Biodiversitätsschutz: Abkommen setzt auf umstrittene Finanzierung

Analyse

Durch das Global Biodiversity Framework Abkommens von 2022 gewinnen finanzmarktbasierte Ansätze beim Schutz von Biodiversität an Bedeutung. Beispiele hierfür sind Biodiversitätszertifikate und Naturschutzfonds, die ihre Einnahmen primär am Kapitalmarkt generieren. Aber die Natur zum Anlageobjekt zu machen wird die Biodiversitätskrise nicht aufhalten.

Ein Orang-Utan sitzt auf dem Waldboden, in der linken Hand hält er etwas zu essen, mit der linken Hand verdeckt er seine Augen.
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Dieser Orang-Utan lebt in einer Auffangstation in Tephian Buah, Indonesien, die in Folge der Entwaldung aufgebaut wurde. Auch 20 Jahre nach der Einführung von REDD geht die globale Waldzerstörung nahezu ungebremst weiter.

In internationalen Klimaverhandlungen sind Fragen zur Finanzierung seit Langem ein Konfliktthema. Dabei geht es nicht nur um die unzureichende Bereitschaft der Industrieländer - als Hauptverursachern der Klimakrise - einen angemessenen Beitrag zum Klimaschutz zu zahlen; auch die Art und Weise der Finanzierung steht in der Kritik. Die immer populärer werdenden sogenannten marktbasierten Instrumente und Kompensationsmechanismen haben immer wieder zu Konflikten um Land geführt. Ähnlich umstrittene Ansätze und Instrumente nehmen im Zuge der Verabschiedung des Kunming-Montreal Global Biodiversity Framework -Abkommens (GBF) im Jahr 2022 auch bei der Finanzierung von Biodiversitätsschutz eine immer wichtigere – und ebenfalls kontroverse – Rolle ein.

Die vorliegende Einführung beschreibt Finanzierungsmodelle und -instrumente, die im Zusammenhang mit dem GBF an Bedeutung gewinnen. Beispiele hierfür sind Biodiversitätszertifikate und Naturschutzfonds, die ihre Einnahmen primär am Kapitalmarkt generieren, Auch Ansätze und Instrumente an der Schnittstelle von Biodiversitäts- und Klimaschutz, wie etwa der REDD-Ansatz (Reducing Emissions from Deforestation and the Degradation of forests) und die Tropical Forest Forever Facility (TFFF) werden kurz vorgestellt. Beide Instrumente gingen aus den internationalen Klimadiskussionen hervor. Ihnen wird jedoch nicht nur ein Beitrag zum Klimaschutz, sondern auch zum Biodiversitätsschutz zugeschrieben. Ein kritischer Blick auf die vermeintliche jährliche Finanzierungslücke von 700 Milliarden US-Dollar für Maßnahmen zum Erhalt der Biodiversität, die auch das GBF übernimmt, zeigt die Verbindung der postulierten Finanzierungslücke zu markt-basierten, am Kapitalmarkt orientierten Ansätzen und Instrumenten auf, welche die Debatte um den Erhalt von Biologischer Vielfalt zunehmend dominieren.

Fehlende Finanzierung als (vorgeschobene) Ursache für Biodiversitätskrise

Der bedrohlich schnell voranschreitende Verlust von Arten, natürlichen Lebensräumen und genetischer Vielfalt unterstreicht, wie unzulänglich die Maßnahmen zum Erhalt der Biodiversität seit Jahrzehnten sind. Eindrückliches Beispiel sind die 2010 im Rahmen der Konvention über die biologische Vielfalt (CBD) verabschiedeten Aichi-Ziele. Die CBD ist eine von drei Konventionen zum Schutz der Umwelt, die auf dem Erdgipfel der Vereinten Nationen im Jahr 1992 im brasilianischen Rio de Janeiro verabschiedet wurde. Im japanischen Aichi verständigten sich die Vertragsstaaten der CBD im Jahr 2010 darauf, im Zeitraum von 2011 bis 2020 insgesamt 20 spezifische Ziele zum Erhalt der biologischen Vielfalt umzusetzen. Kein einziges der 20 Ziele wurde vollständig umgesetzt. Fehlende Finanzierung‘ war allenthalben schnell als Hauptgrund für die mangelnde Umsetzung ausgemacht.

