"Wir müssen unsere Formate komplett neu erfinden"

"Wir müssen unsere Formate komplett neu erfinden"

Weniger Stühle, mehr Konrollverlust: Politische Bildung muss neue Angebote machen — Bildnachweise

Pegida, Proteste gegen Geflüchtete, Anschläge: Wie sollten Bildungsarbeiter/innen darauf reagieren? Erreichen Texte, Seminare und Veranstaltungen heute noch die Menschen? Fragen an Thomas Krüger, Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung.

In den letzten Monaten gab und gibt es überall in Deutschland aggressive Proteste gegen Geflüchtete, Anschläge gegen Asylunterkünfte und die Demonstrationen von Pegida und anderen. Hat die politische Bildungsarbeit versagt?

Ein Problem ist, dass man politische Bildung immer dann fordert und überfordert, wenn Probleme sich zuspitzen, und sie gar als Feuerlöscher missbraucht. Das führt zu der Aussage: Politische Bildung hat versagt! Aus meiner Sicht ist der entscheidende Punkt, dass politische Bildung nur zur Lösung beitragen und nicht die Probleme insgesamt lösen kann. Das zweite Problem, das wir derzeit bei Pegida, beim Protest gegen Flüchtlinge beobachten, hat – neben verschiedenen anderen Gründen – mit der nicht vollständigen Akzeptanz von Heterogenität in der Gesellschaft zu tun.

Ein Teil der Gesellschaft hängt immer noch dem Trugschluss an, dass homogene Gemeinschaften existieren könnten. Die Vorstellung einer homogenen Nation ist seit dem 19. Jahrhundert erstens immer nur Konstruktion und zweitens immer ein Trugschluss gewesen, der im 20. Jahrhundert in bittere Katastrophen geführt hat. Deshalb wissen mittlerweile die meisten Leute, dass Heterogenität – wenn man so will – alternativlos ist. Aber es gibt immer noch, in allen europäischen Ländern im Übrigen, etwa 15 bis 20 Prozent, die der Vorstellung einer homogenen Gesellschaft anhängen. Und mit denen muss man sich auseinandersetzen, indem man Aufklärung betreibt und Zusammenhänge deutlich macht. Und Aufklärung heißt auch Konfrontation, Kontroverse und Auseinandersetzung.

Gibt es bei dieser Sehnsucht nach Homogenität Unterschiede zwischen Ost und West?

Ich würde sagen, dass es keinen strukturellen Unterschied zwischen Ost und West gibt. Diese Phänomene tauchen verstärkt da auf, wo Abwanderung von qualifizierten jungen Leuten stattfindet, die heute mit der Erfahrung von Heterogenität in Schulen, in Jugendkulturen groß werden. Und wenn diese Leute verstärkt aus ländlichen Regionen abwandern, bleiben einfach die zurück, die diesen Homogenitätsvorstellungen anhängen.

Das bezieht sich nicht nur auf die neuen Bundesländer, sondern auch im Westen kann man solche Phänomene beobachten. Nur trifft man leider dieses Phänomen der schrumpfenden Regionen in Ostdeutschland überproportional häufig an. Wenn es zum Beispiel in Ost-Vorpommern überhaupt keine Arbeitsplätze gibt, hauen die Leute nach dem Schulabschluss ab. Ein Schulleiter erzählte mir, dass ein kompletter Jahrgang innerhalb von sechs Wochen weg war.

Politische Bildung scheint die Menschen nicht zu erreichen, die es zu erreichen gilt. Wie sind die Erfahrungen der Bundeszentrale für Politische Bildung damit?

In der politischen Bildung trifft man zunächst diejenigen an, die schon politisch gebildet oder die zumindest politisch interessiert sind. Das grenzt ein wenig an Wiedertaufe, ist aber in der Natur der Sache gar nicht so abwegig, weil politische Bildung natürlich die wachen, reflektierenden Leute braucht. Bildung investiert ganz bewusst auch in den Teil der Gesellschaft, der bereit ist zu reflektieren, der bereit ist, gesellschaftliche Zustände zu verändern. Politische Bildung, die sich aber nur auf diese Klientel konzentriert, verfehlt ihren eigentlichen Anspruch. Politische Bildung muss Bildung für alle sein.

