Wie kann die NS-Geschichte der jüngeren Generation vermittelt werden? Clara Frysztacka im Gespräch mit Riva Krymalowski, Susanne Siegert und Henning Wellmann. Ein Beitrag zum „Augen auf-Kinotag" am 27. Januar.
Clara Frysztacka im Gespräch mit Riva Krymalowski, Schauspielerin in „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“ und mit ihren 17 Jahren eine Vertreterin der jüngeren Generation, Susanne Siegert, Autorin, Content-Creator und Aktivistin im Bereich Holocaust Education, und Henning Wellmann, Bildungsreferent der Arolsen Archives.
In Fachkreisen der Erinnerungskultur hört man zunehmend die Sorge, dass sich junge Menschen immer weniger für die Geschichte des Nationalsozialismus interessieren. Wie berechtigt ist dieser Eindruck – oder was entgegnet ihr diesen Befürchtungen?
Riva Krymalowski: Leider stimme ich dem Eindruck zu. Die Zeiten und vor allem die Auffassungsgabe junger Menschen haben sich geändert. Vielen fällt es schwer, sich in die damaligen Zeiten hineinzuversetzen und sie somit besser zu begreifen, viele neue Probleme überschatten die Gegenwart…
Susanne Siegert: Wenn ich mir Kommentare oder Nachrichten von jungen Follower*innen anschaue, ist mein Eindruck, dass „die jungen Menschen“ (die ja übrigens auch sehr heterogen zusammengesetzt sind) durchaus Interesse an der Geschichte des Nationalsozialismus haben; aber eben anders vermittelt als vielleicht in der Schule oder im TV. Ich sehe da große Vorteile bei Social Media, insbesondere bei Plattformen wie TikTok: Ein Algorithmus kuratiert Inhalte und zeigt sie Nutzer*innen an, von denen er aufgrund des bisherigen Nutzungsverhaltens annimmt, dass sie für diese Person von Interesse sein könnten. Das heißt, es geht weniger darum (wie zum Beispiel bei YouTube oder Spotify), nach Themen oder Accounts zu suchen.
Auch meine Videos werden Menschen auf der TikTok-„For You Page“ vorgeschlagen, ohne dass sie jemals nach Begriffen wie „sowjetische Kriegsgefangene“ oder „Euthanasie-Morde“ suchen müssen − was auch kaum jemand tun würde. Im besten Fall merken sie dann, dass sie sich bereits für das Thema interessieren, es aber eben in einer anderen Sprache, einem anderen Tempo, von einer anderen Person und mit anderen Perspektiven als zum Beispiel in der Schule präsentiert bekommen.
Henning Wellmann: Diesen Eindruck können wir so zum Glück nicht teilen – weder vor dem Hintergrund unserer eigenen Tätigkeiten noch angesichts verfügbarer Daten. Sowohl die von den Arolsen Archives in Auftrag gegebene Studie zur Einstellung der GenZ zur NS-Geschichte (2021) als auch die letzte Ausgabe der MEMO-Jugendstudie (2023) weisen tendenziell in die entgegengesetzte Richtung: Jugendliche interessieren sich mehr für die NS-Zeit als vergleichbare Alterskohorten zuvor. Das entspricht auch unserer Erfahrung in der direkten Arbeit mit jungen Menschen. Umso ernster nehmen wir unseren Auftrag, diesem Interesse mit attraktiven und zugänglichen Angeboten zu begegnen.
Es muss hier allerdings ergänzt werden, dass gerade in den letzten Jahren (welt-)politische Entwicklungen an Brisanz gewonnen haben, die viele Jugendliche stark beschäftigen: der russische Angriffskrieg auf die Ukraine, der terroristische Überfall der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 und der darauffolgende Krieg in Gaza oder die sich kontinuierlich verschärfende Klimakrise, um nur einige zu nennen. Das muss nicht zwangsläufig Auswirkungen auf das Interesse der Jugendlichen an NS-Geschichte haben, kann aber dazu führen, dass andere Fragen im Vordergrund stehen. Außerdem machen wir die Erfahrung, dass im Zuge des gegenwärtigen Rechtsrucks Stimmen lauter werden, die eine Beschäftigung mit der NS-Geschichte offen ablehnen oder abwehren. Solche Positionen sind nicht neu, werden aber offener und selbstbewusster vertreten.
