Der Segen des Atomausstiegs

Vorstandskolumne

Vor 40 Jahren löste die Katastrophe von Tschernobyl eine breite Bewegung gegen die Atomenergie aus. Heute ist klar: Deutschland stünde wirtschaftlich deutlich schlechter da, wenn der Atomausstieg nicht verabschiedet worden wäre. Erneuerbare Energien sind heute mit Abstand die günstigste, Atomenergie mit Abstand die teuerste Form der Stromerzeugung.

Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung Jan Philipp Albrecht auf grünem Hintergrund mit dem Schriftzug "Einmischen - die Vorstandskolumne"

Eine meiner frühesten Kindheitserinnerungen kommt mir in diesen Tagen wieder in den Kopf: Ein Spielplatz in der Siegener Innenstadt, abgesperrt mit Flatterband. Ich durfte ihn nicht betreten. Was heute wie ein Echo der Corona-Zeit klingt, hatte 1986 einen anderen Grund. „Der radioaktive Regen aus Tschernobyl“, erklärten mir meine Eltern. 

Schon zuvor hatten sie mich mit auf Demonstrationen genommen, etwa gegen den „Schnellen Brüter“ in Kalkar. Der Reaktor wurde 1985 zwar fertiggestellt, ging aber nie in Betrieb. Zu groß waren die Sicherheitsbedenken, zu beharrlich der Widerstand. Heute steht dort ein Freizeitpark, der sinnbildlich für die Auseinandersetzung geworden ist. 

Andere Anlagen wurden ans Netz gebracht. Das Kernkraftwerk Brokdorf nahm sogar nur ein halbes Jahr nach der Katastrophe von Tschernobyl den Betrieb auf. Seine Geschichte ist geprägt von Konflikten: Bereits während der zehnjährigen Bauzeit und über seine gesamte Laufzeit hinweg kam es zu teils heftigen Auseinandersetzungen um die Atomenergie – in Deutschland und in Brokdorf selbst.

Auch ich war Teil dieser Proteste. Als junger Umweltaktivist stand ich viele Male vor den Toren des Kraftwerks, zuletzt 2010. Damals hatte die Bundesregierung den bereits beschlossenen Atomausstieg zurückgenommen und die Laufzeiten verlängert – Schleswig-Holstein setzte den Betrieb des AKW Brokdorf bis 2033 an. Doch nur ein Jahr später führte die Reaktorkatastrophe von Fukushima zu einem erneuten politischen Umdenken: CDU, SPD, Grüne und Linke beschlossen 2011 gemeinsam den endgültigen Ausstieg. Nach 35 Jahren Betrieb und Jahrzehnten intensiver politischer Auseinandersetzungen schloss sich für mich ein persönlicher Kreis: Als zuständiger Minister war ich es, der das AKW Brokdorf Ende 2021 vom Netz nahm.

Die ökonomische Bilanz: Atomkraft ist ein Auslaufmodell

Die Geschichte des Atomausstiegs in Deutschland ist mehr als ein energiepolitisches Kapitel. Sie erzählt von der politischen Reifung dieser Republik und von der Einsicht in die Grenzen der menschlichen Kontrolle über Hochrisikotechnologien. Nicht zuletzt ist auch der Aufstieg der Umweltbewegungen und der Grünen Partei eng mit dieser Geschichte verbunden. Zwar gibt es heute vereinzelt Versuche, der Atomenergie wieder Leben einzuhauchen. Doch eines ist unübersehbar: Sie steht längst nicht mehr für ein Versprechen an die Zukunft. Im Gegenteil. Atomstrom ist zur mit Abstand teuersten Form der Stromerzeugung geworden und bremst vielerorts den Ausbau dessen, was längst verfügbar, wirtschaftlich und nachhaltig ist: Erneuerbare Energien. 

Hinzu kommen die enormen Folgekosten. Allein die Entsorgung radioaktiver Abfälle wird Deutschland bis zum Jahr 2100 voraussichtlich rund 170 Milliarden Euro kosten. Eine Summe, die nicht annähernd durch die Rücklagen aus der Zeit der Atomenergienutzung gedeckt ist. 40 Jahre nach Tschernobyl lässt sich deshalb eine klare Bilanz ziehen: Der Atomausstieg war und ist ein Segen für Deutschland. Er hat das Land rechtzeitig aus einer ökonomischen Sackgasse geführt und den Weg freigemacht für eine Energieversorgung, die heute bereits weit über die Hälfte des Stroms aus erneuerbaren Quellen deckt. Diese werden nicht zuletzt in den kommenden Jahren zu deutlich niedrigeren Energiepreisen beitragen, wenn der Preis für fossile Energieträger merkbar anzieht.

