Wie lässt sich die demokratische Republik gegen autoritäre Tendenzen stärken? Die Grüne Akademie setzte die Republikanismus-Debatte fort – zu Bürger*innen-Macht, medialem Strukturwandel und der Rolle der Kommunen. Im Zentrum: die Suche nach einer neuen Sprache für einen gemeinsamen demokratischen Aufbruch.
Unter dem Titel „Die neue Republik. Was stärkt unser demokratisches Gemeinwesen?" knüpfte die Grüne Akademie der Heinrich-Böll-Stiftung bei ihrer Frühjahrstagung 2026 in Berlin an die Debatten der vorangegangenen Herbsttagung an, die gezeigt hatte: Die Idee der Republik stößt auf Resonanz – in der grünen Strömung und darüber hinaus.
Für die Freiheit: Mehr Republik wagen
Für Jan Philipp Albrecht, Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung, und Katharina Schulze, Fraktionsvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen im Bayerischen Landtag, ist die Ausgangsdiagnose ernst: Nur rund 15 Prozent der Weltbevölkerung lebten in vollständigen Demokratien. Zahlreiche Gewissheiten der Nachkriegsordnung seien brüchig geworden; der globale Vormarsch autoritärer Kräfte und die wachsende Macht von Technologie-Oligarchen stellten die Grundlagen demokratischer Selbstbestimmung in Frage. Aus dieser Lage gelte es sich zu befreien – durch eine grundlegende Neuorientierung.
Kern des Vorschlags ist das Bild einer von Bürger*innen getragenen Republik: Die kritische Abwendung vom Staat solle in eine kritische Zuwendung verwandelt werden, denn der Staat gehöre den Menschen, die in ihm leben. Als Querschnittsaufgabe formulierten die Impulsgeber*innen den Aufbau breiterer demokratischer Bündnisse: Räume für strategischen Austausch zwischen demokratischen Kräften, Rollenklärung und kooperative Erarbeitung gemeinsamer Antworten seien ebenso nötig wie die stärkere Einbeziehung gesellschaftlicher Bündnispartner*innen. Die grüne Strömung solle dabei Verantwortung übernehmen und Angebote schaffen, bei denen Menschen ganz konkret Selbstwirksamkeit erfahren können – von lokalen Werkstätten und offenen Treffen über Genossenschaften bis hin zur Übernahme von Ehrenämtern. Diese Angebote sollten nah bei den Menschen entstehen, aber immer verbunden sein mit der Leitidee, dass Bürger*innen ihre politische Freiheit in solchen Räumen, in der Republik erfahren können.
Die grüne Strömung solle Verantwortung übernehmen und Angebote schaffen, bei denen Menschen ganz konkret Selbstwirksamkeit erfahren können – von lokalen Werkstätten über Genossenschaften bis hin zur Übernahme von Ehrenämtern.
Philipp Felsch (GA und Humboldt-Universität Berlin) markierte in seinem Kommentar drei konzeptionelle Spannungsfelder: Erstens die Frage, wie sich republikanische Begriffe wie Verantwortung, Pflicht und Tugend zu einem solchen Freiheitsverständnis verhalten. Zweitens die Adressierungsfrage: Richtet sich ein solcher Impuls an die grüne Strömung, an progressive Mitte-Links-Kräfte, an die Bürger*innen insgesamt oder an ein breites demokratisches Bündnis – und welche Konsequenzen hätte jede dieser Antworten? Drittens eine grundlegende Zieldivergenz: Ist Selbstwirksamkeit ein Wert an sich oder fungiert sie letztlich als Instrument zur Durchsetzung einer bestimmten Modernisierungsagenda – und wie ehrlich geht man mit dieser Unterscheidung um?
Die weitere Aussprache kreiste um die Frage, wie der Republikanismus-Gedanke in eine Sprache übersetzt werden könne, die über den Kreis der Grünen Akademie hinaus Fuß fassen kann – und ob dafür eher der Begriff „Republik" als der des „Republikanismus" tragfähiger sei. Diskutiert wurde auch eine Spannung, die der Impuls selbst aufwirft: Geht es um Selbstwirksamkeit und Engagement als Werte an sich – oder dienen sie letztlich der Durchsetzung einer grünen Modernisierungsagenda? Diese Frage, so die Einschätzung in der Runde, bedürfe weiterer Klärung. Gleiches gelte für die Frage nach bürgerschaftlichen Verpflichtungen, die die Akademie in einer Folgetagung in den Fokus nehmen werde. Deutlich wurde zugleich, dass das persönliche Erleben eines Bruchs zwischen den Hoffnungen der 1990er Jahre und der Gegenwart viele in der Runde verbindet – und dass daraus Dringlichkeit, aber auch Motivation erwächst. Hier gelte es weiter nach dem Verständnis von Bürgerschaft zu fragen, das einem republikanischen Impuls zugrunde zu legen sei.
In parallelen Themenforen vertiefte die Tagung dann zwei Schlüsseldimensionen des republikanischen Projekts.
Zwei Themenforen: Öffentlichkeit und Kommunen
Die Akademie vertiefte zwei Schlüsseldimensionen des republikanischen Projekts in parallelen Themenforen. Themenforum 1 zum digitalen Strukturwandel der Öffentlichkeit und Themenforum 2 zur republikanischen Rolle der Kommunen: Ohne eine demokratisch gestaltete Öffentlichkeit und ohne lebendige kommunale Räume, in denen Bürger*innen das Gemeinwesen als Gestaltungsraum erleben können, wäre ein Neuer Republikanismus konzeptuell nicht zu denken.
Wie sprechen wir über die Republik?
In der Abschlussdebatte über „Wie sprechen wir über die Republik? Bündnispotenziale für Modernisierung in einem gemeinsamen Land" stellte Uwe Schneidewind, der ehemalige Oberbürgermeister von Wuppertal, die Frage in den Mittelpunkt, wie ein republikanisches Projekt kommuniziert werden müsse, das nicht im akademischen Zirkel bleibt. Gute Politik brauche auf gleicher Ebene gute Inhalte und gute Kommunikation – beides dürfe nicht sequenziell, sondern müsse gleichzeitig gedacht werden. Vertrauen entstehe über Personen und Sprache; es gelte, Beobachtungs- und Lernräume zu schaffen, in denen die republikanischen Konzepte an den Erfahrungen von Menschen außerhalb des akademischen Kontexts geerdet werden.
Ein weiterer Diskussionsstrang galt den Bündnispotenzialen: Das republikanische Projekt könne nur dann Breitenwirkung entfalten, wenn es gelingt, über die grüne Strömung hinaus demokratische Kräfte zu versammeln. Dabei sollten Zielkonflikte nicht verdeckt, sondern lösungsorientiert diskutiert werden. Die Nutzung bestehender Netzwerke und der Aufbau neuer Kommunikationsplattformen wurden als strategische Aufgabe benannt. Bei aller inhaltlichen Arbeit sollten, so Stimmen aus der Diskussion, die starken Narrative, die auf Grüne projiziert werden, im Blick behalten werden. Denn diese könnten auch ein republikanisch ausgerichtetes Projekt überlagern, wenn es nicht gelingt, eine neue, breitenwirksame Ansprache zu entwickeln.
Dieser Text wurde mit Unterstützung durch Künstliche Intelligenz erstellt.