Deutsche Demokratische Porträts

Stimmen aus der Heinrich-Böll-Stiftung

Rainer Emschermann berichtet im Februar 1990 von einem Besuch einer Gruppe Aktiver der Studentenorganisation AEGEE – Forum europäischer Studenten in Leipzig und Dresden. Er erzählt von intensivem Austausch und der Suche nach dem Aroma des Sozialismus.

Monatgsdemo am 11.12.1989 in Leipzig
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Leipzig, 11. Dezember 1989: Die 10. Montags-Demonstration Leipziger Bürger zur demokratischen Erneuerung der Republik vereinte über 100.000 Menschen vor dem Opernhaus.

„Gorbatschow gab das entscheidende Signal, als er sich während seines DDR-Besuches vorsichtig von der DDR-Führung distanzierte; da war klar, dass die Russen nicht eingreifen würden.“ Bernd, Promotionsstudent an der Dresdener TU, sieht die Situation im Herbst 1989 nüchtern als vor allem militärische Machtfrage an. Und: „Die Revolution stand hier von Anfang an unter dem Motiv der Wiedervereinigung.“ Er ist schon kurz nach dem 9. Oktober aus der SED (ohne ihr Parteibuch hätte er nicht promovieren können) aus- und der (damaligen) SDP beigetreten. „Wir waren schon seit Jahren Sozialdemokraten erklärt seine Freundin Uta.

Es ist mein erster Besuch in der DDR. Mit einer Gruppe von sieben Bonner AEGEE-lern[1] besuchen wir für 1,5 Wochen Freunde in Leipzig und Dresden. Unser Empfang ist überall ausgesprochen herzlich. Um Unterkünfte brauchen wir uns nicht zu sorgen und werden ständig eingeladen.

In Leipzig treffen wir Christine[2]. Sie studiert Journalistik im zweiten Semester, eine Fachrichtung, die – wie einige andere – wegen der geforderten nachweisbaren Parteitreue ihrer Studenten nicht gerade den besten Ruf genießt. „Oh ja, ich war sehr ‚rot‘, sagt sie. „In unserer Schulklasse gab es verschiedenste Aufgaben. Ich war zuständig für die Überprüfung des Umsetzens des Marxismus-Leninismus an der Schule. Ich habe daran geglaubt. Für die Ideale gilt das noch heute. Ich war aber einigen Genossen oft etwas zu konsistent“, meint sie grinsend.

Die Abende in Leipzig verbringen wir in der Moritzbastei, einer riesigen Keller-Kneipen-Theater-Disco, die allerdings schon um 24 Uhr schließt. Die Nachfolge der ehemaligen FDJ-Manager hat eine Handvoll Studenten angetreten, mit denen drei von uns nach der Schließung noch bei einigen Bieren zusammensitzen. Es herrscht Untergangsstimmung. Peter, Assistent an der Sektion Germanistik der Karl-Marx-Universität, war schon vor der Wende ein kritischer Linker. Auf die Frage, für welche Partei er am 18. März stimmen werde, sagt er, von den Inhalten stünde er der PDS nahe, aber nein, die Partei könne sich nicht von heute auf morgen so tiefgreifend wandeln, dass sie wieder wählbar sei.

Für Michael, der mit unverkennbarer „Berliner Schnauze“ ununterbrochen, aber treffend politisiert, gibt’s da keine Frage mehr: Während sich viele Studenten noch von den Veränderungen benommen die Augen reiben, engagiert er sich – wie Bernd – schon aktiv bei der SPD und stößt in der „konservativen“ (d.h. hier „roten“) Runde auch wegen seines Partei-Buttons auf die Kritik seiner Freunde. Richtig „links“ ist er nie gewesen, ebenso wenig hat er je seinen Mund gehalten. Der Abend belegt das glaubhaft…

Die anderen fühlen sich um „ihre“ Revolution betrogen. Einen Neuanfang mit staatlicher Eigenständigkeit und den Ausbau der sozialen Errungenschaften hatten sie erhofft, einen „dritten Weg“, den es wohl nicht geben wird. (Eigenartige Errungenschaften sind das, wenn sie erst noch hastig geschlossen werden müssen!) Stattdessen seien diejenigen, die immer geschwiegen haben, nun Wortführer, so der Tenor. Besonders deutlich wird das am Beispiel der Montagsdemo, die schon seit Ende Dezember wenig Neues bietet und nun kaum noch von den ursprünglichen kirchlichen und linken Gruppen getragen, sondern von den einfachen Leuten, zumeist Befürworter einer schnellen Vereinigung, besucht wird. Hier wird die Entfremdung der Studenten, die ja auch nach politischen Kriterien ausgewählt und am längsten der erziehungspolitischen Deformierung ausgesetzt waren, von dem Rest der Gesellschaft besonders deutlich. Viele Leipziger Studenten – zumeist Geistes- und Staatswissenschaftler – müssen nun erkennen, dass sie oft mehrere Semester umsonst studiert haben. Besonders betroffen sind Juristen, Pädagogen und Ökonomen.

„Ich überlege mir nun immer, ob ich überhaupt noch ausgehen soll“ klagt Peter, „und meistens entscheide ich mich fürs Zuhause bleiben.“ Er versucht, mit den Veränderungen der Zeit, dem Zusammenbruch eines Systems, welches für sein Leben bisher sowohl in positiver wie auch in negativer Hinsicht ein Fixpunkt war, wie viele durch den Rückzug ins Private fertig zu werden. Als Bundi komme ich mir da wie ein unerfahrener kleiner Junge vor.

