Kein Mensch ist illegal

Kein Mensch ist illegal

Objekte, die in der Heimat an den Strand gespült oder in Schiffen zurückgelassen wurden - gesammelt von dem Kollektiv "Askavusa". Urheber/in: Claudio Spottorno/VISUM. All rights reserved.

Jeder Mensch hat das Recht, in anderen Ländern vor Verfolgungen Asyl zu suchen und zu genießen. Mehr als 50 Millionen Menschen, so viele wie seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr, sind weltweit auf der Flucht. Die meisten suchen Schutz vor Krieg und Gewalt – zunächst in ihrem eigenen Land oder in den Nachbarländern. Die wenigsten machen also von dem Menschenrecht auf Asyl Gebrauch, das in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948 verankert ist.

Und vor allem: Es sind der Libanon, Jordanien, die Türkei, die die meisten syrischen Flüchtlinge aufnehmen, oder Pakistan, das seit Jahren Flüchtlingen aus Afghanistan Zuflucht bietet. Nicht wir hier in Europa. Der Ansporn für dieses Böll.Thema kam bei meinem Besuch von Zeltlagern in der Bekaa-Ebene im Libanon. Es war keines der großen Lager, in denen sich Zelt an Zelt unter sengender Sonne aneinanderreiht.

Es waren Zelte inmitten libanesischer Dörfer, auf deren Brachen oder auf Bürgersteigen zwischen den Wohnhäusern der Einheimischen. Im Libanon ist jeder fünfte Einwohner Flüchtling. Es war bewundernswert zu sehen, wie die Einheimischen helfen, obwohl sie häufig selbst nicht genug zum Leben haben; wie die Flüchtlinge versuchen, sich gegenseitig zu stützen. Und gleichzeitig kam die Scham, die Wut darüber, dass wir so wenige Flüchtlinge in Deutschland, in Europa aufnehmen.

Darüber, dass sie auf ihrer Flucht im Massengrab Mittelmeer sterben. Darüber, wie wir Flüchtende aus Eritrea, aus dem Südsudan, aus Westafrika, aus dem Nahen Osten hierzulande unterbringen und welche bürokratischen Hürden wir ihnen zumuten. Auch wenn nun das Beschäftigungsverbot für Flüchtlinge und die Residenzpflicht gelockert werden: Von menschenwürdigen Unterkünften, von einem Leben als Nachbarn sind wir immer noch weit entfernt.

Es ist gut, dass wie noch nie auch in Deutschland über Flüchtlinge berichtet wird. Wir wissen seither mehr darüber, wie hoch riskant es ist, ein Flüchtling zu sein, und wie ihre Not von Schleppern ausgebeutet wird. Das Mitgefühl der Bevölkerung wächst, und das ist definitiv ein Ergebnis dieser Berichterstattung. Ja, es gibt eine Welle der Solidarität in Deutschland. Das ist großartig. Gleichzeitig wächst die Fremdenfeindlichkeit, geschürt von Rechtspopulisten und Rechtsextremisten.

Als Gegengewicht braucht es die Zivilgesellschaft sowie eine Politik, die sich an den Grundrechten orientiert. Und keine weitere Aushöhlung des Asylrechts. Die internationale Gemeinschaft schafft es nicht, den Millionen Fliehenden und Vertriebenen ein Leben in Würde, frei von Furcht und Not nach der Flucht zu ermöglichen. Die reichen Länder schotten sich ab, ziehen ihre Grenzen und Zäune immer höher. Geben dafür Abermillionen aus, für die europäische Grenzschutzagentur Frontex, für die Zäune zwischen Mexiko und den USA.

Menschenrechte brauchen aber Staaten, die ihrer Verantwortung gerecht werden. Davon kann fast nirgendwo auf der Welt die Rede sein. Aus all diesen Gründen sollten wir nicht aufhören, über Flüchtlinge zu sprechen und zu schreiben. Auch über die vielen verschiedenen Ursachen, die Menschen in die Flucht treiben. Menschen fliehen, weil wie im Senegal die EU-Fischflotte den einheimischen Fischern alles wegfängt. Oder sie verlassen ihr Land wie in Uganda, weil sie wegen ihrer sexuellen Orientierung diskriminiert werden. Die Folgen des Klimawandels kommen bei den Ärmsten an, Flutwellen und Erdrutsche in Kaschmir entwurzeln Tausende, oder der Taifun Haiyan tötete im Herbst 2013 6.000 Philippiner/innen und hat vier Millionen zu Flüchtlingen gemacht. Das haben wir längst vergessen. Sie kommen in der medialen Hierarchie nicht (mehr) vor.

Schreiben wir also – wieder und wieder. Über die aberwitzigen Anstrengungen, diese Schutz suchenden Menschen von uns fernzuhalten, über die tödlichen Gefahren, denen sie deshalb ausgesetzt sind. Und hören wir ihnen zu, was sie zu erzählen haben: von ihrer Heimat, wie es ihnen dort ergangen ist und warum sie sich auf diesen langen Weg gemacht haben.

Mit diesem Böll.Thema wollen wir diese Menschen ein Stück begleiten.
Ihre Barbara Unmüßig

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