Beobachtet ihr Themen innerhalb der NS-Geschichte, die junge Menschen heute besonders stark ansprechen? Und worin unterscheidet sich ihr Interesse – oder ihre Fragen – von denen älterer Generationen?
Riva Krymalowski: Ich beobachte mit großer Sorge, dass die Shoa immer häufiger mit vielen anderen Tragödien verglichen und somit – meiner Meinung nach – immer öfter relativiert wird.
Susanne Siegert: Grundsätzlich bin ich oft überrascht, welche Video-Themen auf Social-Media-Plattformen und bei einem jüngeren Publikum funktionieren. Man muss also nicht zwanghaft versuchen, „junge“ Themen (was auch immer das sein mag) zu finden und sie in vermeintlich jugendlichem Slang aufzubereiten. Es geht vor allem um eine ernstzunehmende Ansprache auf Augenhöhe. Wenn man als Person vor der Kamera ein Thema wirklich interessant findet, dann wird sich das auch auf die Personen vor den Handybildschirmen übertragen. Davon bin ich überzeugt.
Was Fragen angeht, habe ich den Eindruck, dass jüngere Nutzer*innen grundlegendere Dinge wissen wollen. Zum Beispiel: Woran haben die Nazis erkannt, wer jüdisch war? Hatte jedes Lager eine Gaskammer? Warum wurden Juden vergast und nicht erschossen? Das sind Fragen, die sie sich vielleicht in der Gruppendynamik eines Klassenzimmers oder eines Gedenkstättenbesuchs nicht zu fragen trauen. Diesen Fragen bzw. Antworten Raum zu geben, finde ich sehr motivierend und ich lerne auch noch viel dabei.
Henning Wellmann: Auch hier geben uns die schon genannten Studien interessante Einblicke: Das Interesse an den Perspektiven von Täter*innen und der vermeintlich „unbeteiligten“ Bevölkerung ist groß. Im Vordergrund stehen daher Fragen danach, wie es zu den NS-Verbrechen kommen konnte und welche Beweggründe bestimmte Akteur*innen hatten. Gleichzeitig machen wir in unserer Arbeit immer wieder die Erfahrung, dass großes Interesse an den Geschichten von Verfolgtengruppen besteht, die bis heute von der Gesellschaft marginalisiert werden. Das betrifft beispielweise die Geschichte der Verfolgung queerer, Schwarzer oder von den Nazis als „asozial“ stigmatisierter Menschen.
Beides verweist darauf, dass jede Generation mit ihren eigenen Fragen an die NS-Geschichte herantritt und diese immer im Kontext gesamtgesellschaftlicher Entwicklungen zu sehen sind. Dafür spricht auch die Einschätzung vieler Jugendlicher, dass das Thema eine hohe Relevanz für die Gegenwart hat und direkt mit heutigen Entwicklungen, wie dem Rechtsruck, Antisemitismus, Rassismus und Diskriminierung oder dem verstärkten Aufkommen von Fake News in Zusammenhang gebracht wird.
Riva, du bist heute siebzehn und standest mit neun Jahren für den Film „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“ (2019) vor der Kamera. Ein früher Kontakt mit einem schweren historischen Stoff. Wie hast du damals Zugang zur NS-Geschichte gefunden? Was wusstest du bereits – und wie nah konntest du der Figur aus dem Roman kommen, die du gespielt hast?
