Das Undenkbare am Klimawandel: Ein Blick aus Asien auf Literatur und Politik

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In Indien gibt es im Sommer lang anhaltende Regenschauer: MonsunregenMonsunregen in Neu-Delhi. Urheber/in: Axel Harneit-Sievers. Creative Commons License LogoDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

Das neue Buch von Amitav Ghosh, einem der profiliertesten englischsprachigen Autoren im heutigen Indien, beleuchtet Klimawandel und Klimapolitik aus ungewöhnlichen Perspektiven. Ghosh verdient internationale Aufmerksamkeit, weil er grundsätzliche Fragen zum Umgang von Literatur und Politik mit dem Klimawandel neu angeht, aber auch als eine vielgehörte Stimme aus Asien.

Amitav Ghosh ist einer der profiliertesten englischsprachigen Autoren im heutigen Indien, bekannt geworden durch brillante Romane mit gutrecherchierten historischen Bezügen (Der Glaspalast zu den Beziehungen zwischen Burma/Myanmar und Indien; die Ibis-Trilogie über Bengalen und den Opiumkrieg in China) oder auch durch Das Calcutta Chromosom, ein Buch, das – neben manch anderem – ein Highlight postkolonialer Science Fiction darstellt.

Vor einigen Wochen nun hat Ghosh in Indien ein non-fiction Buch veröffentlicht, in dem er Klimawandel und Klimapolitik aus ungewöhnlichen Perspektiven beleuchtet: The Great Derangement („Die große Umnachtung“ oder auch „Die große Unordnung“): Climate Change and the Unthinkable (die internationale englische Ausgabe ist für den 22. September 2016 angekündigt). Das Buch, das auf im vergangenen Jahr an der Universität Chicago gehaltenen Vorlesungen beruht, verdient internationale Aufmerksamkeit, nicht nur weil es eine wichtige Stimme aus Asien – mit spezifisch asiatischen Perspektiven – ist, sondern auch, weil es grundsätzliche Fragen zum Umgang von Literatur und Politik mit einem umfassenden Krisenphänomen neu angeht.

Es geht Ghosh in diesem Buch um zweierlei: Zum einen diagnostiziert er eine fundamentale kognitive Schwäche, die verhindert, dass „wir“ die Bedeutung eines nichtmenschlichen Akteurs wie dem Phänomen Klimawandel adäquat wahrnehmen und darauf reagieren können; stattdessen verharren „wir“– in Literatur und Politik gleichermaßen – in einem Modus des „individuellen moralischen Abenteuers“, das kaum zur Verhinderung der Klimakatastrophe beträgt.

Zum anderen beschreibt Ghosh den Zusammenhang zwischen der durch CO2-Emissionen angetriebenen Geschichte des europäischen Imperialismus in Asien und der drohenden Klimakatastrophe: Damals nahm sich der Westen das Recht auf fossil-basierte Entwicklung, und er unterdrückte gar Entwicklung anderswo; auch heute noch versucht er, mit Mitteln der Klimapolitik seinen Status Quo zu sichern. Inzwischen aber wächst Asien und treibt durch Übernahme desselben Entwicklungsmodells die Welt weiter in die Klimakatastrophe hinein. Ghosh endet eher pessimistisch: Der Fortschritt in den internationalen Klimaverhandlungen ist gering; mehr Hoffnung besteht auf eine mentale Wende – durch Rückgriff auf lokalen Traditionen oder die Religionen –, um die Welt zu retten.

(1) Klimawandel als kognitives Problem: Individuelle Moralisierung in Literatur und Politik

Ghosh stellt – wie manch andere vor ihm – die Frage, warum die Welt trotz des sich offenkundig anbahnenden katastrophischen Klimawandels keine entschiedeneren Maßnahmen trifft, ihn zu bekämpfen. Ghosh weiß natürlich um die politischen Blockaden in der Klimapolitik und um die Tatsache, dass die meisten Menschen – und die meisten politischen Akteure – die heutige Lage als (noch) nicht schwerwiegend genug sehen, um die wesentlich größeren Investitionen und Zugeständnisse zu leisten, die zu einer Lösung nötig wären.