Wir haben in den letzten fünfzehn Jahren sehr viel investiert in das Thema Zielgruppen und die Frage, wie wir diese erreichen können. Politische Bildung muss ihre Formate und Angebote komplett neu erfinden und natürlich an die medialen Rezeptionsgewohnheiten anknüpfen. Mit unserer Zusammenarbeit mit RTL2 oder auch mit YouTubern haben wir Leute erreicht, die für uns bis dato überhaupt nicht auf dem Schirm waren.

Zwei Beispiele dazu: Das eine ist das Bildungs- und Kampagnenformat „YouTuber gegen Nazis“. Das setzte auf dem Song „Hey Mr Nazi“ von Blumeo auf, einem Düsseldorfer Rapper mit asiatischen Wurzeln. Wir haben zehn bekannte deutsche YouTuber aktivieren können, Coverversionen dieses Songs zu machen. Wenn Simon Desue, Albertoson, DieAussenseiter und LeFloid sich beteiligen, sehen dies über eine Million Leute. Wir hatten innerhalb von drei Wochen vier Millionen Downloads und 70.000 Kommentare.

#Youtuber gegen Nazis - Trailer

Man merkt, dass Leute auf sowas reagieren, dass sie sich ansprechen lassen, dass Politik tatsächlich vorkommen kann. Ein zweites Beispiel, ganz klassisch, Fernsehen. Wir haben einen Wettbewerb ausgelobt für TV-Formate, die Fragen von Alltagsrassismus und Xenophobie aufgreifen. Herausgekommen ist zum Beispiel das Format „Zeit für Helden“. Eine kleine Staffel von zunächst vier Folgen ist bei RTL2 ausgestrahlt worden. Wie sieht das Format aus? Es geht darum, die Auseinandersetzung mit Antisemitismus, Antiziganismus, Muslimenfeindlichkeit in Entertainment zu übersetzen.

Mit versteckter Kamera werden an öffentlichen Orten von Schauspielerinnen und Schauspielern gespielte Situationen aufgenommen, zum Beispiel antisemitische Pöbeleien in einem Supermarkt. Gesucht wird die spontane Reaktion, Leute, die zuschauen, aber auch Leute, die intervenieren. Gezeigt werden die positiven Beispiele von ziviler, couragierter Intervention. „Zeit für Helden“ ist, wenn man so will, ein klassisches Bildungsfernsehen, das früher in den Öffentlich-Rechtlichen zu Hause war, nur jetzt, weil unsere Klientel eben nicht öffentlich-rechtlich guckt, auf RTL2.

Die Resonanz ist groß. Die Leute reagieren darauf. Und es gibt Lehrer, die das zufällig sehen und uns fragen: „Wow, habt ihr das nicht auf DVD? Das würde ich gerne im Unterricht einsetzen.“ Für uns zwei positive Versuche, nach dem Try-And-Error-Verfahren neue Wege und Formate der politischen Bildung zu implementieren und die Ressource politische Bildung für mehr Leute zu Verfügung zu stellen, als es bisher der Fall war.

Gibt es die Hoffnung, dass die so Erreichten dann auch zu den klassischen Formaten wechseln?

Das ist nur in sehr selten der Fall. Die meisten Leute sind, epistemologisch gesprochen, längst weg von der Kulturtechnik des Lesens. Insofern stellt sich eher die Frage: Müssen wir nicht in der politischen Bildung lernen und begreifen, dass neben den klassischen Transfer- und Vermittlungsformen stärker bildbasiertes Lernen, visuell codiertes Lernen relevant wird? Und dass kollaborative Formen von Lernen wichtiger werden, wo eben die Lernenden von vornherein mitbestimmen wollen, welche Themen, welche Formate, welche Referenten eine Rolle spielen. Das heißt also, politische Bildung befindet sich derzeit im Wandel, und wir tun gut daran, uns auf diesen Wandel einzulassen.

Das heißt, politische Bildung muss gestärkt werden. Wie gehen wir weiter vor in der Ausbildung von politischen Bildnerinnen und Bildnern?

