COP30 im Rhythmus Brasiliens: Zusammenarbeiten für den Wandel

Analyse

Der internationale Kontext ist fragmentiert und geprägt von Spannungen: Keine leichte Aufgabe für die brasilianische Präsidentschaft bei der COP30. Unsere Autor*innen analysieren, wie Brasilien seine diplomatischen Fähigkeiten einsetzen kann, um unterschiedliche Interessen zu synchronisieren.

Menschen sitzen bei einer Klimakonferenz an einem langen Tisch, vorn Pflanzen, hinten Schriftzug „PRE-COP30 MEETING“ (Vortreffen zur COP30).

Der Multilateralismus steht an einem Scheideweg. Die Institutionen, die einst zur Koordinierung der globalen Zusammenarbeit geschaffen wurden, zeigen heute deutliche Ermüdungserscheinungen – gerade in einer Zeit, in der klimapolitische, wirtschaftliche und technologische Risiken miteinander verflochten sind. Die globalen Treibhausgasemissionen haben möglicherweise jüngst ihren Höhepunkt erreicht oder steigen leicht weiter, die Klimaschutzverpflichtungen werden nicht eingehalten, und die Kluft zwischen Versprechen und tatsächlichen Ergebnissen wird immer größer.

Gleichzeitig verändert sich das geopolitische Kräfteverhältnis: Der Klimaschutz ist zu einem zentralen Feld geworden, in dem die mächtigsten Akteure politischen, technologischen und wirtschaftlichen Einfluss ausüben – und so das globale Tempo ihren eigenen Interessen anpassen.

Vor diesem Hintergrund wird die Klimakonferenz COP30 in Belém mehr sein als nur ein weiterer Gipfel. Sie wird ein Prüfstein dafür sein, ob internationale Zusammenarbeit tatsächlich in konkrete Maßnahmen umgesetzt werden kann – oder ob sie in formellen Erklärungen stecken bleibt. In einer Welt, in der die Großmächte mit unterschiedlichen Rhythmen und Prioritäten handeln, muss Klimapolitik wieder an Glaubwürdigkeit und Kohärenz gewinnen.

Die COP30 könnte einen Wendepunkt markieren, vorausgesetzt, es gelingt zu zeigen, dass Zusammenarbeit auch zwischen Akteuren mit asymmetrischen Interessen möglich ist. Als Gastgeber hat Brasilien die Chance, als Vermittler und Katalysator zu wirken und damit zu demonstrieren, dass Führung nicht nur auf wirtschaftlicher oder militärischer Macht basiert, sondern auf demokratischer Legitimität und Konsensfähigkeit.

Die Klimawarnungen zeigen dringenden Handlungsbedarf

Die Klimaindikatoren zeigen deutlich, dass der Handlungsbedarf nicht nur theoretischer, sondern struktureller Natur ist. Nach Angaben der Weltorganisation für Meteorologie lag die CO₂-Konzentration in der Atmosphäre im Jahr 2024 bei über 424 ppm – ein Anstieg um 144 ppm im Vergleich zum vorindustriellen Niveau und ein Rekordanstieg von 3,5 ppm innerhalb nur eines Jahres. Dieser Sprung verdeutlicht, dass die Kohlenstoff-Aufnahmefähigkeit natürlicher Senken – der Wälder, Böden und Ozeane – sinkt.

Die COP30 sollte den Fokus auf Klima- und Umweltziele sowie politische und wirtschaftliche Aspekte richten.

Die Folgen sind konkret und vielschichtig. Im Jahr 2024 lag die globale Durchschnittstemperatur um mehr als 1,5 °C über dem vorindustriellen Niveau – das könnte der Beginn der kritischen 1,5°C-Schwelle sein. Diese Erwärmung führte zu einer deutlichen Zunahme extremer Wetterereignisse: häufiger und ausgedehnter auftretende Waldbrände, die Ökosysteme zerstören und erhebliche Kohlenstoffemissionen verursachen; langanhaltende Dürren, Hitzewellen, Überschwemmungen und Prozesse der Wüstenbildung, die territoriale, ökologische und soziale Sicherheit gefährden. Diese Phänomene verursachen nicht nur wirtschaftliche Verluste, sondern schwächen auch die sozialen Sicherungssysteme, verschärfen bestehende Ungleichheiten und mindern die institutionelle Widerstandsfähigkeit gegenüber den multiplen Krisen.