Im Jahr 2022 verabschiedete die Konferenz der Vertragsstaaten (COP) der Konvention über die Biologische Vielfalt ein Folgeabkommen, das Kunming-Montreal Global Biodiversity Framework (GBF). Das Abkommen verpflichtet die Vertragsstaaten der CBD, bis 2030 insgesamt 23 Maßnahmen umzusetzen, die den bedrohlichen Verlust von Biologischer Vielfalt verlangsamen und geschädigte Ökosysteme renaturieren sollen; zudem schreibt das Abkommen vier langfristige Ziele fest, die bis 2050 erreicht werden und so langfristig zum Erhalt der Biologischen Vielfalt beitragen sollen; des Weiteren verpflichten sich Industriestaaten, Länder des Globalen Südens finanziell bei der Umsetzung des GBF zu unterstützen. Dazu beitragen soll auch ein neuer globaler Naturschutzfonds, der Global Biodiversity Framework Fund (GBFF). Der GBFF ist vorübergehend bei der - treuhänderisch von der Weltbank verwalteten - Globalen Umweltfazilität (Global Environment Facility, GEF) angesiedelt. Die Frage, wie die benötigten Geldflüsse zur Umsetzung des GBF mobilisiert werden sollen, wurde zum zentralen Thema der 16. Vertragsstaatenkonferenz in Kolumbien (COP16) im Jahr 2024.

Das GBF treibt Finanzialisierung von Natur voran

Im Diskurs um die Biodiversitätskrise hat sich das Narrativ etabliert, Biologische Vielfalt werde zerstört, weil ihr ökonomischer Wert für Wirtschaft und Finanzmarkt nicht sichtbar sei, und dass zudem eine riesige Lücke in der Finanzierung von Maßnahmen zum Erhalt von Biologischer Vielfalt klaffe, die durch öffentliche Gelder allein nicht zu schließen sei.

Das Global Biodiversity Framework-Abkommen der CBD (GBF) übernimmt das Narrativ einer gigantischen Finanzierungslücke für Biodiversitätsschutz, die nur durch die Mobilisierung von Privatkapital und am Kapitalmarkt orientierten Instrumenten zu schließen sei. Ziel D (Goal D) des Abkommens verpflichtet die Vertragsstaaten, bis 2050 die angenommene „Finanzierungslücke für Biodiversität“ von 700 Milliarden US-Dollar pro Jahr zu schließen, während Vorgabe 19 (Target 19) vorsieht, die globale Finanzierung zum Erhalt der biologischen Vielfalt bis 2030 auf 200 Milliarden US-Dollar pro Jahr zu erhöhen. 30 Milliarden davon sollen Industriestaaten im Rahmen der bilateralen Zusammenarbeit ab 2030 jährlich zur Verfügung stellen, die übrigen 170 Milliarden US-Dollar sollen aus unterschiedlichen Quellen mobilisiert werden. Finanzierungsansätze, die Privatkapital mobilisieren und Kapitalmärkte nutzen, werden im GBF explizit genannt:

„Leveraging private finance, promoting blended finance, implementing strategies for raising new and additional resources, and encouraging the private sector to invest in biodiversity, including through impact funds and other instruments; …. [s]timulating innovative schemes such as payment for ecosystem services, green bonds, biodiversity offsets and credits.“ Target 19 c,d., Decision 15/4 of the CBD. Kunming-Montreal Global Biodiversity Framework 

Mit der Verabschiedung des GBF waren 2022 die inhaltlichen Eckpunkte der CBD zum Erhalt der Biologischen Vielfalt für die kommenden Jahrzehnte beschlossen, die vermeintliche Finanzierungslücke bis 2050 auf jährlich 700 Milliarden US-Dollar beziffert und die Bedeutung (Finanz-)marktbasierter Instrumente im Abkommen verankert. Damit stand auf der Folgekonferenz (COP16) im Jahr 2024 in Kolumbien das Wie der Finanzierung im Fokus: Mittels welcher Ansätze und Instrumente sollten gigantische 700 Milliarden US-Dollar jährlich für die Finanzierung von Maßnahmen zum Erhalt der Biologischen Vielfalt mobilisiert werden?

