Vorher grau, nachher grün. Wenn Bäume, Sträucher und Wildblumen Asphalt ablösen, profitieren alle: Insekten und Tiere, weil sie einen neuen Lebensraum bekommen, die Pflanzen selbst und auch wir Menschen. Durch schönere, kühlere Städte, in denen Wasser schneller versickern kann. Dieses Win-Win nennt sich „Natürlicher Klimaschutz”.

Belebte Grünfläche vor dem Siegestor in München mit Radweg, Fußgänger*innen, Fahrrädern und üppiger Bepflanzung auch an Fassaden

Natürlicher Klimaschutz besteht aus mehreren Teilen:

  • Wir schützen die Natur oder stellen sie wieder her – zum Beispiel indem wir Flächen entsiegeln, Moore wiedervernässen oder Stadtbäume pflanzen.
  • Dabei lösen wir gleichzeitig andere Probleme: Nasse Moore speichern CO₂, Bäume kühlen die Stadt.
  • Außerdem schützen wir Tiere, Pflanzen und unser Wasser.

Der Unterschied zum klassischen Naturschutz: Beim natürlichen Klimaschutz adressieren die Maßnahmen immer auch Probleme, die uns Menschen ganz direkt betreffen – zum Beispiel die Klimakrise oder Hitzestress. Wichtig ist diese Unterscheidung zum Beispiel für Förderprogramme.

Natürlicher Klimaschutz ist ein wichtiger Hebel, um die Treibhausgasemissionen zu reduzieren.

Eine Frau und ein Kind mit Laufrad gehen über einen Holzsteg durch dichtes Schilf an einem Teich.

Deutschland kann etwa seine Klimaziele kaum erreichen, ohne Moore wiederzuvernässen. Expert*innen betonen aber: Bäume zu pflanzen und Wälder zu pflegen darf keine Ausrede sein, um die Emissionen im Bereich Verkehr, Gebäude oder Industrie langsamer zu senken.

2023 hat die Bundesregierung das „Aktionsprogramm Natürlicher Klimaschutz” beschlossen. Es fördert natürlichen Klimaschutz in verschiedenen Bereichen – zum Beispiel in Mooren, Auen und Wäldern. Mit dem richtigen Ansatz lösen die Projekte oft mehrere Probleme gleichzeitig.

Moore könnten unsere besten Komplizen sein, wenn wir unser Klimasystem wieder ins Lot bringen wollen. Obwohl sie weltweit nur drei Prozent der Landfläche bedecken, speichern Moore doppelt so viel CO2 wie die Biomasse aller Wälder der Erde. Moore sind Top-Klimaschützer, ausgeklügelte Wasser-Speicher für die nächste Dürreperiode und Lieblings-Lebensraum von unzähligen Amphibien, Libellen und Vögeln.

Eine Frau hockt am Rand einer Wasserfläche im Moor und berührt Pflanzen am Boden. Ihr Spiegelbild ist im Wasser zu sehen.

In Deutschland ist nur noch ein Bruchteil der sumpfigen Ökosysteme intakt. 92 Prozent der Moore wurden trockengelegt, die meisten davon für die Landwirtschaft. Der Torfboden setzt deshalb über Jahrtausende gespeicherten Kohlenstoff als CO2 frei. Entwässerte Moore sind für sieben Prozent der deutschen Treibhausgasemissionen verantwortlich. Es gibt also viel zu gewinnen, wenn wir etwas tun.

Drei Personen stehen lächelnd im Moor und halten ein Schild mit der Aufschrift „AMORE für die MOORE“ und zwei Herzen.

Wie geht das, Moore wiedervernässen?

Das größte Moorgebiet, das in Deutschland wieder vernässt wurde, liegt in Mecklenburg-Vorpommern und erstreckt sich über rund 70 Kilometer entlang des Flusses Peene. 27,4 Millionen Euro hat es gekostet, dieses gigantische Naturschutzgebiet einzurichten. Zum Vergleich: Jährlich werden im Bundesland bis zu 400 Millionen Euro an Agrarsubventionen und Fördermitteln für konventionelle Landwirtschaft ausgezahlt.

Bewaldetes Feuchtgebiet mit stiller Wasserfläche, Wasserpflanzen sowie zahlreichen abgestorbenen und umgestürzten Bäumen.

Dass das Moor jetzt wieder nass ist, ist nicht nur ein großer Erfolg für den Klimaschutz. Auch viele bedrohte Tiere und Pflanzen haben sich im Flusstalmoor angesiedelt. Jetzt brüten hier wieder Tüpfelsumpfhühner, Fluss-Seeschwalben und Fischadler.

