30 Jahre Friedliche Revolution: Der Kampf um die Deutung

Kommentar

Drei Jahrzehnte nach der Friedlichen Revolution ist eine Debatte um ihre Aneignung entbrannt. Vor den Wahlen in Brandenburg, Sachsen und Thüringen stellt sich die Frage, wer den Kampf um die Deutung gewinnt.

Montagsdemo Leipzig 8. Januar 1990
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Die Debatte um die Deutung der Friedlichen Revolution ist wieder entfacht

Drei Jahrzehnte nach der Friedlichen Revolution entbrennt eine Debatte um ihre Deutung und Aneignung. Vor dem politischen Hintergrund von drei wichtigen Wahlen in ostdeutschen Bundesländern geht es um die Frage, wer den Kampf um die Deutung gewinnt.

In Brandenburg, Sachsen und Thüringen ist die AfD Umfragen zufolge dabei, stärkste Kraft zu werden, während die 1990 wiedergegründeten Parteien Stimmenverluste verzeichnen. Bündnis 90/Grüne, deren Wurzeln in der DDR-Opposition und der vielfältigen Bürgerbewegung liegen, weisen Umfragezuwächse auf, die ihnen eine neue Verantwortung zuweisen. 30 Jahre nach der Friedlichen Revolution ist die Frage relevant, wer die Friedliche Revolution für das eigene Selbstverständnis in Anspruch nehmen kann, die Ausgangspunkt der heutigen politischen Verhältnisse war.

Der Religionssoziologe Detlef Pollack unternimmt den Versuch, größere Teile der DDR-Bevölkerung in das emanzipative Paradigma von der „Selbstermächtigung“ und „Selbstbefreiung“ einzugemeinden und die Rolle der DDR-Oppositionellen zu relativieren. Was soll daran nicht akzeptabel sein? Stimmt es nicht, dass die Ausreisewilligen, die sich die geopolitischen Verfallserscheinungen des sowjetkommunistischen Systems 1989 zunutze machten, das Regime zahlenmäßig mehr ins Wanken brachten als die wenigen Oppositionellen? Und stimmt es nicht, dass erst die Großdemonstrationen, nicht nur in Leipzig und Berlin, sondern in vielen DDR-Orten, die Konfusion in Politbüro und Zentralkomitee so erhöhten, dass eine Pressekonferenz wie die am 9.November 1989 mit der Ankündigung unbeschränkter Reisefreiheit möglich wurde?

Akzeptabel ist dieser Versuch deswegen nicht, weil er nach 30 Jahren Friedliche Revolution zum einen eine erinnerungspolitische Nivellierung und zum anderen eine ahistorische Differenzierung vornimmt.

Die ahistorische Differenzierung zeigt sich in der sonderbaren These von der Verachtung der DDR-Bevölkerung. Abgesehen von den Menschen, die massive Einkommenseinbußen in Kauf nahmen und in der Evangelischen Kirche angestellt waren, arbeiteten die meisten Oppositionellen in irgendeinem sozialistischen Betrieb, weil sie sich anders auch gar nicht hätten über Wasser halten können. Sie hatten Kolleginnen und Kollegen, ärgerten sich über Schlamperei und Verantwortungslosigkeit im sozialistischen Betrieb, führten politische Diskussionen, waren Teil der, wie Pollack die DDR 1994 zutreffend beschrieb, Organisationsgesellschaft.

Die vorsätzliche Unterscheidung der DDR-Bevölkerung in „Normalos“ und – ja, was eigentlich –  Nicht-Normalos bedient eine Unterscheidung, die das DDR-Regime mit Hilfe eines ausgedehnten Spitzelsystems, mit gezielten Ausgrenzungen und Benachteiligungen bestimmter Menschen vornahm.

Wer Philosoph war und wegen staatsfeindlicher Umtriebe forthin als Heizer arbeiten musste, wie Wolfgang Templin, war nicht normal. Wer gänzlich auf einen gesellschaftlichen Aufstieg verzichtete und in der Kirche als Sozialdiakon, also Sozialarbeiter, wie Michael Heinisch oder als Katechetin, also als Grundschulpädagogin für Religion, arbeitete, wie Marianne Birthler, war nicht normal.

Mit der Separierung einer kleinen Gruppe Oppositioneller, die zwar tapfer, aber erfolglos war und insofern eigentlich bedeutungslos, von einer „Masse“ normaler Menschen, die „das Volk“ repräsentieren, erzielt die SED einen späten Sieg.

Diese Leute von der Opposition waren nicht normal. Normal war das Mitläufertum, normal war es, sich mit dem System abzufinden, und auf den Staat zu schimpfen, wenn die Straßenbahn Verspätung hatte. Wenn das die These ist, dann ist erinnerungspolitisch noch sehr viel zu tun und hoffentlich ist es dazu noch nicht zu spät.

Denn die erinnerungspolitische Nivellierung besteht genau darin, nach 30 Jahren nicht mehr so genau hinzusehen. Täter und Opfer? Ist doch nach 30 Jahren keine Kategorie mehr. Resistenz, Resilienz, Opposition – wen interessiert das noch? Die Feldzüge der Zwangssäkularisierung in den 1950er Jahren, der Ausschluss von hunderten von Schülerinnen und Schülern vom Abitur durch SED-und FDJ-Funktionäre – wer gibt da noch etwas drauf? Die Demütigung von Nicht-Angepassten, von Christinnen und Christen, dass Angepasste und SED-Genossen beruflich an ihnen vorüberzogen und demzufolge heute eine höhere Rente beziehen – ist doch Schnee von gestern.

Im Windschatten der erinnerungspolitischen Nivellierung der DDR-Bevölkerung gedeiht – beabsichtigt oder nicht – der Opfermythos, der eine ganze Gesellschaft aus einer erinnerungspolitischen Verantwortung entlässt, der sie sich längst hätte stellen müssen – Ausgereiste und Gebliebene gleichermaßen. Es ist gut, dass die Debatte um die Deutung der Friedlichen Revolution wieder entfacht ist, aber es wäre wichtig, sie historisch und erinnerungspolitisch fair zu führen.