Was sich im GBF andeutet, verdichtete sich auf der Folgekonferenz: Die auf der COP16 beschlossene Strategie zur Ressourcenmobilisierung räumt (finanz)marktbasierten Ansätzen wie Biodiversitätsbanken, „debt-for-nature swaps“, grünen Anleihen, über Kapitalmarktinvestitionen finanzierte Naturschutzfonds und Kompensationsmärkten einen großen Raum ein, ohne diese explizit zu nennen. Im Abschnitt‚ neue und zusätzliche Mittel‘ verweist zum Beispiel lediglich der Link in einer Fußnote zum Begriff „innovative Ansätze“ („innovative schemes“) darauf, dass es sich bei diesen „innovativen Ansätzen“ vor allem um (finanz)marktbasierte Ansätze und Instrumente handelt.

Absatz 6(c) /Annex I der Strategie unterstreicht die Bedeutung der bereits in Vorgabe 19 des GBFs genannten Finanzmarktinstrumente (siehe oben), indem die Formulierung im Wortlaut in die Strategie übernommen wird.

Das UN-Umweltprogramm (UNEP) spricht von einer „neuen Ära der Biodiversitätsfinanzierung“, internationale Naturschutzorganisationen wie The Nature Conservancy feierten die Beschlüsse als bahnbrechend. Sie profitieren von den propagierten Finanzmarktinstrumenten wie zum Beispiel „ debt-for-nature swaps“ und arbeiten eng mit Finanzmarktakteuren an der Entwicklung dieser Ansätze und Instrumente.


Biodiversität wird zum Anlageobjekt für ebenjene Finanzmärkte, die seit Jahrzehnten die Zerstörung von Biodiversität finanzieren.

Organisationen und Netzwerke aus dem globalen Süden warnen hingegen vor einer fortschreitenden Finanzialisierung von Natur, bei der (vermeintlicher) Biodiversitätsschutz immer mehr zu einem Geschäftsmodell wird, das darauf abzielt, neue Einkommensströme für private Investoren zu generieren und die territoriale Autonomie der Indigenen Bevölkerung und traditioneller Gemeinschaften gefährdet. Die Festschreibung der vermeintlichen Finanzierungslücke auf 700 Milliarden US-Dollar jährlich im GBF und die Legitimierung von (Finanz-)marktbasierten Instrumenten und Ansätzen als Mittel diese gigantische Lücke zu schließen, mache Biodiversität erst recht zum Anlageobjekt für ebenjene Finanzmärkte, die seit Jahrzehnten die Zerstörung von Biodiversität finanzieren. Experten verweisen zudem auf interessengeleitete und unplausible Annahmen, die den Berechnungen der vermeintlichen Finanzierungslücke zugrunde liegen (siehe nächster Abschnitt) und auf fehlende Erfolgsnachweise vieler der seit nunmehr zwei Jahrzehnten propagierten Finanzmarkt-basierten Ansätze und Instrumente.

Kurz erwähnt sei der Beschluss der 16.Vertragsstaatenkonferenz, mit dem Cali-Fund einen Fonds einzurichten, in den Unternehmen u.a. aus der Pharma-, Nahrungsmittel-, Chemie- und Kosmetikindustrie 0,1 Prozent hres Umsatzes oder 1,0 Prozent ihrer Gewinne aus der Nutzung von natürlichen Gensequenzen einzahlen sollen, die sie zur Herstellung und Erforschung neuer Produkte verwenden. Die Beiträge sollen u.a. zur Umsetzung der Ziele und Maßnahmen des GBFs genutzt werden. Mindestens 50 Prozent der Mittel des Cali-Fonds sollen dabei Indigenen Völkern und lokalen Gemeinschaften zugutekommen, um deren‚ Rolle als Hüter der biologischen Vielfalt anzuerkennen‘, so das CBD-Sekretariat. Der bereits im GBF angelegte Fonds brachte eine Rekordzahl von über 1,200 registrierten Lobbyisten ebenjener Branchen zur COP16. Eine Verpflichtung der Unternehmen gab es am Ende nicht; die Einzahlung in den Fonds soll freiwillig geleistet werden, so der COP16-Beschluss. Stand September 2025 ist der Fonds jedoch noch leer.

Was steckt hinter dem Narrativ Finanzierungslücke?

Die in Ziel D des GBFs festgeschriebene Finanzierungslücke von 700 Milliarden US-Dollar, die sich die Vertragsstaaten verpflichten, bis 2050 zu schließen, geht maßgeblich auf den Bericht Financing Nature: Closing the Global Biodiversity Financing Gapzurück. Der Bericht wurde im Vorfeld der CBD COP15 zu einer der meistzitierten Publikationen zum Thema Biodiversitätsschutz, und wurde von zahlreichen namhaften Vertreter*innen der Finanzbrache als‚ Meilenstein‘ empfohlen.

