Wie können Überlebende sexualisierter Gewalt im Krieg und danach unterstützt werden? Drei herausragende Expertinnen: Lina Kushch, Ukraine, Dr. Feride Rushiti, Kosovo und Ajna Mahmić Ćatić Bosnien und Herzegowina, teilen ihre Erfahrungen von Region zu Region zu Gerechtigkeit, Reparationen und bedürfnisorientierter Fürsorge.
Übersetzt mit DeepL.
Originalsprache ist English
Konfliktbezogene sexualisierte Gewalt (CRSV) ist in Kriegen keine Ausnahme, sie ist eine Konstante. In nahezu jedem bewaffneten Konflikt der Geschichte bis heute dokumentiert, zählt sie zu den am meisten verschwiegenen und tabuisierten Folgen von Krieg. Vergewaltigung ist kein zufälliges Nebenprodukt von Konflikten, sie ist eine Waffe, die Einzelpersonen, Frauen, Männer, Kinder, Familien und ganze Gemeinschaften zerstört.
Was braucht es, um rechtliche Anerkennung in gelebte Realität zu überführen – einschließlich des Zugangs zu psychosozialer Unterstützung? Und was lässt sich aus den Erfahrungen in Bosnien und Herzegowina und im Kosovo lernen, um die Unterstützung für Überlebende in der Ukraine zu stärken, jetzt, solange der Konflikt und seine Folgen die Politik noch aktiv prägen?
Lina Kushch, Journalistin, Bürgeraktivistin, Erste Sekretärin der Nationalen Journalistengewerkschaft der Ukraine (NUJU), Vorstandsmitglied und Mitgründerin der NGO „Numo, Sisters!"
Sie dokumentieren sexualisierte Kriegsgewalt in einem laufenden Konflikt, welche besonderen Hürden entstehen dadurch für Überlebende, die Unterstützung suchen, wenn gleichzeitig Krieg herrscht und staatliche Strukturen unter Druck stehen?
Eine der größten Herausforderungen besteht darin, dass sowohl der Krieg als auch die Gewalt noch andauern. Viele Frauen, die Gefangenschaft, Folter oder konfliktbezogene sexualisierte Gewalt erlebt haben, fühlen sich nicht sicher, sie leben unter Beschuss in Frontgebieten, in besetzten Gebieten oder haben ihre Einkommensquellen verloren, während sie gleichzeitig um Angehörige fürchten, die unter Besatzung geblieben sind. Unter solchen Umständen ist die Suche nach psychologischer Unterstützung oder die Dokumentation von Verbrechen oft nicht die erste Priorität. Überleben geht vor.
Zweitens ist der Zugang zu medizinischer Versorgung, rechtlicher Hilfe und traumainformierter psychologischer Unterstützung aufgrund der Überlastung staatlicher Institutionen nach wie vor ungleich verteilt. Drittens haben manche Überlebende Angst, Verbrechen zu melden, wegen Stigmatisierung, Angst um Angehörige oder Misstrauen gegenüber Strafverfolgungsbehörden. Es kommt auch vor, dass Frauen, die aus der Gefangenschaft entlassen wurden, sich nicht als Überlebende konfliktbezogener sexualisierter Gewalt identifizieren, da sie den Begriff nur mit Vergewaltigung verbinden, obwohl CRSV ein viel breiteres Spektrum von Verbrechen umfasst. Als eine Organisation, die von der Perspektive Überlebender geleitet ist, versucht „Numo, Sisters!" diese Lücken durch Peer-to-Peer-Unterstützung und persönliche Begleitung von Frauen zu schließen, die aus russischer Gefangenschaft entlassen wurden. Wir begleiten Frauen buchstäblich von Institution zu Institution, um ein sicheres Umfeld für Überlebende zu schaffen.
Das Bardina-Gesetz von 2024 ist das erste seiner Art, das Wiedergutmachung noch während eines aktiven Krieges regelt. Was funktioniert in der Praxis bereits, und wo bleibt die Umsetzung bislang hinter den Erwartungen zurück?
