Kampf um die chemische Keule

Kampf um die chemische Keule

Ausschnitt aus der Grafik: Europäische Länder mit Herbizid-resistenten Pflanzen. Urheber/in: Heinrich-Böll-Stiftung, BUND. Creative Commons License LogoDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

Glyphosat ist ein Unkrautvernichtungsmittel mit weltweitem Milliarden-Umsatz. Nebenwirkung: Es macht Pflanzen resistent, die es eigentlich zerstören soll. Ob die Agrochemikalie auch Krebs verursachen kann – darüber streiten in der EU die Fachleute mit ungleichen Waffen. Ein Kapitel aus dem Fleischatlas Regional.

Etwa 80 Prozent der Deutschen meinen, dass Pestizide in Lebensmitteln eines der größten Risiken für unsere Nahrung sind. Das ist eines der Ergebnisse der Nationalen Verzehrsstudie, die schon im Jahr 2008 vom Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz veröffentlicht wurde. Dennoch steigt in Deutschland Jahr für Jahr der Einsatz von Pestiziden, um gegen Pilze, Ackerkräuter, Schädlinge, Nager und vieles mehr vorzugehen. Zwischen 2004 und 2014 hat sich die Menge der verkauften Wirkstoffe (ohne Kohlendioxid) von etwa 30.000 auf 35.000 Tonnen erhöht. Der Industrieverband Agrar berichtete vom Geschäftsjahr 2014, dass die agrochemischen Unternehmen mit 1,6 Milliarden Euro das dritte Mal in Folge ihren Umsatz steigern konnten.

Am stärksten steigt in Deutschland und weltweit der Verbrauch von Unkrautbekämpfungsmitteln und von dessen am meisten verwendeten Wirkstoff Glyphosat. Der Wirkstoff ist ein Breitbandherbizid und tötet auf dem Acker alle Pflanzen – bis auf die gentechnisch veränderten. Verkauft werden weltweit jährlich mehr als 720.000 Tonnen Glyphosat. Der Marktwert liegt bei geschätzten 5,5 Milliarden Dollar, die geschätzte Wachstumsrate bei über sieben Prozent.  40 Prozent der deutschen Äcker werden mit Glyphosat behandelt. Urheber/in: Heinrich-Böll-Stiftung, BUND. Creative Commons License LogoDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.Der weltweite Hunger auf Fleisch ist einer der großen Treiber für dieses Geschäft. Denn die als Futtermittel verwendeten gentechnisch veränderten Sojapflanzen sind gegen den Wirkstoff resistent. Damit kann er vor der Aussaat eingesetzt werden, um die Felder vom Unkraut zu befreien, und während des Aufwuchses, um unerwünschte Ackerkräuter fernzuhalten. Je mehr Fleisch die Menschen essen, desto mehr gentechnisch verändertes Soja wird als Futtermittel angebaut, und desto mehr Glyphosat kommt zum Einsatz. 

Daher wird Glyphosat meist in Südamerika und den USA angewendet. In Argentinien hat sich der Verbrauch von Wirkstoffen, die Unkräuter vernichten, in den letzten zehn Jahren mehr als verzehnfacht – von 19.300 auf 212.300 Tonnen. Wieder ist der am meisten verwendete Wirkstoff Glyphosat. Das Mittel wird aus Flugzeugen auf die Felder gespritzt, und der Wind verweht einen Teil des Giftes. Ärzte und Zivilgesellschaft klagen, dass dort Hautausschläge, Atemwegserkrankungen und Krebs in erhöhtem Maß auftreten.

In Deutschland wird Glyphosat auf etwa 40 Prozent der Ackerflächen verwendet. In den 1990-ern stieg der Verbrauch stark an. In den letzten Jahren wurden kontinierlich zwischen 5.000 und 6.000 Tonnen des Wirkstoffs eingesetzt. Der Marktanteil dieses Wirkstoffes an allen verkauften Herbiziden liegt bei 30 bis 40 Prozent.

In der Europäischen Union fand 2015 eine Bewertung von Glyphosat statt. Alle in der EU zugelassenen Wirkstoffe müssen dieses Verfahren regelmäßig durchlaufen, um die gesundheitliche Unbedenklichkeit des Mittels feststellen zu lassen und es in der europäischen Landwirtschaft verwenden zu dürfen. Im Oktober 2015 beendete die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) das Verfahren mit der Aussage, Glyphosat sei als unbedenklich für die menschliche Gesundheit und als nicht Krebs erregend einzuschätzen. Die endgültige Entscheidung darüber, ob Glyphosat auf der Liste der erlaubten Mittel bleibt,  trifft die EU-Kommission im nächsten Jahr. Die Bewertung der EFSA ist dabei eine wichtige Grundlage.

Um einschätzen zu können, wie sich Glyphosat auf die menschliche Gesundheit in Europa auswirkt, hatte die EFSA das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) mit einer Untersuchung beauftragt. Das BfR wertete in einer Metastudie mehr als 1000 Studien aus – Ergebnis: „nicht krebserregend“. Einige Monate später aber veröffentlichte die Internationale Krebsforschungsagentur IARC, die zur Weltgesundheitsorganisation gehört, einen eigenen Bericht. Auch die IARC wertet vorhandene Studien und Literatur aus – Ergebnis: „wahrscheinlich krebserregend“.

Europäische Länder mit Herbizid-resistenten Pflanzen. Urheber/in: Heinrich-Böll-Stiftung, BUND. Creative Commons License LogoDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

Seitdem streiten sich die Fachleute und ihre jeweiligen Unterstützer. Man wirft sich vor,  unwissenschaftlich gearbeitet zu haben, Ergebnisse über- oder unterzuinterpretieren und wichtige Ergebnisse nicht in die Bewertung einbezogen zu haben. Es geht um den Aufbau von wissenschaftlichen Experimenten und die Art ihrer Auswertung, mehr noch: um fehlende Transparenz, öffentliche Kontrolle und Demokratie im Agrar- und Ernährungssektor, in dem sich viele Big Player tummeln.

Der Unbedenklichkeitsbefund des deutschen BfR stützt sich großteils auf Forschungen der Industrie. Das ist nicht unüblich – kaum sonst jemand hat so genaue Einblicke in die Auswirkungen der jeweiligen Wirkstoffe wie die Industrie selbst. Zugleich liegt dort das Problem: Nur diejenigen, die ein explizites ökonomisches Interesse an der Unbedenklichkeit eines Wirkstoffs haben, können dies wissenschaftlich be- oder widerlegen. Zumal einige Studien, die in die Bewertung einflossen, von den Firmen nicht oder nur zum Teil veröffentlicht wurden und sich damit völlig der öffentlichen Diskussion entziehen.

Die EFSA hat sich der Bewertung des BfR angeschlossen. Dennoch fordern in einem offenen Brief mehr als 100 internationale Wissenschaftler den EU-Kommissar für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit auf, dieser Bewertung nicht zu folgen und Glyphosat im nächsten Jahr nicht wieder zuzulassen. Denn es ist nicht zu überprüfen, ob das BfR oder die IARC recht hat – weil Firmengeheimnisse in den BfR-Bericht einflossen, wird er nicht veröffentlicht.

 

Quellen:

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