Senegal kämpft mit einer erdrückenden Schuldenlast. Jüngste blutige Studierendenproteste zeugen davon. Damit in Westafrika nicht eine weitere Demokratie ins Wanken gerät, braucht Senegal internationale Unterstützung.
Anfang Februar war ich im Senegal. Ich sprach dort auch mit Studierenden der Université Gaston Berger in Saint-Louis. Sie schilderten mir eindrücklich, wie perspektivlos viele von ihnen ihre Zukunft im Land sehen. Intensiv diskutierten sie die Frage, ob sie bleiben und versuchen sollten, etwas zu verändern, oder ob es sinnvoller ist, sich auf den teuren und gefährlichen Weg nach Europa zu machen. Noch am Tag meiner Abreise flammten landesweit erneut Proteste auf und eskalierten an der Université Cheikh Anta Diop in Dakar.
Die Jugend vertraut der neuen Regierung nicht mehr
Bilder brennender Wohnheime, prügelnder Polizisten und des Medizinstudenten Abdoulaye Ba, der bei den Ausschreitungen ums Leben kam, lösten landesweit Bestürzung aus. Die Studierenden fordern, dass ihnen endlich ihre Stipendien ausgezahlt werden. Teilweise warten sie seit 13 Monaten auf ihre Förderung, ohne die sie kaum ihren Lebensunterhalt bestreiten können. Konflikte um die finanzielle Unterstützung der Studierenden hat es in den vergangenen Jahren immer wieder gegeben. Doch die jüngste Gewalt an der Universität ist auch Ausdruck der tiefen Wirtschaftskrise und eines Vertrauensverlusts der Jugend in die neue Staatsführung, für deren Wahl sie 2024 auf die Straße gegangen waren.
Ende 2025 korrigierte der Internationale Währungsfonds die öffentliche Verschuldung des Senegals drastisch nach oben – auf 132 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Eine versteckte Verschuldung dieses Ausmaßes habe man in Afrika selten gesehen, erklärte der IWF. Daraufhin stoppten auch die Weltbank und die Afrikanische Entwicklungsbank ihre Zahlungen. Erstmals seit Jahren fließt damit netto mehr Geld aus Senegal an multilaterale Gläubiger zurück, als ins Land hinein. Die Gespräche über dringend benötigte frische Kredite kommen seit Monaten kaum voran. Streitpunkt in den Verhandlungen mit dem IWF ist die Frage, ob der Senegal eine Umstrukturierung seiner Schulden vornehmen muss.
Hohe Schulden, hohe Zinsen, hoher sozialer Druck
Die senegalesische Regierung versucht, eine Umschuldung und den damit verbundenen Zahlungsausfall um jeden Preis zu vermeiden und fährt einen riskanten Kurs: Sie nimmt in großem Umfang neue Anleihen am regionalen Kapitalmarkt auf, erhöht Steuern und treibt Abgaben konsequenter ein. Kurzfristig verschafft dies Luft. Langfristig verteuert es die Schuldenaufnahme wegen der hohen Zinsen und erhöht den sozialen Druck. In einem Land, in dem über ein Drittel der Bevölkerung unter der Armutsgrenze lebt, kann fiskalische Disziplin schnell in politische Instabilität umschlagen. Die blutigen Proteste an der Universität sind hierfür ein warnendes Beispiel.
Gleichzeitig steigt der Investitionsbedarf – getrieben vom schnellen Bevölkerungswachstum und den Folgen des Klimawandels. Senegal ist besonders stark von der Klimakrise betroffen. Küstenerosion, Dürren, Ernteausfälle – bis 2030 könnten klimabedingte Schäden jährlich drei bis vier Prozent der Wirtschaftsleistung kosten. Das macht deutlich: Jede Einsparung von heute verschiebt notwendige Investitionen in die Zukunft des Landes und erhöht am Ende die Kosten von morgen.
Schuldenschnitt für Investitionen in die grüne Transformation
Der Widerstand Senegals unterstreicht, wie heikel eine Schuldenumstrukturierung für viele Länder des Globalen Südens ist. Politisch akzeptabel scheint sie nur, wenn soziale Einschnitte abgefedert und der Zugang zu den Kapitalmärkten zügig wiederhergestellt werden kann. Eine Umschuldung sollte zudem einen Schuldenschnitt beinhalten, um neuen finanziellen Spielraum für Investitionen in die grüne Transformation des Landes zu schaffen. Bislang fließen erhebliche Mittel in den Schuldendienst. Sie könnten stattdessen in den Ausbau einer agrarökologischen Landwirtschaft, den Küstenschutz und besserer Wasserbewirtschaftung investiert werden – und so eine nachhaltige Entwicklung stärken.
Am Ende wird es auch auf den politischen Willen internationaler Partner ankommen. Wer in Europa von Partnerschaften mit dem Globalen Süden spricht, muss finanziell Verantwortung übernehmen. Länder wie die Bundesrepublik Deutschland sollten sich im Rahmen des Umschuldungsmechanismus der G20 dafür einsetzen, dass notwendige Restrukturierungen zügiger umgesetzt, wo nötig mit einem Schuldenerlass verbunden und anschließend durch neue Finanzierungszusagen flankiert werden. Denn Stabilität entsteht nicht durch Sparzwang, sondern durch glaubwürdige Perspektiven. In einer von Putschen geprägten Region wie Westafrika sendet Unterstützung für Senegal auch ein wichtiges geopolitisches Signal: Demokratien stehen füreinander ein.