Das Leben habe sich verändert, seit die Grenze geöffnet sei, meinen viele. Alte Freundschaften brächen auf oder hätten sich plötzlich überlebt. Aber das erscheint nur logisch: Mit der Pluralisierung der Gesellschaft tritt jetzt auch eine – vorher unterdrückte – Individualisierung ein, die gemeinsame Ablehnung des Alten weicht der Unterschiedlichkeit der Konzepte für das Neue.

Später kommt das Gespräch auf Rumänien. Jeder weiß etwas zu berichten: von der „schwarzen Stadt“ Copsa Mica in der Nähe eines Chemiewerkes, in der sogar die Schafe und die Wiesen ihre ursprüngliche Farbe unter einem düsteren Schleier verbergen, von dem schlimmen Hass der Bevölkerung auf Ceaucescu und ihre gleichzeitige panische Angst vor den (ehemaligen) Schlägertrupps der Securitate. Angesichts eines erschütterten staatlichen Selbstbewusstseins ist es verständlich, wenn die Menschen in der DDR vorzugsweise über Zustände sprechen, die noch schlimmer sind als ihre eigenen. Andernorts führt diese Identitätssuche allerdings auch zu wachsender Ausgrenzung von Ausländern, namentlich Polen.

„Haben Sie das Schild nicht gesehen?“ in der sächsischen Schweiz werden Bernd und ich von zwei Damen angesprochen, als wir von einem Trampelpfad auf den befestigten Weg zurückkommen. „Das Abweichen vom Weg ist nicht erlaubt“ Dürfte ich mal bitte Ihre Ausweise sehen?“ Bernd bemüht sich nervös, uns mit einer Ausrede zu rechtfertigen, bis die Damen in Gelächter ausbrechen. „Das war ein guter Gag!“, meint Peter nachher etwas verlegen. Irgendwie scheint das alte System noch immer in den Köpfen präsent zu sein…

In Dresden waren wir von Uta, Bernd und ihren Freunden herzlich aufgenommen worden. Im Keller ihres Studentenhochhauses haben sie eine kleine Tanzbar eingerichtet. Fritz, der DJ, macht seinen Job professionell. Zu vorgerückter Stunde werden die Gitarren ausgepackt und es entsteht spontan eine Stimmung, wie sie im langweiligen Bundesgebiet allenfalls noch in Pfadfinderlagern anzutreffen ist. Jeder weiß eine Strophe zum „P5-Song“ beizutragen, der vom Leben in unserem Wohnheim in der Parkstraße Nr. 5 handelt.

Später erzählt mir Uta von den vielfältigen Sorgen, die man sich hier hinsichtlich einer Wiedervereinigung macht. Aber sie sieht die Lage ähnlich nüchtern wie ihr Freund Bernd. Auf die Wende haben sie schon lange gewartet, und dass sie sich nun so schnell und tiefgreifend vollzieht hatten sie erwartet und begrüßen das. Vielleicht habe man hier an der TU mehr Praxisnähe und damit größere Erfahrung mit den wirklichen Zuständen im Lande und speziell in der Wirtschaft, als die Geisteswissenschaftler in Leipzig, meint Bernd, als ich ihm von der Unterschiedlichkeit meiner Eindrücke aus Leipzig und Dresden berichte.

Interessant ist aber auch, wie Michael, AEGEE-Mitglied und Hausbesetzer in der Dresdener Neustadt, den wir bei uns willkürlich der alternativen Szene zurechnen würden, die Lage sieht. Für ihn ist der Beitritt der DDR-Länder zur Bundesrepublik die beste Lösung. „Was meinst Du, wie das dann hier abgeht!“ Er selbst gründet gerade mit einem Freund eine Zimmervermittlungsagentur. Das nenne ich konsequent alternativ!

Am nächsten Tag beschließen wir unseren Dresden-Besuch in einem Restaurant. Gemäß der DDR-Devise: „Der Kellner ist König“ werden wir trotz einer großen Anzahl freier Plätze erst nach einer Weile eingelassen. Weil mir alle davon abraten, bestelle ich einen „Im Nu“ Kaffee. Auch der Kellner ist amüsiert und verrät uns, dass dieses Getränk seit 1,5 Jahren nicht mehr bestellt worden sei. „Übrigens, Rainer, hab keine Angst, dass das Aroma nach so langer Zeit futsch ist. Den Unterschied würdest Du sowieso nicht schmecken können.“ bemerkt Uta trocken. Viel Aroma gab es dann tatsächlich nicht festzustellen.

Auf der Rückfahrt denken wir an die vielen Eindrücke und Bekanntschaften zurück. Es war interessant, einem „Staat in der Schwebe“ näher zu kommen, dessen Gesellschaft zum Teil nach neuer Orientierung sucht, zum Teil diese schon gefunden hat.

Ob es jemals ein reales Aroma des Sozialismus gegeben hat, muss jeder für sich selbst beantworten. Jedenfalls wird er in der DDR schon lange nicht mehr bestellt.


Der Text vom Februar 1990 erschien in "europage", der Zeitung des Bonner Ablegers der europäischen Studentenorganisation AEGEE. Der Autor hat 2019 kleine redaktionelle und stilistische Anpassungen vorgenommen.


[1] Association des Etats Généraux des Etudiants de l’Europe – eine europaweit agierende Studentenorganisation

[2] Name geändert; Christine wurde später eine engagierte Europäerin.