Insektensterben global: Eine Krise ohne Zahl

Insektenatlas

Der Rückgang von Insektenpopulationen und -arten ist vielfach belegt. Die Wissenschaft ist sich auch über den negativen Einfluss der Landwirtschaft einig. Unklar ist, welche Aussagen sich verallgemeinern lassen.

Grafik: Aussagen über den Insektenrückgang in 73 Studien (Stand 2019)
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Viele Studien über Insekten sind artspezifisch und räumlich sehr spezialisiert. Globale Aussagen sind oft nicht sinnvoll. Aber Trends sind eben doch zu erkennen.

Verglichen mit Säugetieren, Pflanzen, Vögeln und Fischen sind Insekten kaum erforscht. Erst ein kleiner Teil weltweit ist überhaupt klassifiziert. Besonders wenig untersucht sind Vorkommen und Entwicklung über einen längeren Zeitraum außerhalb der USA und Europas.

Einig ist sich die Wissenschaft über den Rückgang einiger gut erforschter Arten wie zum Beispiel dem Monarchfalter, einiger Motten- und Schmetterlingsgruppen und einigen Arten von Bienen und Käfern – vor allem in Westeuropa und Nordamerika. Wissenschaftlicher Konsens ist auch, dass die Artenvielfalt in vielen Regionen der Welt abnimmt, während sich die Anzahl und das Gewicht der Tiere sehr verschieden entwickeln, abhängig von Region, klimatischer Veränderung, Landnutzung und der Anpassungsfähigkeit der Art.

Eine wissenschaftlich belegte Zahl zum globalen Insektenrückgang gibt es nicht. Eine erste Überblicksstudie der Universität Sydney aus dem Jahr 2018 trug die Ergebnisse regionaler Forschungen zusammen. Demnach nimmt die Population von 41 Prozent der Insektenarten ab, und ein Drittel aller Insektenarten ist vom Aussterben bedroht. Unter dem Vorbehalt einer noch relativ dünnen Datenlage errechneten die Forscher einen jährlichen Verlust von 2,5 Prozent der globalen Insektenbiomasse. Die meisten der ausgewerteten Untersuchungen kommen aus Europa, einige aus Nordamerika, die wenigsten aus Asien, Afrika oder Lateinamerika. Diese Lücken stießen auf Kritik. Außerdem seien Untersuchungen zu wenig berücksichtigt, die über eine positive Entwicklung von Insekten berichten. Dem Weltbiodiversitätsrat IPBES zufolge ist der Anteil der bedrohten Insektenarten weltweit eine unbekannte Größe. Anhand der vorhandenen Daten schätzt er die bedrohten Arten vorsichtig auf zehn Prozent.

Insektenatlas 2020

Cover_Insektenatlas 2020

Insektenatlas 2020

Auf jeden Menschen dieser Erde kommen rund 1,4 Milliarden Insekten. Trotzdem sind sie massiv bedroht. Es mag an dieser unerschöpflich scheinenden Masse liegen, dass das Ausmaß der Gefahr viel zu lange kaum Beachtung fand.  Dabei ist ein großer Teil der Pflanzenwelt auf die fleißige Bestäubung der Insekten angewiesen. Der Insektenatlas 2020 präsentiert in 20 Kapiteln Vorschläge und Lösungen für Insektenschutz.

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Grafik: Arten von Laufkäfern (Carabidae) und Käfern in Neuseeland im Vergleich, jeweils in Prozent nach Eigenschaften
Die neuseeländischen Laufkäfer sind vor allem durch die Ausdehnung der Viehweiden für die Milchwirtschaft bedroht.