Wir haben unsere Organisation gegründet, nachdem das Gesetz bereits verabschiedet worden war. Die Leiterin von „Numo, Sisters!", Lyudmila Huseinova, gehörte jedoch zu denjenigen, die sich aktiv für seine Verabschiedung eingesetzt und eine Schlüsselrolle bei seiner Förderung gespielt haben. Die wichtigste Errungenschaft des Gesetzes ist, dass die Ukraine zum ersten Mal offiziell anerkannt hat, dass Überlebende konfliktbezogener sexualisierter Gewalt Anspruch auf dringende vorläufige Reparationen haben, noch vor Kriegsende und ohne auf rechtskräftige Gerichtsentscheidungen zu warten. Das ist eine sehr wichtige Weichenstellung. Ein weiterer positiver Schritt ist die Einführung eines überlebendenorientierten und geschlechtersensiblen Ansatzes in der Kommunikation mit Überlebenden. Laut Mitgliedern unserer Organisation hat sich die Art und Weise, wie Polizei und Staatsanwaltschaft kommunizieren, deutlich verbessert.
Viele Bestimmungen des Gesetzes bleiben jedoch deklaratorisch, da die Regierung noch keine notwendige Sekundärgesetzgebung entwickelt hat. Bis heute wurde in der Ukraine niemandem offiziell der Rechtsstatus einer CRSV-Überlebenden zuerkannt, ein Status, der für zivile Frauen und Männer dringend erforderlich ist, die in Hafteinrichtungen in besetzten Gebieten oder in Russland gefoltert wurden. Ohne diesen Status bleiben sie gewöhnliche Bürgerinnen und Bürger ohne Zugang zu spezifischen Rechten oder Leistungen. Die Auszahlung dringender vorläufiger Reparationen war vor einem Jahr ein Pilotprojekt des Global Survivors Fund und der ukrainischen Regierung. Damals erhielten mehr als 630 Überlebende Unterstützung. Heute gibt es jedoch keine Mittel für weitere Zahlungen, was uns als auf Überlebende orientierte Organisation tief besorgt, denn Hilfe muss zeitnah und kontinuierlich sein.
Über finanzielle Entschädigung hinaus ist Wohnraum das drängendste Problem für Überlebende. Es gibt einen gravierenden Mangel an Sozialwohnungen in ukrainischen Gemeinden, während viele Überlebende durch Besatzung oder Zerstörung während der Kampfhandlungen ihr Zuhause verloren haben. Medizinische Versorgung, Wohnraum, Bildung und Rehabilitation, sowohl für Frauen als auch für ihre Kinder, die nach jahrelanger Trennung von ihren Müttern ebenfalls betroffen sind, erfordern eine nachhaltige Finanzierung und Koordination, die wir derzeit nicht sehen.
Als Journalistin und Aktivistin arbeiten Sie an der Schnittstelle von Öffentlichkeit und Betroffenensupport, wie verhindern Sie, dass mediale Berichterstattung über CRSV die Überlebenden re-traumatisiert statt ihnen zu nützen?
Die Nationale Journalistengewerkschaft der Ukraine organisierte eine Reihe von Schulungen für über Hunder Journalistinnen und Journalisten zur Berichterstattung über CRSV-Fälle. Zum ersten Mal war die Trainerin selbst eine Überlebende, die drei Jahre in einem russischen Gefängnis verbracht hatte: Lyudmila Huseinova. Wir schulten Journalist*innen darin, Interviews im Einklang mit dem Murad Code zu führen, und stellten fest, dass die meisten Medien nicht darauf vorbereitet waren, über ein so komplexes Thema zu berichten. Diese Frauen waren in den Medien praktisch unsichtbar, selbst in Regionen, die von russischer Besatzung betroffen waren.
Heute hat sich die Situation verändert. Journalist*innen wenden sich häufig an unsere Organisation, um Treffen mit Überlebenden zu beantragen, und wir helfen dabei, diese Interviews zu vermitteln, aber wir drängen Frauen nie dazu, öffentlich zu sprechen. Leider haben wir auch negative Fälle erlebt, in denen unprofessioneller Journalismus zur Offenlegung persönlicher Daten führte oder dazu, dass Überlebende psychologische Unterstützung benötigten. Gleichzeitig gibt es heute auch kraftvolle, Berichterstattung über CRSV, einige erhielten sogar Auszeichnungen. Die Teilnahme an Interviews, Filmaufnahmen oder Advocacy-Kampagnen ist stets freiwillig. Frauen entscheiden, was sie bereit sind zu teilen und wann. Das Recht zu schweigen oder ein Interview jederzeit abzubrechen, ist ebenfalls eine Form der Wiedererlangung der Kontrolle über das eigene Leben.