In der Fachdisziplin gibt es schon seit Längerem eine Diskussion. Es gibt natürlich den klassischen Weg, über den Beutelsbacher Konsens eine Art Common Sense der Disziplin zu organisieren und sehr stark fachdidaktisch unterstützt zu arbeiten. Aber wenn man sich ansieht, wie politische Bildung heute erfolgt, ist auch in der Disziplin selber eine Menge Bewegung. Ein Beispiel: Wie wird politische Bildung in der Schule, also über die klassischen Curricula, vermittelt? Da gibt es mittlerweile eine große Auseinandersetzung, dass die Vermittlung über die Fächer Politische Bildung oder Geschichte natürlich nicht ausreicht, dass partizipative Verfahren an Schulen, die Beteiligung von Schülern an Schulentwicklung selbst als politische Bildung begriffen werden müssen.

Das führt dazu, dass die klassischen Formate wie Texte, Seminare, Veranstaltungen oder Schulunterricht letztendlich entgrenzt werden müssen und man sich einlassen muss auf ganz andere Formate. Ohne die Kernaufgabe von politischer Bildung aus dem Blick zu verlieren, muss man sich einlassen auf neue Vermittlungsformen, auf Partizipation, auf ambiguitive Lernformen, was meint, dass ich das Ergebnis des Lernprozesses nicht von vornherein einplanen kann, sondern mich auf einen nach vorne hin offenen Prozess einlasse und mit der Klientel, die ich zu erreichen versuche, tatsächlich offen arbeite.

Das heißt, die Kontrolle abzugeben über das Ergebnis von Lernen und von Bildung?

Ja, das ist der entscheidende Punkt. Ich bin vor ein paar Jahren bei meinen Kollegen in der Bundeszentrale angetreten mit der These, wir müssen mehr Kontrollverluste haben. Das ist für eine staatliche Behörde, noch dazu eine im Geschäftsbereich des Bundesinnenministeriums, eine Herausforderung. Politische Bildung wird oft noch als eine kontrollierbare „propagandistische“ Methode zur Stärkung des demokratischen Gemeinwesens im Sinne einer klassischen repräsentativen Demokratie verstanden. Davon müssen wir weg, wenn wir andere oder mehr Leute erreichen wollen. Und weil politische Bildung heißt - auch im klassischen erziehungswissenschaftlichen Sinn - Gesellschaft zu verändern. Und gesellschaftliche Veränderung heißt immer, Kompromisse finden, Szenarien entwickeln, möglicherweise auch neue Wege gehen.

Zurück zu dieser Sehnsucht nach Homogenität. Welche Themen und lebensweltlichen Realitäten müssen Teil der politischen Bildung werden, um die Leute zu erreichen, bevor sie zu Pegida- oder zu Nein-Zum-Heim-Demonstrationen gehen? Oder sind die dann schon für die Politische Bildung verloren, wenn sie sich organisieren?

Ich glaube, dass die Frage von Heterogenität in der Gesellschaft eine der Schlüsselfragen politischer Bildung ist. Wir haben es heute mit einer pluralen und offenen Gesellschaft zu tun, die sehr stark von Zuwanderung und auch von kulturellen Widersprüchen geprägt ist, die auszuhalten mehr Reflexion erfordert. Heterogenität ist bisher in der politischen Bildung kein Mainstream-Thema gewesen, sondern es ist immer ein Kontroll-Thema gewesen, das sehr stark ideologisch geprägt war durch bestimmte politische Anschauungen. „Zuwanderung begrenzen“ ist so ein typischer Satz. Das Gegenstück dazu ist: „Wir müssen jeden aufnehmen, aus menschenrechtlichen Gründen.“

Wir müssen mit Heterogenität anders umgehen, sie selbst als etwas Plurales begreifen, mit dem wir täglich umgehen müssen. Mit Zuwanderung leben lernen heißt, auch andere Kulturtechniken, andere politische Techniken zu entwickeln und zu etablieren als die, mit denen wir groß geworden sind. Wie versucht man aber das einer Klientel wie zum Beispiel Pegida-Anhängern deutlich zu machen? Die einen sagen, dass wir viel stärker im Vorfeld von Bildung ansetzen und dialogische Prinzipien und Verfahren etablieren müssen. Und damit den Leuten sagen, dass sie wichtig sind. Mein Kollege in Sachsen ist ein Verfechter davon.

