Tödliche Fracht

Keine Bomben in Syrien
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Demonstration gegen US-amerikanischen Einsatz in Syrien, aufgenommen im September 2013

Improvisiert, wahllos, tödlich: Die meisten Zivilisten sterben in Syrien durch Fassbomben. Bereits vor einem Jahr haben die Vereinten Nationen Fassbomben verboten. Nun fordern Aktivisten eine Umsetzung der Resolution. Ein Plädoyer.

"Soll sich meine Familie im ganzen Haus verteilen, damit wir bei einem Fassbombenabwurf nicht alle umkommen, oder bleiben wir besser im gleichen Raum, damit wir alle miteinander sterben? Sollte ich im Keller schlafen, falls unser Haus von einer Fassbombe getroffen wird, oder lieber im obersten Stockwerk, damit ich nicht ersticke, falls es sich um einen Giftgasangriff handelt?" Einer der Organisatoren der Kampagne "Planet Syrien"  veröffentlichte diese Zeilen vor ein paar Tagen auf seiner Facebook-Seite nach einem Giftgas-Angriff des Regimes in Sermin bei Idlib.

Solche Fragen sind nicht nur rhetorischer Natur oder Übertreibungen, um zu betonen, wie schwierig das Leben für Syrer/innen geworden ist, seit sie nahezu täglich Luftangriffen ausgesetzt sind. Ganz ähnliche Fragen gingen auch mir bei meinem jüngsten Besuch in meiner Heimatstadt Atarib im Umland von Aleppo durch den Kopf. Dort hatte gerade ein paar Tage zuvor ein Kampfflugzeug des Regimes das Stadtzentrum bombardiert und dabei mehr als 30 Menschen getötet – ausnahmslos Zivilisten. Ich fühlte mich dem Tode bedrohlich nah, insbesondere als meine Mutter mir erzählte, was sich im Einzelnen abgespielt hatte, denn sie lebt nur eine Straße weiter. Nicht zuletzt deswegen beschäftigte ich mich geradezu obsessiv damit, wo ich bei nächtlichen Luftangriffen am besten Zuflucht suchen sollte, und wie wahrscheinlich es an den jeweiligen Orten wäre, getötet zu werden.

Das Regime ist sich darüber im Klaren, welche Wirkung die Angst vor willkürlichen Bombardements auf das tägliche Leben der Syrer/innen in Gebieten außerhalb seiner Kontrolle hat. Jeder ist so damit beschäftigt, sich über das schlichte Überleben Gedanken zu machen, dass niemand dazu kommt, wirklich über die Zukunft nachzudenken. Es gibt Orte, an denen man das Dröhnen der Kampfjets mehrmals an einem einzigen Tag hört, auch wenn sie hier vielleicht gar keine Ziele angreifen.  Sie wollen nur Angst verbreiten und verhindern, dass sichere Gegenden entstehen, in denen alternative Verwaltungsstrukturen erwachsen könnten, die die Losung des Regimes, "Assad oder Syrien geht in Flammen auf", über den Haufen werfen würden.

Unterschiedsloses Töten

Das hat auch eine Umfrage bestätigt, die die Planet-Syrien-Kampagne durchgeführt hat. 277 friedliche Aktivist/innen wurden befragt, was in der jetzigen Situation am dringlichsten angegangen werden müsste. Sie alle stimmten darin überein, dass der Einsatz von Fassbomben und jeglichen anderen Waffen des unterschiedslosen Tötens ein Ende haben müsse, und dass es endlich ernstzunehmende Friedensverhandlungen geben müsse, damit das tägliche Morden durch eine politische Übereinkunft beendet werden könne.

Es ist interessant zu beobachten, wie Entscheidungsträger und andere, die sich professionell mit Syrien befassen, auf die Forderung reagieren, dass es notwendig sei, weitere Fassbombenabwürfe zu verhindern. Vor über einem Jahr verabschiedete der UN-Sicherheitsrat eine Resolution gegen den Einsatz von Fassbomben mit Zustimmung aller Mitglieder – einschließlich der Verbündeten des Regimes, Russland und China. Und obwohl Bashar al-Assad in einem BBC-Interview behauptete, es gäbe in Syrien keine Fassbomben, weicht die Mehrheit der Entscheidungsträger diesem Thema aus. Selbst wenn sie wissen, wie wichtig es ist, erwähnen sie die Resolution nicht. Und das obwohl Fassbomben die Waffe sind, durch die der größte Teil der syrischen Zivilisten stirbt – ganz zu schweigen von der Zerstörung von Häusern und Infrastruktur und der Vertreibung und dem Exil, in das sie viele Syrer/innen zwingen.

Wahrscheinlich begründet sich das mangelnde Interesse an diesem wichtigen Thema in der Annahme westlicher Entscheidungsträger, dies könne nur durch eine militärische Intervention erreicht werden, mittels derer eine Flugverbotszone umgesetzt würde – etwas, das die internationale Gemeinschaft vermeiden will.

Aber diese Entscheidungsträger lassen dabei folgendes außer Acht:

  1. Solange die internationale Gemeinschaft keinen Druck – und sei es auch nur moralisch – ausübt, um das Regime am Einsatz von Fassbomben zu hindern, bestärkt sie es darin, diese weiterhin zu benutzen.
  2. Wenn man sich nicht bemüht, die beschlossene UN-Resolution umzusetzen, werden dadurch auch alle anderen Resolutionen zahnlos und verbleiben bloße Tinte auf Papier. Das kann man unter anderem daran erkennen, dass das Regime Chlorgas einsetzte, weniger als zwei Wochen nach der Verabschiedung der UN-Resolution 2009, die den Einsatz von Chemiewaffen inklusive Chlorgas verboten hat.
  3. Solange die Fassbomben nicht unterbunden werden, schlachtet der „Islamische Staat“ dies für seine Propaganda aus, weil er sich selbst als einzigen Akteur darstellt, der den Verbrechen des Assad-Regimes tatsächlich etwas entgegensetzt und dabei gleichzeitig den Islam verteidigt.
  4. Fassbombenabwürfe zu verhindern erfordert nicht unbedingt militärische Gewalt. Es hat sich mehrfach gezeigt, dass das syrische Regime seinen Kurs ändert, wenn es ernsthaftem Druck ausgesetzt ist. 1998 hat Hafez al-Assad den Anführer der kurdischen PKK, Abdullah Öcalan, des Landes verwiesen, weil die Türkei eine glaubwürdige militärische Drohung gegen Syrien ausgesprochen hatte. Bashar al-Assad zog 2005 die syrischen Truppen aus dem Libanon ab, als der Druck auf Syrien wegen der Ermordung des ehemaligen libanesischen Premierministers Rafik al-Hariris wuchs – und nicht zuletzt hat Bashar al-Assad 2013 im Lichte der amerikanischen Militärdrohungen die syrischen Chemiewaffenbestände aufgab.
  5. Den Fassbomben ein Ende zu setzen wird die zivilen, gewaltfreien Aktivist/innen stärken. Weniger Menschen werden ihre Heimat verlassen, dem Extremismus wird der Nährboden entzogen und eine politische Lösung kann schneller herbeigeführt werden.

Die Kampagne heißt “Planet Syrien”, weil sich viele Syrer/innen alleingelassen fühlen. Auch wenn viele Menschen weltweit mit ihnen sympathisieren, ist diese stille Sympathie alleine nicht genug. Ob in Syrien oder außerhalb, wir haben alle eine moralische und ethische Verantwortung, alle involvierten Parteien dazu zu bringen, keine Fassbomben und andere Waffen mehr einzusetzen, mit denen wahllos getötet wird. Wir müsse dafür sorgen, dass  eine gerechte politische Lösung gefunden wird und diejenigen, die auf dem Planeten Syrien leben, spüren, dass wir ihren Hilferuf erhören und zu ihnen stehen.