Die Erfindung der laufenden Barrikade

Barrikade

Der bildende Künstler Artúr van Balen geht auf die Barrikaden: Er ist Gründer der Gruppe „Tools for Action“, die seit 2010 aufblasbare Objekte für Demonstrationen und Proteste entwirft und in kollektiven Arbeitsprozessen herstellt. Sein Aktionsradius ist global, von Mexiko bis Indien, von Budapest bis Sarajevo. Zuletzt hat er bei der UN-Klimakonferenz 2015 in Paris mit aufblasbaren Barrikaden experimentiert. Ein Gespräch über das Ästhetische im Protest und das Ziehen und Auflösen von Grenzen.

Definierst Du Dich selbst als Aktivist, als Künstler oder als Aktionskünstler? Oder ist das unerheblich?

Ich verstehe mich als Künstler und realisiere Projekte, die sich zwischen Kunst und Aktivismus bewegen. Den Kunstanteil an meiner Arbeit nehme ich immer ernster.

Warum?

Das Ästhetische im Protest ist wichtig, um ein Gefühl der Wunderlichkeit, des Surrealen einzuziehen. Für die UN-Klimakonferenz in Paris haben wir ein neues Werkzeug entwickelt: 1,50m x 1,50m große Würfel, wir nennen sie „aufblasbare Pflastersteine”, die mittels Klettverschluss miteinander verbunden werden. Am 12. Dezember 2015 haben wir damit erstmals große Straßen blockiert, z.B. die Avenue de La Grande Armée beim Arc de Triomphe, mit einem Team von siebzig Leuten. Auf ein Zeichen haben wir die Würfel in die Luft geworfen. Es entwickelte sich eine Eigendynamik in der Menschenmenge, eine Art ungeplante Choreografie. Die Würfel verhielten sich wie ein Schwarm, der sich über die Köpfe von Tausenden hinweg fortbewegte.

 

Am selben Tag haben wir die laufende Barrikade erfunden: Fünfzig Aktivist*innen, die mit einer 25 Meter breiten und 3 Meter hohen Wand durch die Stadt spazierten. Solche Situationen der Ausnahme und des Spiels reizen mich. Sie können die Stimmung bei einer Demonstration erheblich beeinflussen.

Wie können solche Ereignisse mit Narrativen verbunden werden, d.h. wie verknüpft ihr das sinnliche Erlebnis mit einer Botschaft?

In Paris hatten 130 NGOs zum Abschluss der Konferenz zu einem Tag des zivilen Ungehorsams aufgerufen. Das Motto hieß „Red lines are not for crossing“. Wir wollten sagen: Das Konferenz-Abkommen geht in eine gute Richtung, aber es reicht noch nicht. Unsere Würfel haben wir mit roten Streifen versehen, die sich auf der Barrikade zu einer langen Linie verbunden haben – eine symbolische Grenzziehung: keine globale Erwärmung über 1,5°C, ausreichend Geldtransfer von den Hauptverursachern zu den Hauptleidtragenden des Klimawandels usw. Ursprünglich hatte die Koalition zur Besetzung der Eingänge zum Veranstaltungsort in Le Bourget aufgerufen. Das wäre interessant geworden, weil sich zum ersten Mal viele große NGOs zu so einer Aktion zusammengeschlossen haben: Greenpeace, Avaaz, Attac, WWF, 350.org.

Aber die Sicherheitsmaßnahmen nach den Anschlägen vom 13. November kamen Euch dazwischen?

Die französische Regierung nutzte den Ausnahmezustand dazu, viele der Organisator*innen unter Hausarrest zu stellen. Demonstrationen von mehr als zwei Personen wurden untersagt. Die Repression war stark zu spüren, an geheim geplante Aktionen war nicht zu denken. In einer trauernden Stadt war es ohnehin schwer, über Klimagerechtigkeit zu sprechen.

Wir haben kurzerhand umgedacht und angefangen, frisch gebaute Würfel mit dem Label „Fabriqué à Paris“ zu versehen und per Post an Aktivist*innen in New York, London und Portland zu schicken. In New York kamen sie zum Beispiel bei einer Blockade-Aktion gegen Fracking zum Einsatz. Wir haben die Würfel zu den Protagonisten ihrer eigenen Geschichten gemacht. Sie kommen aus der „verbotenen Stadt“.

Eine schöne Geste, denn die Barrikade ist doch ohnehin, wie auch die Revolution, ein Pariser Exportschlager?