Doch Ghosh sieht dieses Verhalten auch als Ergebnis eines grundsätzlicheren kognitiven Problems: Wir können vielleicht einigermaßen mit Alltagsrisiken umgehen (wobei Psychologie und Unfallstatistik uns Zweifel an der Rationalität vieler verbreiteter Risikobewertungen aufgeben). Aber uns fehlt, so sagt Ghosh, das Instrumentarium (oder die „mentale Infrastruktur“, um einmal mehr Harald Welzer zu zitieren), uns wirklich Katastrophen und ihre Auswirkungen auf uns vorzustellen und entsprechend darauf vorzubereiten. Das gilt auch dann, wenn wir „rational“ um die Risiken wissen. Uns fehlt, so Ghosh, letztlich die Fähigkeit, das – oft dramatische, überraschende, gewaltsame – Agieren nichtmenschlicher Kräfte, Entitäten oder Prozesse zu erfassen.

Tiefgreifende singuläre und Extrem-Ereignisse lassen sich schwer prognostizieren, allenfalls statistisch. Bei jedem solchen Auftreten bleiben kategoriale Zweifel (ist die Hitze dieses Sommers nun schon der Klimawandel?). Dies verhindert individuelle wie gesellschaftliche Aktion und Adaptation. Trotz allen Wissens und aller Publizität um den Klimawandel, so Ghosh, kann die wirkliche Dramatik der zukünftigen Ereignisse nicht gesehen werden; es herrscht „gesellschaftliche Umnachtung“ selbst bei vielen Kritikern gegenwärtiger Entwicklungen.

Phänomen der "gesellschaftlichen Umnachtung"

Amitav Ghosh teilt dieses Phänomen der „gesellschaftliche Umnachtung“ in zwei Bereiche: den der Literatur, und den der aktivistischen Politik. Beide verbindet, so sagt er, ein gemeinsames Element: die Hervorherbung oder gar Reduktion menschlichen Agierens (bzw. seiner Darstellung in der Literatur) auf ein „individuelles moralisches Abenteuer“.

Ghosh widmet die erste Hälfte seines Buchs dem modernen Roman. Große Teile des modernen Romans konzentrieren sich – schon seit dem 19. Jahrhundert, und verstärkt in den letzten Jahrzehnten der „großen Beschleunigung“ – auf die immer intensivere Darstellung von Individuen, ihres Handelns, Denkens, ihrer Entscheidungsspielräume. Die „Glaubwürdigkeit“ psychologisch komplex konstruierter Charaktere ist geradezu zum wesentlichen Qualitätsmerkmal des modernen Romans geworden.

Das Kollektive – „Menschen in ihrer Gesamtheit“ (S. 105) – und Makroprozesse treten demgegenüber zurück oder werden verdrängt. Ausnahmen von Leo Tolstoi bis Chinua Achebe bestätigen die Regel. Mit dieser Haltung kann der literarische Mainstream das Agieren nichtmenschlicher Faktoren (Agenten; er verwendet den Ausdruck „non-human agency“) nicht erfassen. Werke, die dies dennoch tun, werden üblicherweise in die Sonderabteilung Science-Fiction abgeschoben.

Protestpolitik als primär moralisch

Ghosh sieht Emissionswachstum und die Abwendung vom Kollektiven als zwei Seiten derselben Medaille. Die Überwindung der Umnachtung setzt nicht nur eine bewusste Hinwendung von Autorinnen und Autoren zum Kollektiven voraus, sondern – so postuliert Ghosh – die Abwendung „von unserem gewohnten Logozentrismus“ (S. 112), einen Versuch, das, was einmal „Naturkräfte“ waren, zum „Sprechen“ zu bringen – kurz, andere Formen der Vermittlung, etwa durch Vermischung von Text, Visualität und womöglich anderer Formen von Erfahrung. Ghosh erwähnt posthumanistische Konzepte (etwa Eduardo Kohns How Forests Think), vermag allerdings kaum Beispiele für zukunftsweisende künstlerische Praxis zu geben.

Die Konzentration auf das „individuelle moralische Abenteuer“, so Ghosh, betrifft jedoch nicht nur die Literatur. Sie ist „ein breiteres kulturelles Phänomen“ (S. 170), das auch die Politik erfasst hat. Während die demokratischen Staaten von Technokraten und „There is no alternative“-Pragmatikern beherrscht wird, wird breite Protestpolitik – besonders, aber nicht ausschließlich in der angloamerikanischen Welt – mehr und mehr zu einer primär moralischen Veranstaltung.

