Brasilien vor den Wahlen 2026: Wie sich die extreme Rechte organisiert

Analyse

Brasilien steuert 2026 auf richtungsweisende Wahlen zu, da auch hier die extreme Rechte erstarkt: Sie nutzt die Macht der Big-Tech-Konzerne, schmiedet globale Allianzen und instrumentalisiert die Geschichte. In einer Publikation analysieren drei Expert*innen aus Brasilien diese Mechanismen und zeigen auf, wie die Zivilgesellschaft progressive Werte wirksam verteidigen kann. 

Eine große Menschenmenge hält gemeinsam eine riesige brasilianische Flagge hoch, die sich über den Vordergrund des Bildes spannt.

Unsere Gegenwart formt den Blick auf die Vergangenheit, während wir die Zukunft basierend auf dem, was wir heute und gestern erlebt haben, gestalten. Wir bewegen uns ständig zwischen diesen drei Realitäten, auch wenn wir scheinbar nur im Hier und Jetzt verweilen. Wer Realitäten verändern will, muss im Fluss der Zeit handeln. Genau das taten wir bei unserem Partnertreffen im März 2025 in Rio de Janeiro, dem Sitz der Heinrich-Böll-Stiftung in Brasilien. Wir forderten uns gegenseitig heraus: Wie können wir noch wirksamer mit unseren herausragenden Partnerorganisationen zusammenarbeiten, um die Demokratie zu verteidigen? In einem Kontext, in dem die extreme Rechte weiterhin auf dem Vormarsch ist und alles ablehnt, wofür wir gemeinsam einstehen, müssen wir neue Wege bestreiten.

Vergangenheit als politische Waffe: Geschichtsrevisionismus und Autoritarismus

Drei Expert*innen skizzierten auf unserem Treffen ein politisches Bild darüber, wie ultrakonservative Kräfte heute agieren. Der Historiker Odilon Caldeira der Universidade Federal de Juiz de Fora (UFJF) sprach darüber, wie die extreme Rechte Brasiliens Vergangenheit – etwa die Militärdiktatur – instrumentalisiert. Die Investigativjournalistin Andrea Dip des brasilianischen Nachrichtenportals ICL analysierte, wie sich die extreme Rechte zunehmend international vernetzt. Joana Varon, Gründerin der brasilianischen NGO Coding Rights hinterfragte die Absichten der großen und mächtigen Technologiekonzerne (Big-Tech-Konzerne) des Silicon Valley und erläuterte, wie diese mit der extremen Rechten verwoben sind. Da diese Strömungen in vielen Ländern die Politik und in gewisser Weise den Alltag jedes Einzelnen beeinflussen, müssen wir entschlossen handeln. Daher ist es nötig, neben tiefgreifenden Analysen und neuen Strategien sowie Taktiken, auch den Dialog zu stärken, um die Menschenrechte und Demokratie zu verteidigen. 

Da die extreme Rechte weiterhin auf dem Vormarsch ist und alles ablehnt, wofür wir gemeinsam einstehen, müssen wir neue Wege bestreiten.

Die Expert*innen beobachten, dass das demokratische Lager zwar noch in der Defensive verharrt, aber zunehmend die Ursachen für den Erfolg der extremen Rechten in vielen Ländern versteht: Sie nutzen Social Media, profitieren von der Macht der Big-Tech-Konzerne, bilden internationale Allianzen und nutzen Geschichtsrevisionismus. Andrea Dip erklärte, dass unsere Antworten intersektional sein müssen und verschiedene Kämpfe zusammenführen müssen. Erforderlich ist eine Bündelung der Anliegen des territorialen Schutzes, der Klimagerechtigkeit, des Antifaschismus und -rassismus sowie der Rechte von Frauen und der LGBTQI+-Bevölkerung. Aber auch der Klassenkampf muss als Strategie aufgegriffen werden, denn inmitten der globalen Neuordnung der autoritären Rechten sei Intersektionalität ein unverzichtbares Werkzeug, um die Demokratie zu verteidigen.

Während des Treffens blickten die drei Expert*innen auf die Vergangenheit, die Gegenwart und die mögliche Zukunft der sehr aktiven globalen rechtsextremen Bewegung. Sie zeigten, wie der Kampf gegen progressive Werte – und damit gegen uns – unsere Zukunft bedroht. Dabei werden Ereignisse von Big-Tech-Konzernen dominiert, die sich ausschließlich an technisch-wissenschaftlichen Maßstäben orientieren und die Perspektiven weißer Männer priorisieren.

Die Publikation "Globale Vernetzung und digitaler Kulturkampf: Die neue Macht der extremen Rechten"

Die drei Expert*innen haben ihre Analysen für uns verschriftlicht. Kurz vor der COP30 haben wir unsere Publikation um einen vierten Beitrag ergänzt, um das Thema Klimadesinformation aufzunehmen. Unsere Partnerorganisation Democracia em Xeque hat hierfür analysiert, wie politische Akteure Desinformation gezielt als politische Strategie einsetzen. Sie zielen darauf ab, Wissenschaft und Umweltpolitik zu untergraben sowie indigene und traditionelle Gemeinschaften zu diskreditieren. Dabei nutzt die extreme Rechte Netzwerke, die wiederum eng mit der Agrar- und Rohstoffindustrie verbunden sind.