Dr. Feride Rushiti, Ärztin, Menschenrechtsaktivistin, Geschäftsführerin des Kosova Rehabilitation Centre for Torture Victims (KRCT), 2025 nominiert für den Friedensnobelpreis
Im Kosovo dauerte es fast zwei Jahrzehnte vom Kriegsende bis zur praktischen Umsetzung des Überlebendenstatus, was waren die entscheidenden Blockaden, und welche Faktoren haben letztlich den Durchbruch ermöglicht?
Das größte Hindernis war das Schweigen, das durch Stigmatisierung, Angst, Scham und den fehlenden institutionellen Mut entstand, sexualisierte Gewalt in Kriegszeiten offen anzusprechen. Überlebende waren oft isoliert, hatten Angst vor Ablehnung durch ihre Familien oder Gemeinschaften, und viele trugen ihr Trauma jahrelang allein. Die Gesellschaft war nicht bereit zuzuhören, und die Institutionen waren nicht bereit zu handeln.
Eine weitere Herausforderung war politisches Zögern. Sexualisierte Gewalt in Kriegszeiten wurde als sensibles Thema behandelt, das mit dem Erbe des Krieges verbunden war, und über viele Jahre hinweg blieben Überlebende in der öffentlichen Politik und in Rechtsrahmen unsichtbar. Es gab auch ein Misstrauen der Überlebenden gegenüber Institutionen, weil sie Retraumatisierung und Bloßstellung fürchteten.
Was schließlich den Durchbruch ermöglichte, war die Widerstandskraft und der Mut der Überlebenden selbst. Ihre Stimmen, auch wenn sie leise und im Privaten geäußert wurden, trieben uns voran. Beim KRCT haben wir viele Jahre lang an der Seite von Überlebenden gearbeitet, Vertrauen Schritt für Schritt aufgebaut, auf nationaler und internationaler Ebene Advocacy betrieben und darauf bestanden, dass Gerechtigkeit Anerkennung und Rehabilitation einschließen muss. Die Unterstützung der Zivilgesellschaft, von Frauenaktivistinnen, internationalen Partnern und bestimmten politischen Führungspersönlichkeiten, die Empathie und Engagement zeigten, spielte ebenfalls eine wichtige Rolle. In dem Moment, in dem die Gesellschaft zu verstehen begann, dass Überlebende keine Opfer der Schande sind, sondern Überlebende eines gegen sie begangenen Verbrechens, wurde Veränderung möglich. Die Anerkennung war nicht nur eine rechtliche Errungenschaft – sie war eine moralische Würdigung ihres Leidens und ihrer Würde.
Rehabilitation bedeutet mehr als rechtliche Anerkennung: Welche Formen der psychosozialen Unterstützung haben sich in Ihrer langjährigen Arbeit als besonders wirksam erwiesen, um Überlebende ein Leben frei von Stigmatisierung zu ermöglichen?
Rechtliche Anerkennung ist wichtig, aber Heilung beginnt, wenn Überlebende sich sicher, gehört und als Menschen respektiert fühlen. Das durch sexualisierte Gewalt in Kriegszeiten verursachte Trauma betrifft jede Dimension des Lebens; emotional, sozial, körperlich und wirtschaftlich. Deshalb muss Rehabilitation ganzheitlich sein. Einer der wirksamsten Ansätze war langfristige traumainformierte psychosoziale Unterstützung. Überlebende brauchen Räume, in denen sie ohne Angst vor Verurteilung sprechen können. Einzeltherapie, Gruppentherapie und Peer-Support-Gruppen haben vielen Frauen geholfen zu verstehen, dass sie nicht allein sind. Auch wirtschaftliche Stärkung war entscheidend. Wenn Überlebende durch Berufsausbildung, Beschäftigungsmöglichkeiten oder Unterstützung bei der Gründung kleiner Unternehmen finanzielle Unabhängigkeit erlangen, gewinnen sie Selbstvertrauen und Kontrolle über ihr Leben zurück. Würde ist eng mit der Fähigkeit verbunden, Entscheidungen für sich selbst und die eigene Familie zu treffen. Ebenso wichtig war die Sensibilisierung der Gemeinschaft. Wir können von Überlebenden nicht erwarten, dass sie heilen, während die Gesellschaft sie weiterhin stigmatisiert. Durch Bildung, Erzählen von Geschichten, Kunst, Advocacy und öffentlichen Dialog haben wir versucht, die Erzählung zu verändern – von Scham und Schweigen hin zu Würde und Widerstandskraft. Was ich im Laufe der Jahre gelernt habe, ist, dass Heilung nicht in einem einzigen Moment geschieht. Es ist ein Weg. Manchmal ist die wirksamste Unterstützung einfach das Dasein, das Zuhören und die Erinnerung daran, dass das, was ihnen widerfahren ist, nicht ihren Wert als Mensch bestimmt.