Anknüpfend an protestantische Traditionen, wird politische Aktion zu einer „moralischen Reise“, in der die Seele entblättert wird – „Politik, so praktiziert, ist primär eine Unternehmung in persönlicher Expressivität“ (S. 175): Fragen des eigenen Verhaltens und des eigenen Glaubens (Darf ich in den Urlaub fliegen? Wieviele Glühbirnen leuchten bei Al Gore zuhause? Wird Veganismus die Welt retten und ein Paradies für 10 Mrd. Menschen und die Umwelt schaffen, wenn sich nur alle zu ihm bekehren?) rücken in den Vordergrund, erreichen aber kaum Wirkung in den von Technokraten und Unternehmen dominierten Entscheidungsstrukturen.

Wirkungslosigkeit moralisierender Politik mit Fokus auf das Individuum

Eine solche Diagnose dürfte Literaturliebhabern ebensowenig gefallen wie „bewussten Konsumenten“ aus der grünen politischen Gemeinschaft. Sie trifft einen wunden Punkt – auch wenn Ghosh etwas unfair ist: Natürlich versucht organisierte grüne Politik genau über reine individuelle Moralpolitik hinauszugehen und auf Makrostrukturen Einfluss zu nehmen. Sie hat dies in Teilbereichen – jedenfalls in Teilen Europas, Stichwort „Energiewende“ – auch geschafft; insofern ist Ghoshs Skepsis über die Blockaden demokratischer Politik vereinfachend und vielleicht zu pessimistisch.

Seine Kritik an einer auf das Individuum und seine individuelle „Verantwortung“ fokussierte Moralisierung politischer Fragen bleibt dennoch gültig; sie beschreibt Denkmuster und Formen populärer Politik, die mit großer Energie betrieben häufig im Sektierertum enden und kaum gesellschaftspolitische Wirkung zeigen.

(2) Eine asiatische Perspektive: Empire, fossile Energien und „Klimagerechtigkeit“

Den zweiten Teil des Buchs widmet Ghosh Geschichte und Politik. Er sieht die populäre These vom fundamentalen Zusammenhang von Kapitalismus und Klimakrise (z. B. Naomi Klein, This Changes Everything, deutsch Die Entscheidung, und andere) als zu kurz gegriffen, denn sie übersieht die Rolle des europäischen Imperialismus. Die Nutzung fossiler Energierohstoffe, v. a. Kohle, habe die rasante kapitalistische Entwicklung von Großbritannien und – später – anderen Ländern des Westens ermöglicht und damit die Grundlage der globalen Dominanz des Nordens gelegt.

Ghosh betont, dass fossile Rohstoffe früh in Asien genutzt wurden: Kohle im mittelalterlichen China; Erdöl im Burma des 19. Jahrhunderts; Dampfschiffbau im kolonialen Bombay. Doch letztlich, so Ghosh, verhinderte das Empire unter Einsatz von Handel, Gesetz und nötigenfalls Gewalt die Entwicklung einer auf fossilen Brennstoffen basierten industriellen Gesellschaft in Asien. Eine solche Entwicklung setzte erst einige Jahrzehnte nach dem Ende des europäischen Imperialismus in Asien ein.

All dies ist natürlich eine Variante der These, das britische Empire habe Asien – und speziell Indien – aktiv „unterentwickelt“, um es besser ausbeuten zu können. Diese These ist in Indien nach wie vor herrschende Lehrmeinung, obwohl sie eher ein Zerrbild einer komplexen historischen Realität voller Ambivalenzen darstellt. Obwohl spezifische Interessengruppen in Großbritannien dem entgegenarbeiteten, wuchs Indiens Industrieproduktion in vielen Sektoren während der Kolonialzeit deutlich.

Die Rolle des Kolonialismus bei der Industrialisierung Asiens

Das „entwicklungspolitische“ Versagen des britischen Kolonialismus in Indien bestand eher darin, dass aus Gründen der Herrschaftssicherung die Stagnation der ländlichen Welt und der landwirtschaftlichen Produktion in Kauf genommen wurde (so der Wirtschaftshistoriker Tirthankar Roy in einem jüngst erschienenen Überblicksbeitrag). Dies heißt natürlich nicht, die industrielle Entwicklung Asiens hätte ohne den europäischen Imperialismus nicht schneller erfolgen können.

