Kein Öl. Keine bedeutenden natürlichen Ressourcen. Doch sie hat den institutionellen Rahmen, das Humankapital und die internationalen Abkommen geschaffen, um das weltweit wichtigste Labor für Teilchenphysik zu beherbergen.
Während meiner Amtszeit ist Chile diesem großen Teilchenlabor beigetreten, ein Beitritt, der unseren Unternehmen, Universitäten und Institutionen Zugang zu internationalen Ausschreibungen verschafft, die direkten Wert in unserem technologischen Ökosystem schaffen werden. Wenn wir diese Ausschreibungen gewinnen, werden wir Hochtechnologieprodukte exportieren, und es wird uns auch den Zugang zu Patenten ermöglichen, die uns bisher nicht bekannt waren.
Chile, so hoffe ich, zusammen mit der Europäischen Union, kann im Bereich der Energiewende-Technologien etwas Ähnliches leisten. Nicht, indem wir versuchen, alles allein zu schaffen, sondern indem wir zu einem Knotenpunkt in einem Netzwerk wissenschaftlicher und industrieller Zusammenarbeit werden, das Technologie aus und mit Südamerika entwickelt. Indem wir die Institutionen, Produktionsketten und Abkommen identifizieren, die es ermöglichen, dass der Wert der Energiewende zumindest teilweise in den Ländern verbleibt, die die Ressourcen bereitstellen.
Dafür braucht es Partner, die den Unterschied verstehen zwischen dem Kauf von Ressourcen und dem Aufbau von Kapazitäten. Zwischen einer Lieferanten-Kunden-Beziehung und einer Partnerschaft. Europa kann mit seiner Tradition wissenschaftlicher und industrieller Zusammenarbeit, seinen Universitäten, Forschungszentren und seiner Erfahrung in der Industriepolitik dieser Partner sein. Wenn es sich dafür entscheidet.
Schluss: Was für ein Partner will Europa sein?
Die Welt organisiert sich neu. Die Energiewende ist keine Option – sie ist eine physikalische, klimatische und zunehmend wirtschaftliche Notwendigkeit. Erneuerbare Energien sind heute in vielen Fällen die günstigste Option und auch die sicherste, um die steigenden Lebenshaltungskosten für die Menschen zu vermeiden.
Doch dieser Wandel kann auf zwei sehr unterschiedliche Arten stattfinden: Er kann so ablaufen, dass die globale Energiemacht dezentralisiert, die Gewinne gerechter verteilt, Familien begünstigt, Demokratien gestärkt und multilaterale Institutionen gefestigt werden. Oder er kann so ablaufen, dass die Abhängigkeit von Öl aus dem Persischen Golf einfach durch die Abhängigkeit von einem anderen global hegemonialen Land ersetzt wird, ohne dass sich etwas an der zugrundeliegenden Machtstruktur ändert.
Diese Wahl liegt nicht allein bei uns. Sie liegt auch bei Ihnen.
Deutschland, das jahrzehntelang die Entwicklungszusammenarbeit als Säule seiner Außenpolitik unterstützt hat. Europa, das sich als Alternative zu Trumps Modell der Dominanz fossiler Brennstoffe präsentiert.
Angesichts dieser Herausforderung fallen echte Zusammenarbeit und Eigeninteresse zusammen. Die EU – und insbesondere Deutschland – benötigen saubere und bezahlbare Energie. Die gemeinsame Entwicklung der erforderlichen Technologien kommt beiden Seiten zugute.
Und es gibt noch etwas, das ich hier, in diesem Raum, mit der Ehrlichkeit sagen möchte, die ein Forum wie dieses ermöglicht: Europa steckt mitten in einer Debatte über seinen eigenen Haushalt. Die Invasion in der Ukraine, der Rückzug der Vereinigten Staaten als Garant für die Sicherheit des Kontinents und Trumps Druck auf Europa, sich aufzurüsten, haben die europäischen Regierungen dazu veranlasst, die Verteidigungsausgaben massiv zu erhöhen. Ich verstehe das. Es ist eine souveräne Entscheidung Europas, und es gibt legitime Argumente dafür.
Doch ich mache mir Sorgen über das, was auf der anderen Seite der Gleichung passiert: Die europäische Zusammenarbeit – die Entwicklungszusammenarbeit, die Programme für die Energiewende mit dem Globalen Süden, die Klimafinanzierung – droht tiefgreifend gekürzt zu werden, um Platz für die Militärausgaben zu schaffen. Und das wäre ein tiefer strategischer Fehler.
Wenn Europa in die Verteidigung investiert, um seine Sicherheit zu schützen, und gleichzeitig die Instrumente der Zusammenarbeit abbaut, die seine eigene Sicherheit und die seiner Partner aufbauen, dann ist das Nettoergebnis nicht mehr Sicherheit – sondern mehr Instabilität, mehr fruchtbarer Boden für andere Mächte (mit weniger Skrupeln in Fragen von Souveränität und Rechten), um die Lücke zu füllen.
Investitionen in die Verteidigung dürfen nicht den Abbau des europäischen Zusammenarbeitssystems bedeuten. Denn dieses System ist kein Akt der Wohltätigkeit – es ist die klügste Investition, die Europa in einer multipolaren Welt tätigen kann, in der echte Allianzen durch Taten und nicht durch Worte geschaffen werden.
Was der Globale Süden braucht, ist nicht mehr Partnerschaftsrhetorik. Er braucht echte technologische Entwicklung, die Mehrwert, Arbeitsplätze und Kapazitäten im Süden schafft.
Das historische Fenster ist geöffnet. Die Frage ist, ob wir den politischen Mut haben, es gemeinsam und auf Augenhöhe zu durchschreiten.
Diese Rede hielt Gabriel Boric auf dem Berlin Forum on Global Cooperation 2026.