Riva Krymalowski: Ich bin die vierte Generation von Holocaustüberlebenden, also sehr nah an meiner Romanfigur dran. Viel Wissen, musste ich mit neun Jahren zum Glück noch nicht, mich emotional durch das Drehbuch zu lotsen, hat Caroline Link [die Filmregisseurin, Anm. d. Red.] fabelhaft gemacht. Heute kenne ich so gut wie alle Geschichten und Schicksale meiner Urgroßeltern und empfinde sie noch immer als das Schlimmstes, was ich je gehört habe.
Susanne, du gehörst zu den bekanntesten Stimmen der Holocaust Education in sozialen Medien und hast 2025 ein Buch über deine Erfahrungen veröffentlicht mit dem programmatischen Titel „Gedenken neu denken“.Weshalb, sagst du, braucht Erinnerung heute eine neue Form – und was bedeutet „neu denken“ konkret für dich?
Susanne Siegert: Ich glaube, Gedenken hat sich auf eine Art und Weise etabliert, die viele Perspektiven auslässt – und das sind Perspektiven, die ich für sehr wichtig halte. Denn sie ergänzen, was bisher im öffentlichen Gedenken über NS-Verbrechen gesagt wurde. Mit meinem Buch und meinen Videos möchte ich Nutzer*innen befähigen, das, was sie bei Gedenkveranstaltungen hören oder zu Gedenktagen auf Social Media sehen, „neu zu denken“, also besser einzuordnen. Sie sollen merken, was, warum und mit welchen Worten erzählt wird – und was dagegen entweder unbewusst unsichtbar gemacht oder bewusst weggelassen wird.
Einige Beispiele: Bürgermeister*innen sprechen in Reden wenig konkret von „Nazi-Schergen“ und entlasten damit die „ganz normale“ Bevölkerung vor Ort, die 1938 zu Beginn der Novemberpogrome zugeschaut und mitgemacht hat, als Synagogen angezündet und jüdische Geschäfte zerstört wurden. Zum Gedenktag von Anne Franks Tod wird ihr Zitat „Ich glaube an das Gute im Menschen“ auf zahlreichen Instagram-Posts geteilt – Worte, auf die sie reduziert wird, obwohl sie sich in ihrem Tagebuch auch deutlich weniger versöhnlich und tröstlich geäußert hat. Wenn in der Öffentlichkeit über „Widerstand“ gegen das NS-Regime gesprochen wird, werden sofort Stauffenberg und die „Weiße Rose“ genannt – der Widerstand von Verfolgten, die sich nicht wie „Schafe zur Schlachtbank“ führen ließen, spielte bisher kaum eine Rolle.
Henning, die Arolsen Archives, eine der ältesten Institutionen der Aufarbeitung der NS-Geschichte, investieren aktuell viel Energie in neue Wege der digitalen Geschichtsvermittlung, die gezielt junge Menschen ansprechen soll. Was funktioniert gut – und wo stoßt ihr bislang an Grenzen?
Henning Wellmann: In den gut eineinhalb Jahren, in denen unsere Bildungsplattformnun online ist, haben wir vor allem positive Erfahrungen mit der oben geschilderten Herangehensweise gemacht. Gegenwartsbezug, selbstbestimmtes Erkunden und Orientierung an den Fragen und Nutzungsgewohnheiten der Zielgruppe haben sich also durchaus bewährt. Konkrete Herausforderungen begegnen uns vielmehr auf struktureller als auf inhaltlicher Ebene: Unsere Angebote zielen vor allem auf den Einsatz im Schulkontext ab, was die allgemein bekannten Schwierigkeiten der Zeit- und Ressourcenknappheit bei Lehrkräften und Schulen mit sich bringt. Tatsächlich haben wir zum Beispiel immer wieder das Problem einer unzureichenden Internetbandbreite im Klassenraum. Zudem ist die Vorbereitungs- und Unterrichtszeit für historische und gesellschaftspolitische Themen ohnehin knapp bemessen, sodass es außerschulische Angebote nicht leicht haben, zum Einsatz zu kommen.
