Hamburg, Bremen, Berlin: Gute Nahrung für die Stadt

Hamburg, Bremen, Berlin: Gute Nahrung für die Stadt

Stadtstaaten im Überblick – Urheber/in: Heinrich-Böll-Stiftung, BUND. Creative Commons License LogoDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

Die Stadtstaaten stellen für Biohöfe mit Fleisch-, Milch- oder Eiererzeugung einen großen Absatzmarkt dar. Zahlreiche Initiativen arbeiten daran, die urbane Kundschaft mit der regionalen Produktion zu vernetzen. Ein Kapitel aus dem Fleischatlas Regional.

In Städten wurde traditionell mehr Fleisch gegessen als auf dem Land. Denn wer urban wohnt, verdient durchschnittlich mehr Geld, isst anders und mehr – vor allem tierische Produkte. Doch heute scheint sich dieses Verhältnis umzukehren. In der Schweiz zum Beispiel essen 46 Prozent der Landbevölkerung an fünf oder mehr Tagen pro Woche Fleisch – in der Stadt sind es nur 32 Prozent. In den deutschen Stadtstaaten liegen die monatlichen Ausgaben für Fleisch und Wurst unter denen in den Flächenländern. In den großen Städten steigt die Zahl der Vegetarier/innen und Veganer/innen. Einer Untersuchung zufolge ernährten sich 2010 bundesweit bereits 1,6 Prozent der Bevölkerung vegetarisch, in Berlin waren es mit drei Prozent fast doppelt so viele. Seither haben diese Zahlen deutlich zugenommen.

Bremen, das sich seit Kurzem „BioStadt“ nennt, unterstützt schon seit Anfang 2010 den Veggiday und kombiniert Ernährung mit  Klimazielen: Donnerstags wird in vielen Bremer Haushalten, Schulen, Kantinen und Restaurants ohne Fleisch gekocht. Wenn 550.000 Menschen 52 Tage im Jahr vegetarisch äßen, so die Initiatoren der Aktion, würde der Atmosphäre eine jährliche CO2-Belastung von 40.000 Pkws pro Jahr erspart, rund 15 Prozent des Bremer Bestandes.

Viele kleine Erzeuger sind auf die Großstädte als Absatzmarkt angewiesen – Urheber/in: Heinrich-Böll-Stiftung, BUND. Creative Commons License LogoDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

Der Biotrend ist besonders in Berlin sichtbar, auch beim Fleischkonsum. Nirgendwo in Europa ist er stärker als in der Bundeshauptstadt – mit 120 Bioläden, Bioabteilungen in ansonsten konventionellen Supermärkten sowie unzähligen gastronomischen Angeboten. Auch wenn bislang nur 15 bis 20 Prozent der Biolebensmittel aus dem Brandenburger Umland nach Berlin kommen, ist die Hauptstadtregion doch bemerkenswert innovativ. Es gibt zahlreiche Initiativen und Projekte, die mit gutem Beispiel vorangehen und bei der Erzeugung von Fleisch auf Umweltschutz, Tierwohl, direkte Beziehungen zwischen den Erzeuger/innen und Verbraucher/innen und die Stärkung regionaler Wirtschaftskreisläufe setzen.

Gleich mehrere Initiativen bieten die Möglichkeit, online zu bestellen und dabei auf anonymes Massenfleisch zu verzichten. Der Versandhandel „Meine kleine Farm“ versieht die Produkte mit Fotos der Tiere, aus denen sie hergestellt sind: im Freiland artgerecht gehalten und von Betrieben im Berliner Umland. Auch „MyCow“ setzt auf Tierwohl und arbeitet mit Höfen in Brandenburg
und Mecklenburg-Vorpommern. Bestellt werden können nur Pakete, die alle Teile der Kuh enthalten – denn Kühe bestehen eben nicht nur aus Steaks.

Von den meisten Onlineanbietern werden die bestellten Fleischprodukte direkt nach Hause geliefert.  Bestellt werden kann also auch vom Land aus – doch das Gros der Kundschaft kommt aus Berlin. Bei der „Food Assembly“ kann Fleisch ebenfalls ohne Umwege und Zwischenhändler/innen bei Erzeuger/innen aus der Region geordert werden. Geliefert wird einmal pro Woche an eine von sechzehn Abholstellen in Berlin, wo sich Erzeuger/innen und Verbraucher/innen zur Übergabe der Ware persönlich treffen. In Berlin wie in Hamburg und Bremen dienen auch die Wochenmärkte als Einkaufsmöglichkeit. An Weser und Elbe bietet „Cuxland Pur“ Wurst- und Fleischwaren aus eigene Schlachtung von Tieren an, die der Familienbetrieb von Biobauern und -bäuerinnen aus der Region bezieht.

Nachfrage im Vergleich – Urheber/in: Heinrich-Böll-Stiftung, BUND. Creative Commons License LogoDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

Eine weitere Alternative zum Fleisch aus Massentierhaltung ist die „Solidarische Landwirtschaft“ (SoLaWi). In ihr verpflichten sich die Verbraucher/innen, über einen längeren Zeitraum an einen Hof in der Region feste Beiträge zu zahlen. Sie erhalten dafür einen bestimmten Anteil der dort erzeugten Nahrungsmittel. Mit SoLaWis können Erzeuger/innen weitgehend unabhängig von Marktzwängen und Subventionen wirtschaften, das Wohl der Tiere beachten und Ressourcen  schonen. Verbraucher/innen wiederum wissen genau, wo und wie ihre Nahrungsmittel erzeugt werden. Neben Gemüse erzeugen einige SoLaWis auch Fleisch, so auf dem Kattendorfer Hof bei Hamburg. In dieser nach Demeter-Richtlinien arbeitenden Betriebsgemeinschaft erhalten die Mitglieder jede Woche ihren Ernteanteil an Gemüse, Milch- und Milchprodukten und eben auch an Fleisch und Fleischwaren.

Um ein breites Spektrum an Akteuren des Ernährungssystems zusammenzubringen, haben sich mancherorts „Food Policy Councils“, zu deutsch „Ernährungsräte“, gebildet. Im angelsächsischen Raum gibt es sie etwa in New York, Toronto, London und Bristol; in Berlin befindet sich einer im Aufbau. Solche Ernährungsräte vernetzen Stadt und Land und formulieren Visionen und Forderungen für eine zukunftsfähige Ernährung und Landwirtschaft. Durch die Vielzahl der Beteiligten können sie sich auch zu einer Plattform für die alternative Fleischerzeugung entwickeln.

 

Quellen:

 

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