Das Ausmaß dieser Herausforderungen erfordert eine enge Verknüpfung von Umwelt-, Wirtschafts- und Technologiepolitik. Klimaschutz ist längst auch eine Frage von Wettbewerbsfähigkeit und Sicherheit: Er entscheidet darüber, wer bei der Produktion zentraler Schlüsseltechnologien die Führung übernimmt, wie Finanzmittel verteilt werden und nach welchen Regeln internationale Anreizsysteme gestaltet sind. In diesem Sinne sollte die COP30 ihren Fokus nicht nur auf Klima- und Umweltziele richten, sondern auch auf politische und wirtschaftliche Entscheidungen, die Nachhaltigkeit, Diversifizierung der Produktion und wirtschaftliche Widerstandsfähigkeit miteinander verbinden – und so den gerechten Übergang zu einer neuen Entwicklungsstrategie ermöglichen.

Der internationale Kontext ist fragmentiert

Die COP30 findet in einem internationalen Umfeld statt, das von zunehmenden Spannungen zwischen den Großmächten geprägt ist: China behält seine Führungsrolle in der Produktion emissionsarmer Technologien und Batterien und festigt damit seinen Einfluss auf die globalen Energie- und Fertigungslieferketten. Diese Fortschritte wirken sich auf die Preise, die Verfügbarkeit kritischer Rohstoffe und das Tempo der Einführung erneuerbarer Energien im Rest der Welt aus.

Die USA hingegen haben ihre Handelspolitik durch neue Zollmaßnahmen zum Schutz der eigenen Industrie und Technologie verschärft und ihr Engagement für multilaterale Klimakooperationsabkommen reduziert. Das Weiße Haus räumt der inneren Stabilität und der industriellen Beschäftigung Priorität ein – auch wenn dies die internationale Zusammenarbeit untergräbt und die Mechanismen globaler Governance schwächt.

Das Ergebnis ist ein internationales System, in dem Macht zunehmend durch Energie und Technologie – und weniger durch Diplomatie – ausgeübt wird.

Europa steht vor einem eigenen Dilemma: Es muss die Wettbewerbsfähigkeit seiner industriellen Basis sichern und gleichzeitig ehrgeizige Dekarbonisierungsziele vorantreiben. Das fragile Gleichgewicht zwischen Umweltregulierung, industrieller Innovation und Energiesicherheit bleibt dabei schwierig zu halten – insbesondere angesichts des wirtschaftlichen Abschwungs und zunehmender innenpolitischer Spannungen.

Andere Akteure wie Russland und die Länder des Nahen Ostens setzen Energie weiterhin als geopolitisches Instrument ein und nutzen Krisen sowie Konflikte, um ihre Positionen auf den internationalen Märkten zu stärken. Das Ergebnis ist ein internationales System, in dem Macht zunehmend durch Energie und Technologie – und weniger durch Diplomatie – ausgeübt wird.

Brasiliens Rolle auf der COP30: Diplomatie mit strategischem Ehrgeiz

Brasilien verfolgt ein klares Ziel für die COP30: seine Außenpolitik im Bereich der Klimazusammenarbeit neu zu positionieren, die sie als Instrument internationaler Führungsfähigkeit und Einflussnahme verstehen. Die Regierung Lula da Silvas hat erkannt, dass die Umweltagenda nicht nur ökologische Verpflichtungen definiert, sondern mit ihr auch wirtschaftliche und diplomatische Handlungsspielräume in einer durch Handels- und Technologiekonflikte fragmentierten Welt erweitert werden können.