Und es gibt die anderen, die sagen, wir kommen um Konfrontation nicht herum, wir müssen eines der Grundprinzipien des Beutelsbacher Konsenses, nämlich das Kontroversitätsprinzip, didaktisch zuspitzen und wieder zu klassischen Formen von Aufklärung kommen - Orientierungswissen bereitstellen im Sinne von Konfrontation mit Zahlen und Fakten, um Verschwörungstheorien abräumen. Das sind zwei Vorgehensweisen, die wahrscheinlich nur in der Mischung erfolgreich sein werden. Ich muss immer Formen von Dialog etablieren, aber Dialog ohne Zuspitzung und Kontroverse ist opportunistisches Anbiedern. Also Dialog im Sinne von Zuwendung, weil wir keinen verloren geben dürfen, der erreichbar ist für politische Bildung.

Wie kann die Perspektive von religiösen und ethnischen Minderheiten in den allgemeinen Diskurs eingebracht werden?

Bei diesem Thema sind wir in der Bundeszentrale und bei den Trägern noch stark auf der Suche, aber es ist klar, dass wir uns mit der Frage auseinandersetzen müssen, inwiefern Religion in postsäkularen Gesellschaften wieder eine Kategorie und Größe der politischen Bildung ist. Es gibt überraschenderweise eine ganze Reihe von Religionslehrern, die auf Materialien der politischen Bildung zurückgreifen. Wenn wir einer entgrenzten politischen Bildung folgen, müssen wir uns in unserer Arbeit auf diese Frage einlassen und sie stärker reflektieren.

Die Frage der Religion ist auch verbunden mit der Zuwanderung. Religion ist nichts, was man wie früher im Osten zur reinen Privatsache erklären kann. Religion darf nicht das Säkulare, Staatliche, Laizistische substituieren, ist aber eine Zwischengröße. Aristoteles hat unterschieden zwischen der Polis und dem Oikos, also zwischen dem öffentlichen und dem privaten Raum. Gleichzeitig beschreibt er eine Art Zwischenzustand, der relevant ist für das Politische und auch für das Private. Ich glaube, Religion hat so eine ähnliche Funktion. Sie versammelt und bündelt Gruppen von Menschen. In der politischen Bildung müssen wir damit leben lernen, dass Religion eine Größe ist, die man nicht mit der simplen These „Gott ist tot“ aus dem Feld räumen kann. Die Leute verständigen sich darauf und lassen sie für sich gelten, sowohl privat als auch teilweise in der Öffentlichkeit.

Doch auf der einen Seite ist wichtig, dass Religion nicht das Öffentliche dominiert oder substituiert. Es ist gleichzeitig wichtig, dass Religion dialogfähig ist und nicht ihren exklusiven Anspruch mit Gewalt in der Öffentlichkeit durchsetzt, Beispiel „IS“ oder radikale Formen von Religiosität. Auch im christlichen Kontext gibt es solche Formen.

Sehen Sie hierbei die Perspektiven der politischen Bildung in Ost- und Westdeutschland unterschiedlich?

Nein.

Gibt es keine Unterschiede, oder sollen keine Unterschiede gemacht werden?

Es sind bestimmte Formate, die vielleicht erfolgreicher im Osten laufen als im Westen, aber im Kern würde ich die These vertreten, dass politische Bildung im Osten nicht anders funktioniert als im Westen. Es hat immer mit der Konstruktion der entsprechenden Zielgruppen, mit den jeweiligen Kontexten zu tun. Der Osten ist natürlich anders geprägt. Er ist, um das Thema Religion aufzugreifen, eine der postreligiösesten Gesellschaften, die man sich überhaupt weltweit vorstellen kann. Schon zu DDR-Zeiten galt die DDR als ein Landstrich, so gottlos wie kein anderer. Das erfordert natürlich die Behandlung bestimmter Fragen mit einer entsprechenden Sensibilität.

Zweitens, in sehr vielen schrumpfenden ländlichen Regionen ist politische Bildung verdächtig als „FDJ-Studienjahr“. Dort sind offene dialogische Verfahren sehr wichtig. Politische Bildung darf kein Angebot im klassischen Sinne sein, sondern muss stärker als Prozess verstanden werden, in dem diejenigen, die ich erreichen will, von vornherein als Koproduzenten dieses Lernprozesses relevant werden. Und genau das ist einer der Schlüsselfaktoren, um Leute, die voller Verschwörungstheorien sind oder den ganzen politischen Sektor als komplett verdächtig für sich empfinden, wieder durchschaubarer, durchlässiger zu machen.