Historisch wurden Barrikaden das erste Mal am 12. Mai 1588 erwähnt. Etymologisch leitet sich das Wort vom französischen „la barrique“ her: „das Fass“. Leere Holzfässer wurden auf die Straße gerollt, mit Ketten gesichert und Steinen beschwert. Mit der Französischen Revolution hat sich die Barrikaden-Taktik dann in der Tat über ganz Europa verbreitet. Sie ist ein ur-französisches Phänomen, das fest im Nationalstolz verankert ist. Unsere Skulptur knüpft an diese Tradition an.

Wobei sie für den ursprünglichen Zweck unbrauchbar ist, nämlich einem Feind den Durchgang zu verwehren und mich zugleich vor
ihm zu schützen.

Da würde ich widersprechen. Unsere Würfel sind zwar aus Folie hergestellt und mit Luft gefüllt, aber sie sind sehr stabil und versperren die Sicht. Das Effektive an unserer Taktik ist die Unschuld des Mediums. Niemand kann etwas gegen Luftballons haben, und doch kennen wir Situationen, in denen Polizist*innen die Würfel regelrecht attackieren. Dem Bild des Steine schmeißenden Demonstrierenden stellen wir das Bild des humorlosen, ungeschickten Polizisten entgegen, der Luftballons kaputt macht.

Die Barrikade ist auch historisch nie einfach nur ein physisches Hindernis gewesen. Sie konnte nur dann erfolgreich sein, wenn sie neue Sympathien in der Bevölkerung ausgelöst hat, weil man moralisch im Recht war und dies der Gegenseite auch klar machen konnte. Man hat die Soldaten, die den Aufstand niederschlagen sollten, in ein Problem verwickelt.

Wie das?

Die Soldaten mussten sich der Barrikade nähern. Plötzlich stehen sich zwei Seiten gegenüber, und im Idealfall schafft die Barrikade einen temporären Ort für Diplomatie und es wird verhandelt. Wenn die Aufständischen erfolgreich waren, dann sind die Soldaten übergelaufen.

Mit unseren aufblasbaren Pflastersteinen ziehen wir Grenzen, kreieren ein physisches Statement, und im selben Atemzug können wir sie auflösen und woanders aufbauen. Das ist ganz elegant, und deshalb sehe ich darin mehr als nur ein postmodernes Re-enactment von Revolution. Ich möchte andere Taktiken in die Protestkultur einführen. Frankreich hat eine interessante Kultur des Widerstands. Es wird unheimlich viel Theorie gelesen, und dann gehen sie raus und machen einen Krawall. Wir zeigen praktische Alternativen.

Du schaffst also Soziale Plastiken, bildende Kunst. Referenzen reichen von Warhols „Silver Clouds“ bis zu Christos „Land-Art Projekten“.
Du planst gerade eine Zusammenarbeit mit einem Theater. Wozu?

Dem Einsatz der Skulpturen im Stadtraum gehen wochenlange Arbeiten in einer Werkstatt voraus. Wir geben Workshops, in denen wir zeigen, wie man die Objekte preiswert baut. Momentan können zwei Menschen in ca. vier Stunden einen Würfel bauen. Diese Workshops sind für mich fast der wichtigste Teil des Kunstwerks: die kollektive Arbeit von Menschen, die sich darüber zusammenschließen und austauschen. Das kann auch in sozialen Zentren oder Galerien stattfinden.

Die Arbeit am Theater fühlt sich aber sehr folgerichtig an, wahrscheinlich weil unsere „Auftritte“ einen temporären, performativen Charakter haben. Und Theater können durch ihren seriösen Ruf verschiedene soziale Gruppen und Institutionen integrieren, die sonst nie miteinander arbeiten würden. Der Absender „Theater“ bürgt für das Prädikat Kunst - was dann wichtig wird, wenn ein Vorhaben etwas gewagter ist.

Was ist denn geplant?

Was ich jetzt schon sagen darf: Wir werden die Würfel aus Paris benutzen, dazu hoffentlich ein paar hundert neue bauen und mit Spiegelfolie bekleben. Die Barrikade wird mit Hilfe von hunderten Menschen als riesenhafter Spiegel für eine Umzingelung eingesetzt. Auf Dauer möchte ich eine große Sammlung von Würfeln haben und sie um die Welt reisen lassen, wo sie zu unterschiedlichen Anlässen auftreten sollen. Sie werden Spuren davontragen und Geschichten erzählen. Auf keinen Fall sollen sie Objekte für’s Museum werden. Sie sind „Tools for Action“.

Das Interview führte Alexander Kerlin. Dieser Beitrag ist Teil der Publikation Theater trifft Aktion - Ein Update zum Verhältnis von darstellender Kunst und Aktivismus.

Mehr Infos: www.toolsforaction.net