Naturschutz ist auch eine Frage der Generationengerechtigkeit

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Interview

Junge Menschen wollen beim Schutz der biologischen Vielfalt mitentscheiden. Aila Christ ist Teil der deutschen Jugenddelegation auf der COP17 in Armenien. Im Interview spricht sie über Generationengerechtigkeit, die Beteiligung indigener Gemeinschaften und die Widersprüche zwischen internationalen Naturschutzversprechen und nationaler Politik.

Sechs Menschen stehen für ein Gruppenfoto auf einer Wiese vor Bäumen.

Das Interview mit Aila Christ, Mitglied der deutschen Jugenddelegation und Stipendiatin der Heinrich-Böll-Stiftung, führte Kristin Funke auf der CBD COP17 in Jerewan. 

Kristin Funke: Aila, Du bist hier auf der COP17 als Teil der deutschen Jugenddelegation. Wer seid Ihr und was macht Ihr hier?

Aila Christ: Die deutsche Jugenddelegation besteht aus sechs Menschen zwischen 20 und 25 Jahren aus unterschiedlichen Teilen Deutschlands mit ganz verschiedenen Fachhintergründen und Interessen. Eines jedoch vereint uns besonders: Wir alle setzen uns für den Erhalt der biologischen Vielfalt ein. Die Jugenddelegation wird vom Bundesamt für Naturschutz (BfN) gefördert und von der Naturschutzjugend (NAJU) durchgeführt. In Jerewan wollen wir die „Voice for Biodiv“ sein, die Stimme der jungen Menschen aus Deutschland für biologische Vielfalt.

International wird die Jugendbeteiligung im Rahmen der Biodiversitätskonferenzen durch das Global Youth Biodiversity Network (GYBN) koordiniert, einem internationalen Netzwerk junger Menschen, die sich für den Schutz der Biodiversität und den Erhalt unserer natürlichen Lebensgrundlagen einsetzen. Bereits im Vorfeld der Konferenz konnten wir bei Workshops des Netzwerks junge Menschen aus aller Welt kennenlernen, uns austauschen und miteinander vernetzen.

Unser Ziel ist es, eine Brücke zwischen den internationalen Verhandlungen und den jungen Menschen in Deutschland zu schlagen. Wir wollen zeigen, dass Jugendbeteiligung auf internationaler Ebene möglich und notwendig ist – und dass junge Menschen nicht nur die Zukunft sind, sondern schon heute aktiv an ihrer Gestaltung mitwirken und einen wichtigen Beitrag zum Schutz der Biodiversität leisten.

Mit welchen Forderungen seid Ihr hier auf der COP17?

Der Schutz der biologischen Vielfalt ist auch eine Frage der Generationengerechtigkeit, denn Entscheidungen, die jetzt hier über den Schutz oder die Zerstörung von Ökosystemen getroffen werden, prägen unsere Lebensgrundlagen noch über Jahrzehnte, und damit vor allem unsere Zukunft und die kommenden Generationen. Wir sind mit 10 konkreten Forderungen an die CBD COP nach Jerewan gekommen, darunter der effektive Schutz von Natur und Menschenrechten, die Umsetzung und Stärkung von Schutzgebieten, soziale Gerechtigkeit sowie mehr Beteiligung und demokratische Teilhabe.

Ein Punkt, den wir hier auf der COP auch mit Umweltminister Carsten Schneider ansprechen wollen, ist Bildung. Umwelt- und Naturschutz müssen in den Schulen stärker als Thema gesetzt werden, aber gleichzeitig müssen auch außerschulische Lernorte, Initiativen und Programme gestärkt und nicht gekürzt werden, wie wir das ja aktuell erleben.

Seit über einer Woche verhandeln die Vertragsstaaten bereits darüber, wie die im Globalen Biodiversitätsrahmen festgelegten 23 Ziele in den kommenden vier Jahren umgesetzt werden können. Bislang gibt es wenige Erfolge zu berichten. Was ist Deine Bilanz nach der ersten Woche?