Da sind wir wieder bei Verringerung von Kontrolle oder gar bei deren Aufgabe.

Ja, genau. Es geht um Formen von ambiguitivem Lernen, das heißt, Lernprozesse als ergebnisoffene Prozesse zu strukturieren, die sehr stark auf Partizipation setzen.

Dann ist die politische Bildnerin, der politische Bildner nicht mehr Bildungsreferentin oder -referent, sondern Akteurin/Akteur, Demokratin/Demokrat?

Medium und Moderator und Hausmeister, wenn man so will. Hausmeister dieses Lernprozesses, das heißt, ich muss die Ressourcen zusammenkehren, ich muss den Schlüssel für den Raum besorgen, wenn es notwendig ist, und ähnliches. Aber der Prozess selber wird gemeinsam mit den Leuten zu gestalten sein, und das ist das Ende des Referenten. Es geht um intelligente Koproduzenten, die du mitnimmst in die Lernprozesse.

In der aktuellen Asyl-Migrationsdebatte erfahren wir langsam auch die Geschichten der Zuwanderer, der Flüchtlinge. Einzelne werden deutlich und nicht nur als Teil eines Stroms beschrieben. Und es werden Verbindungen zu den Fluchtgeschichten der Deutschen nach 1945 wie auch in den Fünfzigern, Sechzigern und natürlich auch 1989 gezogen. Ich finde, das ist schon ein Thema. Um es noch einmal in Erinnerung zu rufen: Das war ja in der DDR nie ein öffentliches Thema. Wer allerdings die damalige Theaterlandschaft verfolgt hat, ist natürlich auf Texte wie „Die Umsiedlerin“ von Heiner Müller gestoßen. Aber offiziell war das ein verdrängtes Thema. Fakt ist aber, jeder vierte DDR-Bürger war ein Flüchtling. Und wenn du dir das heute vor Augen hältst, war dies schon eine enorme Integrationsgeschichte. Die Leute sind komplett verteilt worden, und zwar mit einer Brutalität, die man sich heute nie bei Asylbewerbern oder Flüchtlingen trauen würde.

Anders ist es in Bayern gelaufen. Jeder fünfte Bayer nach dem Krieg war Sudetendeutscher. Bayerns Industrialisierung in Richtung Hightech ist ohne die Sudetendeutschen überhaupt nicht denkbar, ohne die Mittelständler, die industrielles und handwerkliches Know-how in eine agrarische Region gebracht haben. Die Zuwanderung ist damit der entscheidende Modernisierungsfaktor in Bayern gewesen. Das zu thematisieren ist eine Chance, sich mit den aktuellen heutigen Themen auseinanderzusetzen.

Zweitens ist zu schauen, was denn die Flüchtlinge von damals heute machen. Ich habe gerade eine unglaubliche Geschichte von einer 87-jährigen Frau gehört, zu DDR-Zeiten Lehrerin in der Lausitz. Sie fährt heute mit ihrem Rollator durch die Dörfer, in denen sie unterrichtet hat und jeden kennt, und fragt nach den Kinderfahrrädern im Hof: „Die braucht ihr doch nicht mehr.“ Sie sammelt alles ein, um es zu einer Asylbewerber-Erstaufnahme-Einrichtung zu bringen. Großartig. Und solche Geschichten müssen erzählt werden als Konfrontationstransfer, um eine Auseinandersetzung heute zu provozieren.

Und ich glaube, die Gesellschaft ist weiter als die Politik denkt. Wer heute über bestimmte Sachen klagt, beklagt die Reaktion von 15 Prozent der Gesellschaft, sieht aber nicht die 85 Prozent, die entweder still akzeptieren oder sogar hochaktiv diese Prozesse begleiten mit Empathie, mit Engagement. Diese Haben-Seite müssen wir in der öffentlichen Kommunikation und auch in der politischen Bildung sichtbarer machen.

Also erst einmal die 85 Prozent der Bevölkerung ansprechen mit ihrem Engagement, auch mit ihren Fragen, Problemen oder selbst Vorurteilen?

