GPS-Sensoren, Cloud-Systeme und künstliche Intelligenz verändern die Landwirtschaft grundlegend. Wenige Konzerne kontrollieren den Markt und treiben Landwirtschaftsbetriebe weiter in die Abhängigkeit.
Große Agrarkonzerne kaufen digitale Technologien ein oder entwickeln sie selbst: Umgangssprachlich ist das als Landwirtschaft 4.0 bekannt. Konkret bedeutet diese Entwicklung, dass sich Traktoren oder Mähdrescher dank Sensoren und GPS teilweise selbst steuern und automatisiert erfassen, wie viel Saatgut und Dünger sie ausbringen und wie hoch der Ernteertrag einzelner Feldabschnitte ist.
Eine immer größere Rolle spielen cloudbasierte Plattformen. So erwarb Bayer bei seiner Übernahme von Monsanto auch die digitale Plattform Climate Field View. Landwirt*innen aus der ganzen Welt nutzen sie mittlerweile auf insgesamt rund 90 Millionen Hektar Land – das Fünffache der gesamten Agrarfläche Deutschlands. Auch andere große Agrarkonzerne bieten solche Dienste an: John Deere mit Operations Center, Corteva mit Granular Insights, BASF mit xarvio und Syngenta mit Cropwise. All diese Plattformen sammeln Daten von Landwirtschaftsbetrieben und Agrarmaschinen und speisen sie mit öffentlichen Wetter- oder Satelliteninformationen, etwa zum Pflanzenwachstum. So sollen Landwirt*innen einen digitalen Überblick über ihren Betrieb erhalten.
Viele Plattformen geben auch personalisierte Empfehlungen: Climate Field View etwa zeigt, wie sich das von Bayer vertriebene DEKALB-Maissaatgut möglichst ertragreich aussähen lässt. Dafür nutzt die Plattform Machine Learning, also eine Form künstlicher Intelligenz (KI), die Muster in Datenmengen erkennt, daraus Entscheidungen ableitet und Vorhersagen trifft. So schlägt die Plattform etwa vor, in welchen Zonen das Saatgut dichter gesät und wann bewässert und geerntet werden sollte – je nach Ertragsziel des Betriebs.
All das klingt zunächst nach einem Fortschritt für Landwirt*innen. Doch die digitale Landwirtschaft dient vor allem dem Gewinnstreben der Agrarkonzerne: Da sie teilweise sinkende Umsätze verzeichnen – zum Beispiel bei Pestiziden – werden digitale Dienstleistungen und Datenanalysen immer wichtiger für ihre Profitgenerierung. Durch die Digitalisierung der Landwirtschaft erhalten sie Zugriff auf die Daten von Millionen von Landwirt*innen. Damit können sie Produkte mit Blick auf ihren Profit gezielter entwickeln, passgenauer vermarkten und möglicherweise auch Preise strategisch anpassen. Für Landwirt*innen entstehen durch die Plattformen neue Abhängigkeiten: Landwirtschaftliches Wissen wird zunehmend durch datenbasierte Analysen ersetzt. Bei Entscheidungen spielen Algorithmen eine immer größere Rolle. Weil viele Plattformen gezielt firmeneigene Produkte bewerben – Climate Field View zum Beispiel das Saatgut von Bayer –, wird der Wechsel zu anderem Saatgut erschwert. Und wer seine Daten einmal auf eine Plattform hochgeladen hat, kann sie meist nicht mehr auf andere Plattformen übertragen. Gemeinhin wird das als Lock-in-Effekt beschrieben: Nutzer*innen bleiben alternativlos an ein bestimmtes Produkt gebunden.
Seit einiger Zeit steigen auch kapitalstarke Konzerne aus der Tech-Branche in die Landwirtschaft ein. John Deere etwa kooperiert seit 2024 mit dem Tech-Milliardär Elon Musk, um Landmaschinen mit dem Satelliteninternet von Starlink zu verbinden. So sollen ländliche Gegenden eingebunden werden, in denen der Zugang zu schnellem Internet nur eingeschränkt möglich ist. Die chinesischen Tech-Giganten Alibaba und Tencent haben speziell für Landwirt*innen ihre KI-basierten Chatbots angepasst, die nun individuelle Empfehlungen zur Optimierung des Anbaus bereitstellen. Die großen Tech-Konzerne stellen für die Digitalisierung der Landwirtschaft zudem einen Großteil der Infrastruktur – viele der Plattformen greifen auf die Dienstleistungen im Bereich Cloud Computing und Datenanalyse von Amazon, Microsoft und Google zurück.
Auch Microsoft mischt mittlerweile im Agrarsektor mit: Zusammen mit Bayer baut der Konzern den Azure Data Manager, der auf der Microsoft-Cloud basiert. Mit den dadurch gewonnenen Daten von Millionen Nutzer*innen könnten Microsoft und Bayer ihre Marktmacht weiter ausbauen. Die Gefahr: Je stärker eine Plattform den Markt dominiert, desto leichter kann der Konzern andere Marktteilnehmer*innen ausschließen und neue Einnahmen generieren, indem der Plattformzugang nur gegen Zahlung möglich ist. Die Abhängigkeit der Nutzer*innen von der Plattform würde außerdem noch einmal verstärkt.
Diese Methode der Marktbeherrschung ist eine der zentralen Strategien zur Profitgenerierung im Plattformkapitalismus, also jenem Wirtschaftsmodell, bei dem wenige Akteure zentrale Schnittstellen kontrollieren und dadurch den Markt nach ihren Interessen umbauen können. Beispiele dafür sind die Rolle von Amazon im Online-Handel oder der Konzern Meta, der mit seinen Plattformen Facebook und Instagram die sozialen Netzwerke dominiert. Was aus diesen und anderen Bereichen bereits an sozioökonomischen Effekten bekannt ist, droht nun auch die Landwirtschaft zu treffen.