Studien belegen, dass in Europa und Nordamerika die Vielfalt und die Menge von Nachtfaltern (Motten), Schmetterlingen, Käfern, Wildbienen und anderen Insekten regional unterschiedlich, aber deutlich zurückgehen. Einzelne Analysen aus anderen Teilen der Welt beschreiben denselben Trend. So weist eine Untersuchung nach, dass auf der Karibikinsel Puerto Rico über einen Zeitraum von 36 Jahren die Biomasseverluste von Arthropoden im Regenwald zwischen 78 Prozent und 98 Prozent lagen; zu den Arthropoden gehören nicht nur Insekten, sondern auch Spinnen, Skorpione und Tausendfüßer. Auch Studien aus Madagaskar und Neuseeland sowie die Roten Listen der UN-Weltnaturschutzunion (IUCN) zeigen, dass Insektenarten weltweit bedroht sind. Gleichzeitig weisen Arbeiten vor allem aus kälteren Regionen darauf hin, dass dort die Menge der Insekten zunimmt. So geht aus Untersuchungen in Russland hervor, dass die Anzahl der Springschwänze in der Tundra mit steigenden Temperaturen zugenommen hat.

Insekten verschwinden vor allem von Äckern, Feldern und intensiv genutzten Wiesen. In Neuseeland ist seit den frühen 1960er-Jahren die Mottenpopulation in Graslandschaften um 60 Prozent zurückgegangen, bei intensiver Nutzung mit hoher Tierdichte sogar um 90 Prozent. In Deutschland, so schreibt die Deutsche Akademie der Naturforscher Leopoldina in Halle (Saale), nahm die Häufigkeit von Arten in Agrarlandschaften um etwa 30 Prozent ab. In Wäldern, Feuchtgebieten und Siedlungsräumen blieb die Zahl hingegen stabil oder stieg sogar wieder an.

Wissenschaftlicher Konsens ist, dass die Landwirtschaft einen negativen Einfluss auf Insekten hat. Landwirtschaftliche Flächen werden weltweit immer intensiver genutzt. Um mehr Ertrag pro Hektar zu erwirtschaften, stieg der Einsatz von Düngemitteln und Pestiziden weltweit deutlich. Vor allem aber wandelte sich die Art der Nutzung der Landflächen. In nur 300 Jahren, zwischen etwa 1700 und 2007, ist der Anteil von Acker- und Weideland weltweit jeweils um das Fünffache gestiegen, wobei die Flächen vor allem im 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts ausgeweitet wurden. Die Menschen rodeten Wälder, legten Feuchtgebiete trocken, verwandelten Steppen und Savannen in Äcker und Weiden. Die Tier- und Pflanzenarten, die unberührte Lebensräume benötigen, gingen zurück oder starben aus.

Aber auch noch zwischen 1980 und 2000 entstand mehr als die Hälfte der neuen landwirtschaftlichen Nutzflächen in den Tropen durch die Abholzung von Wäldern, zwischen 2000 und 2010 waren es sogar geschätzte 80 Prozent. Zwei Länder, Indonesien und Brasilien, waren für über 50 Prozent dieses Tropenwaldverlustes verantwortlich. Dabei ist gerade in den tropischen Ländern Asiens und Lateinamerikas die Anzahl und Vielfalt der Insekten besonders hoch. Wichtigste Gründe für die Abholzung: neue Weideflächen für Rinder, Plantagen für die Palmölproduktion und Rohstoffvorkommen dicht unter der Oberfläche.

Grafik: Hauptursachen des Insektenrückgangs entsprechend der Fachliteratur, Verteilung in Prozent
Mehr als die Hälfte aller Fachveröffentlichungen nennt die Veränderung des Lebensraumes als wichtigste Ursache dafür, dass Insekten seltener werden.

Weltweit steigt die Nachfrage nach Agrarprodukten. Die UN-Organisation für Ernährung und Landwirtschaft spricht von 60 Prozent bis 2050. Damit einher gehe eine Ausweitung der Agrarflächen – abhängig von den zunehmenden Erträgen pro Hektar – um bis zu 100 Millionen Hektar. Diese Entwicklung muss aber nicht so kommen. Wenn in Industrieländern weniger Fleisch gegessen wird und Agrarprodukte nicht weiter als Treibstoff verwendet werden, könnte das den Druck auf die Flächen entscheidend verringern.