Sehr problematisch ist das Bestreben bestimmter Länder, indigene und lokale Gemeinschaften (IPLCs) sowie Frauen und Jugend jetzt auch unter dem Sammelbegriff „Actors other than national governments“ zusammenzufassen, statt sie wie bisher einzeln zu benennen. Dadurch geht der Hebel für diese Gruppen verloren. Es gibt eine gemeinsame Position von der Indigenenvertretung IIFB, GYBN, dem CBD Women’s Caucus und der CBD Alliance dazu, und die EU unterstützt hier auch unsere Forderungen, aber wir beobachten mit großer Sorge, dass die Formulierung aus den Verhandlungstexten bereits rausgekürzt und durch „Actors other than national governments“ ersetzt wird.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Global Review, da hört man viel über die Implementierungslücke, die Finanzierungslücke, die Ambitionslücke. Unsere Analyse ist, dass es dahinter eine Gerechtigkeitslücke gibt. Also zum einen wird die intergenerationale Gerechtigkeit nicht ausreichend adressiert und zum anderen werden indigene und lokale Gemeinschaften, Frauen und Jugend nicht adäquat an der Umsetzung beteiligt und marginalisiert, während andere Sektoren nach wie vor finanziell von der Zerstörung der Natur profitieren. Das muss angegangen werden. 

Ein Thema, das uns auch sehr beschäftigt: Hier wird ganz viel über internationale Gesetze geredet, aber gleichzeitig sehen wir, dass in der EU und in Deutschland Naturschutzgesetze massiv angegriffen werden. Gerade jetzt das Infrastruktur-Zukunftsgesetz in Deutschland oder die Einschränkung des Klagerechts für Umweltverbände. Oder die Angriffe auf die Entwaldungsrichtlinie, Wasserrahmenrichtlinie und die Natura 2000-Gesetzgebung durch die EU-Omnibusverfahren. Da ist es schön und gut, sich hier auf der COP17 für progressive Politik einzusetzen, aber man muss sie zu Hause auch umsetzen.

Bei den Verhandlungssträngen haben wir uns aufgeteilt, ich verfolge u. a. die Verhandlungen zu Klimawandel (18a). Da sind die Fronten schon recht verhärtet, es wird immer gesagt, es sei nicht Mandat dieser Konvention, sich mit Klimawandel zu beschäftigen, das gehöre ins UNFCCC (UN-Klimarahmenkonvention). Bestimmte Länder versuchen, alles abzulehnen, weil ihnen die Sprache zu progressiv ist. Die wollen Begriffe wie gender equality/equity, indigenous peoples, women and youth gar nicht im Dokument haben. Zusätzlich gab es auch prozedurale Probleme, manche Texte waren nicht rechtzeitig zur COP fertig und werden jetzt nicht verhandelt, weil sich einige Länder weigern, sie hier zu diskutieren. 

Was waren bisher Deine Highlights?

Es ist toll, hier mit so vielen Menschen aus der ganzen Welt einfach ins Gespräch zu kommen, sowohl mit den NGOs als auch mit Delegierten. Zum Beispiel habe ich den Leiter des Nagoya-Protokolls aus dem CBD Sekretariat, den ich bei Eröffnung gesehen hatte, dann hier auf dem Gelände einfach angesprochen und wir hatten eine sehr interessante Unterhaltung. Eine lustige Sache ist mir am Wochenende passiert, da wartete ich im Waschsalon auf meine Wäsche und kam dort mit einer netten Frau ins Gespräch über die COP. Wie sich herausstellte, ist sie Verhandlerin für Monaco und erzählte mir dann, wie es ist, hier Verhandlerin zu sein. Offenbar ist die diplomatische Devise der COP17: „Hard on the issue, soft on the person.“ 

Vielen Dank für Deine Einblicke!

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