Begegnungsreise nach Irland 2008

Blick über einen Fluss mit Uferpromenaden, Brücke in der Ferne und mehrstöckigen Häusern auf beiden Seiten unter wolkigem Himmel.
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Begegnungsreise nach Irland vom 28. April bis 5. Mai 2008

Literarisch-politische Begegnung mit Irland und Heinrich Böll 

Reise für Freundinnen und Freunde sowie Ehrenamtliche der Heinrich-Böll-Stiftung 

28. April - 5. Mai 2008

Text: Janina Bach

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Vor gut fünfzig Jahren schrieb Heinrich Böll im Irischen Tagebuch „Es gibt dieses Irland: wer aber hinfährt und es nicht findet, hat keine Ersatzansprüche an den Autor.“ Wir fuhren auf den Spuren von Heinrich Böll nach Irland, über Dublin, Birr, Limerick und Galway in den äußersten Zipfel Westirlands nach Achill Island, wo die Familie Böll Mitte der fünfziger bis Anfang der sechziger Jahre viele Monate verbrachte und Heinrich Böll in den weiter getragenen Erinnerungen noch immer lebendig ist. Ein halbes Jahrhundert später fanden wir Bilder und Stimmungen wieder, die im Irischen Tagebuch festgehalten sind, und lernten gleichzeitig ein europäisches, modernes Irland, den „Celtic Tiger“ kennen. Während Böll in den fünfziger Jahren beschreibt, wie in den kinderreichen irischen Familien nur zwei von fünf, sieben oder neun Kindern im Land bleiben konnten und die anderen Nachkommen auswandern mussten, erlebten wir Irland als Einwanderungsland, das den Zenit des Wirtschaftsbooms gerade überschritten hat. Das Reiseprogramm umfasste Gespräche über die politische und wirtschaftliche Entwicklung Irlands, verband Besichtigungen und Landschaftsimpressionen mit der Vermittlung von Geschichte, Kultur und Mentalität und mündete in das Heinrich Böll Memorial Weekend auf Achill Island, bei dem uns René Böll begleitete. 

Nach der Ankunft in Dublin gewann unsere sechzehnköpfige Gruppe erste Irland-Impressionen durch die Schilderungen des taz-Korrespondenten und Autors Ralf Sotscheck und beim abendlichen Besuch eines Pubs. Hier nahmen die anregenden Gespräche der ReiseteilnehmerInnen, die politischen Diskussionen und auch persönlichen Gespräche ihren Anfang, die die Reise neben dem spannenden Programm und der wunderschönen Landschaft zu einem sehr besonderen Erlebnis machten. Gleich am ersten Abend stieß Dr. Gisela Holfter zu uns, die seit 12 Jahren als Senior Lecturer und Joint Director des Center for Irish-German Studies der Universität Limerick arbeitet und das Reiseprogramm mit gestaltete.

Der folgende Tag begann mit einem Besuch der deutschen Botschaft und einem Gespräch mit dem Botschafter Christian Pauls. Er führte das Wirtschaftswunder des „Celtic Tiger“ in den neunziger Jahren weniger auf EU-Mittel zurück als vielmehr auf ausländische, überwiegend amerikanische Investitionen, die aufgrund der niedrigen Körperschaftssteuer von 12,5 % ins Land flossen. Irland wurde zu einem wichtigen Exporteur von Waren auf den Sektoren Informationstechnologie und Medizintechnik; das Bankwesen und die Baubranche entwickelten sich rasant. Eher kritisch reflektierte er einige Entwicklungen in den Bereichen Verkehr, Gesundheit und Bildungswesen, die gekennzeichnet seien durch fehlende langfristige Planung, überbordende Bürokratie und ein Schulwesen, das z. T. stark in Hand der katholischen Kirche und von Privatschulen geprägt sei. Des weiteren ging der Botschafter u. a. auf das Umweltbewusstsein der Iren ein, das irische Wahlsystem und die Entwicklung Irlands vom Aus- zum Einwanderungsland. 

