Petra-Kelly-Preis 2014 an das Syrian Violations Documentation Center

Petra-Kelly-Preis 2014 an das Syrian Violations Documentation Center

Barbara UnmüßigBarbara Unmüßig während ihrer Begrüßungsrede zum Petra-Kelly-Preis 2014 – Urheber/in: Stephan Röhl. Creative Commons License LogoDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

Liebe Freundinnen und Freunde von Petra Kelly,
lieber Amir Kazkaz,
liebe Gäste,

ein herzliches Willkommen auch von meiner Seite.

Ich gratuliere dem Violations Documentation Center und den vier Preisträger/innen.

Es ist das Mindeste, was wir tun können, den vier Verschwundenen und hoffentlich damit allen anderen, die in den Kellern des Assad-Regimes verschwinden oder in Händen von Extremisten sind, Öffentlichkeit und Würde zu geben. Den zivilen Widerstand, den es in Syrien immer noch gibt, möchten wir mit diesem Preis würdigen.

Syrische Aktivist/innen befinden sich derzeit zwischen Hammer und Amboss. Sie sind dem Regime ebenso wie Extremisten ein Dorn im Auge und bezahlen, selbst wenn sie humanitäre Hilfe leisten, häufig mit ihrer Freiheit oder mit ihrem Leben.

Viele fühlen sich durch die Rat- und Tatenlosigkeit des Westens zusätzlich alleine gelassen.

Was können wir, eine politische Stiftung mit unserem Büro in Beirut, überhaupt inmitten von Krieg, Not und Brutalität bewirken? Dreieinhalb Jahre nach Beginn der friedlichen Protestbewegung sind die zivilen und demokratischen Kräfte marginalisiert. Das Land wird von Milizen unterschiedlichster Couleur dominiert und die fortgesetzten Luftbombardements Assads in befreiten Gebieten haben jede größere Organisationsstruktur verhindert.

Wenn wir schon nicht in der Lage sind, direkt die politischen und militärischen Kräfteverhältnisse in Syrien zugunsten demokratischer Kräfte zu beeinflussen, so können wir denjenigen, die bleiben, zuhören, ihnen eine Stimme geben, ihr Engagement und ihren Mut sichtbar machen und aktive Solidarität leisten.

Wir unterstützen syrische Organisationen im Libanon wie Dawlaty, die nie den Zugang zu syrischen Akteurinnen und Akteuren vor Ort verloren haben. Nur über sie wissen wir, wie die Situation vor Ort ist.

Wie in jedem Konflikt ist es nur eine Minderheit, die direkt an der militärischen Auseinandersetzung beteiligt ist. Noch nicht einmal 5 Prozent der syrischen Bevölkerung sind militärisch aktiv. Im Kontrast: Nahezu 50 Prozent der syrischen Bevölkerung sind auf der Flucht.

Die Arbeit ziviler Akteure in Syrien ist unentbehrlich. Sie sind es, die für die lokale Bevölkerung und die Binnenflüchtlinge Nahrungsmittel und medizinische Hilfe organisieren, geheime Versorgungsnetze spinnen und sich um profane Dinge wie Müllabfuhr und Verwaltung kümmern.

Nach einem der verheerenden Regime-Massaker im Damaszener Vorort von Daraya gingen die Aktivist/innen mit Plakaten auf die Straße, auf denen stand: „Was immer ihr auch tut, ihr werdet uns nicht dazu bringen, von unserem Weg abzuweichen. In einem freien Syrien werden wir euch alle vor Gericht stellen.“ Es ist bewundernswert, dass selbst 40 Jahre beinharter Diktatur und ein verheerender Bürgerkrieg in seinem dritten Jahr den zivilen Widerstandsgeist in Syrien nicht ausgelöscht haben.

Wer sich mit dem täglichen Morden in Syrien befasst, kann nachvollziehen, wie Rachegedanken wachsen. Umso bemerkenswerter ist es, dass viele den Glauben an eine bessere Zukunft nicht verloren haben.

Unsere Partnerorganisation Bidayyat zeigt in beeindruckenden Filmen die zivilen Helden hinter den Kulissen. Dawlaty arbeitet mit den demokratieorientierten Akteur/innen innerhalb und außerhalb Syriens. Zu dokumentieren, was geschieht, das ist der Kern der Arbeit des Violation Documentation Center.

Die Geschichten zu teilen, weltweite Öffentlichkeit herzustellen, ist ein zentraler Aspekt unserer Arbeit, der auch im Syrien-Dossier auf unserer Webseite, in Veranstaltungen in Berlin, Brüssel, London oder Washington ihren Ausdruck findet.

Mit dem Magazin „Perspectives“ und dem Buch „Writing Revolution“ begleitet die Stiftung den Wandel in der arabischen Welt und insbesondere in Syrien. 2014 unterstützte die Stiftung überdies ein Projekt zu urbaner Landwirtschaft. Auch wenn es unter anderen schrecklichen Nachrichten untergeht: Weiterhin werden viele Ortschaften Syriens vom Regime gezielt ausgehungert. Ob Yarmouk oder Zabadani: Kreativität und alternativer Landbau sind hier nicht freiwillige Wahl für ein besseres Leben – sondern Überlebensstrategie. „Der 15. Garten“ nennt sich das Projekt, in dem Aktivist/innen aus verschiedenen Landesteilen sich zu Saatgut und Landwirtschaftsfragen austauschen und fortbilden.

Was können wir tun in Syrien? Diese Frage wurde bald von Ohnmacht und Verdrängen abgelöst.

Zu komplex der Bürgerkrieg mit seinen verschiedenen Milizen und den schwer durchschaubaren Interessen so vieler externer Akteure. Die militärischen Erfolge des IS in Syrien und Irak haben den Krieg in Syrien nun schlagartig in die hiesige Öffentlichkeit zurück gebracht. Allerdings weiterhin mit politischer Schlagseite des Blicks auf den Irak und auf den IS. Was Assads Regime im Windschatten der neuen Besorgnisse des Westens an Verbrechen begeht und Leid über die Zivilbevölkerung bringt, davon ist wenig öffentlich zu lesen. Und es gibt keine politische Strategie hinter den Luftschlägen, den Waffenlieferungen und humanitären Hilfsmaßnahmen des Westens.

Als politische Stiftung können wir das große Ganze nicht wirklich ändern. Aber wir können hinschauen, Öffentlichkeit herstellen und mit politischen Fachgesprächen und öffentlichen Veranstaltungen wie in diesem Jahr hier in Berlin politischen Entscheidungsträger/innen eine Plattform bieten.

Wir laden Syrer/innen ein, um nicht über ihre Köpfe hinweg, sondern mit ihnen zu diskutieren. Das gleiche gilt für die Büros Brüssel und Washington, die regelmäßig auch die europäische und transatlantische Vorgehensweise zu Syrien in Fachkreisen und mit einer breiteren Öffentlichkeit diskutieren.

Mit dem Petra-Kelly-Preis möchten wir unsere Solidarität und Verbundenheit mit den mutigen Aktivist/innen wie Euch, lieber Amir Kazkaz, zeigen. Wir sind in Gedanken bei Razan Zeitouneh, Samira al-Khalil, Wael Hamadeh, Nazem Hammadi und den vielen anderen, die verschleppt wurden.

Wir wünschen ihnen Freiheit und Liebe.

Herzlichen Dank!

 

Video-Mitschnitt der Preisverleihung am 27. November 2014

 

Fotos von der Preisverleihung

 

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