Resilientes Deutschland: Klimaschutz, Energiewende, Verteidigung zusammen denken

Kommentar

Ausgaben für Klimaschutz werden in Zeiten von Krieg und Bedrohung gerne ausgespielt gegen Investitionen in die Verteidigung. Mit dem Sondervermögen steckt der Staat gerade viel Geld in die Bundeswehr. Doch was wäre, wenn beide Herausforderungen zusammen gedacht und angegangen würden? Auf der Außenpolitischen Jahrestagung der Heinrich-Böll-Stiftung diskutierten Fachleute, wie Deutschland widerstandsfähiger gegenüber drohenden Mehrfachkrisen werden kann. 

Schiff auf ruhigem Wasser, dahinter Windräder und Industrieanlagen; aus einem Schornstein steigt Rauch auf.

In der deutschen Nord- und Ostsee drehen sich gewaltige Rotorblätter beständig im Wind. An diesen Offshore-Windparks lässt sich zeigen, wie eng Klimaschutz, Energiewende und Sicherheit miteinander verknüpft sein können: Die klimafreundliche, lokal produzierte Energie mindert die Abhängigkeit von fossilen Importen – und damit auch die politische Erpressbarkeit, zum Beispiel von Staaten wie Russland. „Der Ausbau erneuerbarer Energien ist nicht nur ökologisch sinnvoll, sondern macht unser Land auch sicherer“, sagt Jan Philipp Albrecht von der Heinrich-Böll-Stiftung. Außerdem könnten die Anlagen ein wichtiger Baustein von Deutschlands neuer Sicherheitsarchitektur werden: Wenn Windräder mit Überwachungskameras und Sensoren ausgestattet und solche Systeme bei neuen Anlagen von Anfang an mitgeplant würden, könnten Windparks auch das Seegebiet überwachen, um etwa feindliche Kriegsschiffe frühzeitig zu entdecken.

Viel Geld für mehr Resilienz

Windparks als Teil der Sicherheitspolitik zu verstehen, folgt dem Ansatz der Gesamtverteidigung: Nicht nur das Militär ist wichtig, sondern auch zivile Akteure und die Widerstandsfähigkeit der gesamten Gesellschaft. Für deren Stärkung steht sogar Geld zur Verfügung: Die NATO-Mitgliedsstaaten haben im Juni 2025 beschlossen, nicht nur 3,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts für Aufrüstung auszugeben, sondern zusätzlich 1,5 Prozent für Infrastruktur und Resilienz. „Genau hier liegt ein wichtiger Hebel. Wir sollten die Politik auffordern, einen Teil dieses Geldes für die Energieinfrastruktur auszugeben“, unterstreicht Stefan Bayer vom German Institute for Defence and Strategic Studies (GIDS). Doch aus Berlin kommen bislang ganz andere Signale: Wirtschaftsministerin Reiche will kleine private Solaranlagen nicht mehr fördern und ermöglicht mit der Lockerung des Heizungsgesetzes den weiteren Einbau von Gas- und Ölheizungen ausgerechnet in dem Moment, in dem die Risiken und Kosten auf den Gas- und Ölmärkten steigen, weil die Straße von Hormus blockiert wird. Dabei hat der Krieg in der Ukraine gezeigt, wie wichtig eine sichere Energieversorgung ist: Russland zerstört gezielt Kraftwerke und Stromnetze. Viele Menschen leiden, weil sie keinen Strom mehr haben und nicht heizen können. In NATO-Mitgliedstaaten und auch in Deutschland stiegen die Energiepreise im Zuge der Angriffe spürbar. Ein dezentrales, erneuerbares Energiesystem ist gegenüber solchen Bedrohungen und fossilen Preisschocks viel resilienter.  

Wir müssen lernen, mit mehreren und auch länger andauernden Krisen zu leben

Dass es längst überfällig ist, Verteidigung ganzheitlich zu planen (und somit die Resilienz der gesamten Gesellschaft zu stärken), zeigt ein Blick auf die vielen globalen Krisen. Extremwetter wird durch die Klimakrise häufiger und heftiger. Die militärische Bedrohung wächst, und gleichzeitig nimmt die Sabotage an wichtiger Infrastruktur zu. Als wäre das nicht genug, treten diese Krisen oft gleichzeitig auf und können sich gegenseitig verstärken, etwa durch Brandstiftungen in Zeiten extremer Hitze und Trockenheit oder durch Cyberangriffe auf das Stromnetz während eines Unwetters. „Wir müssen lernen, mit mehreren und auch länger andauernden Krisen zu leben“, sagt Kathrin Stolzenburg vom Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK). „Das ist die neue Normalität, und sie wird so schnell nicht wieder verschwinden“, erläutert die Expertin.

