Jürgen Fuchs: Über die Wirkung von Erfahrungen

Jürgen Fuchs: Über die Wirkung von Erfahrungen

Jürgen Fuchs ein Tag nach Haftentlassung in West-Berlin, 27. August 1977Fotografie von Jürgen Fuchs ein Tag nach Haftentlassung in West-Berlin, 27. August 1977. Ausgestellt in der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen – Urheber/in: Denis Apel. Creative Commons License LogoDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

Ein Blick auf die DDR der siebziger Jahre, das vorletzte Jahrzehnt ih­rer Existenz, zeigt eine Nischengesellschaft, in der sich die übergro­ße Mehrheit bequem einzurichten suchte. Man gab sich zufrieden mit der bescheidenen Automarke Trabant, mit Urlaubsreisen in die be­freundeten Volksrepubliken, mit der Datscha für das Wochenendver­gnügen. Man schloss einen konsumgestützten Scheinfrieden mit dem System. Einer Minderheit privilegierter Nutznießer stand ein kleines Häuflein Aufbegehrender gegenüber. Diese protestierten als aufrechte Christen, aus individueller Zivilcourage oder, geheilt von einer Phase kommunistischer Gläubigkeit, nunmehr gegen politisches Unrecht, verweigerte Freiheiten, die zunehmende Militarisierung der Gesell­schaft und wachsende Umweltzerstörung. Behandelt wurden sie alle gleich, wobei sich der besondere Hass der Staats- und Sicherheitsor­gane gegen ehemalige Anhänger, gegen "Verräter" richtete.

Was hatten die einzelnen, denen Konfrontationen mit zivilen Staats­organen, denen Zuführungen und Verhaftung drohten oder die sie schon hinter sich hatten, an Informationen und Erfahrungen zur Ver­fügung? Sie konnten sich darüber individuell oder in Gruppen aus­tauschen, hatten es mit einer Flut kursierender Gerüchte zu tun – Geschichten über die "Firma", die Situation auf den Revieren der Volkspolizei oder in den Abteilungen für Inneres der Stadtbezirks­räte. Ins Land geschmuggelte und in einigen Gruppen kursierende Bücher von Karl Wilhelm Fricke über Geschichte und Aufbau des Ministeriums für Staatssicherheit konnten beim rationalen Verständnis des Repressionsapparates helfen. Hafterinnerungen und Gefäng­nisschicksale aus zurückliegenden Zeiten gaben eine Vorahnung auf möglicherweise Kommendes.

Die "Vernehmungsprotokolle" und die "Gedächtnisprotokolle" von Jürgen Fuchs waren plötzlich etwas Besonderes, hatten ein noch mal anderes Gewicht. Fuchs war die Gegenwart, war einer von uns, war Literatur, die mitriss. Hier machte sich jemand zum professionellen Beobachter eines Geschehens, in dem er selbst die Hauptrolle spielte.

Jürgen Fuchs Ausbildung als Psychologe und sein phänomenales photographisches Gedächtnis halfen ihm bei der Analyse und Rekon­struktion der Versuche, ihn während seiner Haft in Hohenschönhau­sen zu provozieren, zu demütigen, zum Aufgeben und zum Verrat zu zwingen. Verhörspezialisten des MfS, als Psychologen geschult und ausgestattet mit modernster Technik, ließen nichts unversucht, um den Freund Robert Havemanns und Wolf Biermanns zu brechen und ihn als Hauptbelastungszeugen im Prozess gegen Havemann einzu­setzen. Nach neun Monaten intensiver "Bearbeitung" mussten sie ih­ren Plan aufgeben und einen anderen Ausweg wählen, den sie noch bitter bereuen sollten. Jürgen Fuchs wurde zur Ausreise gezwungen und im August 1977 mit Gerulf Pannach und Christian Kunert über die Grenze gebracht. Rechtsanwalt Vogel, die "Mutter Theresa der Menschenhändler", wie Wolf Biermann ihn nannte, begleitete Trans­port und Überstellung. Fuchs konstatierte: "Ihr habt mich nicht für umsonst eingesperrt. Jetzt zahlen wir in unserer Währung zurück". Seine Währung war die eines politischen Kämpfers, eines Intellektu­ellen, eines Schriftstellers.