Ja, die Fokussierung auf die Leute, die der Homogenitätsidee anhängen, ist möglicherweise ein kardinaler Fehler. Auch die alleinige Fokussierung auf bildungs- und politikferne Zielgruppen würde uns den Boden unter den Füßen wegziehen. Wir brauchen natürlich diejenigen, die schon seit Jahren in unsere Seminare kommen, unsere Online-Dossiers lesen, unsere Publikationen bestellen. Und die müssen gerade in solchen Situationen auch sichtbar gemacht werden, stärker adressiert werden. Gleichzeitig müssen wir versuchen und auch zulassen, dass unsere Stammklientel zu Akteuren wird, und für sie auch Ressourcen zur Verfügung stellen.

Was braucht politische Bildungsarbeit in Deutschland heute, was sie noch nicht hat? Was ist mit den vorhandenen Akteuren? Müssen sie sich verändern, müssen sie sich neu aufstellen? Gibt es etwas völlig Neues, was man ausprobieren sollte?

Ein ganz wesentlicher Punkt ist, dass wir in unserem Arbeitsbereich interdisziplinärer werden müssen, das heißt, wir müssen aus der Ecke heraus und politische Bildung nicht mehr nur als etwas verstehen, das für sich existiert, das in einer Schulstunde oder in irgendeiner Freizeitecke oder zur Zwanzig-Uhr-Tagesschau-Zeit realisiert wird. Interdisziplinär meint, dass politische Bildung in die verschiedenen Alltagssituationen eingebracht werden muss, durchlässig werden muss, versuchen muss, Allianzen einzugehen. Stichwort: Sportverein.

Da passiert häufig Rassismus. Dort die Übungsleiter zu coachen: Wie gehe ich mit Vorurteilsgeschichten um? Das ist eine Form von politischer Bildung, da muss politische Bildung sich auch zeigen. Und diese Form von Interdisziplinarität ist ein Gebot der Stunde für die Fachdisziplinen. Es erfordert von uns selbst sehr viel mehr an eigener Weiterbildung und Recherche nach Partnern in der Gesellschaft. Wie versuchen wir, politische Bildung wieder stärker zu machen? Wie entkommen wir der Ökonomisierung und der „PISAisierung“ von Bildung, indem zeitgeschichtliche und politische Fragen wieder stärker als Bindungskräfte, als Basiskompetenzen heterogener, offener Gesellschaften relevant werden? Das sind Fragen und Herausforderungen, denen wir uns stellen müssen.

Das Grundverständnis von politischer Bildung muss einen Transformationsprozess durchlaufen, der letztendlich darauf hinausläuft, dass unsere klassischen Zielgruppen stärker als Partner verstanden werden müssen. Akzeptanz politischer Bildung schafft man nicht, indem man besonders professionelle Lehrkräfte oder Referenten oder Leute in Stiftungen oder Zentralen vorhält und die qualifiziert. Das ist auch wichtig, aber der entscheidende Punkt ist, dass der Graben zwischen denjenigen, die den Transfer bisher angeboten haben und denjenigen, die davon Gebrauch gemacht haben, überbrückt werden muss durch prozessuale Formen, die sehr stark auf Beteiligung setzen, sehr stark auf gemeinsame Gestaltung von Prozessen, auf gemeinsames Erarbeiten von Ergebnissen.

Eine Suche nach anderen Agenden der politischen Bildung?

Genau, und zwar deshalb, weil die Legitimität von politischer Bildung sich immer wieder an der Frage entzünden oder entscheiden wird: Ist politische Bildung ein öffentliches Gut für alle oder ist es nur ein Gut für Experten oder Engagierte, oder für Leute, die einer bestimmten politischen Korrektheit anhängen. Und ich glaube, dass heute mehr denn je politische Bildung als politische Bildung für alle relevant ist. Die Legitimität von politischer Bildung entzündet sich an der Frage, ob sie eine Ressource ist, die von denjenigen benutzt wird, die politische Bildung vielleicht am dringendsten benötigen, aber eigentlich keinen Zugang mehr zu ihr haben.

 

Das Interview führte Michael Stognienko, Projektmanager Politische Bildung der Heinrich-Böll-Stiftung. Es erschien soeben in der Publikation "Ideologien der Ungleichwertigkeit".

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