Kasernen liefern Energie und bieten Bürgern Schutz

Person beugt sich in offenen Kühlschrank. Sprechblase: „Also, hier ist noch eine alte Banane und ein bisschen Tabasco.“ Unten: „Wie lange…?“ (How long…)

Seit der „Zeitenwende“ 2022 ist das Konzept der Gesamtverteidigung zwar in die politische Aufmerksamkeit gerückt, doch die Fachleute nennen eine lange Aufgabenliste, damit die Umsetzung gelingt. Außerdem spielen auch Bereiche wie Zivilschutz eine oft unterschätzte Rolle: „Zum Beispiel sollten Kasernen nicht nur für Soldaten und Soldatinnen da sein, sondern auch der Zivilbevölkerung helfen“, rät Stefan Bayer. „Die Gebäude könnten Menschen in Not im Sommer kühle und im Winter warme Räume bieten.“ Zudem ließe sich auf Kasernendächern Solarstrom erzeugen und die Energie speichern. Kasernen könnten mit Städten vernetzt werden und dazu beitragen, das Stromnetz zu stabilisieren. Die geplanten Verteidigungsausgaben hätten somit einen Nutzen auch in Friedenszeiten.

Außerdem sollte jeder Bürger und jede Bürgerin die Vorsorgeempfehlungen des BBK ernst nehmen und sich Essens- und Wasservorräte für drei bis zehn Tage zulegen. In Schweden erinnert eine jährliche Aktionswoche daran, wie wichtig das ist. „Ich hole dann immer unsere Konserven aus dem Schrank und sage meinen Kindern: ‚Diese Woche essen wir nur von unserem Vorrat‘“, berichtet Karl Torring von der Schwedischen Behörde für Zivilschutz und Resilienz. „Das finden sie nicht toll, aber wir schaffen es jedes Mal bis zum Ende der Woche.“

Von Schweden lernen: Den Zivilschutz stärken

Schweden bereitet auch Unternehmen auf den Krisenfall vor und versendet dazu Broschüren mit Tipps: Unternehmen sollten zum Beispiel ihre Abläufe sichern, damit diese auch funktionieren, wenn Mitarbeitende nicht zur Arbeit kommen können. Generell kann Deutschland viel von Schweden lernen: Im Verteidigungsministerium gibt es etwa neben einem militärischen auch einen zivilen Verteidigungsminister. Auch hierzulande dürfe der Bevölkerungsschutz nicht länger das vernachlässigte Glied sein, fordern die Fachleute. Gebraucht würden größere Notreserven, mehr Fahrzeuge, Sirenen und Schutzräume. Zudem müssten die Rettungsdienste, Feuerwehr und das Technische Hilfswerk häufiger gemeinsam üben, damit die Zusammenarbeit im Ernstfall funktioniert. Bisher lief es oft so, dass die Bundeswehr bei Hochwasser, Bränden oder Stromausfällen half. Doch das muss sich ändern. „Wenn das Militär zu viele zivile Aufgaben übernimmt, fehlen diese Kapazitäten an anderer Stelle“, warnt Karl Torring. „Die Armee muss sich stärker auf die Landes- und Bündnisverteidigung konzentrieren.“ In Schweden sind der zivile und der militärische Bereich deshalb klar getrennt.

Wenn das Militär zu viele zivile Aufgaben übernimmt, fehlen diese Kapazitäten an anderer Stelle

Klare Trennung auf der einen und viel Kommunikation auf der anderen Seite: Bund, Länder, Kommunen und verschiedene Behörden sollten in Sicherheitsfragen enger zusammenarbeiten, gerade weil Naturkatastrophen, Cyberattacken oder militärische Angriffe gleichzeitig auftreten können. „Es muss gelingen, vom Katastropheneinsatz schnell in den Verteidigungsmodus zu wechseln“, fordert Kathrin Stolzenburg.

Dass sich mehrere Anliegen wie militärische Sicherheit, Katastrophen- und Klimaschutz sinnvoll verzahnen lassen, um die Widerstandsfähigkeit eines ganzen Landes zu stärken, zeigt auch das Beispiel Lettland, wo zurzeit trockengelegte Moore im Grenzgebiet zu Russland wieder vernässt werden. Die Idee dahinter: Feuchtgebiete binden klimaschädliches Kohlendioxid und Methan, zudem schützen sie angrenzende Dörfer und Städte vor Überflutung. Und im Ernstfall können sie sogar feindliche Panzer stoppen. Deutschland nimmt gerade große Summen für Verteidigungsausgaben in die Hand. Klug eingesetzt, können sie doppelten oder dreifachen Nutzen haben und Deutschland resilient machen für kommende Krisen.  

Der Beitrag entstand im Rahmen der Außenpolitischen Jahrestagung 2026 unter Mitarbeit von:


Graphic Recording der Themenforen auf der Außenpolitischen Jahrestagung 2026

Die Diskussionen in den drei parallelen Themenforen wurden von den Künstler*innen Mimi Hoang (Forum 1), Tiziana Beck (Forum 2) und Max Baitinger (Forum 3) grafisch festgehalten.

Graphic Record_Sparschwein_energy structure
Lampe ist über ein Leitungsnetz zwischen „Frankreich“ und „Russland“ verbunden. Text: „Wir müssen unsere Abhängigkeit von Fossilen verringern“ (We have…)
Graphic Record_Augen_Parallele Krisen
Graphic Record_Resiliente Makkaroni

 

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