Die "Vernehmungsprotokolle" waren eine aufwühlende Lektüre. Scho­nungslos gegenüber sich selbst schildert der Autor Momente der Schwäche und Verzweiflung, Ausweglosigkeit vor Augen. Lange Selbstgespräche, Zwang zur Besinnung, Erfinden von Gegenstrategien. Es ist eine atemlose Prosa, deren Sog einen in die Gefängnisat­mosphäre und die Verhöre hineinzieht, den Kampf zwischen Verneh­mer und Häftling miterleben lässt. Die Texte werden zum Lehrstück für den Umgang mit der extremen Bedrohung, für die Möglichkeit zu widerstehen und für die Gefahr zu scheitern. Für uns als Leser, die wir keine Psychologen und Autoren waren, entstand eine Brücke existen­tieller Gemeinsamkeit. Vielen von uns konnte Ähnliches widerfah­ren, vieles traf auch genau so ein – und wir waren vorbereitet.

Anders war es mit den "Gedächtnisprotokollen" und dem besonderen Gewicht, das sie für viele hatten. In den "Vernehmungsprotokollen" hat­te Jürgen Fuchs einschneidende Entscheidungen bereits hinter sich, war als Feind identifiziert. Die "Gedächtnisprotokolle" rekonstruieren den Weg dorthin, Schritte einer Loslösung von Hoffnungen und Illu­sionen. Wie für zahlreiche andere war auch für Fuchs mit dem Schei­tern des Prager Frühlings der Glaube an die Möglichkeit eines Sozia­lismus mit menschlichem Antlitz noch nicht erloschen. Zugleich war klar, dass das Machtgefüge der real existierenden DDR einen solchen Sozialismus nicht zuließ. Was tun angesichts dessen – auf den nächs­ten Reformschub warten, sich auf den langen Weg durch die Instituti­onen einstellen, alles privat aussitzen oder den Widerstand auf ande­re, neue Weise wagen?

Szenen der "Gedächtnisprotokolle" zeigen, wie um Jürgen Fuchs ge­worben wurde, wie ihm "Realisten" raten, Vernunft anzunehmen und nicht ins offene Messer zu rennen. Im vielgestaltigen Umgang mit Kritikern und Zweiflern war die Honecker-DDR erfahren. Wenn es sich anbot, konnte man die Leine durchaus etwas lockerer lassen. Reuige Sünder wurden später umso fügsamer und konnten als posi­tives Beispiel für gelingende Reintegration bei Wohlverhalten dienen.

Gerhard Wolf, der Mann von Christa Wolf, lobte Jürgens Prosa, die so gut sei, dass sie ihn direkt ins Gefängnis führen würde. Dann lie­ber doch erst noch ein Poesiebändchen… Das Fatale war nur, dass auch die Poesie von Jürgen Fuchs so gut war, dass sie ihn direkt ins Gefängnis führte. Er bewunderte den stillen, sanftmütigen, unbeirr­baren Reiner Kunze und hielt nichts vom "Metapherngeraune" ande­rer Schriftstellerkollegen, mit denen diese ihre Fügsamkeit und ihren Opportunismus kaschierten.

Es war seine Bekanntschaft mit Wolf Biermann und Robert Ha­vemann, die für Jürgen Fuchs als Katalysator wirkte, eine Bekannt­schaft, die schon bald zur Freundschaft wurde. Biermann, der in den fünfziger Jahren in die DDR übergesiedelte Hamburger Jungkommu­nist, Philosophiestudent, Hätschelkind und Hofnarr der DDR-No­menklatura, verabschiedete sich bald aus dieser Rolle, besang die DDR und ihre führenden Genossen als das, was sie waren und wurde nur durch seinen Namen und seine Beziehungen vor der Verhaftung geschützt. Robert Havemann, der von den Nazis verfolgte Kommu­nist und Naturwissenschaftler, der Erich Honecker aus der gemeinsa­men Zuchthauszeit in Brandenburg kannte, war nach dem Krieg ein harter Stalinist und Wissenschaftsfunktionär, aber die Tauwetterjahre ab 1959 boten ihm die Chance zur persönlichen Läuterung. Die Ab­rechnung mit sich selbst und seiner Schuld, die er in den Jahren des Stalinismus auf sich geladen hatte, sein Beharren auf der Möglichkeit eines humanen Sozialismus und sein unbeirrbares Ausharren in der DDR, die ihn bald zum Staatsfeind Nummer Eins erklärte, machten ihn zur Legende.