Im Jahr 2025 hat Brasilien eine ambitionierte Klimadiplomatie verfolgt, die regionale Führungsstärke mit globalem Pragmatismus verbindet. Seit der Übernahme der BRICS-Präsidentschaft hat das Land die Einrichtung eines gemeinsamen Fonds zur Finanzierung von Projekten für grüne Infrastruktur und Energiewende vorangetrieben – als Alternative zu einem internationalen Finanzsystem, das weiterhin von traditionellen Institutionen dominiert wird. Zugleich hat Brasilien den Dialog mit den USA wieder aufgenommen, um Spannungen nach der Erhebung weiterer Zölle auf brasilianische Industrieprodukte abzubauen, und dabei für Handelsregeln geworben, die im Einklang mit Klima- und Entwicklungszielen stehen.

Die mutige, wenn auch umstrittene Wahl von Belém do Pará als Austragungsort der COP30 geht über reine Umweltsymbolik hinaus: Sie drückt eine politische Entscheidung aus, die Klimadebatte nach Amazonien zu verlagern – eine Region, die für die ökologische und geopolitische Stabilität des Planeten von zentraler Bedeutung ist. In diesem Zusammenhang zielt Brasilien darauf ab zu zeigen, dass ein Land mit begrenzten Ressourcen, aber mit demokratischer Legitimität und institutioneller Handlungsfähigkeit, effektive Kooperation und überprüfbare Ergebnisse vorantreiben kann.

Die Konsolidierung des Tropical Forest Fund Forever (TFFF) – zusammen mit einem Investitionsplan in Höhe von mehr als 1,3 Billionen Dollar – ist ein Beispiel dafür, wie Brasilien es schafft, regionalübergreifende öffentliche Güter auf die Agenda zu setzen um zu zeigen, dass kollektives Handeln rentabel, stabil und politisch tragfähig sein kann.

Dennoch steht Brasilien vor erheblichen internen Herausforderungen, die seine internationale Glaubwürdigkeit beeinträchtigen könnten: Die Genehmigung zur Erdölexploration an der Mündung des Amazonas, die Verabschiedung eines Gesetzes zur Lockerung von Umweltauflagen sowie Schwierigkeiten bei den Konsultationsprozessen mit lokalen Organisationen und indigenen Gemeinschaften während der Umsetzung des TFFF könnten zu ernsthaften Hindernissen werden – und das Ansehen des Landes als globalen Vorreiter gefährden.

Lateinamerika und die COP30: Risiken und Handlungsspielräume

Die Ausgangslage Lateinamerikas für die COP30 ist komplex und widersprüchlich. Die Region verfügt über herausragende ökologische Ressourcen – darunter kritische Ökosysteme, bedeutende Süßwasserreserven sowie strategische Mineral- und Energierohstoffe – und besitzt ein erhebliches Potenzial für den großflächigen Ausbau erneuerbarer Energien. Diese Vorteile stehen jedoch strukturellen Schwächen gegenüber, die den internationalen Einfluss der Region begrenzen. Geringe Investitionen in Innovation, fragile öffentliche Finanzen und die anhaltende Abhängigkeit von Primärgüterexporten erschweren die Entwicklung autonomer und nachhaltiger Übergangsstrategien.

Lateinamerika muss gemeinsame Positionen koordinieren und Kooperationsmechanismen etablieren.

In diesem Szenario stellt die COP30 zwar eine bedeutende Chance dar, garantiert aber weder großen Einfluss noch substanziellen Fortschritt für lateinamerikanische Länder. Die Region kann nur dann aktiv an der Gestaltung globaler Standards mitwirken und Investitionen anziehen, wenn es ihr gelingt, gemeinsame Positionen zu koordinieren und Kooperationsmechanismen zu etablieren, die über nationale politische Zyklen hinaus Bestand haben. Ideologische Heterogenität, externer Druck und das Fehlen einer abgestimmten regionalen Finanzierungsstrategie führen jedoch weiterhin zu einer Fragmentierung der lateinamerikanischen Stimme in internationalen Foren.