Eine Flussseeschwalbe fliegt mit einem gefangenen Fisch im Schnabel knapp über einer Wasserfläche mit Seerosenblättern.

Aber nicht alle ehemaligen Moorflächen können so einfach wieder ein Naturschutzgebiet werden. Oft sind sie in Privatbesitz. Eine große Frage ist also: Wie lassen sich wiedervernässte Moore weiter wirtschaftlich nutzen? Die Deutsche Bundesstiftung Umwelt (DBU) will den Klimaschutz für Landwirt*innen leichter machen: Riesige Kipp-Wehre sollen nur im Sommer zur Heu-Ernte das Wasser aus den Peene-Wiesen ablassen.

Zwei Bagger arbeiten an einer kleinen Brücke über einem schilfgesäumten Gewässer, während mehrere Personen die Arbeiten begleiten.

Die Moor-Landwirtschaft der Zukunft wird auch an der Universität Greifswald erforscht: Statt auf Getreide zu setzen, könnten Betriebe Gräser und Schilfrohrkolben anbauen, für die Papierherstellung oder als Dämmung für den Bau.

Ein schwarzes Rind mit großen Hörnern steht mit mehreren Kälbern auf einer Wiese vor dichtem Grün.

Eine andere Lösung erkundet ein Pilot-Projekt in Brandenburg: Hier weiden Wasserbüffel auf wiedervernässten Flächen. Mit einem Traktor kommt man im Matsch nicht weit, aber die Büffel fühlen sich hier wohl. Ihr Fleisch gilt als cholesterin-arm und hat mehr Protein als Rindfleisch. Auf neue Produkte umzustellen ist für Landwirt*innen aber extra Arbeit und oft ein Minus-Geschäft. Das Umweltministerium fördert deshalb Betriebe, die mit zukunftsfähigen Formen der Landwirtschaft experimentieren.

Spätestens im letzten Hitzesommer haben es alle erlebt: Asphalt und Beton heizen sich in der Sonne auf wie Herdplatten. Nachts geben sie die Wärme wieder ab – die Stadt wird zur Hitzeinsel. Gleichzeitig kann Regenwasser nicht versickern, sondern rauscht sofort in die Kanalisation. Bäume und Grünflächen lösen beide Probleme gleichzeitig.

Menschen spazieren unter großen Bäumen an einem Kanal entlang. Am Ufer liegen zahlreiche Boote, Laternen säumen den Weg.

Bäume als Klimaanlage

Ein ausgewachsener Stadtbaum spendet Schatten und kühlt seine Umgebung, wie eine natürliche Klimaanlage. Über die Blätter verdunstet etwa eine alte Linde bis zu 400 Liter Wasser, das der Luft Wärme entzieht. Nebenbei speichert sie Kohlenstoff und filtert Feinstaub aus der Luft.

3D-Stadtansicht mit Gebäuden und vielen Bäumen. Im Zentrum liegt ein Teich, umgeben von Grünflächen und Wegen.

33.000 Berliner*innen haben 2025 mit ihrer Unterschrift für die Initiative „Baumentscheid” erreicht, dass die Hauptstadt grüner wird. Das „BäumePlus-Gesetz” ist das erste Klimaanpassungsgesetz für konkrete Maßnahmen auf kommunaler Ebene: mehr Bäume, mehr Pflege, mehr Geld fürs Stadtgrün in der Hauptstadt. 

Blühende Wildblumenwiese an einer Stadtstraße. Ein Schild trägt die Aufschrift „Stadtgrün naturnah – Hier wächst Köln ökologisch & vielfältig“.

Jede versiegelte Fläche verstärkt die Hitze und verhindert, dass Regenwasser im Boden bleibt. Genau hier setzt das Prinzip der „Schwammstadt" an: Entsiegelte Flächen wirken wie ein Schwamm. Sie nehmen bei Starkregen Wasser auf und geben es langsam wieder ab, Das Risiko für Überschwemmungen sinkt. Beim Verdunsten kühlen sie außerdem ihre Umgebung und schaffen nebenbei neuen Lebensraum für Pflanzen und Insekten.

Berlin und das Ruhrgebiet haben eigene Entsiegelungsprogramme gestartet. In den Niederlanden macht ein „Abpflastern-Wettbewerb" das Ausbuddeln von Steinen zum Volkssport - mehr als die Hälfte der Bevölkerung kennt inzwischen das „NK Tegelwippen“. Mittlerweile ist die Challenge auch in deutschen Städten angekommen.

