Bar Royal, Eritrea: Ein Archiv sammelt Erinnerungen

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"Who are you?" Ein Bild des AMM

Das „Archivio delle Memorie Migranti“ (AMM) in Rom sammelt Erinnerungen von Menschen, die nach Italien geflohen sind. Neben persönlichen Erfahrungen sind ihre Erzählungen auch Zeugnisse der Geschichte und Gegenwart Italiens. Ein Versuch, festgefahrene Diskurse über Migration aufzubrechen.

Es ist schwer, sich durch das historische Zentrum zu bewegen, ohne auf in Stein gemeißelte oder in Touristengruppen gerufene Geschichtserzählungen zu treffen. Auf den Spuren der Vergangenheit konstruiert sich Rom, Italien, Europa jeden Tag selbst, baut Legenden und Mythen um seine Geschichte und seine Gegenwart. Es ist jedoch eine Konstruktion, die viele Perspektiven ausblendet. Zum Beispiel die Geschichten von Migrantinnen und Migranten, die Rom erlebt und mitgestaltet haben.

Das „Archivio delle Memorie Migranti“ (AMM) ist eine Plattform für die Sammlung migrantischer Geschichte(n). Es will den Stimmen von Migrantinnen und Migranten nicht nur symbolisch Gehör verschaffen. Die in Schrift-, Ton- und Filmdokumenten festgehaltenen Erinnerungen sollen vielmehr dazu beitragen, festgefahrene Diskurse zu Migration, zu italienischer Geschichte und Gegenwart aufzubrechen.

Die Idee entstand Ende des vergangenen Jahrzehnts in der Sprachschule „Asintas“. Viele der Schülerinnen und Schüler waren Geflüchtete vom Horn von Afrika. Um Italienisch zu lernen, erzählten sie von ihrem Weg nach Italien, von ihrem Leben in Äthiopien, Eritrea und Somalia, von italienischer Kolonialpräsenz und von den Booten nach Lampedusa. Geschichten, die nicht ausschließlich eine persönliche Erfahrung beschrieben, sondern den Blick auch auf die italienische Geschichte und Gegenwart lenkten – eine Perspektive, die vielen der Lehrenden bis dato kaum bekannt oder bewusst war.

Filme folgen den Spuren der Migrationspolitik Berlusconis in Libyen

Im Austausch mit Alessandro Triulzi, Historiker mit dem Forschungsschwerpunkt „Geschichte des Horns von Afrika“ und jetziger Präsident das AMM, entstand das Projekt, die Erzählungen der Geflüchteten als Zeugnisse der gemeinsamen Geschichte aufzuzeichnen. In selbstorganisierten Videoseminaren eigneten sich die Migrantinnen und Migranten neue Erzähltechniken an, und es entstanden die ersten Filme. Dagmawi Yimer, Vizepräsident des Archivs, 2006 selbst auf Lampedusa gelandet, zeichnet in Filmen wie „Il Deserto e il Mare“ und „Come un Uomo sulla Terra“ eindrucksvoll die Spuren des italienischen Kolonialismus in Ostafrika, Berlusconis Migrationspolitik in Libyen und migrantische Erfahrungen in den Städten Europas nach – mal in der Rolle des Erzählers, mal in der Rolle des Protagonisten.

Seit sich das Archiv als eigenständige Organisation aus den Strukturen der Sprachschule gelöst hat, sind die Arbeitsbereiche größer und vielfältiger geworden. Immer noch entstehen Texte, Tonaufnahmen und Filme, deren Urheberinnen und Urheber verschiedenste Aspekte der italienischen und europäischen Realitäten beleuchten, etwa in einer mit Dagmawi Yimer begonnenen Projektreihe. Im Rahmen des Projekts kehrten Zakaria Mohamed Ali, somalischer Journalist und Sozialarbeiter in Rom, und Mahamed Aman, Kulturmediator aus Eritrea, nach Lampedusa zurück und folgten ihren Spuren auf der Insel.

