Hohe Erwartungen in Bezug auf „naturbasierte Lösungen“ beim Klimasondergipfel in New York

Hintergrund

Diese eintägige Veranstaltung soll die Länder zu neuen Klimaschutz-Zusagen und größeren Anstrengungen zur Umsetzung von Pfaden anspornen, die den Temperaturanstieg auf unter 2°C begrenzen. Peter Riggs vom internationalen Netzwerk Climate, Land, Ambition und Rights Alliance (CLARA) erklärt, wie die Verpflichtungen bewertet werden können.

Emissions of the coal power plants in Dusseldorf
Teaser Image Caption
Kohlekraftwerk in Düsseldorf

UN-Generalsekretär António Guterres wird die einwöchige UN-Generalversammlung in New York mit einem Klimasondergipfel einläuten. Diese eintägige Veranstaltung soll die Länder zu neuen Klimaschutz-Zusagen und generell zu größeren Anstrengungen zur Umsetzung von Pfaden anspornen, die den Temperaturanstieg auf unter 2°C halten. Das internationale Netzwerk CLARA (Climate, Land, Ambition, and Rights Alliance) begrüßt diesen Fokus von Generalsekretär Guterres und freut sich auf die Teilnahme am Gipfel.

Zuletzt fand ein solcher vom UN-Generalsekretär einberufener Klimasondergipfel vor fünf Jahren statt – im Vorfeld der Pariser Klimakonferenz, die zu neuen Zusagen der Länder und einer neuen globalen Zielsetzung führte (Begrenzung der Erderwärmung auf 1,5°C).

Was ist also von dem offiziellen Programm des Gipfels in der nächsten Woche zu erwarten?

Eine sehr positive Entwicklung ist, dass den Klimaschutzmöglichkeiten im Landsektor, den sogenannten „naturbasierten Lösungen“ (Nature Based Solutions, NBS), in der aktuellen Tagesordnung eine größere Aufmerksamkeit zuteilwird. Einer von neun Verhandlungssträngen des Gipfels beschäftigt sich mit den NBS, und zwar überraschenderweise einer der profiliertesten. (Die Themen der anderen Verhandlungsstränge sind: Emissionsminderungsstrategien, soziale und politische Antriebskräfte, Jugend und Mobilisierung, Energiewende, Widerstandsfähigkeit und Anpassung, Infrastruktur, Stadt- und Kommunalregierungen, Klimafinanzierung sowie CO2-Bepreisung und Industrie). Die UN selbst und auch die beiden Länder, die den Vorsitz im NBS-Verhandlungsstrang innehaben, China und Neuseeland, baten Länder und Nichtregierungsorganisation darum, beim Gipfel Beispiele für Klimaschutzmaßnahmen vorzustellen. Mitgliedsorganisationen von CLARA reichten beim NBS-Verhandlungsstrang über ein Dutzend Ideen ein: Maßnahmen zum Landrecht, Renaturierung und Agrarökologie, die vier Kontinente betreffen. CLARA wird verfolgen, welche neuen Zusagen die Länder machen, und Aktualisierungen liefern, sobald Einzelheiten bekannt werden.

Im August gaben die führenden Organisationen das Nature Based Solutions for Climate Manifesto heraus, das eine wichtige Orientierungshilfe für den Verhandlungsstrang sein kann. Zu den wichtigsten Punkten gehören:

  • Klima und Biodiversität hängen zusammen. Ökologen wissen schon lange, dass der Klimakrise nicht entgegengewirkt werden kann, ohne auch die Biodiversität zu einem Anliegen zu machen. Aber diese Zusammenhänge werden den wichtigsten Vertragsparteien, die für die Bekämpfung der Krise verantwortlich sind, nur ganz allmählich bewusst. Dass diese Verbindung jetzt ausdrücklich genannt wird, lässt darauf schließen, dass sich die Wahrnehmung ändert – hin zu einem Verständnis, dass natürlich Systeme mehr für Kohlenstoffbindung, Widerstandsfähigkeit und Regeneration tun als alle technischen Lösungen.
  • Es werden langfristige Lösungen gebraucht. Warum ist „langfristig“ so wichtig? Die im Laufe der Zeit kumulierten Emissionen von Treibhausgasen (THG) erhöhen den „Strahlungsantrieb“, der für einen unaufhaltsamen Temperaturanstieg verantwortlich ist. Die Wiederherstellung von Ökosystemen ist keine Sofortlösung; die maximalen Kohlenstoffbindungswerte durch Waldaufforstung werden frühestens ein Jahrzehnt, und manchmal auch erst mehrere Jahrzehnte, nach der Neubepflanzung erreicht. Um langfristige Lösungen zu erreichen, muss man sofort Maßnahmen ergreifen.
  • Die Zerstörung der Natur muss aufhören! In der höflichen Ausdrucksweise der internationalen Diplomatie fordert das Manifest „lenkende Prozesse, mit denen die Zerstörung der Natur gestoppt wird“. Dem kann niemand widersprechen – und dennoch ist es wichtig, auf diese Zerstörungen hinzuweisen. Beispielsweise darauf, was in Brasilien gerade durch die Brände im Regenwald passiert, oder was in den Vereinigten Staaten vor sich geht mit der Leugnung des Klimawandels und der großflächigen Verpachtung von staatlichen Ländereien für die Förderung fossiler Brennstoffe. Sowohl die Europäische Union als auch China sind besser darin, in ihren Ländern naturverträgliche „lenkende Prozesse“ einzuführen, aber die Verbrauchernachfrage in diesen Regionen – insbesondere nach tierischen Erzeugnissen (Fleisch und Molkereiprodukte) ist für weit über die Hälfte aller THG-Emissionen im Agrarsektor verantwortlich und verursacht erhebliche Umweltschäden in Regionen, die weit von den Orten entfernt sind, an denen der Verbrauch erfolgt. Die Brände im brasilianischen Regenwald sind von großer Tragweite. Aber eine Analyse der „eigentlichen Ursachen“ macht deutlich, dass die Zerstörung eine Folge der weltweit steigenden Nachfrage nach Rindfleisch, Sojabohnen und Palmöl ist. Das Manifest weist auf die Schäden hin, „die durch Investitionen oder Anreize verursacht werden, die zu Umweltschäden beitragen“. Es lohnt sich auch, darüber nachzudenken, inwieweit wir mit unserer eigenen Lebensweise zu Umweltschäden beitragen.

Es wäre zu viel erwartet, dass ein UN-Gipfel dafür sorgen kann, dass die Natur nicht länger durch Menschenhand zerstört wird. Aber die Frage ist berechtigt, ob der Ansatz von „Versprechungen“ – also von neuen Zusagen der Länder auf dem Gipfel – einen ausreichenden Ehrgeiz widerspiegelt. Die Länder sprechen bereitwillig darüber, Bäume zu pflanzen oder dem illegalen Abholzen Einhalt zu gebieten, aber bisher ist noch nichts zu sehen von einer gründlichen Überarbeitung der Maßnahmen und wirtschaftlichen Anreize, die zu Rodungen führen, die auch durch die zugesagten Finanzhilfen für eine Wiederaufforstung nicht ausgeglichen werden können.

Auf dem letzten großen Klimasondergipfel 2014 einigten sich die Länder, Unternehmen und zivilen Netzwerke auf eine Erklärung zum Schutz der Wälder (New York Declaration on Forests). Auch diese Erklärung fußte auf Versprechungen – und eine letzte Woche veröffentlichte Überprüfung der Fortschritte zur Erreichung der in der Erklärung festgehaltenen Ziele enthält keine guten Nachrichten: „Nur ein Bruchteil der zugesagten Waldaufforstungsziele wurden erreicht … Aus Nachweisen über Aufforstungen geht hervor, dass lediglich 18% der für 2020 anvisierten Ziele bei der Wiederherstellung von Waldlandschaften umgesetzt wurden.“ Gleichzeitig hat sich die Zahl der Unternehmen, die sich zu „entwaldungsfreien Lieferketten“ verpflichten, nicht wesentlich erhöht.

Anders gesagt, läuft alles wie gehabt – abgesehen von wenigen positiven Beispielen seitens engagierter Unternehmen. Auf einzelstaatlicher Ebene ist in dieser Hinsicht noch weniger Engagement zu sehen. Vielleicht ist das etwas, was sich durch den Gipfel ändern könnte.

CLARA hat eine Reihe von Leitlinien zur Bewertung der neuen Zusagen und deren Ernsthaftigkeit ausgearbeitet. Als erstes wird die Frage gestellt: Ist ein Land wirklich bereit zu der Verpflichtung, der Entwaldung jetzt ein Ende zu bereiten? CLARA ist der Auffassung, dass ein weltweites Moratorium für Abholzungen in natürlichen Waldbeständen erforderlich ist. Jetzt.

