Unser Ernährungssystem belastet das Klima massiv. Technische Ansätze wie grüner Wasserstoff für Dünger, Biosprit und Carbon Farming sollen Emissionen senken oder ausgleichen – doch statt Klimaneutralität schaffen sie neue Probleme.
Die Landwirtschaft ist durch Extremwetter wie Dürren oder Überschwemmungen stark von der Klimakrise betroffen. Gleichzeitig ist sie einer ihrer Treiber: Ernährungssysteme emittieren weltweit rund ein Drittel aller Treibhausgase wie Kohlenstoffdioxid (CO₂). Weltweit sind sie für 15 Prozent des fossilen Energieverbrauchs verantwortlich. Fossile Brennstoffe benötigt die Agrarindustrie zum Beispiel für die Herstellung von Düngern, Pestiziden und Maschinentreibstoff. Deshalb bringen Agrar- und Industriekonzerne seit einigen Jahren zahlreiche Dekarbonisierungsstrategien voran und setzen auf Maßnahmen, die den Treibhausgasausstoß reduzieren sollen. Einige dieser Strategien sind jedoch nicht ausgereift, bergen Risiken und bringen neue soziale und ökologische Auswirkungen mit sich.
Einen grünen Wandel versprechen zum Beispiel Konzerne wie Yara aus Norwegen oder BASF aus Deutschland, die viel Geld mit der Dünger- und Ammoniakproduktion verdienen. Synthetische Stickstoffdünger sind eine massive Herausforderung für den Klimaschutz: In den letzten Jahren haben sie von der Herstellung bis zur Ausbringung mehr Treibhausgase verursacht als der gesamte internationale Flugverkehr. Daher haben Yara und andere angekündigt, statt fossilem Wasserstoff aus Erdgas fortan sogenannten grünen Wasserstoff zu nutzen, der ihre Produktion in den nächsten Jahrzehnten dekarbonisieren soll.
Theoretisch kann der Einsatz von grünem Wasserstoff knapp 40 Prozent der bisherigen Emissionen einsparen; die übrigen 60 Prozent bleiben hingegen erhalten. Beim Ausbringen des Düngers auf das Feld wandeln Mikroorganismen im Boden den überschüssigen Stickstoff um, der dadurch als klimaschädliches Lachgas in die Luft entweicht. Dieser Prozess ist vollkommen unabhängig von der Art der Produktionsweise. Die Belastung von Böden und Gewässern bleibt deshalb auch dann ein großes Problem, wenn grüner Wasserstoff in Zukunft tatsächlich so flächendeckend eingesetzt werden sollte, wie von den Konzernen versprochen.
Ein weiteres Problem: Für Verwendung auf dem europäischen Markt reicht der Strom aus erneuerbarer Energie nicht aus, den die Europäische Union (EU) produziert. Grüner Wasserstoff müsste größtenteils aus sonnen- und windreichen Regionen in Afrika oder Südamerika importiert werden. Damit drohen neue Abhängigkeiten. Konzerne im Globalen Norden machen ihre Produktion unabhängiger von fossilen Energien und gleichzeitig werden im Globalen Süden weiter Ressourcen ausgebeutet und der Zugang zum Wasser für Fischer*innen und zum Land für Hirt*innen wird eingeschränkt.
Deutschland fördert diese Entwicklung mit Nachdruck: Mit seiner sogenannten Wasserstoffdiplomatie werden gezielt Energiepartnerschaften etwa mit Kolumbien oder Kenia geknüpft. Subventionen aus europäischen Klimafonds und Exportkreditgarantien sollen den Handel mit Wasserstoff wirtschaftlich attraktiv machen. Davon profitieren vor allem große Agrar- und Industriekonzerne.
Auch andere Branchen setzen auf Dekarbonisierung und nutzen den Agrarsektor, um Emissionen zu reduzieren. Im Problemsektor Verkehr soll Biosprit dabei helfen, Emissionen einzusparen – der Anbau von Energiepflanzen verschlingt jedoch viel zusätzliches Ackerland und erfolgt meist in Monokulturen. Das befördert Landkonflikte weltweit und verdrängt oft Nahrungsmittelanbau. Der in Deutschland verbrauchte Biosprit belegt neben den hiesigen Ackerflächen eine Million Hektar Land im Ausland. Umstritten bleibt, wie viel CO₂ Biosprit überhaupt einspart. Offiziell sollen Agrartreibstoffe im Verkehrssektor den CO₂-Ausstoß in Deutschland aktuell um 7,6 Prozent senken. Diese Berechnung ignoriert jedoch indirekte Landnutzungsänderungen: Verdrängen Energiepflanzen zum Beispiel Weideland, führt das oft zur Rodung von Wäldern. Und damit zu neuen Emissionen.
Seit einigen Jahren wird auch Carbon Farming immer populärer. Mit diesem Geschäftsmodell soll die Landwirtschaft durch veränderte Nutzungsmethoden Kohlenstoff im Boden oder in Baumplantagen binden. Der gebundene Kohlenstoff wird dann in Form von Zertifikaten verkauft. Große Konzerne wie Unilever können sich so von ihren Emissionen freikaufen, ohne ihre Produktion tatsächlich klimafreundlicher gestalten zu müssen. Im Kontext des Zertifikatehandels wird oft von Menschenrechtsverletzungen und Landgrabbing berichtet. In Tansania zum Beispiel treibt der Automobilkonzern Volkswagen ein Carbon-Farming-Projekt voran, gegen das sich viele Angehörige der indigenen Volksgruppe Maasai wehren, weil es ihre traditionelle Weidepraxis stark einschränkt. Fast eine Million Hektar umfasst die umstrittene Fläche – so groß wie Hessen. Der deutsche Autokonzern möchte mit den Kohlenstoffzertifikaten seine Klimabilanz verbessern. In der Vergangenheit stießen er und seine Autos pro Jahr mehr Treibhausgase aus als Australien.
Es wird deutlich: Wenn Klimaschutz vor allem mit technischen Lösungen betrieben wird, droht eine noch stärkere Abhängigkeit von großen Agrarkonzernen und teurer Technologie, die nur für große, industrielle Betriebe zugänglich ist. Eine wirkliche Dekarbonisierung der Landwirtschaft erfordert eine grundlegende Transformation unseres Ernährungssystems – ohne dass Klima, Umwelt oder soziale Gerechtigkeit dabei auf der Strecke bleiben.