Erstellt wurde der Bericht von drei US-amerikanischen Organisationen: Dem vom ehemaligen US-Finanzminister und Goldmann Sachs-Mitarbeiter Henry Paulson gegründeten Paulson Institute; der weltweit größten Naturschutzorganisation The Nature Conservancy, die 2024 netto-Vermögenswerte in Höhe von fast 10 Milliarden US-Dollar deklarierte und der zum Zeitpunkt der Veröffentlichung des Berichts ebenfalls ein ehemaliger leitender Mitarbeiter von Goldman Sachs vorstand; und dem vom ehemaligen Vizepräsidenten von JP Morgan gegründeten Thinktank Cornell Atkinson Center for Sustainability.

Um den weltweiten Verlust der biologischen Vielfalt zu verlangsamen und zu stoppen, müssen wir unsere Beziehung zur Natur grundlegend überdenken und unsere Wirtschaftsmodelle und Marktsysteme umgestalten,“ heißt es in der Einführung. Der Bericht geht im Weiteren dann jedoch weder näher darauf ein, wie eine solche neue Beziehung aussehen könnte, noch wie Wirtschaftsmodelle und Marktsysteme umgestaltet werden sollen. Stattdessen lautete die Botschaft von Financing Nature : Für den Erhalt der biologischen Vielfalt muss deutliche mehr Geld ausgegeben werden – das der Finanzmarkt zur Verfügung stellen kann. Biologische Vielfalt wird als Anlageobjekt am Finanzmarkt angepriesen.

Der Wissenschaftler André Standing weist darauf hin, dass in den letzten Jahren mehrere solcher „Lückenberichte“ veröffentlicht wurden. Seit Ende der 2000er Jahre haben unter anderem die IUCN, UNEP, OECD und WWF, meist in Zusammenarbeit mit Banken wie Credit Suisse und Unternehmensberatungen wie McKinsey, Berichte über Finanzierungslücken erstellt. Die Berichte folgen dabei einem Schema: Es bestehe eine Finanzierungslücke, die so groß ist, dass sie mit öffentlichen Mitteln unmöglich geschlossen werden könne und daher Privatkapital „mobilisiert“ werden müsse. Die Empfehlungen umfassen stets Strategien wie die „Mischfinanzierung“ öffentlicher Gelder mit privaten Investitionen („blended finance“) und eine Ausweitung von Instrumenten, die auf Investitionen am Kapitalmarkt setzen.

Diesem Muster folgt auch der Financing Nature -Bericht, nach dessen Vision die globalen Kapitalmärkte den Großteil der Finanzmittel für den Erhalt der biologischen Vielfalt bereitstellen. Die Popularität des Berichts verdeckt dabei Kritik an den Berechnungen, welche die Seriosität sowohl der Erfassungsmethoden zur Bestimmung der aktuellen Ausgaben für den Erhalt der Biologischen Vielfalt als auch der Projektion in Frage stellt. So sind in den aktuellen Ausgaben für Biodiversitätsschutz auch Milliarden an US-Dollar für die umstrittene Biodiversitätskompensation oder "grüne" Anleihen eingerechnet, deren Beitrag zum Biodiversitätsschutz vielfach angezweifelt wird. Die Methodik bläht die Zahlen bereits bei der Bestimmung des Ist-Zustands auf. Während Financing Nature die aktuellen globalen Ausgaben für den Erhalt von Biodiversität auf 124 bis 143 Milliarden US-Dollar schätzt, geht die KfW von jährlichen Ausgaben für Biodiversitätsschutz in Höhe von 100 Milliarden US-Dollar aus. „Die Behauptung, dass Regierungen, internationale Organisationen, private Stiftungen und das Privatkapital jährlich etwa 140 Milliarden US-Dollar für Mechanismen zur Förderung der Biodiversität ausgeben, ist falsch. Die Autoren von „ Financing Nature ” ignorieren sämtliche Literatur, die die Zuverlässigkeit der zugrunde liegenden Daten in Frage stellt,“ so der Experte André Standing in einem Interview.

