Natur oder Naturkapital? Über die Aneignung von Natur

Natur oder Naturkapital? Über die Aneignung von Natur

Moore, wie hier das Ranoch Moor, entziehen der Atmosphäre weltweit jedes Jahr 150 – 250 Mio. Tonnen Kohlenstoffdioxid (CO2) und wirken damit als Kohlenstoffsenke. Wieviel ist dieses Naturkapital wert?. Urheber/in: Christopher Combe Photography. Creative Commons License LogoDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

Das konstatierte Versagen der klassischen Ökonomie beim Klimawandel und dem Verlust biologischer Vielfalt will die Grüne Ökonomie überwinden, indem sie der Natur einen monetären Wert gibt und Ökosystemdienstleistungen in das Marktsystem mit einbezieht. Messen, Aneignen und Verrechnen sind die Schlüsselmethoden für diesen Weg aus der Klima- und Biodiversitätskrise.

Die vielleicht prägnanteste Formulierung des ökonomischen Versagens hinsichtlich der Natur stammt von Pavan Sukhdev: „We use nature because it’s valuable, but we lose it because it is free.“ Sukhdev stellt damit die Frage nach dem „Wert der Natur“ in den Mittelpunkt der Debatte um eine Grüne Ökonomie. Der Begriff „Wert“ ist vieldeutig und beinhaltet nicht unbedingt einen monetären Wert. Aber für eine ökonomische Bewertung ist die Frage des Preises zentral. Naturgüter wie etwa saubere Luft haben keinen Preis; dies sei der Grund für deren Übernutzung oder führe zu ihrer Zerstörung. Die Weltbank formuliert es so: „Für Ökonomen, die grünes Wachstum erreichen wollen, ist das Ändern der Anreize, die zu Umweltzerstörung und Verarmung geführt haben, entscheidend – und zwar über die richtigen Preise.“ Dafür müssen aber Preise existieren. Folgerichtig heißt es: „Natürlichen Ökosystemen einen monetären Wert zu geben ist der Schlüssel für den Weg zu einem grünen wirtschaftlichen Wachstum.“

Die Tatsache, dass Naturgüter keinen Preis haben, führt laut UNEP zu einer „Fehlleitung von Kapital“. Die große Herausforderung einer Grünen Ökonomie besteht daher darin, die bisher nicht in die Ökonomie einbezogenen Naturgüter in ökonomische Berechnungen und Preissysteme einzubinden.

Zerstörungen gegeneinander verrechnen

Konzeptionelle Grundlage dafür ist eine Neufassung des Naturbegriffs – und eben nicht eine Transformation unserer Wirtschaftsweise. „Wirtschaft neu denken“, das wird vor allem mit „Natur neu definieren“ verbunden. Damit stellt sich unmittelbar die Aufgabe, Methoden, Techniken und Messverfahren zu entwickeln, mit denen Natur nun ökonomisch bewertet und erfasst werden kann. Und wenn die Ursache der Naturzerstörung bisher deren ökonomische Nichtbewertung war, dann konzentrieren sich in dieser Logik die Lösungen und Handlungsansätze eben auf die Ökonomisierung von Ökosystemleistungen und Natur. Damit werden viele strukturelle Ursachen der Natur- und Klimakrise unsichtbar und bei der Suche nach Lösungen und Auswegen nicht mehr umfassend berücksichtigt. Eine äußerst komplexe Problemlage wird auf das Notwendigste reduziert.

Das geht immer mit einem „Unsichtbarmachen“ komplexer Wirklichkeiten einher. Fundamental für die Neudefinition von Natur sind also ihre Messbarkeit und die (monetäre) Inwertsetzung ihrer „Dienstleistungen“. Hierbei kommt es zu neuen Formen der Aneignung von Natur, die meist von denjenigen betrieben wird, die die Zerstörung von Ökosystemen miteinander und untereinander verrechnen wollen, um ein „Weiter so“ trotz Planetarischer Grenzen zu rechtfertigen. Die sozialen Beziehungen, die existierenden Mensch-Natur-Verhältnisse werden hier meist außer Acht gelassen, obwohl sie durch die neuen Aneignungsformen massiv berührt sind.