Am Nachmittag stellte uns die junge deutschen Architektin Chiara Derenbach eines der größten Stadterneuerungsprojekte in Europa vor: die Docklands. Die dem Umweltministerium unterstehen de Dublin Docklands Development Authority beplant ein 520 Hektar großes Stadtgebiet, das zentral in Hafennähe gelegen ist und u. a. das Dubliner Bankenviertel und dicht besiedelte gewachsene Wohngebiete umfasst. Neben der Sanierung und städtebaulichen Erneuerung soll eine hohe Lebensqualität geschaffen werden, verbunden mit der Auflage, 20% eines jeden Bauprojekts sozial und bezahlbar zu gestalten. Angesichts der in den vergangenen Jahren explodierten Immo bilienpreise hat das eine besondere Relevanz, um der Segregation entgegenzuwirken. Ökologische Aspekte werden allerdings bisher kaum berücksichtigt. Die architektonisch interessanten, erst teilweise realisierten Bauprojekte zeigte uns die Architektin anhand von Entwürfen und bei einem kurzen Spaziergang durch die Docklands.

Am Nachmittag widmeten wir uns der Historie Dublins und besuchten im Trinity College die Old Library mit dem Book of Kells aus dem 9. Jahrhundert. Danach bot sich die Gelegenheit, die Stadt auf eigene Faust zu entdecken. 

Zum Abendessen gesellten sich die grüne ehemalige Europaabgeordnete Nuala Ahern und der Umweltminister John Gormley zu uns, einer der zwei amtierenden Minister der Grünen Partei Irlands. Diese ist seit 2007 an der Regierung beteiligt, in einer Koalition mit Fianna Fáil und den Progressive Democrats. Mehrfach thematisiert wurde an diesem Tag das für Juni geplante Referendum über den Vertrag von Lissabon, den Irland als einziges der EU-Länder per Referendum ratifiziert, die Strategien der Gegner und Befürworter des Vertrags sowie die Haltung der Parteien und der Bevölkerung. Während fast alle Parteien den Vertrag befürworten, ist die Bevölkerung gespalten; zum Zeitpunkt unseres Besuchs neigten circa ein Drittel zum Ja, ein Drittel zum Nein und ein Drittel war noch unentschieden. Die Grüne Partei, früher Gegnerin des Vertrags von Nizza, hatte zwar beim Parteitag, der den Richtungsschwenk beschließen sollte, die notwendige Zweidrittel-Mehrheit für ein Ja-Votum knapp verfehlt, aber mit über 60% Pro-Stimmen den Weg zum Ja freigegeben. 

Der dritte Reisetag begann im Birr Castle, wo uns der Schlossherr Lord Rosse begrüßte. Wir bestaunten die Konstruktion des 1845 damals größten Teleskops der Welt, das der 3. Earl of Rosse erbaut hatte, wanderten durch den weitläufigen Schlossgarten und besichtigten im Museum u. a. auch historische Fotos, die Lady Rosse Mitte des 19. Jahrhunderts gemacht hatte.

In Limerick führte uns Gisela Holfter über „ihren“ malerisch an den Ufern des Shannon gelegenen Campus, auf dem sich die moderne Architektur der Universitätsgebäude harmonisch in die grüne Landschaft einfügt. In ihrem Vortrag über „Heinrich Böll und Irland“ stellte sie Heinrich Bölls Bezug zu Irland dar, der sich bereits vor seiner ersten Irlandreise in Briefen aus dem Krieg und in dem Roman „Haus ohne Hüter“ literarisch niederschlägt. Ein von Böll 1961 gedrehter Film mit dem Titel „Irland und seine Kinder“ fand in Deutschland ein positives Echo, während er in Irland eher kritisch aufgenommen und sehr kontrovers diskutiert wurde. Böll war schockiert über die teils starken An griffe und schrieb daraufhin einen Artikel, in dem er erklärte, dass der Film eine Liebeserklärung an Irland sein sollte, das ihm von allen europäischen Ländern das liebste war. Auch das „Irische Tagebuch“, das erst einige Jahre später in Irland erschien, wurde bei weitem nicht so gut aufgenommen wie in Deutschland, obwohl Böll in seinem Nachwort die seit den fünfziger Jahren statt gefundene wirtschaftliche Entwicklung würdigt. Die sich anschließende Diskussion drehte sich u.a. um die Hintergründe dieser unterschiedlichen Aufnahme des Buches in Deutschland und Irland und um die Bedeutung Heinrich Bölls in Irland. Außerdem stellte Gisela Holfter die Aktivitäten des Deutsch-Irischen Zentrums vor. Auch wenn der Abschied von Gisela schwer fiel, brachen wir am Nachmittag weiter gen Westen auf.

