Wir ehren eine außergewöhnliche Feministin, Awa Fall-Diop. Wir öffnen den Raum für Begegnung, Anerkennung und Solidarität über Grenzen hinweg. Im Senegal gibt es ein Wort dafür: Teranga.
Liebe Freundinnen und Freunde,
liebe Preisträgerin,
liebe Gäste,
vor wenigen Wochen bin ich aus dem Senegal zurückgekehrt. Und ich habe dort ein Wort gelernt, das mich seither begleitet: Teranga. Teranga ist ein Wort aus dem Wolof. Im Deutschen könnte man es vielleicht am ehesten mit „Gastfreundschaft“ übersetzen. Aber es meint weit mehr: Großzügigkeit, Respekt, das Teilen miteinander, das bewusste Einbeziehen anderer, das Aufrechterhalten sozialer Harmonie, die Toleranz gegenüber Fremden.
Teranga ist nicht nur eine Geste – es ist eine Lebenseinstellung. Es ist das, was den Senegal im Innersten zusammenhält. Ich habe diese Teranga selbst erfahren – durch den herzlichen Empfang vor Ort, durch offene Gespräche, durch das gemeinsame Essen des Nationalgerichts Thieboudienne – die Ursprungsversion des westafrikanischen Jollofrice mit Fisch und Gemüse.
Ich hoffe sehr, dass wir heute Abend hier in der Heinrich-Böll-Stiftung diesem Geist auf unsere Weise gerecht werden: indem wir eine außergewöhnliche Feministin, Awa Fall-Diop, ehren – und indem wir zugleich den Raum öffnen für Begegnung, Anerkennung und Solidarität über Grenzen hinweg.
Feministische Forderungen gelten als Bedrohung kultureller Identität
Wenn wir heute über feministische Kämpfe im Senegal sprechen, dann sprechen wir über Frauen wie unsere diesjährige Preisträgerin, die Räume geöffnet, gesellschaftliche Tabus gebrochen und Frauenrechte hart erkämpft haben.
Errungenschaften, die heute, weltweit und auch im Senegal immer stärker unter Druck stehen.
In den vergangenen Jahren ist die Gewalt gegen Frauen im Senegal angestiegen. Feministische Organisationen berichten von zunehmender sexualisierter Gewalt, von Femiziden und von öffentlichen Anfeindungen. Diese Entwicklung ist kein isoliertes Phänomen. Sie steht im Kontext einer gesellschaftlichen Polarisierung, die wir weltweit beobachten: Konservative Kräfte gewinnen an Einfluss, traditionelle Geschlechterrollen erfahren neuen Rückhalt und feministische Forderungen gelten als Bedrohung kultureller Identität.
Diese Dynamiken spiegeln sich auch in der Politik wider. Derzeit steht im Senegal ein Gesetz kurz vor der parlamentarischen Verabschiedung, das gleichgeschlechtliche Liebe härter bestrafen soll. Ein solcher Schritt würde die ohnehin angespannte Lage von Menschen, die bereits gesellschaftlicher Ausgrenzung ausgesetzt sind, weiter verschärfen. Und als wäre der Druck auf Menschenrechtsorganisationen nicht bereits groß genug, werden ausgerechnet dort internationale Mittel gekürzt, wo sie am dringendsten gebraucht werden – bei denen, die für sexuelle und reproduktive Rechte eintreten. Und dennoch – oder gerade deshalb – ist die feministische Bewegung im Senegal heute so präsent. Sie ist vielfältig, generationenübergreifend und gut vernetzt. Aktuell fordern zahlreiche zivilgesellschaftliche Akteurinnen eine Reform des Familienrechts und die ausdrückliche strafrechtliche Anerkennung von Femiziden. Ein breites Bündnis aus Intellektuellen, Aktivist*innen und Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens – zu denen auch unsere heutige Preisträgerin zählt – hat dazu öffentlich klar Stellung bezogen.