Robert Havemann, der den Herrschaftsapparat der DDR, dessen Personen und Mentalität kannte wie kein zweiter, wurde zur ent­scheidenden Bezugsperson für Jürgen Fuchs. "Sich nicht bluffen las­sen, nicht blauäugig sein und mit dem Schlimmsten rechnen", solche Maximen zählten.

Beide, Biermann wie Havemann, sahen in der bereits halbwegs de­mokratischen Bundesrepublik keine positive Alternative. Biermann brachte es noch nach seiner Ausbürgerung fertig, in einem Interview arrogant zu tönen, er sei vom "Regen in die Jauche" gefallen. Zehn Jahre später wusste er es besser, ohne die Bundesrepublik zu ideali­sieren.

Robert Havemann war noch auf seinem Totenbett ein erklärter Kommunist und war doch dem parteikommunistischen Gehäuse längst entkommen. Der ethische Kommunismus, den er vertrat, ge­hörte einer ganz anderen Tradition an als die Linie, die sich von Marx zu Lenin und später zu Stalin zog.

Deutsch-Deutsches Exil

Exilforscher und mit dem Phänomen der Emigration befasste Publi­zisten tun sich mit der Einordnung der deutsch-deutschen Teilungs­situation schwer. Wer hier gewollt oder ungewollt die Grenze über­schritt, blieb ja eigentlich im gleichen Land, verbunden durch Sprache und Kultur. Dennoch gab es Menschen, die sich als politische Exilan­ten sahen und die durchlebten Konflikte und in der DDR existieren­den Bindungen nicht nur auf private Weise mitnahmen.

Von den über vier Millionen Deutschen, die nach 1949 die DDR als Flüchtlinge verließen, hatten die allermeisten nur einen Wunsch: Sie wollten individuell oder mit ihrer Familie in den neuen, besseren Ver­hältnissen der immer wohlhabenderen und offeneren Bundesrepublik ankommen. Private Kontakte und Bindungen in die alte Heimat blieben bestehen. Ob und wie sie realisiert werden konnten, hing von der über die Jahrzehnte sich verändernden Grenzsituation ab. Ener­gie und Konzentration der Ankömmlinge waren auf die Neubegrün­dung der eigenen Existenz im anderen Staat gerichtet, oft von dem Bestreben geleitet, "bessere" Bundesbürger zu werden. Anders sah es für die Minderheit der Ankömmlinge aus, die sich durch Flucht ei­ner drohenden Verhaftung oder permanenten Repressionen entzogen hatten, im Extremfall zur Ausreise gezwungen worden waren. Zu ih­nen gehörte Jürgen Fuchs und seine Familie. Für ihn setzte sich be­reits in der Haft das "Schutzkomitee Freiheit und Sozialismus" ein, zu dem bekannte, zumeist linksgerichtete Intellektuelle der Bundes­republik zählten. Der Name des Komitees stellte sich der christdemo­kratischen Wahlkampflosung "Freiheit statt Sozialismus" entgegen. Die Mitglieder des Komitees unterstützten Jürgen Fuchs und ande­re auch nach ihrer Ankunft in der Bundesrepublik, denn sie wussten, wieviel Unverständnis und Abwehr ihnen entgegenschlagen würde. Konservativen Kreisen und ehemaligen Linken, die sich neuen bür­gerlichen Gewissheiten verschrieben hatten, war der erklärte Sozialist Fuchs suspekt, noch mehr aber einem Teil der politischen Linkskräf­te, von der DKP bis in weite Teile der erstarkenden Friedensbewe­gung hinein. Sie sahen in der DDR immer noch den besseren Teil Deutschlands, die gesellschaftliche Alternative, und für sie waren Jür­gen Fuchs und auch Wolf Biermann von der guten Sache Abgefallene, schlichtweg Renegaten.

Für die offizielle DDR und das MfS war der Schriftsteller und poli­tische Aktivist Jürgen Fuchs ein Feind schlimmster Art, der auch in der Bundesrepublik ausgespäht wurde und Repressionen und direk­tem Terror ausgesetzt war. Die Palette war breit: Telefonüberwachung der Westberliner Wohnung, in der Bundesrepublik auf ihn angesetz­te Inoffizielle Mitarbeiter des MfS, Desinformationskampagnen, die den Ruf von Fuchs ruinieren und die Familie destabilisieren sollten, Manipulationen am Auto mit lebensgefährlichen Folgen. Die Verfol­gungsmaßnahmen hielten bis 1989 an. Jürgen Fuchs ließ sich nicht beirren. Er wurde zu einem der entscheidenden Knotenpunkte eines Netzwerks, das ab Ende der siebziger Jahre entstand, seinen Mittel­punkt in Westberlin hatte, von politischen Emigranten aus verschie­denen Ländern des Ostblocks, Westberliner und bundesdeutschen Unterstützern getragen wurde, seine Ausläufer in Westeuropa hatte und bis in die USA und Kanada reichte. Verbreitung von Informa­tionen über die kontrollierten und geschlossenen Grenzen der Ost­blockländer hinweg, Unterstützung der immer stärker vernehmba­ren demokratischen Opposition in diesen Ländern, Versorgung von Gruppen und Personen mit Literatur, Logistik und Geld, Organisati­on von Solidaritätskampagnen bei Repressionen und Verhaftungen zählten zu den wichtigsten Aufgaben der Mitglieder und Unterstüt­zer des Netzes.

Jürgen Fuchs zehrte von den Erfahrungen, die er bei Robert Ha­vemann sammeln konnte, von dessen offensivem Umgang mit Medi­en, von der Einsicht, dass Öffentlichkeit schützt und nicht gefährdet. Als ihn im April 1982 die Nachricht vom Tod Havemanns erreichte, erklärte er, dass es nicht darum ginge, einen Nachruf zu schreiben, sondern die Diskussion mit Robert fortzusetzen.

Während sich in der DDR die unabhängige Friedensbewegung for­mierte und mit "Schwertern zu Pflugscharen" auf sich aufmerksam machte, kam es in Polen zur Gründung erster unabhängiger Gewerk­schaften, einer immer stärkeren Verbindung von Intellektuellen und Arbeitern, weiteren Streikwellen und schließlich im August 1980 zur Gründung der Gewerkschaft "Solidarność", die binnen weniger Wo­chen zur politischen Massenbewegung wurde – einer friedlichen Massenbewegung, die den Anfang vom Ende des kommunistischen Ostblocks ankündigte. Das im Dezember 1981 verhängte Kriegsrecht konnte die Solidarność in den Untergrund treiben, die Dynamik des Zerfalls bremsen, aber nicht aufhalten.

Jürgen Fuchs und seine Freunde verfolgten diese Entwicklung mit höchster Spannung und griffen auch hier aktiv ein. Als nach der Ver­hängung des Kriegsrechts Polen von einer Emigrationswelle ergriffen wurde, kamen viele Solidarność-Aktivisten in Westberlin an. In Schö­neberg entstand ein eigenes Solidarność-Büro. Der polnische Schrift­steller Adam Zagajewski, der zu einem mehrmonatigen Stipendien­aufenthalt in Berlin weilte, verbrachte mehr Zeit bei Jürgen Fuchs als in seinem Zimmer.