Kontrafaktisch erscheint dies möglich, aber auch das Gegenteil: Industrielle Entwicklung hätte allerdings auch ganz ausbleiben können, weil sie nicht monokausal auf die Kontrolle von Kohle und Stahl begrenzt war: Nicht allein der Zugang zu fossilen Energien hat die moderne industrielle Entwicklung hervorgebracht, sondern ein ganzes Bündel politischer, sozialer und auch ökologischer Faktoren, vom Vorhandensein von Kohle über bestehendes Humankapital, Technologie und Infrastruktur bis hin zum Regierungshandeln. Wenn für (moderne) Entwicklung allein die Kontrolle fossiler Energien maßgeblich wäre, wie Ghosh suggeriert, stellt sich die Frage, warum China nicht schon um 1750 die führende Weltmacht wurde.

Ghosh entgeht übrigens nicht die unfreiwillige Ironie seiner These über die imperial bedingte Unterentwicklung Asiens: Der Imperialismus verringerte potenzielle CO2-Emissionen Asiens über mindestens ein Jahrhundert; ohne ihn hätte Asien sich womöglich früher entwickelt, wäre die Klimakrise schon wesentlich früher ausgebrochen.

Aber was folgt daraus? Ghosh schwankt hier, und man könnte seine Position „ratlos-aggressiv“ nennen – ratlos, weil auch er keine kohärenten Rezepte anzubieten hat, und aggressiv, weil er mancherorts seiner Wut über das, was er als geradezu menschenverachtendes Verhalten des Nordens ansieht, freien Lauf lässt.

Die Frage der Klimagerechtigkeit

Auf der einen Seite sieht Ghosh die historische Verantwortung für den Klimawandel, wie viele in Asien, allein beim Westen. Doch rechtfertigt dies für den Rest der Welt, wie manche Vertreter des Prinzips der „Klimagerechtigkeit“ meinen, ein im Grundsatz uneingeschränktes Recht auf nachholende Entwicklung auf Basis fossiler Rohstoffe? Begründet, zugespitzt formuliert, die historische Erfahrung des europäischen Imperialismus in Asien das Recht auf den Bau neuer Kohlekraftwerke im heutigen Indien? Müsste für jedes neue Kohlekraftwerk in Indien eines in den USA geschlossen werden, bis „Konvergenz“ bei den Emissionen erreicht ist? Ghosh hält das für eine „logische und gerechte Antwort“, auch wenn sie politisch unrealistisch sei (S. 200).

In den internationalen Klimaverhandlungen seit den 1990er Jahren haben China und Indien unter Hinweis auf die „historische Verantwortung“ des Westens für den Klimawandel lange Zeit Emissionsbeschränkungen für sich generell abgelehnt, da sie ihr „Recht auf Entwicklung“ infrage stellen würden. Dies hat sich in den letzten Jahren graduell geändert, und selbst Indien hat bei der Paris COP Ende 2015 Emissionsziele akzeptiert. Ohnehin wird die Diskussion über „historische Verantwortung“, als Gerechtigkeitsdebatte zwischen dem globalen Norden und dem globalen Süden geführt, zunehmend irrelevant, wenn Chinas pro-Kopf-Emissionen EU-Niveau erreicht haben und selbst seine akkumuliertem CO2-Emissionen seit 1990, d. h. Chinas „historische Verantwortung“, dabei ist, die der USA zu übertreffen.

Es dürfte nur noch wenige Jahre dauern, bevor Chinas akkumulierte „historische Verantwortung“ auch bei Wahl einer anderen Berechnungsgrundlage – zur Auswahl stehen 1950, 1900 oder gar 1850 – die der USA erreichen werden. Indien liegt bei alledem noch weit hinten, aber nur, weil das Land auch heute nur ein Viertel des chinesischen BIP pro Kopf und dementsprechend niedrige pro-Kopf-Emissionen hat. Aber alle Trends in Indien weisen stark nach oben.

Wirtschaftliche Entwicklungs Asiens ist der Schlüssel zur Klimafrage

Auf der anderen Seite ist sich Ghosh völlig im Klaren darüber, dass die wirtschaftliche Entwicklung Asiens aufgrund seiner enormen Bevölkerungszahlen die globale Schlüsselfrage in der Bekämpfung des katastrophalen Klimawandels darstellt. Ganz offenkundig kann die Bevölkerung Chinas und Indiens nicht dieselben pro-Kopf-Emissionen verursachen, wie dies heute die USA oder Dubai tun, ohne die Welt zu zerstören. Ghosh verweist auf Traditionen Asiens, die alternative Entwicklungswege – vielleicht sollte man eher sagen: alternative (Über)lebensformen – propagieren, darunter natürlich Indiens Ikone der Genügsamkeit, Mahatma Gandhi.