Der Begriff Naturkapital

In ökonomischen Analysen und politischen Statements zur Grünen Ökonomie setzt sich zusehends der Begriff Naturkapital durch. Das Konzept des Naturkapitals ist recht weit gefasst, und vielleicht ist dies auch eine Quelle von Schwierigkeiten und Missverständnissen bei der zum Teil hitzigen Debatte um die Monetarisierung der Natur. Naturkapital umfasst zunächst den Bestand von Naturgütern, „the stock“, wozu auch alte Bekannte wie die Rohstoffe gehören. Entscheidend ist aber, dass dieser Bestand Leistungen wie etwa Luft- und Wasserfilterung erbringt. „Natural Capital Accounting“ zielt daher in der Regel sowohl auf die Erfassung des Bestandes als auch auf die Bewertung des „Flows“, also der Leistungen des Naturkapitals. So kann etwa die Waldfläche eines Landes (nimmt sie zu, nimmt sie ab?), aber auch die Leistung dieses Waldes, CO2 zu speichern, in das „Natural Capital Accounting“ eingehen.

Das Naturkapital erodiert oder wird kontinuierlich durch menschlichen Einfluss zerstört. Diese Umweltkrise wird in der Sprache der neuen Ökonomie der Natur so betrachtet: „Der alarmierende Schwund unseres Naturkapitals wird im 21. Jahrhundert für jedes Unternehmen zur entscheidenden Herausforderung werden. Naturkapital ist die Basis menschlicher Gesellschaft, der Wirtschaft und jedes Unternehmens. Der Rückgang dieser Kapitaldecke wird, sollte er ungebremst fortschreiten, unsere Wirtschaft und Gesellschaft katastrophal verändern“ – so die eindringliche Mahnung von Ernst & Young LLP, einer der größten Wirtschaftsprüfungsgesellschaften der Welt.

Diese rein ökonomische Sichtweise auf Natur verfängt und holt – so scheint es – neue Verbündete in die Allianz zum Schutz des „Naturkapitals“. Die Natural Capital Coalition ist eine globale Multistakeholder-Plattform, bei der die Weltbank, UNEP, der World Business Council for Sustainable Development und Universitäten wie auch zahlreiche Unternehmen und Umweltverbande mitmachen. Sie blickt so auf das Naturkapital: „Wir haben keinen Reserveplaneten – was bedeutet, dass wir das Kapital rasch aufzehren, das uns die Natur zur Verfügung stellt, und dass wir auf Pump von der Zukunft leben. Das ist nicht nachhaltig. Für die Geschäftswelt ist es an der Zeit, sich der Bedeutung des Naturkapitals bewusst zu werden und dies in ihren Büchern zu verzeichnen. Das gilt für Regierungen und Unternehmen gleichermaßen. Damit Naturkapital zum Teil der Unternehmensphilosophie werden kann, brauchen wir Methoden, seinen Wert zu berechnen, und zwar sowohl in pekuniärer wie in nicht pekuniärer Hinsicht.“

Der Titel eines Essays von Morgan Robertson, einem amerikanischen Ökologen, der bei der monetären Bewertung von Feuchtgebieten für das amerikanische Wetland Banking Scheme mitgewirkt hat, bringt es 2006 auf den Punkt, worum es geht: „The nature that capital can see.“ Denn nur das, was für das ökonomische Auge sichtbar ist, zählt als „Natur“. Hierfür bedarf es klar zahlbarer Messeinheiten des Naturkapitals. Inzwischen hat sich weltweit eine bedeutsame Akteurskonstellation gebildet, die diese komplexe Aufgabe angeht.

Auf der Rio+20-Konferenz ist eine „Natural Capital Declaration“ verfasst worden, die von Regierungen, Institutionen des Finanzsektors, Unternehmen und NGOs unterzeichnet worden ist. Die bereits erwähnte Natural Capital Coalition hat unter anderem das Ziel, ein „Natural Capital Protocol“ zu verfassen. Die Weltbank hat zudem die Waves Initiative ins Leben gerufen („Waves“ steht für „Wealth Accounting and Valuation of Ecosystem Services“). Während Waves das Ziel hat, Länder bei der Entwicklung von Ansätzen zu unterstützen, das Naturkapital zu erfassen, zielt die Natural Capital Coalition eher auf eine internationale Vereinheitlichung von Methoden.

Ein wichtiger Meilenstein auf dem Weg zu einem „Natural Capital Accounting” ist das UN System of Environmental Economic Accounting (SEEA), das einen international vereinbarten Standard für biophysische Quantifizierung natürlicher Ressourcen entwickelt hat. Der Ansatz wird nun weitergeführt durch den Experimental-Ecosystem-Accounting-Ansatz, der darauf abzielt „to generate a basket of ecosystem services“. Mit dem „UN SEEA“-System ist der Grundstein gelegt für ein „statistical framework to measure environment and its interaction with economy“. Die biophysische Quantifizierung des SEEA ist nicht gleichbedeutend mit Monetarisierung, aber sie stellt einen umfassenden, globalen Ansatz dar, Natur quantifizierbar und vergleichbar zu machen.