Dem Mythos der Namenlosigkeit der Opfer werden so die Stimmen derer entgegengesetzt, über die gesprochen wird. Aus diesem Grundgedanken heraus betreibt das AMM als Teil eines breiten Netzwerks antirassistische Bildungsarbeit. So ist anhand von Dagmawi Yimers neuestem Film „Va‘ Pensiero“ über die Überlebenden zweier rassistischer Anschläge ein Didaktik-Workshop für italienische Schülerinnen und Schüler entwickelt worden.

Die Bar Royal erinnert die italienische Gesellschaft an ihre Kolonialzeit in Afrika

Auf seiner Internetseite bewahrt das Archiv Texte, Fotografien, Tonaufnahmen und Filme – eine stetig wachsende Sammlung migrantischer Erinnerungskultur in Italien. Dabei wird versucht, die Werke nicht als Parallelerzählung zu konstruieren, sondern mit nationaler und transnationaler Geschichtserzählung zusammenzuführen. In diesem Rahmen bewegen sich auch die vom Projekt ausgehenden Forschungsarbeiten zu Migrationsdynamiken sowie zu Erinnerungs- und Dokumentationsmethodik. Gianluca Gatta, Sekretär des Archivs, betont, dass Migration nicht als isoliertes Phänomen gefasst, sondern als im historischen und geografischen Raum verortet begriffen wird.

Migration beginnt nicht an der Küste von Lampedusa oder am Bahnhof Termini in Rom, sondern in der Bar Royal in Asmara (Eritrea). An jene Bar erinnerte sich auch Mahamed Aman, als er in einer gleichnamigen Bar in Lampedusa saß. Es scheint wie ein kleines Detail seiner Erzählung, weist jedoch weit darüber hinaus: Mit dem Bild der Bar Royal erinnert er die italienische Gesellschaft an ihre Kolonialpräsenz in Eritrea.

Komplexe Geschichten brechen mit dem Bild des passiven Opfers

In Bezug auf die Erzählung selbst verwendet das AMM den Begriff Autonarration und betont die Bedeutung des Erzählkontexts: Frei von Rollenzuschreibungen, Erzähl- und Themenzwang berichten Menschen von ihren Erfahrungen. So reflektiert ein junger Äthiopier seine erste Nacht in der Wüste auf dem Weg nach Italien. Er erzählt von der Angst vor bewaffneten Rebellengruppen und von der plötzlichen Überwältigung beim Anblick des glitzernden Sternenhimmels, wie er ihn – aufgewachsen in einer Großstadt – nie zuvor gesehen hatte. Dieses Element von Schönheit und Begeisterung in der Erzählung bricht das Bild des passiven Opfers. Es gibt ihm und seiner Erfahrung eine Komplexität, die diese Rollenzuschreibung nicht zulässt.

Im Austausch über diese und andere Erfahrungen verdichtet sich die Narration, und die Grenzen zwischen Erzählenden und Zuhörenden verschwimmen. Die Erinnerungen, die so im AMM entstehen, machen die multiperspektivische Geschichte Italiens deutlich und lassen Zweifel an den hiesigen Migrationsdiskursen aufkommen.

„Wenn heute in Italien über Migration gesprochen wird“, sagt Gianluca Gatta, „ist der zentrale Begriff ‚Gefahr‘ oder ‚Problem‘, gefolgt von dem Ruf nach einer ‚Lastenaufteilung‘ innerhalb der EU. Über sich selbst und die eigene Geschichte sprechen weder Italien noch Europa.“ Wenn man aber nicht an die Wurzeln der Widersprüche besagter europäischer Konstruktion gehe, so Gianluca Gatta, könne man auch dieses Migrationsregime nicht ändern. Das AMM will diese Kontradiktionen ans Licht bringen und dabei nicht den weißen Wissenschaftler zum Sprachrohr migrantischer Interessen werden lassen, sondern einen gemeinsamen kritischen Diskurs gegen eine Festung Europa schaffen. „Als ich in Italien ankam“, sagt Dagmawi Yimer in „Come un Uomo sulla Terra“, „dachte ich, ich würde das alles vergessen. Aber dann haben wir verstanden, dass wir erzählen müssen.“