Die Realität dieses Landes

Die Realität dieses Landes

Der israelische Autor Amichai Shalev ist Gast bei den deutsch-israelischen Literaturtagen, die sich mit Gerechtigkeit befassen. Israel feiert in diesen Tagen den 70. Jahrestag seiner Gründung. Ein Geburtstagsgruß.

Kinder mit israelischen FahnenIsraelische Kinder in Jerusalem – Urheber/in: Kristoffer Trolle. Creative Commons License LogoDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

1.
Vielleicht ist das Bedeutendste, das man als Israeli im siebzigsten Jahr des Landes sagen kann, dass es unmöglich ist, mit Gewissheit irgendetwas Bedeutendes zu sagen. Nichts über das Land und vielleicht auch nichts über die Existenz an sich. Scheinbar sind wir alle Teil der Realität, aber tatsächlich spielen die meisten von uns lediglich eine untergeordnete Rolle, wir sind Statisten, Online-Daten, mehr nicht, auch wenn wir auf der physischen Ebene präsent sind. Wir sind funktionell. Wir zahlen Sozialversicherung. Wir sind Teil des ununterbrochenen Konsumstroms. Wir kaufen, verkaufen, gehen zur Wahl, aber was wissen wir über die Dinge, die wirklich geschehen? Kann man das heutzutage überhaupt wissen? Früher waren wir uns sehr sicher, dass es sich in den Gebieten um Besatzung handelt, dass die Palästinenser leiden. Heute scheint es, dass es dort insgesamt (oder zumeist) ruhig zugeht. Es stimmt, dass sie einen Staat wollen, doch davon mal abgesehen, inwiefern geht es ihnen schlecht? Vielleicht erblicken sie hin und wieder einen israelischen Soldaten, aber sie stehen nicht unter unserer Führung und fällt in Gaza plötzlich der Strom aus, liegt es nicht an uns, sondern daran, dass sie die Rechnung nicht bezahlt haben. Ohnehin hätten sie ohne uns gar keinen Strom. Sollen sie also dankbar sein. Ist das unter Umständen eine falsche Darstellung? Was spielt sich wirklich in einigen Kilometern Entfernung ab? Kann man das sehen? Schließlich erleben wir die Realität durch die verschiedenen Medien. Durch gigantische Waschmaschinen, die Lügen und Public Relations, Simulakren, Narrative, Interessen, kriminelle Kräfte, Rabattaktionen, Spekulationen durch die Lauge ziehen. Wenn wir wollen, können wir entscheiden, dass es eine Besatzung gibt und dafür einen Beweis anführen. Wenn wir wollen, können wir entscheiden, dass es keine Besatzung gibt und dafür einen Beweis anführen. Es gibt keine objektive Wahrheit. Es gibt vielmehr unzählige objektive Wahrheiten. Such dir aus, was du willst.

2.
2011 kam es zu einem gesellschaftlichen Protest. Von außen betrachtet war er sicherlich sehr ergreifend. Wie damals in Paris. Und wie bei den Hippies, den Blumenkindern. Etwas Authentisches, das sich ereignete. Vom Erwachsenwerden war die Rede. Davon, dass die junge Generation (und auch die weniger junge) beschlossen hatte, ihre berechtigte Stimme zu erheben und soziale Gerechtigkeit einzufordern. Das heißt, was ihr zusteht. - Aber was steht ihr wirklich zu? Auch das kann man sich aussuchen. Sie wollten Wohnungen kaufen und nicht vom Dispo leben. Sie wollten die Lebenshaltungskosten senken. Erstmals kam es zu breiten Protesten in einer Sache, die keinen militärisch-nationalen Charakter hatte, sondern eine sozial-ökonomische Angelegenheit war. Einige führende Köpfe der Protestbewegung (eigentlich zwei) wurden in die Knesset, das israelische Parlament, gewählt. Unterm Strich gute Menschen, zumindest erweckten sie in den Medien diesen Eindruck. Einige Handelsfirmen senkten damals die Preise (und hoben sie nach einigen Monaten wieder an). Einige Leute schrieben darüber sogar Bücher. Andere gaben spektakuläre Fotobände heraus. Rasch verkehrte das Ganze sich ins Nostalgische. Rasch wurde es zu Staub. Wurde zu nichts. Nach wie vor ist es fast unmöglich, in Israel eine Wohnung zu kaufen, es sei denn, man hat entsprechend geerbt. Die Preise im Supermarkt kann man nie nachvollziehen, wer bringt dazu schon die Energie auf, du kaufst, was du willst und fertig. Wenn sie den Preis angehoben haben, bekommt man es wahrscheinlich nicht mit. In einer bestimmten Phase hieß es, dass der Protest noch einmal aufleben würde. Allerdings fiel es schwer, das zu glauben. Wer hatte dafür die Kraft? Immerhin muss man morgens aufstehen und zur Arbeit gehen. Konsumieren. Verkaufen. Kinder großziehen. Im Supermarkt einkaufen. Es stimmt, es gibt immer noch einige, die in Tel Aviv zum Zeichen des Protests in Zelten wohnen. Doch die sind inzwischen Teil der Landschaft. Wie der Dizengoff-Platz. Wie die Küste. Und wenn sie in Zelten hausen, dann liegt es vielleicht an ihnen und nicht an den Lebenshaltungskosten? Was stimmt wirklich?