Am nächsten Morgen besichtigten wir bei strahlendem Sonnenschein die Cliffs of Moher, die sich über acht Kilometer an der Atlantikküste erstrecken und 215 Meter steil vom Ozean aufsteigen. Nachmittags erreichten wir Galway, ein bezauberndes Universitätsstädtchen an der Westküste mit einer Bevölkerung im Durchschnittsalter von circa 27 Jahren. Dr. Hermann Rasche, ehemaliger Senior Lecturer an der Universität Galway und seit 35 Jahren in Irland, führte uns durch die Stadt und das Stadtmuseum und begleitete uns von nun an bis nach Achill Island. Bei der Weiterfahrt nach County Mayo machten wir einen kurzen Abstecher in den Connemara Nationalpark und zum Kylemore Abbey, wobei uns „Hermann the German“ mit Anekdoten, kulturellen Besonderheiten sowie mit kenntnisreichen Ausführungen zur Geschichte und Entwicklung Irlands unterhielt.

Auf Achill Island empfing uns René Böll in Keel in dem wunderschön direkt am Strand gelegenen Guesthouse Bervie, wo die Familie Böll 1955 in einem zum Bervie gehörenden Haus logiert hatte. Am Abend eröffnete der Leiter des Dubliner Goethe-Instituts Rolf Stehle das Heinrich Böll Memorial Weekend der Heinrich-Böll-Association, an dem viele lokal ansässige Iren und aus Dublin angereiste, literarisch Interessierte teilnahmen. Das Programm verband Vorträge und Lesungen von Chris Newton, dem Lyriker Gerald Dawe und René Böll mit geführten Spaziergängen zu archäologischen Plätzen. Im Deserted Village besichtigten wir, von einem Archäologen begleitet, die Wind und Wetter preisgegebenen Ruinen von ehemals 500 aus groben Steinen gebauten Häusern, die im 19. Jahrhundert allmählich von den Bewohnern verlassen worden waren und seitdem verfallen. René Böll las in den Ruinen eine Passage aus dem „Irischen Tagebuch“ vor, in der Heinrich Böll die Erkundung des verlassenen Dorfes beschreibt und die Atmosphäre des Ortes einfängt.

René Bölls abendlicher Vortrag über die Aufenthalte der Familie Böll auf Achill Island vermittelte uns anhand von unveröffentlichten Fotos, Briefen und Notizen, wie Heinrich Böll und seine Familie Irland erlebten und wie ihr enger Bezug zu Achill Island entstand. Ein Besuch des ehemals von Heinrich Böll gekauften Cottages in Dugort und der Spaziergang mit René Böll zu Orten, die auch im „Irischen Tagebuch“ auftauchen, ergänzten die von persönlichen Erinnerungen geprägten Impressionen und führten uns das Leben der Familie Böll auf Achill Island vor Augen. Das Böll Cottage wird seit 1992 als Gästehaus für internationale und irische Künstler genutzt; die Aufenthalte werden von der Heinrich-Böll-Association in Kooperation mit dem Mayo Council und der Familie Böll organisiert. 

Nach den Spaziergängen und Vorträgen folgte stets der Besuch im Pub, wo sich Iren und Deutsche schnell mischten, und sich bei Guiness, Smithwick`s und Soda Bread lebhafte Gespräche und Diskussionen entwickelten. Auch bei den Spaziergängen konnten wir uns mit den Ortsan sässigen austauschen, unterhielten uns mit Paddy und John und Michael über das unbeständige Wetter, das Irland der fünfziger Jahre und das moderne Irland. Nach einer letzten abenteuerlichen Wanderung über eine archäologisch und geologisch interessante Insel und einem letzten Besuch im Pub begaben wir uns schweren Herzens, gesättigt an Eindrücken, Begegnungen und Erleb nissen, auf die Heimreise.

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