Die Führungsrolle Brasiliens wird in diesem Zusammenhang unverzichtbar – nicht als Garant eines vollständigen Konsenses, sondern als möglicher Konvergenzpunkt. Die brasilianische Strategie zielt darauf ab, internationale Ambitionen mit den internen Prioritäten wirtschaftlicher und sozialer Entwicklung in Einklang zu bringen – und dabei Investitionen, institutionelle Stärkung und wirksame Zusammenarbeit zu fördern. Dennoch bleiben die Handlungsspielräume begrenzt: Der Mangel an innerregionalem Konsens, schwacher Zusammenhalt zwischen den Staaten und globale Spannungen in den Bereichen Handel, Energie und Technologie engen den Einfluss der Region ein.

Der Begriff der gerechten Transition muss daher aus einer pragmatischen Perspektive verstanden werden. Es geht dabei nicht nur um den Ausgleich sozialer und ökologischer Auswirkungen, sondern auch darum, wirtschaftliche und institutionelle Strukturen zu schaffen, die in der Lage sind, Gewinne umzuverteilen und soziale wie ökologische Widerstandsfähigkeit zu stärken – damit neue Entwicklungsstrategien nicht alte Ungleichheiten reproduzieren.

Den Takt der Zusammenarbeit vorgeben

Die COP30 in Belém wird weder ein Forum bloßer Erklärungen noch eine rein symbolische Veranstaltung sein – sie wird ein Prüfstein für Regierungsführung und politischen Realismus. Lateinamerika agiert nicht als geschlossener Block: Seine Länder entwickeln sich mit unterschiedlichem Tempo, verfolgen verschiedene Prioritäten und verfügen über ungleiche institutionelle Kapazitäten. Gleichzeitig geben Mächte wie China und die USA ihren eigenen Takt vor, während globale strategische Interessen Spannungen erzeugen, die eine spontane oder kohärente Zusammenarbeit erschweren.

In diesem Szenario hat Brasilien die Chance, das bestehende „unkooperative Gleichgewicht“ – sowohl innerhalb der Region als auch im internationalen System – zu durchbrechen. Seine Stärke beruht dabei nicht auf finanziellen Ressourcen, sondern auf seiner diplomatischen Fähigkeit, unterschiedliche Interessen zu synchronisieren, ohne sich einer dominanten Macht unterzuordnen. Von der Präsidentschaft der BRICS bis zur Schaffung des Tropical Forest Fund Forever (TFFF) zeigt Brasilien den Ehrgeiz, demokratische Legitimität in eine tragfähige Architektur der Zusammenarbeit zu übersetzen.

Brasilien könnte zeigen, dass koordiniertes Handeln in einer fragmentierten Welt zu Entwicklung, Stabilität und Klimagerechtigkeit führen kann.

Die zentrale Herausforderung der COP30 wird darin bestehen, zu beweisen, dass Demokratie und institutionelle Stabilität auch strategische Vorteile in der internationalen Klimapolitik darstellen können. Wenn es Brasilien gelingt, den Takt der Zusammenarbeit vorzugeben, könnte es die Region in ein Laboratorium multilateraler Regierungsführung verwandeln – und damit zeigen, dass koordiniertes Handeln, nicht Wettbewerb, in einer fragmentierten Welt zu Entwicklung, Stabilität und Klimagerechtigkeit führen kann.

Gelingt es Brasilien trotz aller inneren Widersprüche, diesen Rhythmus beizubehalten, könnte Lateinamerika beweisen, dass es nicht nur eine Region mit strategischen Ressourcen ist, sondern ein Akteur, der fähig ist, Zusammenarbeit in einer zersplitterten Welt zu orchestrieren – und damit zeigt, dass Klimagerechtigkeit und wirksame Governance auch in strukturell ungleichen und dynamischen Kontexten möglich sind.


Dieser Beitrag erschien zuerst auf Spanisch auf der Webseite der Heinrich-Böll-Stiftung in Santiago de Chile.

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