Luftangriffe allein werden den IS nicht besiegen

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Karte mit Einflusszonen des IS in Syrien und Irak (Stand Oktober 2015)

Keine militärische Streitmacht wird den Islamischen Staat ohne eindeutige Strategie und ohne Unterstützung der lokalen Bevölkerung besiegen. Luftangriffe ohne eine partizipative Strategie, die dem Schutz der Zivilbevölkerung die höchste Priorität einräumt, werden nur das Leiden der Zivilbevölkerung vergrößern.

Die Anschläge in Paris haben den Diskurs über den dringenden Handlungsbedarf, den Islamischen Staat zu bekämpfen, wieder nach Europa zurück gebracht. Während Frankreich eine klare Position einnahm, indem es umgehend die Hochburg des IS im syrischen ar-Raqqa angriff, sind andere europäische Staaten noch dabei zu überlegen, was zu tun ist.

Die aktuelle Debatte im Vereinigten Königreich konzentriert sich zurzeit auf den Vorschlag des Premierministers, David Cameron, den IS in Syrien anzugreifen oder nicht, erwägt dabei aber keine weiteren Optionen. Dieser Ansatz birgt die Gefahr, die Diskussion/Alternativen darauf zu beschränken entweder den IS mittels Luftangriffen zu bekämpfen – was nicht ausreichend sein wird, um den IS zu besiegen und was letztendlich auch noch als ein Rekrutierungswerkzeug durch die Gruppierung eingesetzt werden könnte – oder aber gar nichts zu ihrer Bekämpfung zu unternehmen, was die Haltung der Antikriegs-Organisation „Stop-the-War-Coalition“ wiederspiegelt. Derlei Entscheidungen lassen sich nicht einfach und geradeheraus treffen, darum ist es wichtig andere Möglichkeiten zur Bekämpfung des IS zu erörtern, die aber gleichzeitig Teil einer umfangreichen Strategie sind und den Ursprung des Problems ebenso benennen, wie auch die Gräueltaten des Assad-Regimes, und auch nach nachhaltigen Lösungen suchen.

Der IS passt sich an Luftangriffe an

Es ist wichtig hervorzuheben, dass ein Sieg gegen den so genannten IS weder einfach noch schnell erreicht sein wird. Die schleppenden Fortschritte der derzeitigen Luftangriffe erlaubt es der Gruppierung, ihre Taktiken anzupassen und Verluste zu verringern. Die gegen den Islamischen Staat gerichteten Luftangriffe im Irak und in Syrien haben dem IS auf vielen unterschiedlichen Ebenen z.B. finanziell und militärisch Schaden zugefügt und auch dessen Bewegungsfreiheit eingeschränkt usw. Der Großteil dieser Erfolge ist jedoch eher taktisch und lässt sich nicht in einen strategischen Sieg über den Islamischen Staat umdeuten.

Anders ausgedrückt, die Luftangriffe sind keine existentielle Bedrohung für den IS – es war der Gruppierung möglich, sich in neue syrische Gebiete wie z. B. in den ländlichen Regionen der Gouvernements Aleppo und Homs auszubreiten. Außerdem hat der IS seine militärischen Taktiken den Angriffen angepasst, was deren Auswirkungen verringert hat, vor allem nachdem die leichten Ziele (militärische Stützpunkte, Ausbildungslager etc.) während der Bombardierungen der ersten Tage eliminiert wurden. Der IS war also imstande, an unterschiedlichen Fronten gleichzeitig zu kämpfen, was darauf hinweist, welch minimale Auswirkung die Angriffe auf die Effizienz der Gruppierung hat.

Über das Leid der durch die Luftangriffe betroffenen Zivilbevölkerung wird üblicherweise nicht berichtet, es ist ein von der Öffentlichkeit ausgeklammertes Thema. Es gilt die weitverbreitete Ansicht, dass jene, die gegen den IS sind, fortgingen und jene, die immer noch dort sind, den IS unterstützten. Deswegen zählen sie als Kollateralschaden. Viele Menschen hatten aber überhaupt keine Möglichkeit zu fliehen, entweder, weil sie es sich nicht leisten konnten oder weil sie keinen sichereren Ort finden konnten.

Es mag zudem für viele eine Überraschung sein, zu erfahren, dass viele Menschen in IS-kontrollierte Gebiete gezogen sind, weil diese im Vergleich zu den Gebieten, die durch gemäßigte Gruppen kontrolliert wurden, weniger durch die Luftangriffe des Regimes angepeilt worden sind. Die Bevölkerung wird auch als menschliches Schutzschild eingesetzt, es ist den Menschen verboten, die IS-Gebiete zu verlassen, vor allem jenen, die kampftüchtig sind. Abgesehen von dem Zustand der ständigen Angst, wird die Versorgung mit Elektrizität und Wasser als erstes unterbrochen, da die Leitungen durch die Luftangriffe häufig beschädigt werden. Der Mangel an humanitärer Hilfe und der Zusammenbruch der lokalen Wirtschaft in den IS-Gebieten erschwert es den Menschen, finanziell unabhängig zu sein, was wiederum einige Menschen dazu zwingt, sich als Überlebenstaktik der Gruppierung anzuschließen.

