Vier Handelsriesen kontrollieren heute fast den gesamten deutschen Lebensmitteleinzelhandel. Sie bestimmen, was produziert wird, welche Produkte in Regalen und Tiefkühltheken landen – und wer daran verdient.
In Deutschland sind die Lebensmittelpreise zwischen 2020 und Oktober 2025 um 36,1 Prozent gestiegen – und damit deutlich stärker als die allgemeine Inflation, die in diesem Zeitraum bei 23 Prozent lag. Der größte Preissprung erfolgte im Jahr 2022. Zurückgeführt wurde das häufig auf Engpässe bei bestimmten Waren und steigende Preise für Energie und Agrarrohstoffe nach dem russischen Angriff auf die Ukraine. Doch das kann den Preisanstieg nicht vollständig erklären. Eine bedeutende Rolle spielt auch Spekulation: Unmittelbar nach Beginn der russischen Invasion begannen Investoren, verstärkt in Agrarrohstoffe anzulegen und dadurch die Preise hochzutreiben. Viele Konzerne aus dem Bereich Dünger und Agrarhandel verzeichneten in dieser Zeit Rekordgewinne. Obwohl die Energie- und Agrarrohstoffpreise ab Mitte 2022 wieder deutlich sanken und sich die Lieferbeziehungen normalisierten, blieben die Lebensmittelpreise hoch.
Von gestiegenen Preisen im Laden profitieren die Erzeuger*innen nur geringfügig. Der Handel reicht die Mehreinnahmen nur langsam und unvollständig an Bäuer*innen weiter. Deren wirtschaftliche Situation wird immer schwieriger. Und im Bereich der Lebensmittelverarbeitung geraten selbst mittelständische Unternehmen in Bedrängnis, während Großkonzerne wie Nestlé, Unilever und AB Inbev ihre Gewinne weiter steigern können.
Unter dem Strich profitierten also in erster Linie jene Konzerne, die die Märkte immer stärker unter sich aufteilen können. Die hohe Konzentration zeigt sich sehr deutlich beim Blick auf das letzte Glied der Lieferkette – den Lebensmitteleinzelhandel. Aktuell kontrollieren die vier großen Supermarktketten bereits rund 88 Prozent des Marktes: Aldi, Edeka (mit Netto), Rewe (mit Penny) und die Schwarz-Gruppe (mit Lidl und Kaufland). Im Jahr 1995 lag der Marktanteil der vier Konzerne noch bei 55 Prozent.
Mit ihrer heutigen Marktmacht haben die Supermarktketten ein enormes Druckmittel gegenüber ihren Lieferanten. Sie können ihre Einkaufspreise niedrig halten und gleichzeitig die Preise für Verbraucher*innen erhöhen. Die deutsche Monopolkommission – ein unabhängiges Beratungsgremium der Bundesregierung – warnt in ihrem Sondergutachten 2025 vor dem eingeschränkten Wettbewerb im Lebensmitteleinzelhandel. Aus der Oligopolstruktur folgt, dass sich die Gewinnmargen verschieben: weg von der Landwirtschaft, hin zur verarbeitenden Industrie und vor allem zum Handel.
Der Preisdruck wird an die Landwirtschaft weitergegeben und mindert Einkommen von Bäuer*innen und Löhne von Landarbeiter*innen. Über viele Jahre galt etwa der sogenannte Aldi-Preis als Richtwert für den Preis einer Kiste Bananen, an dem sich der gesamte Einzelhandel orientiert. Oft lag er zu niedrig, um Kosten zu decken, was regelmäßig für Proteste von Anbauverbänden in Lateinamerika sorgte. Auf vielen Plantagen erhalten Feldarbeiter*innen Löhne, die nicht zum Leben reichen. Ihr Alltag ist geprägt von Diskriminierung, Pestizidvergiftungen und Arbeitsrechtsverletzungen. Wer sich gewerkschaftlich organisieren will, wird unter Druck gesetzt oder direkt entlassen.
Angesichts dieser Missstände sollen neue Lieferkettengesetze in Deutschland und der EU dabei helfen, Landarbeiter*innen besser zu schützen. Sie verpflichten Konzerne erstmals, ihre Handelspraktiken zu prüfen und gegen Arbeits- und Menschenrechtsverletzungen vorzugehen. Dass dies tatsächlich funktioniert, belegt ein Fall aus Ecuador: Nach einer Oxfam-Beschwerde im Jahr 2023 musste der Produzent Otisgraf anfangen, Überstunden auszuzahlen. Heute verdienen seine Beschäftigten mehr als doppelt so viel.
Weitergehende Maßnahmen gegen die Übermacht der Handelskonzerne und deren intransparente Preisgestaltung sind ebenfalls dringend nötig, darunter Entflechtungen von marktbeherrschenden Konzernen, um mehr Wettbewerb zu ermöglichen. Die Konzerne bestreiten zwar, die allgemeine Inflation ausgenutzt zu haben, um Preise und damit ihre Gewinnmargen gezielt zu erhöhen. Verantwortlich für Teuerungen seien vielmehr überzogene Forderungen der Markenhersteller. Doch der Branche mangelt es an Transparenz: Deutsche Supermärkte sind nicht börsennotiert und müssen keine Rechenschaft gegenüber Aktionär*innen ablegen. Auch ihre Margenkalkulationen bleiben im Dunkeln. Anders als in Spanien und Frankreich gibt es in Deutschland keine staatlichen Preis- und Margenbeobachtungsstellen, die entlang der Lieferkette vom landwirtschaftlichen Betrieb bis zum Supermarktregal analysieren, wo Preissteigerungen entstehen und übermäßige Gewinne abgeschöpft werden. Einen Hinweis auf Mitnahmeeffekte liefert aber der auffällige Preisanstieg ihrer Eigenmarken, bei denen die Supermärkte eine direktere Kontrolle über Produktion und Preisgestaltung haben. Zwischen 2022 und 2023 verteuerten sich Eigenmarken im Schnitt doppelt so stark wie Markenprodukte.