Ein Lebensweg, der für zu Freiheit und Selbstbestimmung führte
In genau diesem Spannungsfeld bewegt sich Awa Fall-Diop seit Jahrzehnten. Sie hat immer wieder betont, dass gesetzliche Reformen notwendig, aber nicht ausreichend sind. Dass die Dekolonisierung Afrikas nur mit der Befreiung der Geschlechter gelingen kann. Und dass Feminismus nur dann stark ist, wenn er inklusiv ist – für Frauen, für junge Menschen, für Menschen anderer sexueller Orientierung, für alle, die an den Rand gedrängt werden. Wenn wir sie heute auszeichnen, würdigen wir deshalb nicht nur eine beeindruckende Persönlichkeit. Wir setzen ein Zeichen der Solidarität mit einer Bewegung, die unter schwierigen Bedingungen weiterkämpft – mutig, klug und mit großer Beharrlichkeit. Diese Bewegung hat heute für uns ein Gesicht: Awa Fall-Diop.
Die Jury hat sich im Oktober für sie entschieden – für eine Frau, deren Lebensweg beispielhaft für den langen Weg zu Freiheit und Selbstbestimmung im Senegal steht. Geboren noch vor der Unabhängigkeit, geprägt von patriarchalen Strukturen und zugleich von starken Frauen in ihrem unmittelbaren Umfeld, hat sie früh erfahren, was Ungleichheit bedeutet – und was Widerstand bewirken kann.
Als Lehrerin initiierte sie eine landesweite Kampagne für die Gleichstellung von Frauen im Sozialversicherungssystem. Sie gründete das Observatoire des Relations de Genre au Sénégal, ein Institut zur Beobachtung und Analyse der Geschlechterverhältnisse im Senegal. Sie entwickelte geschlechtersensible Lehrpläne und setzte sich dafür ein, stereotype Rollenbilder im Bildungssystem aufzubrechen. Sie wirkte an wegweisenden gesetzlichen Reformen mit – von der Geschlechterparität bis zur Strafbarkeit sexualisierter Gewalt. Und sie tat all dies nicht ohne persönlichen Preis: Haft, öffentliche Anfeindungen, Bedrohungen.
Feministisches Wissen vermittelt sich nicht auf der Einbahnstraße
Die Jury würdigt mit dieser Entscheidung ihren lebenslangen Mut – in Institutionen, in der Politik, in sozialen Bewegungen. Sie würdigt ihre Fähigkeit, Brücken zu bauen – zwischen Generationen, zwischen lokalen Kämpfen und panafrikanischen Perspektiven. Und sie würdigt ihren kompromisslosen Einsatz für Geschlechtergerechtigkeit als Teil einer umfassenden gesellschaftlichen Dekolonisierung. Als ich vor wenigen Wochen in Dakar war, habe ich erlebt, welche Rolle Awa Fall-Diop für viele junge Feminist*innen spielt. Bei einer Veranstaltung zum Buch Femmes en mouvement au Sénégal saß sie nicht etwa selbstverständlich auf dem Podium – sondern im Publikum. Sie schrieb mit. Sie hörte aufmerksam zu. Sie nahm die Perspektiven der jüngeren Generation ernst. Und begab sich am Ende der Diskussion sofort in intensive Gespräche mit den Podiumsteilnehmerinnen.
Das hat mich beeindruckt. Denn es zeigt: Feministische Wissensvermittlung ist dann am stärksten, wenn sie keine Einbahnstraße ist. Wenn sie sich auf den Dialog einlässt, auf gemeinsames Lernen. Wenn dieser Dialog von gegenseitigem Respekt intersektional und über Generationen hinweg getragen wird. Auch das ist die senegalesische Teranga.
Preis soll feministische Stimmen weltweit sichtbar machen
Liebe Awa Fall-Diop,
heute ehren wir dein jahrzehntelanges Engagement. Wir ehren deinen Mut. Und wir sagen: deine Kämpfe sind nicht isoliert. Sie finden Resonanz – nicht nur in Afrika, sondern auch hier, in Deutschland, in Europa, in unserem gemeinsamen Ringen um Gerechtigkeit.
Und während wir heute den letzten Anne-Klein-Frauenpreis unter diesem Namen verleihen, nehmen wir zugleich einen Auftrag mit: das Erbe von Anne Klein weiterzutragen. Die Idee lebendig zu halten. Feministische Stimmen weiterhin sichtbar zu machen – gerade dann, wenn Gegenwind stärker wird.
Ich habe im Senegal Teranga erfahren.
Ich wünsche mir, dass wir heute Abend ein bisschen was davon zurückgeben können. Dass wir solidarisch bleiben, aufmerksam, lernbereit. Dass wir Räume schaffen, in denen feministische Kämpfe gewürdigt und weitergedacht werden.
In diesem Sinne:
Willkommen.
Bienvenue und Dialal ak Jamm!