Eine solche interessengeleitete Bilanzierung eröffnet [...] ein weites Feld neuer Anlagemöglichkeiten, bildet aber den tatsächlichen Zustand [...] in keiner Weise ab.

Gleichzeitig berücksichtigt der Financing Nature -Bericht – und somit auch Ziel D des GBFs - die Beiträge und Ausgaben von Millionen Indigener Völker, Kleinbauernfamilien und Fischer*innen zum Erhalt der Biologischen Vielfalt nicht. Ihr finanzieller Beitrag zum Biodiversitätsschutz wird so unsichtbar gemacht. Eine solche interessengeleitete Bilanzierung eröffnet vor allem Vermögensverwaltungsgesellschaften / Investmentfonds ein weites Feld neuer Anlagemöglichkeiten, bildet aber den tatsächlichen Zustand und die Verteilung von Bemühungen – auch finanziellen – zum Erhalt von Biologischer Vielfalt in keiner Weise ab.

Ansätze und Instrumente zur Finanzi(alisi)erung von Biodiversitätsschutz

Wie eingangs erwähnt, beschreiben das GBF und Berichte wie Financing Nature finanzmarktbasierte Ansätze und Instrumente beim Schutz von Biodiversität als vielversprechende und ergiebige neue Finanzierungsquellen, die die bestehende Lücke bei der Finanzierung von Naturschutzmaßnahmen und dem Erhalt der Biologischen Vielfalt schließen helfen sollen. Dies ist umso erstaunlicher, als Pilotprogramme und bestehende Erfahrungen etwa mit Biodiversitätsbanken, Biodiversitätszertifikaten und Kompensationsinstrumenten wie REDD zahlreiche Risiken und inhärente Widersprüche und keine nennenswerten Erfolge im Einsatz solcher Instrumente für Biodiversitätsschutz hervorgebracht haben. Dennoch tritt – zumindest im öffentlichen Diskurs - die Rolle von Mitteln aus öffentlichen Haushalten zunehmend in den Hintergrund. Sie stellten über Jahrzehnte die Hauptquelle zur Finanzierung von „Naturschutz“ dar; im Gegensatz zu den finanzmarktorientierten Instrumenten spielten aus öffentlichen Mitteln finanzierte Programme eine entscheidende Rolle zum Beispiel bei der Demarkierung Indigener Territorien und der Anerkennung kollektiver Landrechte für traditionelle Gemeinschaften - nachweislich effektive Maßnahmen zum Erhalt der Biologischen Vielfalt.

Seit der Verabschiedung des Global Biodiversity Framework Abkommens hat die Zahl der Pilotprogramme, Modellprojekte und Initiativen kommerzieller Anbieter für handelbare Biodiversitätszertifikate, Debt-for-Nature Swaps 2.0’ (Schuldenumschichtungen zur Finanzierung von Naturschutz) und strukturierte Anlagefonds stark zugenommen. Auch Ansätze und Instrumente an der Schnittstelle von Biodiversitäts- und Klimaschutz haben an Bedeutung gewonnen. Insbesondere REDD und der Tropical Forest Forever Facility (TFFF) wird nicht nur ein Beitrag zum Klimaschutz sondern auch zum Biodiversitätsschutz zugeschrieben. Das von der Regierung Großbritanniens unterstützte ‚Biodiversity Finance Trends Dashboard 2025‘ gibt an, dass 89 Prozent der bilateral finanzierten Maßnahmen zum Erhalt von Biodiversität auch ein Beitrag zum Klimaschutz angegeben, während für 22 Prozent der bilateralen Klimafinanzierung auch ein Beitrag zum Biodiversitätsschutz gewiesen wird.

Im folgenden Abschnitt werden einige der kontroversesten Instrumente, Ansätze und Initiativen kurz vorgestellt.

Biodiversitätszertifikate

Biodiversitätszertifkate (oft auch als Biodiversitätsgutschriften bezeichnet) sind handelbare Nachweise, die angeblich „messbare Naturschutzergebnisse“ (‚measurable conservation outcomes’) repräsentieren – wie beispielsweise den Schutz einer bestimmten Art oder eines natürlichen Lebensraums, oder Teilen davon. Unternehmen können diese Zertifikate kaufen, i.d.R. von privaten Anbietern - zum Beispiel um freiwillige Nachhaltigkeitsziele zu erfüllen. Immer häufiger dienen Biodiversitätszertifikate jedoch dazu, Finanzierung oder Genehmigungen für Vorhaben zu erhalten, die gesetzlich geschützte Lebensräume oder gefährdete Arten zerstören. Biodiversitätszertifikate erlauben es Unternehmen in solchen Fällen, naturzerstörende Vorhaben auch dort umzusetzen, wo bestehende gesetzliche Regelungen solche Vorhaben ausschließen.