Kurze Videos, klare Sprache, biographischer Zugang – solche Strategien werden oft genannt, wenn es darum geht, junge Menschen für NS-Geschichte zu gewinnen. Welche drei Zutaten sind aus eurer Sicht wirklich entscheidend? Und wo würdet ihr gängigen Empfehlungen widersprechen?
Riva Krymalowski: Klare Sprache, Reisen an Orte des Schreckens und immer wieder: Erzählen und Erklären, damit die Einzigartigkeit dieses Bösen nie untergeht.
Susanne Siegert: Ich würde zwei der drei „Zutaten“ widersprechen. Einmal zur „Kürze“: Inhalte werden gerade eher wieder länger. Jugendliche und junge Erwachsene schauen sich stundenlang Twitch-Streams oder lange YouTube-Videos an. Und auch beim „biographischen Zugang“ kann ich nur teilweise zustimmen. Ich glaube, das kann eine Möglichkeit sein, aber Informationen müssen nicht zwingend nur anhand einzelner Lebensgeschichten vermittelt werden. Bei „klarer Sprache“ bin ich auf jeden Fall dabei: Sie muss ein gewisses Tempo haben und Alltagssprache verwenden, ohne zu viele Fachbegriffe vorauszusetzen.
Für mich sind die drei wichtigsten Zutaten: Erstens Augenhöhe, das heißt, die Nutzer*innen ernstzunehmen und offen mit eigenen Gedanken bei der Recherche sowie mit eigenem Unwissen umzugehen. Zweitens die Plattformlogik: Man muss sich mit der Plattform, auf der man postet, beschäftigen. Man sollte sich also fragen: Wie wird hier geschnitten, gesprochen, was funktioniert bei anderen Accounts? Und schließlich Gegenwartsbezug: Es muss nicht bei jedem Thema versucht werden, Parallelen zur Gegenwart zu finden – im Gegenteil, diese sollte man eher sparsamer einsetzen –, aber die Relevanz eines Themas kann in der Gegenwart liegen, in unserer Sprache, in aktuellen Hollywood-Filmen, politischen Entscheidungen – oder einfach darin, dass man mit gegenwärtigen (falschen) Vorstellungen bricht. Das holt das Thema in die Lebenswelt von (jungen) Menschen.
Henning Wellmann: Form- und Formatfragen spielen hier zweifellos eine wichtige Rolle. Für uns ist jedoch mindestens ebenso entscheidend, welche Perspektive gewählt wird. Wir versuchen immer, aus der Gegenwart auf die Vergangenheit zu blicken, und damit diejenigen Fragen in den Vordergrund zu stellen, die sich aus den aktuellen Lebenswelten junger Menschen ergeben: Was hat das mit mir zu tun? Warum ist das wichtig? Welchen Bezug hat das zur Gegenwart?
Ein zweites Prinzip, auf das wir setzen, ist das Ermöglichen einer relativ selbstbestimmten Auseinandersetzung mit den Inhalten. Da wir vorwiegend digital arbeiten, können wir viele unserer Formate und Erzählungen nicht-linear gestalten. So bieten wir den Nutzenden die Möglichkeit, eigenständig und interaktiv zu erkunden. Dadurch regen wir zu einer aktiveren Auseinandersetzung an und sprechen gleichzeitig verschiedene Lerntypen und Interessenlagen an.
In der Entwicklung setzen wir zudem darauf, unsere Zielgruppe aktiv einzubinden und direkt nach ihrer Meinung und ihren Bedürfnissen zu fragen. Jeder Entwicklungsprozess wird von Workshops mit jungen Menschen begleitet. So wollen wir herausfinden, ob unsere Ideen und Konzepte den Bedürfnissen und Nutzungsgewohnheiten der Zielgruppe tatsächlich entsprechen.