Eine Gruppe Kinder und Jugendlicher gräbt mit Schaufeln und Werkzeugen einen gepflasterten Bereich unter Bäumen auf.

Ganz einfach ist das nicht: Jede Fläche wird gebraucht, für Wohnungen, Parkplätze oder Gewerbe. Entsiegelung heißt deshalb auch: Platz in der Stadt neu verteilen.

Gesunde Wälder speichern Kohlenstoff. Aber wer etwa im Harz oder im Bayerischen Wald wandern geht, weiß: Deutschlands Wäldern geht es schlecht. Durch die Klimakrise werden Hitze- und Dürreperioden immer heftiger. Besonders die Fichtenwälder sind anfällig für Borkenkäfer, Stürme, Dürre und Waldbrände. Laut der aktuellen Bundeswaldinventur hat die Fichte innerhalb von zehn Jahren 17 Prozent ihrer Fläche verloren.

Was hilft: Den Wald umbauen – weg von Monokulturen, in denen sich Fichte an Fichte reiht, und hin zu Mischwald. Näher an den natürlichen Zustand, denn von Natur aus würden in Deutschlands Wäldern vor allem Laubbäume wachsen. Solch ein Wald mit verschiedenen Baumarten und unterschiedlich hohen Bäumen ist widerstandsfähiger. Er kann Wasser besser speichern und hält die Böden gesund. Dadurch hält er Stürmen, Hitze oder dem Borkenkäfer besser stand. 

Dichter Wald aus Laub- und Nadelbäumen an einem Hang, dessen obere Bereiche in dichtem Nebel verschwinden.

Möglichst wenig Einmischen 

Der Lübecker Stadtwald gilt als Vorzeigeprojekt der naturnahen Bewirtschaftung. Die Forstleute greifen so wenig wie möglich in die natürlichen Abläufe des Waldes ein. Sie fällen immer nur einzelne Bäume, neue säen sich von allein aus. Totes Holz bleibt im Wald – Insekten, Pilze und Moose fühlen sich hier wohl. Einen Teil des Waldes überlassen die Forstleute komplett sich selbst, um später auch den Rest nach diesem Vorbild zu bewirtschaften. 

Ein Mann lehnt an einem Baum im Wald und blickt zur Seite. Die tief stehende Sonne wirft Schatten auf die Bäume und die Wiese im Hintergrund.

Expert*innen sind sich nicht einig, wie viel Zeit wir den Wäldern lassen können. Sollte man den Wald überall stärker sich selbst überlassen? Oder verändern sich die Bedingungen durch die Klimakrise so schnell, dass Menschen den Umbau steuern müssen? Welche Baumarten können überhaupt in Zukunft in Deutschland überleben? Und wer finanziert das alles? Knapp die Hälfte des deutschen Waldes ist in Privatbesitz. Hier geht es auch um das nötige Wissen und den Willen, etwas zu verändern. Und um die Frage: Wer haftet, wenn der Umbau nicht funktioniert?

Braune, wellenförmige Pilze wachsen auf einem umgestürzten, mit Moos und Flechten bedeckten Baumstamm.

Am Beispiel Wald zeigt sich eine weitere Herausforderung. Das deutsche Klimaschutzgesetz sieht vor, dass Wälder und Moore jedes Jahr mehr CO2 speichern sollen. Geschwächte Wälder können aber weniger CO2 aufnehmen. Im schlimmsten Fall geben sie Treibhausgase an die Atmosphäre ab. Es ist wichtig, die Wälder zu schützen. Gleichzeitig sollten Treibhausgasemissionen in anderen Bereichen gar nicht erst entstehen. Wir können nicht darauf setzen, dass die Wälder immer mehr CO2 speichern.

Ein Fluss schlängelt sich bei Sonnenuntergang durch eine grüne Auenlandschaft. Im Vordergrund steht „FLUSS AUEN“.

Wie schnell sich Ökosysteme erholen können, zeigen die Renaturierungsprojekte von Au-Wäldern. An den Elb-Auen in Sachsen-Anhalt und Brandenburg ist zum Beispiel in kurzer Zeit ein unglaublicher Artenreichtum entstanden. Auen sind die Uferlandschaften von Bächen oder Flüssen, ein anpassungsfähiges Ökosystem: sie sind mal überflutet, mal trockengelegt. Dadurch entsteht auf engstem Raum ein Mosaik unterschiedlichster Lebensräume. 

