„Wenn man helfen kann, dann soll man das auch tun“

„Wenn man helfen kann, dann soll man das auch tun“

Frierende Menschen vor dem Lageso in BerlinFrierende Menschen vor dem Lageso in Berlin. Urheber/in: Moabit hilft. Creative Commons License LogoDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

Die Bürgerinitiative „Moabit hilft“ hat die Berliner/innen wachgerüttelt. Mittlerweile helfen Tausende bei der Flüchtlingsaufnahme – und setzen Behörden und Landesregierung unter Druck. Erste Forschungsergebnisse sehen kein Abebben der Bewegung.

Längst haben sich um „Moabit hilft“ herum weitere Initiativen gegründet. Sie heißen „Kreuzberg hilft“ oder „Hellersdorf hilft“, sammeln Spenden und helfen in den Flüchtlingsunterkünften in ihrem Bezirk. Im Netzwerk „Berlin hilft“ haben sie sich zusammengeschlossen. Auch Migrantenorganisationen sind dabei, etwa die „Freunde der Jugend und Familie“. In dem Verein haben sich laut Sprecherin Samah Salim vor allem Menschen aus Einwandererfamilien zusammengefunden, um Jugendlichen „sinnvolle Freizeitbeschäftigung“ anzubieten.

Sie kochen täglich warmes Essen für die Flüchtlinge, die vor dem Lageso warten. „Manchmal gehen wir auch abends hin, einfach, um den Leuten dort Mut zu machen und Anteil an ihrem Schicksal zu nehmen“, erklärt die junge Deutsche palästinensischer Herkunft. „Viele von uns können Arabisch. Das gibt eine gewisse Nähe.“ Sie persönlich tue das aus humanitären Gründen: „Ich würde nicht sagen, dass ich mich für Flüchtlinge engagiere, weil meine Familie selbst diese Erfahrung gemacht hat. Das waren meine Eltern. Ich lebe schon immer in Deutschland.“ Die „Freunde der Jugend und Familie“ sähen sich als Teil der Mehrheitsgesellschaft – und als solche verpflichtet, Menschen in Not zu helfen. „Wenn man helfen kann, soll man das auch tun“, sagt Salim, „egal, ob für Geflüchtete, Wohnungslose oder Menschen mit Behinderungen.“

Serhat Karakayali vom Berliner Institut für Migrationsforschung (BIM) der Humboldt-Uni untersucht Strukturen und Motivation ehrenamtlicher Flüchtlingshilfe in Deutschland. Er geht von einer stark wachsenden Zahl von Menschen aus, die sich für Geflüchtete einsetzen. „Damit hat sich wahrscheinlich auch das Profil der Helfer verschoben“, sagt der Soziologe. Während im vergangenen Jahr viele aus dem Umfeld der klassischen, politisch motivierten Unterstützerkreise der Flüchtlingsarbeit gestammt hätten, wie eine Studie des BIM ergab, seien inzwischen vermutlich viele dazugekommen, die aus rein humanitären Gründen Hilfe leisteten. 

Wohl auch wegen dieser Struktur bleibt die bunte Initiative in ihrer politischen Positionierung vage. Mitte Oktober rief „Moabit hilft“ erstmals zu einer Kundgebung auf. Und im November organisierte eine Gruppe Geflüchteter aus Afghanistan eine Demonstration vor dem Lageso. Doch die Forderungen der Sprecher/innen beider Veranstaltungen bezogen sich hauptsächlich auf die Situation in Berlin. Gegen die Verschärfung der Asylgesetze im Oktober formierte sich nur vereinzelt Widerstand - was wohl weniger an politischem Desinteresse liegt, sondern daran, dass die Ehrenamtler/innen neben der anstrengenden Freiwilligenarbeit kaum noch Zeit haben, politisch aktiv werden zu können.

Doch von einem Abebben der Hilfsbereitschaftswelle kann noch lange nicht die Rede sein. „Was ich schon jetzt sagen kann, ist, dass die Befragten mit großer Mehrheit angeben, dass sie von der ehrenamtlichen Tätigkeit nicht erschöpft seien“, sagt Karakayali, der gerade eine zweite Untersuchung auswertet. „Als wir im August dazu aufgerufen haben, den Menschen vor dem Lageso zu helfen, hätten wir nie gedacht, dass sich so viele finden, die uns dabei und auch bei unseren Forderungen unterstützen“, sagt Christiane Beckmann von „Moabit hilft“ heute. „Diese Unterstützung und die geflüchteten Menschen sind unser Motor, immer weiter zu machen.“


Weitere Informationen:
Die Initiative: moabit-hilft.com/
Das Netzwerk: https://netzwerkfluechtlingeberlin.wordpress.com/
Die Studie: „Strukturen und Motive der ehrenamtlichen Flüchtlingsarbeit in Deutschland“, Dr. Serhat Karakayali (BIM), Dr. Olaf Kleist (Refugee Studies Centre, University of Oxford).

Weitere Beiträge zur Flüchtlingspolitik in Berlin finden Sie auf der Länderseite unseres Dossiers "Wie schaffen die das? Die Flüchtlingspolitik der Länder" (zur Startseite).

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