Biodiversitätszertifikate (‚biodiversity offsets‘ / biodiversity credits‘ / ‚nature credits‘) stehen seit ihrer Einführung in der Kritik (siehe auch Dossier Neue Ökonomie der Natur). Erst im Oktober 2025 haben über 300 Organisationen eine Erklärung unterzeichnet, in der sie fordern, die Entwicklung von Biodiversitätsgutschriften und -kompensationen einzustellen. Die Argumente der Kritiker*innen sind vielfältig. Das Spektrum reicht von grundsätzlichen Einwänden, dass der Ansatz notwendigerweise einzigartige Natur auf handelbare Einzelteile reduziert und die Komplexität von Ökosystemen verkennt bis hin zu empirischen Untersuchungen, die belegen, dass Projekte, die Biodiversitätszertifikate generieren, ihre anvisierten Ziele oft verfehlen, aber dennoch Zerstörung von biologischer Vielfalt an anderer Stelle rechtfertigen.

Das GBF von 2022 ist das erste offizielle Dokument einer CBD-Vertragsstaatenkonferenz, das den umstrittenen Ansatz explizit erwähnt.

Der Internationale Beirat für Biodiversität Credits (International Advisory Panel on Biodiversity Credits, IAPB) ist eine der einflussreichsten Initiativen zur Finanzialisierung von Biodiversitätsschutz. Der Beirat fordert insbesondere der Einführung von international handelbaren Biodiversitätszertifikaten. Initiiert von den Regierungen Frankreichs und Großbritanniens, gehören das Weltwirtschaftsforum, IUCN, die Lobbygruppe NatureFinance, die französische Bank BNP Paribas, die Consultingfirma EY, die Taskforce on Nature-related Financial Disclosures (TNFD), die US-amerikanische Naturschutzorganisation The Nature Conservancy und die Science Based Targets Initiative (SBTi) der Initiative an. Im Mai 2025 veröffentlichte der Beirat Grundsätze für die Umsetzung eines internationalen Handels mit Biodiversitätszertifikaten ( High-level Principles to Guide the Biodiversity Credit Market).

Auch die ‚Biodiversity Credit Alliance‘ unterstützt den internationalen Handel mit Biodiversitätszertifikaten. Die Allianz wurde während der CBD COP15 mit Unterstützung des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen (UNDP), der Finanzinitiative des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP FI) und der schwedischen Gesellschaft für internationale Entwicklungszusammenarbeit (SIDA) ins Leben gerufen. Ihre Mitglieder sind überwiegend Betreiber von Projekten, die Biodiversitätszertifikate generieren und auf die Schaffung eines globalen Marktes für Biodiversitätszertifikate drängen.

Die Europäische Kommission legte ein ‚Naturkredite‘-Programm auf und veröffentlichte im Juli 2025 eine "Roadmap towards Nature Credits" Ein NRO-Bericht dokumentierte bereits kurz nach Umsetzungsbeginn umfassende Mängel bei den ersten Modellprojekten des ‚Naturkredite-Programms.‘

REDD als Ideengeber für den internationalen Handel mit Biodiversitätszertifikaten

Seit nunmehr 20 Jahren wird REDD als großer Hoffnungsträger für eine Verbindung von Wald- und Klimaschutz propagiert. REDD steht für „Verringerung von Emissionen aus Entwaldung und Waldschädigung sowie die Rolle des Waldschutzes, der nachhaltigen Waldbewirtschaftung und des Ausbaus des Kohlenstoffspeichers Wald in Entwicklungsländern“ („Reducing Emissions from Deforestation and Forest Degradation and the role of conservation, sustainable management of forests and enhancement of forest carbon stocks in developing countries“). Dem ab 2005 im Kontext der internationalen Verhandlungen zum Klimaschutz entwickelten Instrument wird zudem ein entscheidender Beitrag zum Biodiversitätsschutz zugeschrieben, indem es den Erhalt von Wäldern als Lebensraum für unzählige Arten fördert.