Verlust von ursprünglichen Auen und Überschwemmungsflächen in Deutschland, Stand 2021, in Prozent

An den größten Flüssen Deutschlands sind zwei Drittel der Auen aber vollständig verloren – etwa weil wir den Flusslauf für die Schifffahrt begradigt haben oder Platz schaffen wollten für die Landwirtschaft und Wohngebiete. Nur noch ein Bruchteil der ehemaligen Flächen können geflutet werden. Im Hochwasserfall hat das drastische Auswirkungen, wie wir zuletzt 2021 an der Erft gesehen haben.

Zerstörte Häuser und Autos liegen zwischen Schlamm und Trümmern am Rand einer überfluteten Straße.

Wo Kommunen Deiche gebaut oder den Flusslauf begradigt haben, wird Starkregen zu schnell abgeleitet und verstärkt die Hochwassergefahr. Fünf Jahre nach der Flutkatastrophe in Nordrhein-Westfalen schlängelt sich die Erft jetzt wieder in einem naturnahen Bachlauf durch die Wiesen. Zehn Millionen Euro hat die Renaturierung gekostet – deutlich weniger als die Milliardenschäden durch das Hochwasser.

Nicht nur in Deutschland, auch global spielt natürlicher Klimaschutz eine wichtige Rolle. Nur 15 Prozent der globalen Ökosysteme zu renaturieren, könnte 60 Prozent des Artensterbens verhindern – und dabei helfen, rund 300 Gigatonnen CO₂ zu speichern.

Mangrovenwälder zum Beispiel schützen tropische Küsten, sind Lebensraum für Tiere und Pflanzen und speichern gleichzeitig CO₂. Im indischen Chargeri pflanzen 500 Frauen als „Mangroven-Kriegerinnen” neue Bäume. 

Eine Gruppe von Personen im Wasser trägt junge Pflanzen mit Wurzeln. Sie tragen farbenfrohe Kleidung, blauer Himmel im Hintergrund.

Natürlicher Klimaschutz allein kann die Klimakrise nicht lösen. Um die Treibhausgasemissionen nachhaltig zu senken, müssen wir aufhören, Kohle, Öl und Gas zu verbrennen. Doch viel zu oft betrachten wir CO2-Emissionen als isoliertes Problem. Natürlicher Klimaschutz hilft dabei, Lösungen zusammen zu denken. Er sorgt dafür, dass wir nicht nur das Klima, sondern auch unsere Landschaften schützen. 

Ein Tiger läuft durch schlammiges Gelände, umgeben von dichtem grünen Mangrovenwald.

Wenn Mangrovenwälder statt Beton-Wellenbrechern die Küsten schützen oder wiedervernässte Moore gleichzeitig CO₂ speichern und den Wasserhaushalt der Region stärken, arbeiten wir mit der Natur, statt gegen sie. Intakte Ökosysteme erhalten die natürlichen Kreisläufe – und letztendlich auch die Lebensgrundlage von uns Menschen. 

Danke an Mission to Marsh, Reinventing Society, die Initiative Moorbüffel, Sabine Kulau, die Initiativen Tegelwippen & Jugend pflastert ab und die Stuttgarter Zeitung für die Bilder von natürlichem Klimaschutz in Aktion!

Hier liest du mehr:

Hier kannst du aktiv werden:  

  • Das Projekt “Drawdown” bewertet wissenschaftlich das Potential verschiedener Klimalösungen – darunter auch viele natürliche.
  • Alex und Anni Kornelsen von Mission to Marsh präsentieren Moorschutz als Abenteuer – hier findest du Aktionen, interaktive Karten und Infos rund um Moorschutz in Deutschland und weltweit.
  • Das Pilot-Projekt Moorbüffel braucht für den Moorschutz auch Verbraucher*innen, die die Produkte abnehmen.
  • Auf Abpflastern.de kannst du eintragen, wenn du mit deinem Verein, deiner Schule, deinem Unternehmen oder auf deinem privaten Grundstück eine Fläche entsiegelt hast. Vorbild für das Projekt ist das niederländische nk-tegelwippen. 
  • Eine praktische Möglichkeit, sich vor Ort für mehr Grün,  Artenschutz und Klimaanpassung einzusetzen: Alle können den Initiativen KlimaTaler und Mehr Bäume jetzt e.V. helfen, junge Bäume und Sträucher von Standorten zu retten, an denen sie wenig Zukunft hätten, um sie dort weiterwachsen zu lassen, wo sie gebraucht werden.
  • Der Gründer der Initiative “BaumEntscheid” Berlin, Heinrich Stößenreuther, hat eine Leseliste für mehr Stadtgrün veröffentlicht.

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