Odilon Caldeira erläutert in der Publikation detailliert, wie rechtsextreme Gruppen die brasilianische Geschichte für ihre eigenen Zwecke umdeuten. Dabei stellen sie Geschichte als linearen, fortschreitenden und von Macht geprägten Prozess dar und neigen dazu, insbesondere die vorrepublikanische Ordnung zu idealisieren. In dieser erfundenen, vermeintlich glorreichen Vergangenheit, räumen sie der zivil-militärischen Diktatur der 1960er Jahre einen Ehrenplatz ein, um die Illusion von Ordnung und Fortschritt zu beschwören. Für Caldeira kann Geschichte wie ein Schlachtfeld oder ein Kampfsport betrachtet werden: Die extreme Rechte beherrscht die Spielregeln, spielt aber nicht selten auf unfaire Weise, indem sie die Vergangenheit politisch instrumentalisiert. Das Ergebnis des Kampfes bleibt jedoch offen.

Andrea Dip hält fest, dass die extreme Rechte zwar neue Technologien für ihre Zwecke nutzt, dabei jedoch auf einen alten Ansatz zurückgreift: Sie greift gezielt Geschlechtergleichheit und Vielfalt an, um Ängste zu schüren und den Kulturkampf weiter anzufachen. Dabei stellt die extreme Rechte sexuelle und reproduktive Rechte und sogar die Existenz von LGBTQI+-Personen als Bedrohung dar. Die extreme Rechte agiert als Teil einer globalen, in sich geschlossenen und systematischen Bewegung, die über große finanzielle Macht verfügt und zentrale politische Persönlichkeiten vereint. Während sie sich im Hier und Jetzt vernetzen, entwerfen sie bereits ihre Zukunftsvision: Sie bilden gezielt ultrakonservative Führungskräfte aus und rekrutieren Jugendliche für ihre Ziele.

Joana Varon warnt davor, die Macht der Big-Tech-Konzerne und der digitalen Plattformen zu unterschätzen: Die Herrscher des Silicon Valley fungieren heute als zentrale Akteure im Kampf um die Demokratie. Das emblematische Foto der Amtseinführung des US-Präsidenten Donald Trump, das die CEOs von Meta, X-Firmen (u. a. Tesla, SpaceX, X), Amazon, Apple, Google und OpenAI zeigte, illustriert, wie diese neuen Mächte die Politik dominieren. Ihr Ziel ist es, den gesellschaftlichen Diskurs zu dominieren und so künftige Debatten und Entscheidungen zu beeinflussen. Varon ruft uns zum Handeln auf, um dem Narrativ der „Tech-Bros“ aktiv entgegenzutreten. Dies erfordere kollektive Strategien. Die organisierte Zivilgesellschaft müsse Menschen-, Umwelt- und digitale Rechte enger verknüpfen, da die von der Tech-Oligarchie dominierte Geopolitik alle Lebensbereiche durchdringt.

Wir müssen der Klimakrise koordiniert und effektiv begegnen und die Gleichstellung der Geschlechter konsequent ins Zentrum der Debatte stellen.

Es wird deutlich: Die Politik als eine Arena für Dialog und gesellschaftliche Debatten verkommt aktuell zu einem Ort der Radikalisierung. Gruppen, die nach schnellen politischen und finanziellen Gewinnen gieren, besetzen diesen Raum. Die Akteure der extremen Rechten eint ein Weltbild – heteronormativ, rassistisch, leistungsorientiert, gegen Vielfalt und Lebensweisen traditioneller Gemeinschaften gerichtet, militarisiert und antifeministisch. Auch wenn nicht immer alle diese Elemente zu erkennen sind, steuern sie ihr politisches Handeln und verstärken ihre Narrative online und offline. Das gemeinsame Weltbild vereint Interessensgruppen: Leugner*innen der Klimakrise, fundamentalistisch-religiöse Führungspersönlichkeiten, räuberische Agrarunternehmen und Big-Tech-Konzerne.

Ausblick 

Seit 25 Jahren unterstützt und begleitet die Heinrich-Böll-Stiftung in Brasilien Menschen, zivilgesellschaftliche Organisationen, soziale Bewegungen und Institutionen. Gemeinsam streben wir nach einer gerechteren Welt, in der wir Rassismus und Gewalt überwinden und stattdessen Solidarität, Zugewandtheit und Dialog leben. Diese Publikation bestärkt uns darin, der Klimakrise koordiniert und effektiv zu begegnen und die Gleichstellung der Geschlechter konsequent ins Zentrum der Debatte zu stellen. Wir knüpfen damit an den langjährigen Kampf indigener und traditioneller Gemeinschaften an, die seit jeher für Würde und Rechte streiten.

Jetzt liegt es an uns, positive Narrative zu entwickeln, um die Herzen und Köpfe der Menschen um uns herum zu gewinnen.


Übersetzt und redigiert von Bega Tesch, Diana Linares und Julia Ziesche

Dieser Text ist das Vorwort der Publikation „Democracia sob pressão: reflexões sobre a extrema direita com as chaves do passado, presente e futuro“ des Büro Rio de Janeiro der Heinrich-Böll-Stiftung. Die vollständige Publikation (auf Portugiesisch) finden Sie hier.↓

Cover: Demokratie unter Druck/Democracia sob pressão

Democracia sob pressão: reflexões sobre a extrema direita com as chaves do passado, presente e futuro

Odilon Caldeira Neto, Andrea Dip, Joana Varon, Fabiano Garrido, Tatiana Dourado, Agnes Franco, Ana Julia Bernardi, Caroline Pecoraro, Letícia Capone

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