Die Grundidee von REDD ist es, durch leistungsbasierte Zahlungen bzw. handelbare Kompensationsgutschriften finanzielle Anreize zu schaffen, um Entwaldung – und die damit verbundenen CO2-Emissionen – zu reduzieren und Wiederaufforstung zu fördern. Handelbare Kompensationsgutschriften wurden zur Hauptfinanzierungsquelle von REDD, und das Instrument als Ablasshandel und Vermarktung der Natur kritisiert.

Der REDD-Ansatz blieb den Nachweis schuldig, einen nennenswerten und nachweisbaren Beitrag zum Walderhalt leisten zu können.

Auch nach 20 Jahren Förderung von Pilotprogrammen in Millionenhöhe und finanzieller und technischer Unterstützung bei der Umsetzung von REDD Programmen und Privatsektorprojekten blieb der REDD-Ansatz den Nachweis schuldig, einen nennenswerten und nachweisbaren Beitrag zum Walderhalt leisten zu können. Gleichzeitig wuchs die Liste der Konflikt- und Skandalprojekte stetig an. Aus Klimaschutzperspektive besonders problematisch ist die durch zahlreiche Studien belegte Annahme, REDD habe millionenfach Phantomgutschriften generiert, die statt zur Verringerung gar zum Anstieg von Treibhausgasen in der Atmosphäre beigetragen haben. 17 namhafte Wissenschaftler*innen kritisieren die „romantisierenden Narrative“ von REDD und fassen die in den vergangenen Jahren immer lauter gewordene Kritik im Jahr 2025 in ‚Demystifying the romanticized narratives about carbon credits from voluntary forest conservation‘ zusammen. Dennoch sehen insbesondere Verfechter*innen eines internationalen Handels mit Biodiversitätszertifikaten im Handel mit REDD-Zertifikaten einen Wegbereiter für globale Biodiversitätsmärkte.

Auch Programme, die Waldschutz durch Zahlung von sogenannten Ökosystemleistungen (‚payments for ecosystem services‘, PES) fördern, wurden mit zunehmender Dominanz von REDD in Finanzierungsinstrumente umgebaut, bei denen Zahlungen an den Nachweis von CO2-Emissionsminderung geknüpft sind. Beispiele hierfür sind das Amazonien-Pilotprojekt „ Floresta+ Amazônia” und der Amazonienfonds für Wald- und Klimaschutz in Brasilien, den auch die Bundesregierung seit Jahren finanziell unterstützt.

Strukturierte Fonds und Conservation Trust Funds

Strukturierten Fonds und Conservation Trust Funds wird eine wesentliche Rolle bei der Finanzierung der im Global Biodiversity Framework festgelegten Ziele zugeschrieben. Die GEF der Weltbank sieht solche Fonds als „Katalysator für innovative Finanzinstrumente“, wie Debt-for-Nature Swaps und private Investitionen in den Naturschutz.

Internationale Naturschutzorganisationen wie The Nature Conservancy, Conservation International und die Wildlife Conservation Society legen – oft in Zusammenarbeit mit Banken wie Credit Suisse oder JP Morgan – ebenfalls vermehrt strukturierte Fonds auf, die Gewinne am Kapitalmarkt generieren. Über diese Gewinne werden dann u.a. Naturschutzprojekte der jeweiligen Organisationen finanziert.

Auch die deutsche Entwicklungszusammenarbeit setzt zunehmend auf solche Fonds. Laut KfW haben „Conservation Trust Funds den Naturschutz konzeptionell und finanziell auf eine neue Stufe gehoben.“ Die KfW fördert (Stand: November 2025) 16 Naturschutzfonds mit einem Gesamtvolumen von rund einer Milliarde Euro. Besonders umstritten ist der 2020 von der KfW im Auftrag des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) gegründete Weltnaturerbefonds (Legacy Landscapes Fund, LLF). Recherchen in den vom LLF unterstützten Nationalpark Odzala-Kokoua in der Republik Kongo deckten 2022 schwere Menschenrechtsverletzungen durch bewaffnete Parkranger gegen Anrainer auf. Obwohl eine externe Untersuchung durch eine internationale Anwaltskanzlei Mitte 2025 die Vorwürfe bestätigte, hält der Fonds an einer weiteren Finanzierung fest.

