Russland und Iran: Außenpolitik als Balanceakt

Kommentar

Russlands Politik im Mittleren Osten ist rigoros interessengeleitet: Die Rolle der Großmacht soll ausgefüllt, die Region stabilisiert und jedes Risiko möglichst eingedämmt werden. Das bietet Chancen.

Moscow Kremlin
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Der Moskauer Kreml
  1. Unsere Analyse: Spalten ja, aber ohne großes Risiko
  2. Handlungsoptionen: Pragmatismus als Chance
  3. Orakelfrage: Weitgehende Unberechenbarkeit

Wer das russisch-iranische Verhältnis besser verstehen will, muss zuerst in den Atlas und das Geschichtsbuch schauen: Der Iran liegt aus Moskauer Perspektive in enger Nachbarschaft, und auch ihre gemeinsame Geschichte verbindet Russland und Persien – in misstrauischer Nähe. Seit dem zweiten persisch-russischen Krieg 1828 gehört Persien zur russischen Einflusszone. Es gab Phasen konstruktiver Zusammenarbeit, aber auch feindlicher Auseinandersetzungen, die im Iran bis heute nicht vergessen sind. Schon früher standen sich gemeinsame und einander ausschließende Interessen beider Seiten gegenüber.

Für Russland ist der Iran heute ein Schlüsselstaat zur Eindämmung der US-Dominanz und der Wahrung des eigenen, seit sowjetischer Zeit gesunkenen Einflusses im Mittleren Osten. Aber eine regionale Vorherrschaft des Iran liegt auch nicht im Interesse der russischen Außenpolitik, die auf stabilisierende Balance setzt.

Verantwortlich für die derzeitige Krise um den Iran sind aus Moskauer Sicht die USA. Das passt auch gut in die antiamerikanische Erzählung der Moskauer Propagandisten. Die russische Bevölkerung dagegen schaut vorwiegend gleichgültig auf den Iran. Die Ukraine liegt näher, auch Syrien konnte kurze Zeit eine bedingte nationale Aufmerksamkeit erzielen. Der Iran dagegen erweckt keine Emotionen. Da ein breiter nationaler Diskurs über Außenpolitik nicht gewünscht ist, gehört die Entwicklung im Iran eher zu den Spezialthemen für Politolog/innen.

1. Unsere Analyse: Spalten ja, aber ohne großes Risiko

Moskau ist an einer Eskalation des Konflikts um den Iran nicht sonderlich interessiert. Zwar nutzt Russland den Konflikt gerne als Spaltmittel für die westliche Gemeinschaft – aber nicht um jeden Preis. Dem Iran kommt aus russischer Sicht eine wichtige Rolle im Kräftefeld des Mittleren Ostens zu, aber Russland ist zugleich bemüht, Beziehungen zu Ländern der Großregion aufzubauen oder zu stärken, die dem Iran ablehnend bis feindlich gegenüberstehen: Qatar, Saudi-Arabien, Israel. Diese Multivektor-Politik verträgt sich nicht mit der Dominanz einer Regionalmacht, auch nicht des Iran. Zudem stehen einer grundsätzlichen und nicht nur situativen Partnerschaft zwischen Russland und dem Iran unterschiedliche Interessen entgegen.

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Im Geist seiner Großmachtrolle muss Russland alles dafür tun, das geopolitische Gleichgewicht des Mittleren Ostens zu wahren, um damit die Sicherheit an seiner Südflanke zu stärken. Ein militärischer Konflikt zwischen den USA und dem Iran brächte zu viele Unwägbarkeiten mit sich. Russland müsste sich entscheiden, ob und auf welche Weise es in einen Konflikt mit unklaren Folgen eintritt. Ein militärischer Sieg der USA würde das angestrebte Gleichgewicht zerstören.

Wirtschaftliche Interessen spielen dagegen für Russland eine nachgeordnete Rolle. Der Handel zwischen beiden Ländern ist von geringer Bedeutung (1,7 Milliarden Dollar in 2018), und auf den Öl- und Gasmärkten sind Russland und der Iran gar Konkurrenten.

2. Handlungsoptionen: Pragmatismus als Chance

Russlands Interesse an einer Begrenzung und Kontrolle des iranischen Atomprogramms ist prinzipiell und groß. Zur eigenen Sicherheit will Moskau eine Verbreitung von Nuklearwaffen im Nahen und Mittleren Osten verhindern. Entsprechend hatte Russland auch früher die UN-Sanktionen gegen den Iran mitgetragen. Dies erhöht die Chancen, den Atom-Vertrag mit dem Iran zu bewahren. Zumal Russland dem Iran zwar gegen die US-amerikanischen Sanktionen helfen möchte, aber nicht bereit ist, dies zum eigenen Schaden zu tun. Moskau geht es vor allem um die Eindämmung des Konflikts. Dieser Pragmatismus und die interessengeleitete Politik bieten Ansätze für Lösungen, zu denen Russland auch aktiv beitragen könnte. Zumal sich Russlands Politik im Mittleren Osten oft durch regionale Kenntnis und diplomatische Feinarbeit auszeichnet, die im Verhältnis zu den früheren Sowjetrepubliken zumeist fehlt.

Vieles weist derzeit darauf hin, dass die USA vor einer militärischen Auseinandersetzung mit dem Iran zurückschrecken. Eine direkte Konfrontation mit Russland ist noch unwahrscheinlicher. Denn Russland betont nach außen zwar seine Solidarität mit dem Iran. Im Kriegsfall aber wäre aus heutiger Sicht ein militärischer Einsatz kaum denkbar. Russland könnte höchstens auf Waffenlieferungen und den Austausch strategischer Informationen und Aufklärungsdaten mit Teheran setzen.

3. Orakelfrage: Weitgehende Unberechenbarkeit

Russlands Haltung erscheint im Mittleren Osten berechenbarer als die möglichen Handlungen des Präsidenten der Vereinigten Staaten oder der iranischen Führung. Allerdings ist Russlands Einfluss auf die iranische Führung begrenzt. Der feindliche Druck von außen kommt Teheran zugute, um Spannungen im eigenen Land zu überdecken. Doch eine gemäßigte Eskalation des Konflikts könnte außer Kontrolle geraten, wenn sich das Regime genötigt sieht, provokativen Gesten und Durchhalteparolen Taten folgen zu lassen.

Ein Beitrag aus unserem Dossier Spiel mit dem Feuer: USA und Iran vor einem Krieg?