Die Kosten steigen, die Risiken wachsen

Selbst das Energieunternehmen EnBW, selbst ehemalige AKW-Betreiberin, hält unmissverständlich fest: Atomenergie ist keine wirtschaftliche Form der Energieerzeugung mehr. Auf der eigenen Website macht das Unternehmen deutlich, dass sowohl der Neubau als auch eine Wiederinbetriebnahme von Atomkraftwerken wirtschaftlicher Unsinn wäre – zu teuer, zu langwierig und ein Hindernis für den dringend notwendigen, schnellen Ausbau Erneuerbarer Energien. Auch der von der Heinrich-Böll-Stiftung mit herausgegebene World Nuclear Industry Status Report zeigt auf: Weltweit steigen die Kosten für Atomenergie weiter an, während der Ausbau, mit Ausnahme von China, nahezu zum Erliegen gekommen ist. Gleichzeitig erreichen immer mehr Reaktoren das Ende ihrer Lebensdauer und werden damit zu wachsenden Risikofaktoren. 

Wie real diese Risiken sind, zeigt sich derzeit wieder besonders deutlich: Im ukrainischen Zaporizhia und im iranischen Buschehr sind Beschäftigte der Atomkraftwerke unmittelbar gefährdet und werden evakuiert, weil auf dem Gelände Raketen einschlagen. Auch in Tschernobyl wurde die neue Schutzhülle der zerstörten und noch strahlenden Reaktorruine durch eine Angriffsdrohne schwer beschädigt. Mit deutlichen Worten warnte die Internationale Atomenergiebehörde IAEA jüngst erneut vor den potenziell dramatischen Folgen für die Sicherheit ganzer Regionen.

Erneuerbare sind eine wirtschaftliche Notwendigkeit

Viele Gründe sprechen heute dafür, dem deutschen Atomausstiegs auch international zu folgen. Dazu zählen die Abhängigkeit der Technologie von russischem Uran und den industriellen Kapazitäten in China und Russland. Doch entscheidend sind vor allem die ökonomischen Argumente: Die Milliarden, die in der Vergangenheit – und mancherorts noch immer – in teils jahrzehntelange Bauprojekte und störanfällige Atomkraftwerke gesteckt wurden, wären als Investitionen in Erneuerbare Energien um ein Vielfaches sinnvoller eingesetzt, allein schon mit Blick auf die Produktionskosten. 

Neben Sicherheitsfragen und ungelösten Entsorgungsproblemen kommt ein zentraler, oft unterschätzter Faktor hinzu: Der massive ökonomische Verlust im internationalen Wettbewerb. Wer den Ausbau Erneuerbarer Energien durch das Festhalten an der Atomkraft ausbremst, verspielt zentrale Wertschöpfungspotentiale der Zukunft. Denn schon heute ist absehbar, dass wirtschaftliche Stärke künftig dort entsteht, wo Energie günstig, nachhaltig und skalierbar produziert wird. 

Hohe Produktionskosten auf Basis fossiler Energieträger werden dagegen zunehmend zu einem erheblichen Standortnachteil. Das ist keine Ideologie, sondern ökonomische Realität und reine Logik. Genauso logisch ist es, technologischen Fortschritt gezielt voranzutreiben, etwa durch Investitionen in die Fusionsforschung. Fusionskraft gilt als deutlich risikoärmer als Atomkraft, wird jedoch auf absehbare Zeit keinen verlässlichen Beitrag zu einer bezahlbaren Energieversorgung leisten können. Es bleibt nur Eins: Die Erneuerbaren beherzt zu umarmen! Umso erschreckender ist es, dass die Bundesregierung unter Kanzler Friedrich Merz und Wirtschaftsministerin Katherina Reiche das Land auf diesem Weg ausbremst.


Mehr zum Thema:

Imme und Jan Philipp

Einmischen - die Vorstandskolumne

Einmischen! Als einzige Möglichkeit, realistisch zu bleiben. So hat es Heinrich Böll formuliert und diese Ermutigung inspiriert uns bis heute. Mit dieser Kolumne mischen wir uns als Vorstand der Stiftung in den aktuellen politisch-gesellschaftlichen Diskurs ein. Jeden Monat schreiben hier im Wechsel: Jan Philipp Albrecht und Imme Scholz.

Alle Beiträge im Überblick

Zum Warenkorb hinzugefügt: