Kurz vor der UN-Biodiversitätskonferenz (CBD COP17) rückt die Wiedereröffnung der Goldmine Amulsar Armeniens Verpflichtungen zum Schutz der biologischen Vielfalt in den Fokus. Wird das Gastgeberland seine Naturschutzversprechen einhalten?
Die Wiedereröffnung der Amulsar-Goldmine wenige Tage vor Beginn der 17. Biodiversitätskonferenz in Jerewan rückte die Empfehlungen der Berner Konvention und Armeniens Engagement zum Schutz der biologischen Vielfalt in den Fokus. Die Forderungen der Berner Konvention - eine neue Umweltverträglichkeitsprüfung, die Einrichtung des Jermuk-Nationalparks und eine Neufestlegung der Grenzen des „Emerald Network“ – sind noch immer nicht erfüllt. Für das Gastgeberland der COP17 stellt sich die Frage, ob Armenien seinen Zusagen im Naturschutz auch Taten folgen lässt.
Amulsar am Vorabend der COP17 wiedereröffnet
Am 10. Oktober 2026, nur wenige Tage vor der 17. Vertragsstaatenkonferenz des Übereinkommens über die biologische Vielfalt (COP17) in Jerewan, gab die armenische Regierung offiziell die Eröffnung der Amulsar-Goldmine bekannt. Premierminister Nikol Paschinjan nahm an der feierlichen Eröffnungszeremonie teil und präsentierte einen Goldbarren als Produkt des vollständigen industriellen Verarbeitungszyklus. Diese Präsentation war ein herber Schlag für den gesamten COP17-Prozess und das Ansehen Armeniens als Gastgeberland der COP17.
Die Beschwerde im Rahmen der Berner Konvention
Im Jahr 2020 ging beim Sekretariat der Berner Konvention die Beschwerde „Das Amulsar-Goldminenprojekt und seine Auswirkungen auf Standorte des Emerald Network“ ein, eingereicht von den Nichtregierungsorganisationen EcoLur, Armenian Forests, Green Armenia und dem CEE Bankwatch Network.
Der Beschwerde zufolge betrifft das Projekt eine Fläche von 1.946 Hektar, drei Standorte des Emerald Network, drei wichtige Vogelschutzgebiete (Important Bird Areas), ein Ramsar-Feuchtgebiet von internationaler Bedeutung sowie 24 Arten, die auf der Roten Liste der IUCN als gefährdet oder potenziell gefährdet aufgeführt sind.
In der Beschwerde werden die Hauptrisiken für die biologische Vielfalt aufgeführt: Zerstörung von Lebensräumen, Staub- und Wasserverschmutzung, das Töten von Tieren und Pflanzen, die Zerschneidung des Wildkorridors im Amulsar-Gebirge sowie Störungen und Wilderei. Zu den gefährdeten Arten zählen der Persische Leopard, der Grauwolf, die Bezoarziege, der Eurasische Otter, der Eurasische Luchs und der Braunbär.
Das Beschwerdeprüfungsverfahren erstreckte sich über sechs Jahre, in denen sowohl die Regierung, vertreten durch das Umweltministerium, als auch die Beschwerdeführer Jahresberichte vorlegten.
Anforderungen der Berner Konvention und die Reaktionen des Ministeriums
Im Jahr 2026 formulierte der Ständige Ausschuss der Berner Konvention konkrete Anforderungen an das Umweltministerium:
- die Durchführung einer neuen Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP) für das Amulsar-Projekt vor Beginn der Förderaktivitäten;
- die Einrichtung des Jermuk-Nationalparks noch vor der COP17 in Jerewan, um ein klares und starkes Engagement für den Schutz der biologischen Vielfalt zu demonstrieren;
- den Konsultationsprozess zum „Emerald Network“ abzuschließen und eine Datenbank mit neuen Grenzen für die „Emerald“-Gebiete vorzulegen, um die Organisation eines biogeografischen Seminars im Rahmen der Berner Konvention zu ermöglichen. Dieser Schritt ist unerlässlich, um eine ordnungsgemäße Bewertung der Auswirkungen des Bergbauprojekts auf das Gebiet des „Emerald Network“ zu gewährleisten.
Bezüglich der neuen Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP) für Amulsar antwortete das Ministerium, dass die aktuelle UVP-Entscheidung und die damit verbundenen nationalen Genehmigungen für Amulsar weiterhin in Kraft bleiben.
Zum „Emerald“-Netzwerk schrieb das Ministerium, dass Armenien die Überprüfung seiner Kandidatenstandorte für das „Emerald“-Netzwerk fortsetzt und die Aufforderung des Präsidiums, die Konsultationen abzuschließen und eine aktualisierte Datenbank einschließlich der überarbeiteten Grenzen vorzulegen, zur Kenntnis nimmt.
In Bezug auf den Jermuk-Nationalpark betonte das Ministerium, dass sich „der Prozess zur Einrichtung des Jermuk-Nationalparks in einer aktiven Phase“ befinde.
Umweltverträglichkeitsprüfung: Unbeantwortete Fragen
Das Amulsar-Projekt verdeutlicht zudem schwerwiegende Risiken, die bereits in früheren Expertengutachten identifiziert wurden. Die unabhängige Überprüfung durch ELARD–TRC aus dem Jahr 2019 stellte die Zuverlässigkeit der Umweltverträglichkeitsprüfung in Frage, insbesondere hinsichtlich der Behandlung von säurehaltigem Gesteinsabfluss, der Grundwasserverhältnisse, der Schadstoffpfade und der potenziellen Auswirkungen auf die Flüsse Arpa, Vorotan und Darb sowie den Kechut-Stausee.
Das Ausmaß des Projekts verleiht diesen ungelösten Fragen besondere Bedeutung. Laut dem Ergebnis des staatlichen Umweltgutachtens umfasst das Projekt die Förderung von etwa 89.376.300 Tonnen Erz, das 73.733 Kilogramm Gold (bei einem angegebenen Gehalt von 0,78 g/t) und 294.367 Kilogramm Silber (bei einem angegebenen Gehalt von 9,29 g/t) enthält. Das Dokument gibt zudem ein Abraumvolumen von 106.490.056 Kubikmetern an. Frühere Quellen deuten jedoch darauf hin, dass die Gesamtmasse des Abraums 250–300 Millionen Tonnen erreichen könnte.
Zyanid-Haufenlaugung, säurehaltiger Bergbauabfluss, Staubemissionen, seismische Gefahren und eine mögliche Kontamination von Oberflächen- und Grundwasser stellen potenzielle langfristige Risiken dar. Das Projekt könnte zudem geschützte Wildtiere und Lebensräume beeinträchtigen, die ökologische Vernetzung stören und die Wirtschaftlichkeit des Kurorts Jermuk untergraben, die von der natürlichen Umgebung und den Wasserressourcen der Region abhängt.
In einem separaten Schreiben von Umweltminister Erik Grigoryan an das Büro des Ministerpräsidenten aus dem Jahr 2019 wurden 13 Punkte hervorgehoben, darunter inkonsistente Modellierungen der Wasserqualität, unzureichende hydrologische Berechnungen, unterschätzte Klimaextreme, Lücken in der seismischen Bewertung sowie Bedenken hinsichtlich der Informationen zu Strahlung. Trotz dieser Feststellungen hat die Regierung vor Beginn der Förderung keine neue Umweltverträglichkeitsprüfung eingefordert (das Schreiben ist Anhang 1 des Berichts des Beschwerdeführers vom September 2026).
Das Vertrauen der Regierung in Kontrollen nach der Genehmigung kann eine präventive Bewertung der Umweltauswirkungen vor Beginn des Abbaus nicht ersetzen. Ohne eine neue Umweltverträglichkeitsprüfung, wissenschaftlich begründete Grenzen des „Emerald Network“ und einen wirksamen Schutz des Gebiets um Jermuk bleiben die vollständigen Folgen des Projekts unzureichend untersucht. Dies gilt insbesondere für die Risiken der Umweltzerstörung, des Verlusts der Artenvielfalt, der Wasser- und Bodenverunreinigung durch Zyanid und giftige Metalle, einer potenziellen Strahlenbelastung sowie der Beeinträchtigung des Kurorts Jermuk und des dortigen Gesundheitstourismus.
Öffentliche Beteiligung und der Weg zur Wiederaufnahme
Amulsar ist auch eine Fallstudie für das Zusammenspiel von Bergbaupolitik, Umweltpolitik und Bürgerbeteiligung in Armenien. Die im Jahr 2022 verabschiedeten Gesetzesänderungen ermöglichten die Verlängerung der Untergrundnutzungsrechte für das Projekt ohne eine neue Umweltverträglichkeitsprüfung, obwohl das Projekt aufgrund öffentlicher Proteste jahrelang ausgesetzt war. Das Projekt stößt auf anhaltenden Widerstand seitens der Einwohner*innen von Jermuk sowie benachbarter Gemeinden und hat bereits zu rechtlichen Schritten gegen Aktivist*innen, Journalist*innen und Anwohner*innen geführt.
2018 organisierten die Einwohner*innen von Jermuk und Gndevaz Proteste gegen das Amulsar-Goldminenprojekt und blockierten alle Zufahrtsstraßen zur Mine und forderten: „Amulsar muss ein Berg bleiben!“.
Der Minenbetreiber Lydian Armenia hat rechtliche Schritte gegen die Aktivist*innen und Verteidiger*innen von Amulsar eingeleitet und fordert sowohl die Rücknahme ihrer Aussagen (die nach Ansicht des Bergbauunternehmens eine Verleumdung darstellen) als auch Schadenersatz zwischen ca. 2.500 und 14.500 EUR – Beträge, die in den meisten Fällen das Einkommen der Beklagten übersteigen.
Im Januar 2024 erhielt die armenische Regierung eine Beteiligung von 12,5 % an Lydian Armenia als Unternehmensspende, wodurch sich ihre Beteiligung an dem Projekt weiter vertiefte. In den Jahren 2025–26 nahm Lydian Armenia seine Aktivitäten in Amulsar wieder auf.
Ausblick: Amulsar und die COP17-Agenda
Der Fall Amulsar hat sich von einem lokalen Umweltkonflikt zu einem der bedeutendsten Fälle ökologischer und sozialer Governance in Armenien entwickelt. Was als Widerstand der Bevölkerung gegen eine geplante Goldmine begann, entwickelte sich zu anhaltendem zivilem Ungehorsam, rechtlichen und administrativen Anfechtungen, internationalen Beschwerden sowie einer genauen Überprüfung durch internationale Finanzinstitutionen und die Berner Konvention.
Die Berner Konvention darf mit ihren Forderungen an die armenische Regierung nicht isoliert bleiben. Internationale Organisationen im Rahmen der COP17 müssen sich auf ein zentrales Thema konzentrieren: den wirklichen Schutz der verbleibenden Naturräume weltweit. Armenien ist ein solcher Ort – eine Region, in der gefährdete Arten Schutz erhalten müssen. Vertragsstaaten, Beobachter*innen und das CBD-Sekretariat sollten das Thema Amulsar während der Konferenz offen gegenüber der Gastgeberregierung ansprechen. Die Empfehlungen des Ständigen Ausschusses der Berner Konvention sollten dabei als Maßstab für die Verpflichtungen Armeniens im Rahmen der COP17 dienen.
Zivilgesellschaft fordert Aussetzung
Am 12. Oktober 2026, zwei Tage nach der Eröffnungszeremonie, veröffentlichten mehr als 60 Vertreter*innen armenischer Nichtregierungsorganisationen und besorgte Bürger*innen, darunter EcoLur, Transparency International, Environmental Law, Green Armenia sowie armenische Waldschutzorganisationen, die Erklärung „Inbetriebnahme der Amulsar-Mine und Untergrabung der internationalen Verpflichtungen Armeniens“. Sie bezeichnen den Zeitpunkt der Eröffnung als „unverschämt und unverantwortlich“ und argumentieren, dass die Maßnahmen im Rahmen der Berner Konvention – darunter eine neue Umweltverträglichkeitsprüfung, die Überprüfung der Standorte des Emerald Network und die Einrichtung des Jermuk-Nationalparks – vorangetrieben werden können, solange die Mine noch nicht in Betrieb ist. Außerdem warnen sie vor den Risiken, die von der zyanidbasierten Gewinnung und dem langfristigen säurehaltigen Bergbauabfluss für die Flüsse Arpa und Vorotan, das Mineralwasser von Jermuk und das regionale Grundwasser ausgehen.
Die Unterzeichnenden fordern von der Regierung:
- den Bergbaubetrieb und die Erschließungsarbeiten unverzüglich auszusetzen, wobei lediglich Sicherheits- und Umweltschutzmaßnahmen aufrechterhalten werden, und die Genehmigungsentscheidungen zu überprüfen;
- die Empfehlungen der Berner Konvention umzusetzen, einschließlich einer neuen Umweltverträglichkeitsprüfung und der Aussetzung der Genehmigungen zur Bodennutzung bis zu deren Abschluss;
- die Liste der Kandidatenstandorte für das „Emerald Network“ zu begründen und über die Fortschritte bei der Einrichtung des Jermuk-Nationalparks innerhalb seiner ursprünglichen Grenzen zu berichten, wobei etwaige Grenzänderungen auf wissenschaftlichen Grundlagen beruhen müssen;
- die Maßnahmen zu veröffentlichen, die zu jedem wesentlichen Punkt ergriffen wurden, der von ELARD, TRC und den staatlichen Behörden angesprochen wurde;
- die staatliche Bürgschaft in Höhe von 150 Millionen AMD zugunsten der Ameriabank für das Bergwerk zu überprüfen und die staatliche Beteiligung an dem Projekt zu beenden;
- die Bergbaupolitik zu überdenken, um eine sinnvolle Beteiligung der Öffentlichkeit, fundierte Umweltverträglichkeitsprüfungen, Wassersicherheit, den Schutz der biologischen Vielfalt und das Wohlergehen der Bevölkerung zu gewährleisten.
Die Unterzeichnenden planen, ihre Erklärung und die Begleitdokumente während der COP17 und anderer Foren internationalen Organisationen und Partner*innen vorzulegen.
Mit Beginn der COP17 in Jerewan wird die Reaktion der Gastgeberregierung auf die drei Forderungen der Berner Konvention zeigen, ob Armeniens Engagement für die Natur über den Konferenzsaal hinausreicht.
Der Kampf um Amulsar geht weiter.
Der Inhalt dieser Veröffentlichung liegt in der alleinigen Verantwortung der Autorinnen und spiegelt in keiner Weise die Ansichten des Armenien-Büros der Heinrich-Böll-Stiftung – Region Südkaukasus – wider.