3.
Du stehst morgens auf und schlagartig rüttelt die Realität dieses Landes dich wach. Hattest du dir jemals eingebildet, dich aus allem raushalten zu können, dich auf eine Bergsiedlung im Norden der Golanhöhen zurückzuziehen, wo wunderliche Leute leben, dir eine tödliche Dosis Halluzinogene zu verabreichen oder dir irgendeine andere Form von Eskapismus zu leisten, so begreifst du mit zunehmendem Alter, dass du damit auf verlorenem Posten stehst. Dieses Land pulsiert in deinen Adern. Einerseits gleicht es dem Blut des Lebens. Andererseits einem Killerbakterium, zuweilen schlummernd, zuweilen den Atem abschnürend, um dir den letzten Hauch Optimismus, den du dir noch bewahrt hattest, zu rauben. Du bist immerzu stolz auf das Land. Du schämst dich immerzu dafür. Du liebst es immerzu. Du hasst es immerzu. Nur gleichgültig kannst du ihm gegenüber niemals sein. Das lässt dieses Land dir nicht durchgehen. Du kannst beschließen, dir keine Nachrichten mehr anzusehen, bei diesem sinnlosen Karneval, der sich Facebook nennt (oder Instagram oder Twitter), nicht mitzumachen. Du kannst beschließen, nach Indien zu gehen und dich der Meditation zu widmen, bis dein unterer Rücken zur astralen Vorstellung wird. Du kannst dir ein Stück Land auf dem Mond kaufen (dort soll es immer noch Nazis geben, aber auf der finsteren Seite, sodass dieses Vorhaben machbar ist). Nützen wird es allerdings nichts, das Land hat dich stets fest im Griff. Es verhält sich wie mit der Vorstellung, dass Gott sich in allem befindet. Demnach umfasst er das gesamte Universum, einschließlich der Galaxien, der schwarzen Löcher, der dunklen Energie und jeglicher Lebensform. Jeder ist ein Teilchen des Göttlichen und alles hängt mit allem zusammen. Demnach befindet Israel sich in jedem Quanten-Teilchen deines Seins. Die Physiker behaupten jedoch, dass bei allem, was die Quantentheorie betrifft, das Superpositionsprinzip gilt. Demnach kann der Quantenzustand eine Kombination aus einer Reihe anderer paralleler Quantenzustände sein. Daher kann etwas eine Welle oder ein Teilchen sein. In unseren Angelegenheiten ist also wieder alles eine Sache der Wahl. Ganz wie du willst: Werde eine Welle. Werde ein Teilchen. Liebe den Staat. Hasse den Staat. Sprich aus, dass es eine Besatzung gibt. Sprich aus, dass es dich nicht kümmert. Deine Wahrheit legst du fest.

4.
Für den äußeren Betrachter wurden im letzten Jahr die Straßen regelrecht von Demonstranten überflutet, die gegen korrupte Regierung protestierten, vor allem gegen den halbewigen (an der Grenze zum Ewigen) Premierminister Benjamin Netanyahu, der in vier Korruptionsfällen unter Verdacht steht (diese Angabe ist zumindest derzeit richtig) und der weiterhin ein Verhalten an den Tag legt, als wäre nur die Rede von einem hartnäckigen Moskito, der in einem konspirativen Labor der Linken (die de facto nicht wirklich existiert) und der Medien (die de facto kaum existieren)  gezüchtet wurde. Die Innenansicht ist wesentlich komplexer. Die Straßen wurden auch nicht überflutet, im besten Fall handelte es sich um einige Dutzend Leute. Ohne jeglichen Zusammenhang zu der Frage, wie genau Netanyahus Weg enden wird und wann dies sein wird (falls überhaupt), so sind die Straßen von nichts anderem überflutet als Rabattaktionen, Verkehrsstaus, müden Joints und Reality-Stars, die in den Netzen Nacktfotos von sich hochladen, nur um sich anschließend zu beschweren, dass sie bloßgestellt wurden. Die moralischen Werte sind eine amorphe Idee, die den Philosophen des 17. Jahrhunderts gehört und ein Dasein hat diese Idee nur zwischen verstaubten Regalen von Universitätsbibliotheken. Die Korruption wird zwar in der extremen Ausprägung des Premierministers verkörpert, welcher auch des Vertrauensbruchs verdächtigt wird (er ist der zweite Premier, der dessen verdächtigt wird; der erste, Ehud Olmert, saß bereits im Gefängnis und ist wieder frei. Ha, natürlich, es gibt auch einen ehemaligen Staatspräsidenten, der eine Strafe für ein Vergewaltigungsverbrechen verbüßte; einen ehemaligen Finanzminister, der Millionen hinterzog und einen amtierenden Minister, der infolge einer Verurteilung wegen Korruption bereits im Gefängnis saß und es mittlerweile geschafft hat, erneut unter Verdacht zu stehen), aber die Ursprünge der Korruption sind breiter gefächert und kultivierter. Die Korruption gleicht einer Substanz, die über das Kohlendioxid eingeatmet wird. Wir scheinen eine bestimmte Spezies von korrupten Leuten hervorzubringen, die zu der Schlussfolgerung gelangt ist, dass der effektivste Weg, Millionen zu scheffeln, der Eintritt in die Politik ist. Nicht in den organisierten Mord oder ins Drogengeschäft. Die meisten von ihnen werden Vorstände von Verbänden (derzeit wird gegen Dutzende Vorstände von Verbänden ermittelt). Ein Teil geht in die Landespolitik, aber die meisten haben nur das Ziel: So viel Geld wie möglich auf Kosten der Öffentlichkeit zu machen und in der Hoffnung, dabei nicht erwischt zu werden, was vielen ja auch gelingt. Dennoch haben wir nach wie vor Gerichte und die Polizei. Zumindest vorerst. Zu keiner Zeit waren sie mehr beschäftigt. 