Spannungen zwischen Arabern und Kurden

Die Verlockung eines schnellen Siegs über den IS sollte mit Bedacht erwogen werden. Ein Auslöschen dieser Gruppierung ohne sich der Zustände anzunehmen, die es ihr überhaupt erlaubten, zu gedeihen, führen höchstwahrscheinlich zu einem Ersatz durch eine genauso schlimme oder gar schlimmere Gruppierung. Obwohl es in den Jahren 1979 bis 1989 der US-amerikanischen Unterstützung für die afghanischen Mudschaheddin gegen die Sowjetunion gelang, das gesetzte Ziel zu erreichen, behaupten viele, dass dies zum Aufkommen der al-Qaida beigetragen hat. Das gleiche ereignete sich als die USA den Islamischen Staat im Irak, eine der al-Qaida verbundene Organisation bekämpfte, ohne die Missstände der sunnitischen Gemeinschaft angemessen anzugehen, was wiederum zur Ausbreitung des Islamischen Staats führte.

Jede Strategie gegen den IS sollte gleichzeitig die langfristigen Auswirkungen einer militärischen Unterstützung und eines Einsatzes auf das Kräftespiel im Krisengebiet berücksichtigen. Beispielsweise wurden mangels einer echten arabisch-kurdischen Kooperation in Syrien, alle Gebietsverluste des IS unter der US-amerikanisch angeführten Koalition zumindest vorläufig zu faktisch kurdischen Eroberungen, einschließlich jener Gebiete, wo Araber die Mehrheit bilden wie Tall Abyad im syrischen Gouvernement ar-Raqqa. Das hat zu zunehmenden Spannungen zwischen Arabern und Kurden geführt, weil man letzteren unterstellt, die US-amerikanische Unterstützung zu ihrem Vorteil zu nutzen, um ihre Gebiete zu erweitern. Zusätzlich zu den Spannungen, die durch die kürzliche Erkundungsmission in Nordsyrien verursacht wurde, deckte Amnesty International eine Welle von Zwangsumsiedlungen und Zerstörungen von Gebäuden auf, die auf Kriegsverbrechen der YPG (dem syrischen Ableger der PKK) hinauslaufen, welche dieses Gebiet kontrollieren. Jedwedes Eingreifen gegen den IS sollte auch diese Probleme angehen, statt sich nur mit den Symptomen zu befassen.

Lokale Bevölkerung in Strategie einbinden

Letztlich wird keine militärische Streitkraft den IS oder zukünftige eventuell vergleichbare Gruppierungen zerstören, sofern nicht mit einer breiter angelegten Strategie vorgegangen wird, die die Bedingungen berücksichtigt, welche es dem IS überhaupt ermöglichten aufzukommen. Die Aussichten, den Krieg gegen den IS ohne die Unterstützung und die Teilnahme der lokalen Bevölkerung zu gewinnen sind fast gleich Null. Diese These wird durch alle erfolgreichen Versuche gestützt, Extremisten auszulöschen, wie z. B. die Vertreibung des IS aus den ländlichen Regionen der syrischen Gouvernements von Idlib und Aleppo, aus Kobanê und aus den Ghuta Siedlungen in 2014.

Jedoch wird diese Unterstützung nicht einfach zu erlangen sein, wenn die lokale Bevölkerung nicht auch ein Gefühl der Mitverantwortung beim Entwurf und bei der Umsetzung solcher Strategien entwickeln kann. Das würde es ermöglichen, einen Keil zwischen den IS und die größere sunnitische Gemeinschaft zu treiben, indem man dem extremistischen religiösen Diskurs der Gruppierung mit einem gemäßigten Ansatz entgegenwirken würde. Dies würde zudem erlauben, tief verwurzelte politische, wirtschaftliche, soziale und kulturelle Probleme zu identifizieren und anzugehen, die den IS erst hervorriefen. Außerdem würde dies den Menschen ermöglichen, ihre eigenen Alternativen und Lösungen zu gestalten. Vor allem wären sie motiviert, auch dafür zu kämpfen, wenn sie die Hoffnung und Sicherheit haben könnten, dass das was daraus erwächst, nicht noch schlimmer ist.

Weitere Luftangriffe ohne eine eindeutige, umfangreiche und partizipative Strategie, die dem Schutz der Zivilbevölkerung die höchste Priorität einräumt, wird nur das Leiden der Zivilbevölkerung vergrößern. Ohne eine solche Strategie wird die Zivilbevölkerung diejenige sein, die den höchsten Preis dafür zahlt, dass sie es gewagt hat ihre Grundrechte von einem grausamen Regime einzufordern, das die Bevölkerung zwingt, ihre schlimmsten Albträumen zu durchleben.

Dieser Artikel erschien zuerst in NOW.