Seit 2023 begeht der Kosovo den 14. April als nationalen Gedenktag für Überlebende. Welche gesellschaftliche Wirkung hat eine solche symbolische Anerkennung, und wo liegen ihre Grenzen?
Symbolische Anerkennung ist von großer Bedeutung, denn sie sagt den Überlebenden: „Wir sehen euch. Wir erkennen euren Schmerz an. Ihr seid Teil unseres kollektiven Gedächtnisses." Für viele Überlebende ist die öffentliche Anerkennung durch ihr Land etwas, das sie sich nie hätten vorstellen können. Der nationale Gedenktag hilft, jahrzehntelanges Schweigen zu brechen. Er schafft Raum für öffentliche Diskussion, Bildung und Empathie – besonders für jüngere Generationen, die den Krieg nicht direkt erlebt haben. Er sendet auch die Botschaft, dass sexualisierte Gewalt in Kriegszeiten keine private Schande ist, sondern eine schwerwiegende Verletzung der Menschenrechte und ein Kriegsverbrechen.
Gleichzeitig reicht Symbolik allein nicht aus. Gedenkveranstaltungen müssen von konkreten Maßnahmen begleitet werden. Überlebende brauchen nach wie vor dauerhaften Zugang zu Gesundheitsversorgung, psychologischer Unterstützung, wirtschaftlichen Möglichkeiten, Gerechtigkeit und sozialer Teilhabe. Viele leben weiterhin mit Trauma, Armut und Diskriminierung. Das wahre Maß des Gedenkens ist nicht nur das, was wir einmal im Jahr sagen, sondern wie wir Überlebende jeden Tag behandeln.
Für mich ist der 14. April wichtig, weil er Erinnerung in Verantwortung verwandelt. Er erinnert die Gesellschaft daran, dass Heilung und Gerechtigkeit fortlaufende Prozesse sind – und dass Überlebende nicht nur Anerkennung verdienen, sondern Würde, Unterstützung und gleiche Chancen ihr ganzes Leben lang.
Ajna Mahmić, Rechtsexpertin, TRIAL International, Bosnien und Herzegowina
In Bosnien und Herzegowina hängt der Zugang zu Entschädigung bis heute von der Entität ab, in der eine Person lebt. Wie bewerten Sie diesen Flickenteppich rechtlich, und welche konkreten Folgen hat er für Überlebende im Alltag?
Eine große Herausforderung in Bosnien und Herzegowina ist das Fehlen eines einheitlichen Rechtsrahmens, der die Rechte und den Status von Überlebenden konfliktbezogener sexualisierter Gewalt regelt. Das fragmentierte System hat zu ungleichem Zugang zu Rechten, inkonsistenten Standards bei der Anerkennung des Opferstatus und Ungleichheiten bei finanzieller und sozialer Unterstützung in verschiedenen Teilen des Landes geführt. Verfahrenshürden, mangelnde Information und soziale Stigmatisierung haben Überlebende zusätzlich davon abgehalten, Anerkennung und Hilfe zu suchen. Seit mehr als einem Jahrzehnt setzen sich zivilgesellschaftliche Organisationen für ein umfassendes staatliches Gesetz ein, das diese Fragen einheitlich und diskriminierungsfrei regelt. Drei Versuche, eine solche Gesetzgebung zu verabschieden, sind jedoch gescheitert. Daher konzentrieren sich die aktuellen Bemühungen auf die Verbesserung bestehender Gesetze und die Stärkung ihrer Umsetzung. Gleichzeitig beobachten wir kontinuierlich die politische Lage in Bosnien und Herzegowina, um Möglichkeiten zur Stärkung des Schutzes und der Unterstützung von Überlebenden zu identifizieren. Wo institutionelle Unterstützung unzureichend ist, setzen wir auf alternative und hybride Unterstützungsmodelle durch zivilgesellschaftliche Organisationen, damit der Zugang von Überlebenden zu Unterstützung nicht allein vom politischen Willen oder der institutionellen Bereitschaft abhängt.