Tropical Forest Forever Facility (TFFF)

Die ‚Tropical Forest Forever Facility‘ (TFFF) wird als innovativer neuer Finanzierungsansatz gepriesen, um den Erhalt von Tropenwäldern zu finanzieren. Einlagen in Höhe von 25 Milliarden US-Dollar aus öffentlichen Geldern und von Stiftungen sollen genutzt werden, um über einen neu geschaffenen Investmentfonds – den Tropical Forest Investment Fund (TFIF) – etwa 100 Milliarden US-Dollar an privatem Kapital zu mobilisieren und am Kapitalmarkt anzulegen. So sollen jährlich bis zu vier Milliarden US-Dollar für den Erhalt von Tropenwäldern an Länder im Globalen Süden ausgezahlt werden können. Zugang zu diesen Auszahlungen erhalten Tropenwaldländer nur, wenn sie nachweisen können, dass ihre Entwaldungsrate unter einen festgelegten Schwellenwert (0,5 Prozent) gesunken ist, sie über transparente Mechanismen zur Mittelverwendung verfügen und verlässliche Methoden zur Messung der Waldfläche anwenden.

Der TFFF nutzt die erdrückende Schuldenlast der Länder im globalen Süden aus.

Kritik am TFFF kommt bisher vor allem von Sozialen Bewegungen und Organisationen im globalen Süden. Sie lehnen das Investitionsmodell des Fonds ab, das unter anderem den Ankauf von Staatsanleihen von Ländern des Globalen Südens vorsieht. Statt die langjährige Forderung nach einem Erlass illegitimer Schulden von Ländern im Globalen Süden zu unterstützen, nutzt der TFFF die erdrückende Schuldenlast der Länder im globalen Süden aus, um die erhofften Milliardenbeträge aufzubringen. Der TFFF sei deshalb ein Instrument, das Renditen für private Investoren auf dem Rücken hochverschuldeter Länder im Globalen Süden generiere, und für deren Verschuldung die Nutznießer im Globalen Norden eine Mitverantwortung tragen. Die Organisation Third World Network hat auf diesen "Widerspruch in der Finanzierung [des TFFF]" hingewiesen: Die Kapitalmarktgewinne, die den Schutz tropischer Wälder finanzieren sollen, stammen größtenteils aus den Entwicklungsländern selbst, deren historisch illegitime Schuldenlast sie mit hohen Schuldentilgungskosten belastet. Die britische Organisation CornerHouse beschreibt den TFFF als Instrument, das darauf ausgelegt sei, „Vermögen vom Süden in den Norden zu transferieren.“

Fazit: Natur zum Anlageobjekt zu machen wird Biodiversitätskrise nicht aufhalten

Die Risiken sind dabei enorm.

Das Kunming-Montreal Abkommen zum Erhalt der Biologischen Vielfalt setzt auf die unbelegte Hypothese, dass sich die Biodiversitätskrise mit mehr Geld stoppen lässt. Die ‚systemblinde‘ Ursachenanalyse führt zu Lösungsansätzen, die auf Biodiversität als Anlageobjekt am Kapitalmarkt setzen, statt die Ursachen von Naturzerstörung zu bekämpfen. Die Risiken sind dabei enorm, wie die Erfahrung mit dem „REDD“-Ansatz eindrücklich zeigt: REDD wurde mit der Begründung eingeführt, Entwaldung können beendet werden, wenn nicht nur Waldzerstörung, sondern auch dessen Schutz Profite generiere. Auch 20 Jahre nach der Einführung von REDD fehlen empirische Belege für den postulierten positiven Beitrag des Ansatzes zum Klimaschutz und die globale Waldzerstörung geht nahezu ungebremst weiter.

Gleichzeitig sind die Defizite im Ansatz, Konflikte in der Umsetzung - insbesondere in Verbindung mit den Einschränkungen von kleinbäuerlicher Landwirtschaft durch die Betreiber von REDD-Projekten - und nicht enden wollende Skandale um den klimaschädigenden Handel mit ‚heiße Luft‘-Zertifikaten aus REDD-Projekten inzwischen sehr umfassend belegt. Diese Erfahrungen und empirischen Belege gilt es zu stärken, anstatt sie zu ignorieren und auf gescheiterte Ansätze wie REDD und Biodiversitätszertifikate zu setzen, oder der Finanzierung von Waldschutz unhinterfragt voranzutreiben.

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