Der Spanier aus dem Orient

Der Spanier aus dem Orient

Ein Syrer findet in Polen eine neue Heimat – ausgerechnet in dem Land, das Menschen wie ihn nicht aufnehmen möchte.

Foto von Feras Daboul. Auf seinem T-Shirt steht: "I speak Polish - What's your superpower?"
Feras Daboul sorgt sich um sein Land, „wahrscheinlich genauso viel wie Kaczyński“ — Bildnachweise

Dieses Porträt enstand im Rahmen einer Studienreise nach Warschau. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des „Medienvielfalt, anders“-Programms erzählen in ihren Geschichten von den verschiedenen Gesichtern Polens.

Man hört ihm gerne zu, wenn er redet. Eine dunkle und leicht rauchige Stimme, er spricht ruhig und hält Augenkontakt zu seinem Publikum. Er gestikuliert gerne und ausgiebig. Sein Blick ist streng, wenn er über den Krieg in Syrien oder Rassismus in Polen redet. Wenn er von seiner Vergangenheit erzählt.

Seinen Zeigefinger erhebt er so oft, als wolle er unbedingt jemanden ermahnen. „That’s my fucking fight“, sagt Feras Daboul. Er kämpft für eine tolerante Gesellschaft in Polen.

Feras Daboul ist 31 Jahre alt und kommt aus Damaskus. 2012, noch bevor der Bürgerkrieg in Syrien ausbrach, hat er seine damalige Frau kennengelernt. Eine Polin, die in Syrien arbeitete. Im September 2012 reisten die beiden nach Polen, um Urlaub zu machen. Doch als sich die Situation im Heimatland verschlimmerte, beschloss das Paar kurzfristig, in Polen zu heiraten.

Gemeinsam wollten sie wieder zurück in seine Heimat. Da ist es nämlich schöner. Aus drei Wochen Urlaub wurde für immer, denn die beiden konnten wegen des Krieges nicht mehr zurück. Seitdem lebt er in Warschau, „einer großartigen Stadt“, sagt Feras Daboul.

Feras Daboul arbeitet als „interkultureller Erzieher“

Dort arbeitet er bei der Nichtregierungsorganisation Fundacje Ocalenie, einer Anlaufstelle für Geflüchtete und Migranten. Hier kam er auch oft hin, als er neu in Polen war; hat dank der NGO einen Polnischkurs besuchen können. Er mag seine Arbeit als „interkultureller Erzieher“, sie hat ihm selbst geholfen, in Polen anzukommen.

Doch sein polnisches Glück steht auf der Kippe. Seit der Regierungsübernahme der rechten Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) werden Gelder für NGOs gekürzt. Die Gelder aus dem EU-Topf werden entweder an andere mit PiS sympathisierende Organisationen vergeben oder die Regierung behält sie gleich für sich selbst.

„Sie hindern uns daran, unsere Arbeit zu machen und Menschen zu helfen, die neu in Polen sind“, sagt Feras. In Syrien hat er für die Uno-Flüchtlingshilfe UNHCR gearbeitet. Er wollte erst Betriebswirtschaft studieren, hat aber gemerkt, dass das nichts für ihn ist. „Die Arbeit mit Menschen ist viel bedeutsamer“, sagt er.

Vor der Arbeit beim UNHCR musste Feras den in Syrien verpflichtenden Wehrdienst absolvieren. Die Zeit beim Militär fand er schrecklich, denn die Armee in Syrien sei keine Armee für das Land, sondern nur für das Regime. „Uns wurde nicht beigebracht, mit einer Waffe das Ziel zu treffen. Wir waren unterernährt und nicht genug ausgerüstet.

Obwohl das Regime auf den Papieren das Geld für uns ausgegeben hatte, kam nichts von dem bei uns an“, sagt er. Aus Trotz hat er sich in die Militärausbildung hineingesteigert, hat sich das Schießen und Zielen selbst beigebracht. Feras ist ehrgeizig und lebt nach dem Motto: Wenn, dann richtig.

Proteste gegen die Auflockerung des Justizsystems in Polen

Aber auch ein Ehrgeiziger stößt an seine Grenzen. Im Juli dieses Jahres protestierte Feras mit seinen Freunden gegen die Reformen der PiS-Partei unter Jarosław Kaczyński, die die Kontrolle über das Justizsystem auflockern sollten. Als Feras merkte, dass die Proteste nichts bringen und dass die Gesetze trotzdem vom Parlament verabschiedet werden, brach er in Tränen aus.

„Ich saß alleine und habe geweint, weil ich nicht wusste, was mit dem Land passiert. Ich fühlte mich, als würde ich festsitzen“, sagt er. Dabei lebt er gerne in Polen, er mag polnisches Essen und die Kultur. Feras erzählt von einer Reise in polnische Dörfer, wo er nette Menschen traf und sich gut aufgehoben fühlte. Er sorge sich um sein Land, „wahrscheinlich genauso viel wie Kaczyński“, sagt Feras.

Am selben Abend ist Feras Daboul mit Freundinnen und Freunden auf einer Geburtstagsfeier. Er hat seine Gitarre dabei und spielt arabische Musik im lateinamerikanischen Salsa-Stil. Dann hält er kurz inne. „Einmal habe ich vor Leuten Salsa-Musik gespielt. Als ich dann anfing, auf Arabisch zu singen, sagten sie: ‚Spanisch ist so eine schöne Sprache’“ Ich kann mir mein Lachen nicht verkneifen.

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