Strafverfolgung der Täter und Unterstützung der Überlebenden verlaufen oft in parallelen, schlecht vernetzten Systemen. Wie kann strafrechtliche Rechenschaftspflicht und betroffenenorientierte Versorgung besser zusammengedacht werden?
In Bosnien und Herzegowina haben sich strafrechtliche Rechenschaftspflicht und Überlebenden-Unterstützung weitgehend als getrennte und unzureichend vernetzte Systeme entwickelt. Während sich das Justizsystem auf Strafverfolgung und Verfahrensanforderungen konzentriert, wird die Unterstützung von Überlebenden häufig durch Sozialhilfeeinrichtungen und zivilgesellschaftliche Organisationen mit begrenzter Koordination bereitgestellt. Infolgedessen müssen Überlebende häufig mehrere Institutionen auf eigene Faust navigieren – oft ohne konsistente psychologische, rechtliche oder soziale Unterstützung.
Ein stärker betroffenenorientierter Ansatz erfordert die Integration von Unterstützungsleistungen in jede Phase des Justizprozesses – von der Anzeigenerstattung und Ermittlung bis hin zur Zeugenaussage und Unterstützung nach dem Prozess. Überlebende sollten unabhängig davon, ob sie an Strafverfahren teilnehmen oder wie ein Gerichtsverfahren endet, Zugang zu traumainformierter Rechtshilfe, Gesundheitsversorgung, Beratung und sozialem Schutz haben. In Bosnien und Herzegowina ist eine stärkere Zusammenarbeit zwischen Justizinstitutionen, Gesundheitsdienstleistern, Sozialhilfesystemen und zivilgesellschaftlichen Organisationen unerlässlich. NGOs haben institutionelle Lücken seit langem durch die Bereitstellung psychosozialer Unterstützung und die Begleitung Überlebender durch komplexe Verfahren gefüllt. Diese Erfahrungen zeigen, dass hybride Kooperationsmodelle den Schutz von Überlebenden verbessern und das Vertrauen in das Justizsystem stärken können. Letztendlich sollte Gerechtigkeit nicht nur an Verurteilungen gemessen werden, sondern auch daran, ob sich Überlebende während des gesamten Prozesses geschützt, respektiert und unterstützt fühlen.
Was würden Sie der Ukraine auf Basis der bosnischen Erfahrungen dringend empfehlen – und welche Fehler sollte die Ukraine unbedingt vermeiden, solange der politische Moment für Reformen noch offen ist?
Basierend auf den Erfahrungen Bosnien und Herzegowinas sollte die Ukraine einen einheitlichen und an den Überlebenden orientierten Rechtsrahmen schaffen, solange das politische Momentum für Reformen noch besteht. Verzögerte und fragmentierte Reformen in BiH haben zu ungleichem Zugang zu Rechten und Unterstützung geführt und spätere Änderungen erheblich erschwert. Die Ukraine sollte fragmentierte Systeme vermeiden, die in jeder Verwaltungseinheit unterschiedlich funktionieren, und sicherstellen, dass Überlebende ohne belastende oder retraumatisierende Verfahren Zugang zu Gesundheitsversorgung, psychosozialer Unterstützung, Reparationen und Rechtsschutz haben. Eine weitere wichtige Lehre ist, dass die Unterstützung von Überlebenden nicht von Strafverfolgungen abhängen darf. Justizprozesse sind wichtig, aber Überlebende brauchen sofortige und langfristige Unterstützung unabhängig von Gerichtsergebnissen. Die Ukraine sollte außerdem zivilgesellschaftliche Organisationen und Überlebenden-Organisationen von Anfang an eng in die Gestaltung von Maßnahmen einbeziehen, da ihre Rolle beim Aufbau von Vertrauen und beim Schließen institutioneller Lücken wesentlich ist.
Am wichtigsten ist, dass die Ukraine das aktuelle politische Zeitfenster nutzen sollte, um ein koordiniertes und nachhaltiges Schutzsystem aufzubauen – bevor politische Erschöpfung und Spaltungen den Raum für bedeutsame Reformen einengen.
Interview: Katja Giebel