Wirklich überzeugt – und überzeugend – wirkt Ghosh dabei allerdings nicht. In Südasien und auch wohl in China ist die Hoffnung auf Fortschritt durch Wirtschaftswachstum weitgehend ungebrochen (Ghosh erwähnt dies nur am Rande, vielleicht weil sein Text sich ursprünglich an eine Leserschaft in den USA richtete), und Klimawandel ist dort kaum Thema öffentlicher Debatten. (Demgegenüber haben direkt wahrnehmbare Umweltprobleme – insbesondere die Luftverschmutzung – in China und selbst in Indien zu öffentlichen Debatten, Protesten und politischem Handeln geführt, doch eigenartigerweise geht Ghosh hierauf gar nicht näher ein.)

Den Gedanken der Selbstbeschränkung für ein „gutes Leben“ verfolgt er als politische Option in diesem Buch letztlich nicht weiter – sie wäre auch „ungerecht“ nach allen Kriterien der Diskussion über Klimagerechtigkeit. Im Übrigen bleibt dahingestellt, ob diejenigen, die – etwa in Indien – solche Alternativen erproben, aus Ghoshs Perspektive letztlich auch nur wieder Akteure eines „individuellen moralischen Abenteuers“ wären, statt kollektiv etwas zu bewirken. Ghoshs etwas überraschende Wendung am Ende des Buchs – als Lösungsmöglichkeiten angedeutet werden traditionelle Praktiken der Armen dieser Welt ebenso wie die Religion, mit dem Hinweis auf Papst Franziskus‘ Enzyklika Laudato Si – ist wenig überzeugend.

Beschränkung der Klimakrise auf einen Nord-Süd-Konflikt

Stattdessen sieht Ghosh einmal mehr die internationale Klimapolitik gekennzeichnet durch einen Fundamentalkonflikt zwischen Nord und Süd. In der öffentlichen Debatte der „Anglosphere“, so Ghosh, bekämpfen sich Klimaaktivisten und Klimawandel-Leugner, doch die Technokraten und Sicherheitsspezialisten bezweifeln keinesfalls die fundamentale Bedrohung durch den Klimawandel. Ghosh wendet sich gegen das gerade in der grünen Welt oft zu hörende Argument, die Ärmsten der Welt – selbst am wenigsten für den Klimawandel verantwortlich – würden von ihm am stärksten betroffen: Womöglich sei die entwickelte Welt des Westens aufgrund der Komplexität ihrer Wirtschaftsweise stärker gefährdet als der Süden, wo lokale Gemeinschaften größere Widerstandskraft und mehr Erfahrungen im Überleben besitzen.

Schon deshalb werde Klimawandel für Sicherheitsspezialisten aus dem Norden zum Thema. Zum Ende hin unterstellt Ghosh den politischen Eliten des Nordens – speziell in der „Anglosphere“ – gar ein zynisches politisches Spiel: Es gehe ihnen allein um Besitzstandswahrung, d. h. die weitere Sicherung der Vorteile aus der intensiven Nutzung fossiler Rohstoffe, die sich der Norden über eine mehrere Jahrhunderte währende Ära des Imperialismus und der globalen Dominanz erarbeitet habe – eine Vision, die im Zweifelsfall auch mit militärischen Mitteln weiterverfolgt werde. Die Bevölkerungen Asiens und Afrikas seien ihnen gleichgültig – „viele glauben, dass eine malthusianische ‚Korrektur‘ die einzige Hoffnung auf Fortführung ‚unseres Lebensstils‘ ist“ (S. 194).

Amitav Ghosh ist Schriftsteller, kein Klimapolitiker, schon gar kein Realpolitiker; deshalb mag man ihm solche Zuspitzungen verzeihen. Seine Frustration über die politische Verschleppung durchgreifender Lösungen des Klimaproblems ist nachvollziehbar, ebenso auch die Furcht vor der Größenordnung von Risiken, die aus der schieren Größe der Bevölkerungen in Asien auf dem aktuellen Entwicklungsweg resultieren.