Die Missachtung des Naturkapitals – um diese Sprachregelung beizubehalten – ist eine alte und plausible Kritik an überkommenen Messgrößen der Wirtschaft, insbesondere des Bruttoinlandsprodukts (BIP). Der Indikator BIP erfasst zum Beispiel nicht die Schädigung der Natur bzw. des Naturkapitals. So würde es sicherlich Sinn ergeben, nicht nur den Fischverbrauch in Berechnungen einzubeziehen, sondern auch die Entwicklung des Fischbestandes. Weil das Bruttoinlandsprodukt aber Schädigungen an der Umwelt nicht erfasst oder sogar positiv bewertet, ist der Ansatz des „Natural Capital Accounting“ auf den ersten Blick durchaus plausibel.

Naturkapital kann auf verschiedene Weisen ökonomisch berücksichtigt werden: zum Beispiel durch die Erfassung der Schädigungen am Naturkapital. In der Umweltökonomie ist dies als Bewertung von Externalitäten bekannt und hat auch den Mainstream der Ökonomen erreicht. Ein gutes Beispiel für einen externen Effekt ist die Luftverschmutzung. Sie kann durch gesetzliche Maßnahmen wie das Verbot von Blei im Benzin oder aber durch Preise etwa in Form einer Steuer reguliert werden. In der Debatte um Umweltschaden und deren Bekämpfung durch ökonomische Mechanismen ist dies unter der griffigen Parole zusammengefasst worden: „Die Preise müssen die ökologische Wahrheit sagen.“ Auch wenn dies eingängig klingt und sogar einleuchtend erscheint, wirft es doch eine Reihe von Fragen auf: Sagen etwa 20 Cent mehr auf den Benzinpreis die gesamte „Wahrheit“ über Erdöl und Verkehr aus?

Aber das Konzept des „Naturkapitals“ öffnet noch eine andere Perspektive für eine Neubestimmung des Verhältnisses von Ökonomie und Natur und deren Valorisierung: Funktionen von Natur wie etwa die CO2- Speicherung in Wäldern oder Böden sind in den letzten Jahren zunehmend als Dienstleistungen von Ökosystemen beschrieben und begrifflich gefasst worden. Gerade diese „ecosystem services“ – wie die griffige englische Bezeichnung lautet – sollen endlich ebenfalls ökonomisch bewertet werden.

Messbar in Euro und Dollar

Im Konzept des „Naturkapitals“ und des „Natural Capital Accounting“ sind diese beiden Wege der ökonomischen Bewertung von Natur – die Bepreisung von negativen Externalitäten und die Bewertung der Ökosystemdienstleistungen – vereint. Die Debatte um die Einschätzung ökonomischer Mechanismen im Kontext der Grünen Ökonomie ist oft konfus, weil zwischen den verschiedenen Formen von Inwertsetzung und Bepreisung nicht eindeutig unterschieden wird.

Der Begriff des „Naturkapitals“ holt die Natur, wie gesagt, in die Dimensionen der Ökonomie hinein: Natur kann und soll mit ökonomischen Begriffen beschrieben und erfasst werden. Das große Versagen der traditionellen Ökonomie war und ist eben, dass ihr dies tatsächlich nicht ausreichend gelungen ist. Die Grüne Ökonomie will hier Abhilfe schaffen, indem sie die Natur ökonomisch besser erfassbar macht; das heißt: Sie muss besser messbar werden. Der altbekannte Grundsatz: „We can only manage what we measure“ ist in Abwandlungen, „We can only treasure what we measure“, gerade zu einem Leitthema der Grünen Ökonomie geworden. Immer wichtiger werden in der heutigen Welt messbare Daten, die sich auch in Euro und Dollar ausdrücken lassen.

Dies ist ein Auszug aus dem Buch "Kritik der Grünen Ökonomie".

Verwandte Inhalte

  • Dossier: Kritik der Grünen Ökonomie

    Das Konzept der "Grünen Ökonomie" will als neues Leitbild Lösungen für ökologische und ökonomische Probleme anbieten. Doch kann sie das wirklich? Das Dossier zum Buch.

  • Kritik der Grünen Ökonomie

    Das Konzept der "Grünen Ökonomie" will als neues Leitbild Lösungen für ökologische und ökonomische Probleme anbieten. Das Buch unterzieht jetzt die Grüne Ökonomie einer kritischen Prüfung, testet ihre Versprechen, erörtert ihre Möglichkeiten, beschreibt die tatsächlichen Konsequenzen, nennt ihre blinden Flecke – und skizziert einen Weg, um globale Krisen auch unter sozialen Gesichtspunkten zu meistern.

Neuen Kommentar schreiben