Weitere wichtige Punkte zur Bewertung der Klimaschutzverpflichtungen:

  • Werden die Rechte der indigenen und anderen Gemeinschaften vor Ort respektiert? Die indigenen Völker und lokalen Gemeinschaften stehen an vorderster Front im Kampf gegen mächtige Akteure und brauchen unsere Unterstützung. CLARA ruft die lateinamerikanischen Staaten dazu auf, das Escazú-Abkommen zu ratifizieren – ein rechtlich bindendes Abkommen, das den Schutz von Umwelt- und Menschenrechtsaktivisten enthält (Artikel 9).
  • Wird der Nahrungssicherheit Priorität eingeräumt? Es besteht ein großer Bedarf an finanzieller und technischer Unterstützung, um den Bauern bei der Anpassung an eine sich erwärmende Welt zu helfen. Das ist einer der wichtigsten Bereiche der internationalen Hilfs- und Austauschmaßnahmen zur Sicherung einer nachhaltigen Zukunft. Auf dem Klimagipfel sind Finanzzusagen erwünscht – und die reichen Länder sollten die Anpassungsbemühungen in der Landwirtschaft der Entwicklungsländer mit beträchtlichen Finanzzusagen unterstützen.
  • Wird Agrarökologie als eine Lösung erwähnt? Der starke Schatten von Agrarindustrien auf den NBS-Verhandlungsstrang ist besorgniserregend, denn heute weiß man, dass die von Chemikalien abhängige industrielle Landwirtschaft uns tötet: angefangen von einem höheren Krebsrisiko bis hin zu einer „Insekten-Apokalypse“. Eine auf den ökologischen Grundsätzen von Nutzpflanzenvielfalt und einer ganzheitlichen Produktivität beruhende Agrarwirtschaft ist für den Planeten – und für die Menschen – am gesündesten.
  • Geht aus den Verpflichtungen hervor, dass die Neupflanzungen Wälder sind? Plantagen sind keine Wälder. In Bezug auf Widerstandskraft und Produktivität unterscheiden sich gesunde und abwechslungsreiche Naturwälder ganz erheblich von regulierten Monokulturplantagen. Der Erfolg sollte nicht an der „Fläche der Baumpflanzungen“ gemessen werden, sondern vielmehr an der „Wiederherstellung der Funktion des Waldökosystems bei gleichzeitigem Schutz der menschlichen Lebensgrundlagen“. Am wichtigsten ist daher der Wechsel von einer auf Entnahme ausgerichteten Waldwirtschaft hin zu einer auf Wiederherstellung ausgerichteten. Und bei letzter werden sehr viele Arbeitsplätze entstehen!
  • Ist in der Verpflichtung die Rede davon, dass Bioenergie eine Lösung sei? Den Brennstoff Kohle durch Holz aus den Wäldern zu ersetzen, ist schlicht und einfach die falsche Lösung, was von Wissenschaftlern auch zunehmend erkannt wird. Forderungen nach einer höheren Nutzung von Bioenergie sind unverantwortlich und in einem Verhandlungsstrang über „naturbasierte Lösungen“ fehl am Platz.

Und nicht zuletzt …

  • Ist die Verpflichtung lediglich eine verschleierte Forderung nach einem Emissionsausgleich? Die Mitgliedsorganisationen von CLARA sind der festen Überzeugung, dass der Klimanotstand so problematisch ist, dass Ländereien und Wälder nicht als Emissionsausgleich für eine Fortsetzung der Nutzung fossiler Brennstoffe dienen dürfen. Kohle-, Öl- und Gasunternehmen – oder auch Fluglinien – sollten keinen „Freibrief“ erhalten, gegen Ausgleichszahlungen mit ihrer Umweltverschmutzung weitermachen zu können. Jeder Sektor muss seine eigenen Verpflichtungen eingehen und nicht danach trachten, den Ehrgeiz in anderen Sektoren für sich zu nutzen.

Allein der Landsektor kann für „langfristige, kosteneffiziente und global anpassbare“ Lösungen sorgen, wie sie im Manifest gefordert werden. Es wäre vollkommen irrsinnig, die mühsam erzielten Erfolge im Landnutzungssektor dafür herzugeben, den hohen Verbrauch und die auf hohen Kohlendioxidemissionen beruhenden Industrien und Lebensstile fortführen zu können. Die Mitgliedsorganisationen von CLARA sind besorgt, dass zu viele der möglichen Verpflichtungen danach streben könnten, Markt- und Handelsvereinbarungen zu zementieren, die den Klimazielen abträglich und schlecht für den Planeten sind.

Wir werden den Gipfel und die im NBS-Verhandlungsstrang gemachten Zusagen verfolgen und freuen