Roland Jahn, der 1983 aus der DDR gezwungen wurde und sich in Westberlin niederließ, verstärkte die Energie des Netzwerkes. Fuchs und Jahn arbeiteten eng zusammen, wurden oft in einem Atemzug ge­nannt und organisierten Kontakte, Hilfe und Unterstützung nicht nur für die DDR-Opposition, die sich über die Friedensbewegung hinaus entwickelte. Ihre Verbindungen zu Medienvertretern, einzelnen Poli­tikern und Diplomaten halfen dabei, Transportkanäle über die scharf kontrollierten Grenzen hinweg zu eröffnen. All dies registrierte das MfS mit erbittertem Hass, machte aus Roland Jahn und Jürgen Fuchs eine eigene "Agentengruppe". Nicht vorhandene Geheimdienstkon­takte wurden konstruiert, und Verhaftete in der DDR, die mit Fuchs und Jahn in Beziehung standen, wurden mit dem Strafvorwurf der "Landesverräterischen Agententätigkeit" überzogen. In einem irrte das MfS sich nicht – Fuchs, Jahn und die anderen Unterstützer des Netzwerks hatten entscheidenden Anteil daran, dass Ostberliner Op­positionsgruppen wie die "Initiative Frieden und Menschenrechte" (IFM) entstanden, selbstbewusst agierten und von sich aus die Öf­fentlichkeit suchen. Ihre Mitglieder schrieben unter eigenem Namen in westlichen Medien, trafen sich mit Journalisten und Politikern.

Wenige Jahre vor dem Ende des Ostblocks, vor den Ereignissen der friedlichen Herbstrevolution von 1989, war es aber in der DDR nach wie vor nur eine winzige Minderheit, die diesen Mut aufbrachte und sich selbstbewusst als politische Opposition verstand. Die übergro­ße Mehrheit der DDR-Bürger passte sich weiterhin an, suchte ihren Platz in einer der möglichen Nischen oder vermehrte das Heer derer, die einfach nur das Land verlassen wollten. Für sie alle setzte Gorbat­schow, setzten Glasnost und Perestroika ein Hoffnungszeichen.

Andere Teile der immer stärker wachsenden alternativen Bewegung in der DDR versuchten sich auf ihre Weise einzurichten, suchten den Dialog mit einem staatlichen Gegner, der sie als "Feinde" abqualifi­zierte und verweigerten sich der Erkenntnis, dass sie längst Teil der Opposition geworden waren. In diesen Kreisen wurden Westkontakte abgelehnt, wurde die Zusammenarbeit mit Jürgen Fuchs und Roland Jahn als Gefährdung und Bedrohung gesehen. Es war ein Sich-selbst- Einigeln, eine friedensbewegte Selbstbeschränkung, die sich den "ak­tionistischen" Emigranten verweigerte, sie als fremd ansah. Das war eine Haltung und Distanz, die Jürgen Fuchs noch nach dem Mauer­fall und in den neunziger Jahren entgegentrat, ein Riss, der auch spä­ter nicht mehr zu kitten war.

In all diesem gehetzten, atemlosen politischen Leben wurde Jür­gen Fuchs nicht zum Berufsrevolutionär, sondern sah sich weiter als Schriftsteller und praktizierender Psychologe. In Prosa- und Poesie­bänden beschrieb er "das Ende einer Feigheit", seine Armee-Erleb­nisse in der DDR und andere Phasen des inneren und äußeren Über­gangs. In einer Beratungsstelle in Moabit kümmerten er und seine Frau sich um benachteiligte Jugendliche aus Problemfamilien. In seinem Gerechtigkeitsanspruch war Jürgen Fuchs ebenso unbeirrbar wie beim späteren Umgang mit dem Erbe der kommunistischen Herr­schaft in der DDR, den Aktenbergen der Staatssicherheit, den Opfern und Tätern dieses Systems. Er verlangte sich und anderen Differen­zierung und Genauigkeit ab, mutete ihnen unbequeme Wahrheiten zu. Damit blieb er seinen Anfängen treu. In einem Nachruf anlässlich seines viel zu frühen Todes wurde er voller Unverständnis als "unver­söhnter Außenseiter" beschrieben. Nichts war falscher als das. Er war im produktiven Sinne unbequem.


Dieser Artikel ist ein Beitrag von Wolfgang Templin aus dem Buch "Im Dialog mit der Wirklichkeit: Annäherungen an Leben und Werk von Jürgen Fuchs". Das Werk ist am 26. Mai 2014 im Mitteldeutschen Verlag Halle erschienen und wird herausgegeben von Ernest Kuczinsky.

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