Aber natürlich ist Ghosh unfair: Zum einen berücksichtigt seine Attacke auf (reale oder vermutete) Malthusianer in Führungspositionen des Nordens nicht die Tatsache, dass eine emissionsintensive Entwicklung der Bevölkerungen Asiens entlang gegenwärtiger Trends, kurz- und mittelfristig in die Klimakatastrophe führen würde, selbst wenn der Norden seine Emissionen massiv reduziert. Zum anderen unterschlägt seine Generalattacke auf die Klimapolitik der „Anglosphere“ die Bemühungen um Emissionsreduzierung und den Ausbau erneuerbarer Energien, die viele Staaten im Norden und Süden seit Jahren unternehmen, auch und gerade in der Hoffnung, ein Leitbild (und konkrete Unterstützung) für andere Teile der Welt zu liefern.

Ghosh vergisst die Erneuerbaren Energien

Letztlich ist es die größte Schwäche von Ghoshs Buch, das Thema „Klimagerechtigkeit“ allzu sehr zu vereinfachen und die internationale Klimapolitik einmal mehr als Nullsummenspiel zu verstehen: Für Ghosh schaffen allein CO2-Emissionen Entwicklung; um „Emissionsraum“ für Asien und andere, sich entwickelnde Länder der Welt zu schaffen, muss der Norden seine Emissionen reduzieren, damit der Süden „Raum für Entwicklung“ erhält. Diese – simple – Debatte ist längst überholt, und es ist bedauerlich, dass Ghosh sie für eine breite Leserschaft nur aufwärmt. Nicht CO2-Emissionen, sondern Energie ist eine der wesentlichen Grundlagen für Entwicklung (natürlich nicht die einzige, aber unzweifelhaft von großer Bedeutung), und wir wissen inzwischen, wie sich Energie auch nachhaltig zu vertretbaren Preisen erzeugen lässt. Wir müssen dies besser tun.

Industrielle Spätentwickler – und dazu gehören trotz aller Traditionen China und Indien – haben aufgrund der ausbrechenden Klimakrise inzwischen weniger Emissionsraum zur Verfügung, als es der Norden seinerzeit hatte. Doch stehen heute auch immer günstiger werdende nachhaltige Alternativen der Energieproduktion zur Verfügung. Das unterschlägt Ghosh einfach; erneuerbare Energien werden im gesamten Buch genau einmal erwähnt, und zwar allein als Beleg dafür, dass das US-amerikanische Militär den Klimawandel ernst nimmt und darum in Erneuerbare investiert.

Die Aushandlung von Kosten und Beiträgen zu Nachhaltigkeitsstrategien wird die internationale Klimapolitik weiter beschäftigen, und die Lösung der daraus resultierenden Verteilungskonflikte wird teuer und schwierig genug werden. Aber die Debatte um Klimagerechtigkeit einmal mehr auf ein simples Nullsummenspiel zu reduzieren, das China und Indien gegen die USA und Europa positioniert (und andere Teile der Erde – etwa Afrika – schlicht übersieht), ist nicht nur überholt und damit sachlich falsch. Es ist politisch gefährlich, bestärkt es doch bloß gängige ultranationalistische Perzeptionen in Asien, denen Ghosh bei aller Weltläufigkeit hier selbst aufgesessen zu sein scheint.

Es ist ein großes Verdienst von Ghosh, den Blick neu darauf gelenkt haben, dass – und warum – wir die tiefgreifende Bedrohung durch den Klimawandel noch immer nicht deutlich genug erfassen und darauf adäquat reagieren, literarisch wie politisch. Auch ist es wichtig, das Buch als eine Positionierung aus Asien wahrzunehmen, wie sie in Deutschland viel zu wenig wahrgenommen wird. Aber es bleibt bedauerlich, dass Ghosh am Ende durch Verkürzung, Polemik und Polarisierung der klimapolitischen Diskussion Lösungswege eher verschüttet als aufzeigt.

Weiterführendes:
Die Videoaufzeichnung eines Gesprächs über Amitav Ghoshs neues Buch, das Sunita Narain (Chefin der hbs-Partnerorganisation Centre for Science and Environment in Delhi) mit dem Autoren führte, findet sich hier. Die Website des World Resources Institute hat eine kurz gefasste Übersicht zu aktuellen und historisch akkumulierten Emissionsdaten.

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