5.
Doch wie gesagt kann es auch eine andere Wahrheit geben. Siebzig Jahre großartiger Errungenschaften auf den Gebieten der Wissenschaft, den Geisteswissenschaften, der Technologie. Siebzig Jahre, in denen uns alle paar Jahre irgendein arabischer Staat den Krieg erklärte, ohne dass wir daran Schuld trugen (d.h. allein wegen unserer physischen Präsenz im Nahostraum) und jedes Mal haben wir gesiegt. Wir mussten einen schmerzhaften Preis zahlen, aber wir haben gesiegt. Siebzig Jahre, im Laufe derer sowohl Jitzchak Rabin, gesegnet sei sein Andenken, als auch Ehud Barak bereit waren, die Sache bis zum Ende durchzuziehen, um ein für allemal ein Friedensabkommen mit den Palästinensern abzuschließen, das die Palästinenser allerdings nicht wollten, so wie sie auch das Land vor siebzig Jahren nicht in zwei Staaten aufteilen wollten. Siebzig Jahre, die wir brauchten, um sumpfige Erde, umschwirrt von Moskitos, trockenzulegen. Erde, auf der es einige Viehhirten gab. Und wir verwandelten diese Erde in eine lebendige Region mit einer florierenden Hightech-Industrie. Siebzig Jahre beständiger ökonomischer Stärke. Siebzig Jahre immensen literarischen Schaffens, siebzig Jahre hebräischen Rock’n Rolls, siebzig Jahre leistungsfähiger Universitäten, siebzig Jahre der hebräischen Sprache, die wieder auferstanden ist und sich zu einer sprudelnden, veränderungsfreudigen, kreativen Sprache entwickelt hat, die einerseits ihre Inspiration aus dem vor 2.000 Jahren geschriebenen Alten Testament schöpft und andererseits am Puls der Zeit ist. Es stimmt: Nichts ist perfekt, alles ist relativ, es gibt noch Dinge zu tun, zu korrigieren, zu verbessern, sagen wir mal die palästinensische Sache oder die Tatsache, dass immer noch eine Anzahl von Leuten in den Zelten festsitzt oder die Käsepreise in den Supermärkten oder die Wohnungspreise und natürlich – die Korruption. Wir werden das in den Griff bekommen, wirklich, wir sind echt auf dem Weg, die Dinge sind bereits im Gang, es gibt Budgets. Es wird gebaut. Wartet noch siebzig Jahre ab und ihr werdet sehen.

Der Text erschien zuerst am 23. März 2018 im Feuilleton der Berliner Zeitung.

Über den Autoren

Amichai Shalev, geboren 1973 in Holon (Israel), studierte Geschichte und Literatur an der Universität Tel Aviv und szenisches Schreiben an der Camera Obscura School of Art. Er arbeitet als Lektor und unterrichtet Kreatives Schreiben. Shalev ist Autor von vier Romanen und Herausgeber mehrerer Anthologien. Sein Roman „The Mentals“ wurde 2010 für den Sapir-Preis nominiert. Im Jahr 2012 erhielt Shalev für seine literarische Arbeit den Prime Mininster's Award. Er lebt in Herzliya.Amichai Shalev, geboren 1973 in Holon (Israel), studierte Geschichte und Literatur an der Universität Tel Aviv und szenisches Schreiben an der Camera Obscura School of Art. Er arbeitet als Lektor und unterrichtet Kreatives Schreiben. Shalev ist Autor von vier Romanen und Herausgeber mehrerer Anthologien. Sein Roman „The Mentals“ wurde 2010 für den Sapir-Preis nominiert. Im Jahr 2012 erhielt Shalev für seine literarische Arbeit den Prime Mininster's Award. Er lebt in Herzliya.

Die deutsch-israelischen Literaturtage finden vom 11. bis 15. April in Berlin statt. 

Am Sonntag, den 15. April 2018, 14.00 Uhr, liest und diskutiert Amichai Shalev in den Sopiensälen mit Nicol Ljubić. Ihr Thema ist „Zwischen den Fronten“, es geht darum, was wir bewirken können, wenn wir uns für etwas stark machen. Und was das mit uns macht.

 

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